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Mr Kws der staaisfreirn Kirche.
Von einem protestantischen Mrchenpolitiker erhalten wir die nachstehenden, an die Debatten der Generalsynode anknüpfenden Ausführungen:
Es ist kein Zufall, daß die Generaldebatte mit der die preußische Generalsynode ihre Verhandlungsarbcit 'begann, sich um die zentrale Frage nach dem Verhältnis der Kirche zum Staat bewegte. Hier liegt in der Tat der Angelpunkt, um den sich der neue Kurs der staatsfreien Kirche dreht, hier fällt die Entscheidung darüber, ob der Kurs mit oder gegen den Staat oder neben ihm her gehalten werden soll, hier gilt es ein Bekenntnis abzulegen zu den Grundsätzen, nach denen man das Verhältnis der Kirche zum Staate gestalten will. Es ist erfreulich, daß die programmatische Aussprache, die sich an den Tätigkeitsbericht des Kirchcnsenats on- schloß, an dieser Frage nicht vorüber gegangen ist, sondern daß die Redner der einzelnen Gruppen Farbe bekannt haben. Im wesentlichen handelt es sich hier um zwei verschiedene Standpunkte, die innerhalb des Kirchenparlaments von der „positiven" und von der „liberalen" Gruppe vertreten werden. Für die Positiven hat der in letzter Zeit vielgenannte General- superintendent Dibelius gesprochen, seine Grundsätze werden sich etwa mit dec Zweidrittelmehrheit der Synode decken. Die Liberalen, für die Dr. Alfred Fischer sprach, sind in der. Minderheit, aber ein heilsames Gegengewicht gegen den allzu schweren Ballast, den man auf der andern Seite an veralteten Traditionen und Gefühlen mitfchleppt.
Dibelius hat es sich mit seiner Kritik am heutigen Staat sehr leicht. gemacht. Aus der scheinbar sicheren Stellung der staatsfreien und selbständig gewordenen Kirche ging er gegen den Staat zum Angriff über und hielt ihm ein langes Sündenregister vor, verfiel aber dabei in den Fehler, sich als Kirchenmann allzusehr von dem Staatsbürger zu isolieren und sich in eine staatsfremde Sphäre hineinzuretten, die zwar sehr kirchlich, um nicht zu sagen „bischöflich" sein mag, die aber mit dem wirklichen Staatsleben nicht viel zu tun hat. Was Dibelius dem heutigen Staat an Versäumnissen gegenüber der Kirche und der christlichen Kultur vorwarf, mag zum Teil berechtigte Kritik und verständliche Sorge sein, aber es klang aus allem doch zu sehr die Klage über das, was die Kirche früher war und was sie jetzt ist. Dibelius war einsichtig genug, nicht allein den Staat für die Verweltlichung und Entseelung unseres kulturellen Lebens verantwortlich zu machen, aber — es ist der Ton, der die Musik macht, und dieser Ton gegenüber dem Staat war zum mindesten unfreundlich.
Das Bedeutsamste aber an dieser Rede ist die Tatsache, daß Dibelius nicht nur für den größten Teil der Synode, sondern auch für das Gros des evangelischen Kirchenvolkes gesprochen hat, daß also seine Stellung zum Staate typisch ist für den heutigen Kurs der evangelischen Kirche. Ihr Verhältnis oder besser das Verhältnis eines großen Teils des evangelischen Kirchenvolks zum heutigen Staat befindet sich in einer ernsten Krisis. Das ist verständlich, aber nicht entschuldbar. Allzu sehr war bis zum Umsturz die Kirche mit dem Staate verknüpft. Dieses Band, das der Kirche zwar in Notzeiten Halt gewährt, aber die freie Entwicklung ihrer Kräfte in kaum erträglichem Maße gefesselt hat, ist nun gelöst, die staatsfreie Kirche ist da, aber für die Kirche der Reformation öam diese Scheidung zu schnell, als daß sitz' sofort ohne die ihr wesensfremden Stützen des Staates ein Eigenleben hätte führen können. So hat die politische Entwicklung sie in eine gewiffe Opp o sitions stellun g zum neutn Staat gebracht, woraus wiederum ein gewisses Mißtrauen der neuen staatlichen Kräfte gegen die evangelische Kirche eni- ftanden ist. Diese Entwicklung vollzog sich ganz im Gegensatz zur katholischen Kirche, die infolge ihrer größeren Selbständigkeit gegenüber dem Staate ohne scharfen Bruch ihrer Traditionen sich viel leichter der Neuordnung der politischen Verhältnisse anpassen konnte. So ist es gekommen, daß der deutsche Protestantismus heute dem Staat gegenüber in die Stellung einer Minorität gedrängt ist, obwohl er numerisch dem anderen Volksteil überlegen ist. Dieses Minoritätsschicksal bedeutet für die Kirche der deutschen Reformation ebenso eine Stärke wie eine Schwäche, eine Schwäche, weil sie bei der entscheidenden Neuordnung des öffentlichen Lebens ihre Stimme nicht so in die Wagschale werfen kann, wie es der inneren Zielsetzung des Protestantismus entspräche; eine Stärke insofern, als erst jetzt alle die Kräfte des Protestantismus frei geworden sind, die auf eine Neubegründung des Verhältnisses der Kirche zum Staate drängen.
In welcher Richtung diese Kräfte einzusetzen sind, Vas hat Dr. Fischer als der Sprecher der liberalen Gruppe ang'e- deutet. Er hat von einer Angstpsychose der evangelischen Kirche gegenüber dem neuen Staat gesprochen und damit in der Tat einen Kardinalschaden in der landläufigen Einstellung kirchlicher Kreise aufgedeckt. Das Recht zur Kritik an den einzelnen Vorgängen des staatlichen Lebens soll der Kirche gewiß nicht verkürzt werden, denn es ist ihre Sendung, gegenüber allen Fragen der Oeffentlichkeit die Stimme des christ-
lichen Gewissens laut werden zu lassen, aber solche Kritik darf nicht das Ansehen des Staates selber untergraben und die Freudigkeit zur Mitarbeit an dessen Aufgaben lähmen. Denn die evangelische Bejahung des Staates und die aus der christlichen Ethik entspringende Bereitschaft zur Mitarbeit an seinen Aufgaben ist unabhängig von der jeweiligen Staatsform. Diese Erkenntnis und dieses Erbteil der Reformation gilt es wieder zum Allgemeingut innerhalb der evangelischen Kirche zu machen. Daraus ergibt sich als eine der wichtigsten Aufgaben einer zielbewußten evangelischen Kirchen- Politik, in den Gemeindegliedern das Bewußtsein zu wecken, daß sie zwar Glieder der Kirche, aber auch Bürger des Staates sind und daß ihnen aus dieser doppelten Stellung die Sendung zufällt, eoangelisches Christentum und christliche Gesinnung im Staate zur Geltung zu bringen. Denn erst so erfüllt sich der christliche und soziale Sinn einer wahren Volkskirche.
In einigen Wochen wird in Königsberg der „D e u t s ch e Evangelische Kirchentag" zusammentreten. Die Fragen von Kirche und Vaterland, Kirche und Volkstum stehen dort im Mittelpunkt der Aussprache. Darf man hoffen, daß dabei endlich auch die Stellung der Kirche zum Staate grundsätzlich erörtert werden wird? Bisher schweigen sich die maßgebenden Stellen aus. Will man einer klaren Entscheidung aus dem Weg gehen? Die staatsbejahenden Glieder der evangelischen Kirche erwarten, daß auf dieser für den gesamten deutschen evangelischen Kirchenbund maßgebenden Tagung endlich ein offenes Wort darüber gesprochen werde, wohin der neue Kurs der staatsfreien Kirche geht. Dr. Fn.
Die Flutwelle des MrMßppi.
New Orleans, 30. April. (United Preß.) Die heute vormittag fortgesetzten Sprengungsarbeiten an den Deichen oberhalb New Orleans haben die unmittelbare Gefahr für die Stadt abgewendet. Die Oefstmng des Deichs ist jetzt beinahe ein Kilometer lang und wird zur Zeit noch erweitert. Im Gegensatz zu New Orleans ist die Lage in Vicksburg katastrophal. Die Stadt ist bereits völlig abgeschnitten. Der Eisenbahnverkehr mußte eingestellt werden. Die gesamte durch Soldaten und Pioniere verstärkte Bevölkerung arbeitet an der Verstopfung der Deiche. Zwischen Vicksburg und New Orleans haben die Dämme mehffach nachgegeben. 27 Dörfer sind überschwemmt. Auch das bei Fazoo gelegene Flüchtlingslager ist durch die Fluten gänzlich abgeschnitten, so daß die Lebensmittel- und Wasser- zufuhr eingestellt werden mußten. In dem Lager grassieren Typhus und Masern. Medikamente werden durch Flieger herbeigcschafft. Die Zahl der O b d a ch l o f e n hat stch im Laufe des heutigen Tages um 100 000 erhöht. Die Zahl der Opfer der Katastrophe wird nunmehr auf über 1000 geschätzt. Die Gouverneure der Staaten Mississippi, Louistana und Tenessee haben stch an den Präsidenten gewandt und ihn gebeten, das Hochwaffergebiet zu besuchen und sich durch Augenschein von dem ungeheuren Elend zu überzeugen.
Seit heute mittag ist in New Orleans der Pegelstand unverändert geblieben, und man hofft, daß die Flutwelle, die New Orleans im Laufe der Nacht erreichen wird, zum Teil durch die Dammsprengung bei Poydras abgeleitet werden wird. Die durch die Oesfnung bei Poydras stürzenden Fluten verbreiten sich fächerartig über das ganze Land und haben sich einen Weg zum Borgne- See gebahnt, von wo sie in den Golf von Mexiko abfließen. Von South Bend (Arkansas) wird ein neuer Dammbruch gemeldet. 60 000 Menschen sind hierdurch aus den Häusern vertrieben worden. Das von den Fluten verwüstete Areal beträgt nunmehr über 10 000 Quadratmeilen.
Zimehmeirdr KarupftatrxkerL rrr Marokko.
(Drahtmeldung unseres Korrespondenten.)
ist Paris, 30. April. In Marokko hat mit der Vessemng des Wetters die Kampftätigkeit zugenommen. Die noch nicht unterworfenen Stämme haben verschiedentlich ftanzösische und vor allem spanische Truppenteile angegriffen und ihnen Verluste zuzufügen vermocht. Es wäre ein Irrtum zu glauben, daß Marokko beftiedet sei, obgleich es unwahrscheinlich ist, daß die kriegerische Tätigkeit der Stämme einen ähnlichen Umfang annehmen wird wie unter der zusammenfassenden Leitung Abd el Krims. Während die französischen Truppen, deren Abschnitte weniger gefährdet sind, sich bisher mit der Abwehr und vereinzelten Strasmaßnahmen begnügt haben,.haben die ©panier im Rifgebiet ihre Offensive begonnen. Diese Offensive, die seit vielen Monaten vorbereitet worden ist, geht mit zwei Kolonnen im östlichen Teile des Gebiets und mit einer Kolonne im westlichen Teile vor sich. Das Hauptziel der Operation ist die Unterwerfung des nach wie vor unversöhnlichen Stammes der Djebala. Die Eingeborenen scheinen sich vor dem ersten Stoß der europäischen Truppen allgemein in die Berge zurückzuziehen.
Deutsche Dslkspartei und Konkordatsfrage.
Wieder einmal starke Worte.
(Privattelegramm der „Frankfurter Zeitung".)
Berlin, 30. April. Auf einer kulturpolitischen Tagung, die der Wahlkreisverband Berlin II der Deutschen Volksparte: gestern abtzielt, wurde der Versuch gemacht, die Schlappe wieder gut zu machen, die die Deutsche Volkspartei vor einigen Wochen durch die verunglückte Offensive Dr. Stresemanns erlitten hat. Der Landtagsabgeordnete Hallensleben, der auch Mitglied der Evangelischen Generalsynode ist, richtete gegen den preußischen Unter» richtsminister Dr. Becker heftige Angriffe und beschäftigte sich dann vor allem mit der Konkordatsfrage.
Er behauptete, daß Bayern mit dem Konkordat ton 1924 die Gesetzgebung der katholischen Kirche anerkannt habe; demzufolge dürften heute schon in Bayern katholische Geistliche Ehen ohne vorhergehende standesamtliche.Trauung rechtsgültig vollziehen. Auch die Schulen und die Universitäten seien in Bayern der Kurie unterworfen. Aehuliches würde sich auch im Norden ereignen, wenn es zwischen Preußen oder dem Reiche und der Kurie zu einem Konkordat firme. „Ein Konkordat", so sagte Abg. Hallensleben nach dem Bericht der „Täglichen Rundschau", „das der alte preußische Staat stets abgelehnt hat, verträgt sich nicht mit unserer Staatshoheit. Damit würden wir Schule und Gesetzgebung der katholischen Kirche ausliefern. So also sind wir in der Deutschen Volkspartei gegen jedes Reichs- und Länderkonkordat. Diese» Standpunkt vertret en auch Stresemann und Kah I."
In einer Resolution wurde dementsprechend von der Versammlung der Abschluß jedes Konkordats in Preußen wie im Reiche ab gelehnt. Etwaige Verträge mit der Kurie müßten sich, so heißt es in der Resolution, ausschließlich auf Fragen der äußeren Organisation der Kirche beschränken. Eine vertragsmäßige Regelung, die sich auf andere Punkte, insbesondere auf Schulfragen, das Recht der Kirche zur Gesetzgebung und die Ausbildung der Geistlichkeit erstrecke, bedeute einen Eingriff in die Staatshoheit, der mit allen Mitteln zu bekämpfen sei.
Reichsminister Dr. Stresemann hat stch im Reichstag, als er von dem demokratischen Abg. Dietrich gestellt wurde, wesentlich anders ausgesprochen, als es der Abg. Hallensleben dargestellt hat. Er hat den Abschluß eines Reichskonkordats für wünschenswert erklärt und der Abg. Dr. Kahl hat sich in einem Zwischenruf Stresemanns Auffassung ganz zu eigen gemacht. Zum mindesten ist also die Behauptung Hallenlebens unrichtig, daß Stresemann und Kahl gegen jedes Reichs- und Landeskonkordat seien. Wieviel im übrigen von der grundsätzlichen Gegnerschaft der Volkspartei gegen ein Konkordat zu halten ist, hat man bei der Kulturtagung im Landtag und ihrem eigenartigen Nachspiel gesehen.
Das AVire!jsgsr!chtsgesktz.
(Privattelegramm der „Frankfurter Zeitung".)
Berlin, 30. April. Zur Durchführung des Arbeitsgerichtsgesetzes hat das Reichsarbeitsministerium Richtlinien an die Länder hinaus gegeben. Das Ministerium empfiehlt darin die Zusammenlegung mehrerer Amtsgerichtsbezirke zu einem Arbeitsgerichtsbezirk, so daß im ganzen Reiche etwa 500 Arbeitsgerichte nötig würden. Eine Reihe von Ländern ist den Richtlinien gemäß verfahren, so Preußen, Sachsen und Anhalt. Dagegen haben einige süddeutsche Länder, vor allem Bayern, geglaubt, bei der Organisation der Arbeitsgerichte eigene Wege gehen zu müssen. In Bayern ist für jeden Amtsgerichtsbezirk die Errichtung eines Arbeitsgerichts vorgesehen. Praktisch würde das bedeuten, daß zahlreiche Arbeitsgerichte geschaffen werden, die nicht existenzfähig find. Da Bayern ungefähr 200 Amtsgerichtsbezirke besitzt, wird es angebracht fein, daß das Reichsarbeitsministerium die bayerische Regierung auf das Zweckwidrige ihrer Maßnahmen ausdrücklich hinweist.
Der Fall GKrSner.
(Privattelegramm der „Frankfurter Zeitung".)
Berlin, 30. April. Auf. die Berufung des Staatsanwalts und der Angeklagten hatte sich heute die Große Straflammer des Landgerichts I nochmals mit dem Fall des Schauspielers Rolf Gärtner zu beschäftigen. Gärtner hatte in einer Kundgebung im ehemaligen Herrenhause, die stch gegen das Gesetz zum Schutze gegen Schund und Schmutz wandte, eine Rede gehalten, in der er den Ausdruck „diese erbärmliche Republik" gebraucht hatte. Gärtner war vom Schöffengericht aus Grund des Republik- fchutzgesetzes wegen Beschimpfung der Republik zu 300 Mark Geldstrafe (an Stelle von zwei Monaten Gefängnis) verurteilt worden, der Mitangeklagte Winkler, der die Rede veröffentlicht hatte, zu 100 Mark. Der Staatsanwalt forderte eine Erhöhung der Strafen auf vier Monate und zwei Monate. Nach längerer Beratung kam die Strafkammer zu einer Verwerfung beide r B e - rufungen Das Gericht schloß sich ber Entscheidung der Vorinstanz an, daß in de», Worte „erbärmlich" eine Beschimpfung und Mißachtung der Republik und zwar in roher und verletzender Form zu erblicken sei.
Die errglisch-frimMschM Hezrehmrgerr.
Erne französische Stimme. — Dee aUraoische Konflikt.
(Drahtmeldung unseres Korrespondenten.)
Sfc Paris, 30. April. Der „Temps" bedauert heute in einem Leitartikel, daß die Bemühungen zur Lösung des albanischen Konflikts keine Fortschritte machen, obwohl die englische Regierung ausreichende Anstrengungen gemacht habe, um in Rom auf eine Beilegung des Streitfalles oder zum mindesten auf eine unmittelbare Auseinandersetzung zwischen den beiden Partnern hinzuarbeiten. Das Blatt nimmt diese Rolle Englands zum Ausgangspmckt einer Beurteilung der verschiedenen Gerüchte, die sich in letzter Zeit in deutschen Blättern über die englisch-französischen Beziehungen gebildet haben und stellt fest, daß man auf der einen Seite eine engere Bindung zwischen Frankreich und England behaupte, die eine Bedrohung der Verständigungspolitik mit Deutschland darstelle, und daß man andererseits von einer in Livorno abgeschlossenen vertraglichen Bindung Englands an Italien spräche, die Frankreich das Recht gebe, sich zu beunruhigen.
„Der absolut falsche Gedanke, mit dem gewisse ausländische Kreise spekulieren, besteht darin, daß jedes sranzösisch-eugiische Einvernehmen nur im Gegensatz zu einer loyale» deutsch-französischen Ausgleichspolitik bestehen könne, daß jede Besserung der Beziehungen mit Berlin die Lockerung des Bandes zwischen London und Paris zur Folge haben müsse, ebenso daß jede englisch-italienische Annäherung indirekt gegen Frankreich gerichtet sein müsse. Das sind Auffassungen, die der Phantasie entspringen. Die Politik eines Ausgleichs und einer eventuellen Verständigung mit Deutschland, wie sie in Locarno definiert wurde, ist ein Gedanke, der Frankreich und England in gleicher Weise gehört. Die Annahme, daß die französisch-englische Freundschaft für eine umfassende europäische Ausgleichs- und Vcrsöhmmgspolitik ein Hindernis bilden könne, ist ein Unsinn. Die Idee, daß man daran denken könne, diese Sicherheit einer eventuellen Verständigung mit Deutschland zu opfern, deren Spitze entweder gegen England oder Italien gerichtet fei, ist eine Verirrung der Geister, die durch den groben Schein verwirkt worden sind."
Dies ist eine der ganz wenigen Presseäußerungen, welche das Gerücht von einer englisch-französischen Verbindung in Frankreich hervorgerufen hat, eine Aeußerung, die zeigt, daß man auch in hiesigen rechtsgerichteten Kreisen diese Idee nicht
HEUTE
Für die Frau
Beilage für Mode und Gesellschaft Otto Flake, Väter und Töchter / Der verwechselte Bräutigam / Kelen (Paris), Drei Karikaturen „Sie machen Mode' James K Abbe, Tanzbeine / Das amerikanische Landhaus / R. Piper, Alfred _____________ Kubin / Franz Blei, Das Wiedersehn Joseph Roth, Vornamen / Modisches.
Bäder-Blatt
Sondernummer in Kupfertiefdruck „Hotel und Verkehr": Hotelquerschnitt, Komfort vom Keller bis zum Dachgarten / Zehn Winke für Hotelgäste Technik des Reisens, Komfort ist eine relative Sache / Mensch und Verkehr, von Dr. Krüdi I Die nächsten Gesellschaftsreisen.
Aus dem bayrischen Wald, von Max Unold mit einer Qriginalzeichnung des Verfassers I Hundert Jahre Bremerhaven, von Dr. Georg Bessel / Hirten- Tiere-Räuber in der ungarischen Puszta, von Laszlo Rosza, mit Original-Zeichnungen von Kelen.
Literaturblatt
Zur Soziologie der Frauenbewegung, von Dr. Alice Salomon / Villa U, S. A., der neue Roman von Otto Flake, von Stefan Zweig / Bayrische Porträts, Ludwig Thoma — Ludwig II., von Hermann Wendel I Kurze Hinweise Länder und Städte / Neue Lyrik.
NÄCHSTE WOCHE:
Das Technische Blatt
Urohißttion.
Novelle.
Von Michail Jemischik.
(3. Fortsetzung.)
Herr Tudsen war bei den Spritwerken Ost ganz gut bekannt und verhandelte hier eines Tages über den Kauf ganz annehmbarer Mengen von reinem Alkohol. Verpackung in kleinen Fässern. Abnahme nach und nach, in seinem Belieben. Jeder Lieferschein, den er schicken würde, wäre mit dem entsprechenden Geldbetrag begleitet. Auch da gab es gar keine Schwierigkeiten, und der Prokurist, mit dem er verhandelte, hatte ■ gar kein Interesse an Herrn Tudsen. Die Fabrik lag im Freihafen und sie konnte verkaufen, an wen sie wollte. Sie hatte mit den vielen Zollgesetzen und Monopolen der Länder gar nichts zu tun. We diese Kleinigkeiten spielten stch in wenigen Tagen ab.
Tudsen hatte sich in Wahrheit vollkonnnen festgefahren, und cs war im Grunde ein Wahnsinn, daß er das Schnellboot, einen ehemaligen Minensucher mit starker Maschine, kaufte. Er hatte jetzt dieses Fahrzeug, und er hatte auch Sprit gekauft, aber was hatte er sonst noch? Das konnte man daran sehen, daß er schon in einem billigeren Hotel wohnte. Es wäre leichter zu sagen, was er nicht hatte. Und da war sein bisheriger Partner Nagel, den er nicht mehr hatte. Der hatte endgültig die Flinte ins Korn geworfen, als der „Seeadler" auf den Schäre» verloren ging. Nagel hatte sich auch durchaus nicht aktiv beteiligt. Er hatte Geld und wagte für eine Weile einen Teil dieses Geldes. Er hatte in Swinemünde gewohnt, um immer recht bald zu hören, ob der „Seeadler" gesund zurückgekommen wäre, aber bas Fahrzeug war zu klein. Es konnte immer nur zwanzigtausend Liter aus die Fahrt mitnehmen, konnte nicht bei jedem Wetter und bei jedem Mond laufen, und in den zehn Fahrten war nicht viel zusammengekommen. Als dann das Schiff bet einer Jagd nach Finland abgedrängt würbe und ganz verloren war, kam die Endrechnung, und Nagel hatte für feinen Teil nichts verdient, allerdings auch nichts verloren.
Weiter fehlte Tudsen ein brauchbarer Kapitän, denn einen solchen Mann wie Jebfen konnte er nicht finden. Es schien ihm aber immerhin ein Wagnis, die Fahrten mit Wigand zu unternehmen. Zunächst also sollte er bas Schiff einmal von Stettin nach Wilhelmshaven Bringen, was gar keinen Zweck hatte, aber dort war ein solches Fahrzeug nicht so sehr auffallend, und Wigand mußte sich einarbeiten, baS Schiff mußte einen neuen Anstrich bekommen, und schon dazu fehlte das Geld.
Tudsen brauchte einen Geldmann, das war klar, und er wußte auch, daß er sich nur ein bißchen zu zeigen brauchte, bann würde er schon Leute finbett, denn konnte es ein bequemeres Geschäft .geben?
Der einzige, der ihm nun wieder helfen konnte, war Wigand, denn dem machte es doch oft genug Mühe, den Mund zu halten, aber man mußte ba auch sehr vorsichtig fein, denn Wigand war immer ein ehrlicher Mann gewesen, und er hatte immer gewußt, daß es ganz gut ist, zu schweigen, aber es schadete auch nie, wenn man ein bißchen erzählte.
Tudsen mußte Leute sehen, das war klar, aber nichts war ihm so unangenehm, denn auch er war nicht so ganz gewohnt, dauernd eine eiserne Maske zu tragen. Er hatte eine große Dummheit gemacht, als er sich entschloß, Schiff und Ladung zu kaufen, wo doch alles andere, was er brauchte, fehlte. An feinen Vertreter in Kopenhagen aber hatte er geschrieben, wenn er weiter Sprit verkaufen wollte, dann müßte er schon gewisse Vorschüsse erhalten, denn es wäre ein Geschäft, bei dem auch nicht der geringste Nutze» bliebe.
Ja, es sammelten sich im Laufe einer Woche doch allerlei Gestalten um dieses Projekt. Alkohol zieht an, Schmuggel zieht noch besser und viel Geld, das man verdienen kann, das zieht am besten. Aber mit was für Vorschlägen die Leute kamen! Der eine wollte erst eine Tante ermorden und ber andere sein SSarenlager versetzen. Ein Mann wollte erst sein Holzlager aufbrennen lassen, um die Versicherung einzukassieren, und was sonst noch an frommen Absichten bekundet wurde. Tudsen war ziemlich verzweifelt. Auch Jeden 8, der Vertreter aus Kopenhagen, ließ sich schließlich melden, und er war natürlich ber gegebene Mann. Er war aber nicht leicht zu haben, denn alles, was er sah, erfüllte ihn mit einem gewissen Mißtrauen, und er wollte nur vollkommen sichere
Geschäfte machen. Nach einer Weile hatte er aber bic schwachen Punkte des Unternehmens klargestellt und fand auch seine« Weg. Er hatte einen Bruder, der bereit war, das Schnellboot zu kaufen für das, was es etwa wert fein mochte. Natürlich hatte Tudsen viel zu viel dafür bezahlt. Gut, Jebens kaufte das Boot für dreißigtausend Kronen und es wurde fein Eigentum. Er ver- charterte es aber für ein Jahr an Tudsen. Der konnte damit machen, was er verantworten konnte. Er wollte inzwischen fein Fahrzeug für jedes Risiko versichern und bann konnte ihm nichts geschehen. Tudsen mußte also sein Schnellboot verkaufen und zwar gleich mit einem mächtigen Verlust, aber er war sich klar darüber, daß er nach einem Jahr das Schiff ohnehin zu jedem beliebigen Preis wieder verkauft hätte, wenn es mit den Fahrten gut gehen würde, und länger als ein Jahr konnte man derartige Unternehmungen auch nicht machen. Wenig mehr als ein Monat konnte schon genügen.
Jetzt war Februar. In den hellen Sommermonaten konnte man nichts unternehmen und im April mußte man also schon wissen, wie die Dinge gegangen waren. Die Papiere über den Verkauf wurden ausgeschrieben und Jebens versicherte fein Schiff durch den Vertreter von Lloyd in England. Er mußte eine mächtige Prämie bezahlen, denn er konnte nicht gerade befriedigend erklären, welche Fahrten sein Pächter mit dem Fahrzeug machen würde. Da er aber ein Papier befaß, nachdem der Verkaufspreis hunderttausend Kronen betrug, war die Versicherung auch auf einen guten Betrag ausgestellt, und Jebens konnte seinem Freunde Tudsen genau genug beweisen, daß er durch den Kauf des Fahrzeuges gar keinen Nutzen hatte. Der Nutzen mußte nun also aus den Geschäften kommen. Jebens bezahlte feine dreißigtausend Kronen, aber er verlangte eine Drittelbeteiligung von jedem Nutzen, und er konnte ja jederzeit erfahren, wie groß der Nutzen gewesen war.
Man einigte sich in allen Punkten, und als Jebens wieder abgefahren war, konnte man sagen, daß die Verzweiflung von Tudsen auf den höchsten Punkt gestiegen war, denn so schlecht glaubte er in seinem Leben noch nie abgeschnitten zu haben. Dreißigtausend Kronen, das war alles, was er jetzt noch außer seinen Aussichten hatte.
Aber nun war man doch ungefähr an einem Anfang, und wirklich war Wigand bestimmt, das Schnellboot zu fahren. Da tonten
natürlich tausend Dinge zu besprechen. Bevor er auf die erste Fahrt ging, mußten tausend Punkte berührt werden. Wieviel Kohlen würde das Schiff fressen? Wahrscheinlich unendlich viel, aber Wigand wußte sich schon mit Maschinen einzurichten. Wieviel Leute konnte er haben? Ja, das war eine schwierige Sache. Wieviel würde er brauchen? Ja, das hing wieder davon ab, was man zu tun hatte. Tudsen aber hatte nie so ganz aufmerksam zugehört, wenn von den Landungsverhältnissen in Schweden die Rede war.. Es gab da, das wußte er, Küstenstriche, in denen die Landstraßen bis unmittelbar an das Ufer führten. Auf den Landstraßen würden die Automobile halten und man mußte heranfahren soweit es ging, und bann die Fässer in die kleine Barkasse bringen, die als Rettungsboot auf dem Schnellboot gedient hatte. Nein, da konnten nicht mehr als zehn Fässer hinein, und wenn man fünfzig Fässer in ber Nacht absetzen wollte, mußte man fünfmal fahre», aber was waren fünfzig Fässer von 100 Litern? Das war nichts. Aus jeder Fahrt mußte man wenigstens zweihundert Fässer absetzen, also viermal mußte man nachts wieder unter Land kommen, wenn nicht mehr als fünfzig Faß in der Nacht ausgebootet werden konnten. Die Barkasse konnte natürlich ein einzelner Mann fahren, und mit der Ablieferung der Ware hatte er nichts zu tun, die mußte ihm aus der Barkasse herausgenommen werden.
Wigand meinte, daß er versuchen wollte, mit einem Heizer und einem Maschinisten sowie mit zwei weiteren Leuten auszukommen, man rechnete, und endlich fuhr Wigand mit einem ganzen Haufen von Kronennoten ab, denn auch diese sollten erst in Stettin gewechselt werden, weil ja Wigand als Bevollmächtigter von Jebens' Bruder das Schiff abholte. Sobald aber Wigand wieder einen festen Auftrag in der Tasche hatte, fiel sehr viel von der Unsicherheit seiner letzten Zeit von ihm ab, denn er war schon in • den dreißig Jahren Seefahrt ein ganzer Kerl gewesen, aber er war immer als Erster Maschinist gefahren, wenn er auch das Patent für große Fahrt hatte, und so ganz an Selbständigkeit konnte er sich doch nicht gewöhnen, es blieb immer ein bißchen Unsicherheit in ihm. Es ist nichts, wenn man so viele Jahre als Erster fähri und nie das Steuer allein in der Hand gehabt hat, außer auf den kleinen Schleppern und Binnenschiffe«.
(Fortsetzung folgt.)
