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Abendblatt der Frankfurter Zeitung
Mrmmer S« Sette 4
§ur Hochschule und Jugend.
Semesterbeginn,
Die Frage der Zusammenfassung aller Hilfsmöglichkeiten für Studierende ist eine Angelegenheit des Schutzes gegen Benefizienjäger. Nach der ganzen Entwicklung und Lage unserer Arbeit ist die zentrale Beobachtungsstelle die Fürsorgekartei des Wirtschaftsamtes der zuständigen Hochschule. Man kann hierdurch auf die, deprimierende Wohlfahrtskarte, auf die von jeder Stelle jede Hilfe notiert wird, verzichten. Es wird auch nicht immer die vorherige Auskunftseinholung nötig sein, denn auch die Benachrichtigung post festum behält ihren Nutzen. Zur Zentralen Fürsorgestelle hinwiederum genügt nicht die Absicht, alle Hilfeleistungen statistisch zu erfassen, sondern es gehört dazu die Entschlußkraft, ex officio ein rotes „Gesperrt" auf manche Karte zu schreiben und sich der Begründung hierfür klar, zu sein. Nicht ein einzelner wird in den meisten Fällen diese schwerwiegende Entscheidung treffen dürfen, aber sie wird mutvoll und verantwortungsbewußt vom einzelnen angeregt werden müssen, um dem Fürsorgeausschuß den Beschluß zu ermöglichen.
Grundsätzlich wird die Betrachtung des einzelnen Fürsorgefalles von seiner mitunter durchaus tragischen persönlichen Verstrickung zu lösen und stets nur in den Rahmen von Sinn und Zweck des deutschen studentischen Hilfswerkes überhaupt zu stellen sein: nämlich, unter rationellster Verwendung der Hilfsmittel mitzuwirken, dem Volke ein Akademikertum zu erhalten, das P e r s ö n l i ch k e i t s w e r t e mit geistiger Leistungsfähigkeit und körperlicher Gesundheit verbindet.
Akademische Literatur.
Von der reichen Literatur über akademische und studentische Fragen seien namentlich dem jungen Studenten, aber auch jedem Freund des Hochschullebens zwei neuere Werke empfohlen: An erster Stelle eine bisher fehlende Einführung in Studium und Studentenleben, die I. H. M i t g a u („Der Student" 1926, Heidelberg, I. Hörning) ernst und anständig in der Gesinnung, erkenntnisreich und anregungsvoll gegeben hat, namentlich für den Mulus vor der Entscheidung und dem Erstsemester von trefflichem Wert. Eine erfreulich«, originelle Neuerscheinung auch der mit Bildern und Karten überreich geschmückte Führer durch Geschichte, Landschaft und Studium, den Prof. K. 9t erntn e („Die Hochschulen Deutschlands" 1926, Berlin C. 2, Verlag der Akademischen Auskunftsamts) herausgegeben und als umfassende Darstellung aller Bildungsmöglichkeiten und -Voraussetzungen gestaltet hat. Daneben seien nicht vergessen als entscheidende Wegweiser Max Webers „Wissenschaft als Beruf" und Karl Jaspers' „Die Idee der Universität", die jeder Student zum mindesten kennen sollte, sowie das immer noch wertvolle Büchlein von Werner Mahrholz „Der Student und die Hochschule" (Berlin 1919, Furcheverlag).
Abwechslung beim Mensa-Essen! I
Von größerer prinzipieller Wichtigkeit ist die Einrichtung | des studentischen Speisungswesens, insbesondere der mensa. Es gibt hier zwei Betriebsarten: die „akademische Volksküche" einerseits und die durch eigene Regie,, verbilligte Wirtshausküche andererseits. In Berlin stehen selbständig beide Arten nebeneinander. Die mensa Friedrichstraße als typische akademische Volksküche mit einem Portionspreis von 40 Pfg. und der Riesenfrequenz von täglich 1600 Mittagessen, die die anderen fünf Berliner Speisungen kaum zusammen aufbringen. Diese letzteren stehen unter dem Prinzip des Auswahlessens und das Stammgericht kostet annähernd das Doppelte der rnensu-Portion, aber mit den Sorgen über die Eintönigkeit haben sic genau so zu kämpfen wie die billige mensa. Ter Wunsch nach reichhaltigerer Abwechslung im Essen ist um so verständlicher, als viele Studenten Semester ein, Semester aus zum täglichen Essen in der Gemeinschaftsküche gezwungen sind. Daß dieser Wunsch unter dem jetzt herrschenden Brauch billigster Lieferung erfüllt werden kann, dürfte schwer halten. Selbst von Leuten, die in guten Gasthäusern nach abwechslungsreicher Karte essen, hört man ständig Klagen über die Eintönigkeit Der Restaurationsküche. Soll die Qualität durch Preissteigerung gehoben werden? Jedenfalls wird man durch regelmäßige Umfragen unter den Teilnehmern der Speisungen die Entwicklung am besten fördern können.
Die Studentenheimschmarotzer.
In dem schwierigen Kapitel der studentischen Wohnungsfrage nimmt die Aufgabe der wirklich zweckvollen Führung eines Studentenheims, die selbst bei längeren Wohnzeiten die Heiminsassen vor Einseitigkeiten schützt, einen großen Raum ein. Z. B. werden die Berliner Studentenheime unter den verschiedensten Gesichtspunkten verwaltet, und fast alle leiden an den für Internate typischen Gefahren. Dazu gehört u. a. das unter allen möglichen Vorwänden versuchte längere Verbleiben exomensfertiger Akademiker im Heim. Auch Leute, die ihr Studium unterbrochen haben oder dilatorisch behandeln, rechnen hierzu. Es hat sich immer wieder gezeigt, daß deren Lebenshaltung und -führung sich in disparater Richtung zu der ihrer jüngeren Kommilitonen entwickelt. Weiter wird nur zu oft die Beobachtung gemacht, daß ein mehrjähriges Wohnen im Heim bei jungen Menschen leicht zu einem eigentümlich lethargischen Zustande führt, der mitunter bestimmend für das ganze Leben wird. Ich glaube, daß es aus diesen und noch anderen Gründen angebracht wäre, in den Hausordnungen von Studentenheimen als längste Wohnzeit vier Semester einzusetzen.
Hsch^chulrmßlsr
oder GeSiMAmrLsßMdsWt?
Man kann nicht ohne weiteres vom Studenten als dem künftigen Führer der Nation sprechen; das sind Worte, die leicht zu Dünkel, selten aber zur Hebung des Gefühls der Verantwortung beitragen. Dem jungen Akademiker ist, das Hineinwachsen in die politische Führerstellung lediglich, leichter gemacht durch ein Voraus an sogenannter Bildung, vielleicht fachlichem Wissen und unabhängigerer Stellung als dem Angehörigen anderer sozialer Schichten. Für diesen Glückszufall sollte er dankbar sein und sich verpflichtet fühlen, an sich für das Ganze, dem er später wird dienen wollen und müssen, zu arbeiten.
Schon bei flüchtiger Betrachtung des politischen Lebens an den Universitäten fällt eine wesentliche Verschiedenheit auf in der Art und Weise staatsbürgerlicher ErziehungS- und Bildungsarbeit und des politischen Handelns zwischen den Studenten, die entweder als Aktive und Organisierte rechtsgerichteten politischen Parteien zuzurechnen sind, und jenen, die auf politisch und kulturell freiheitlichem Boden stehen. Der Zahl nach steht der überwiegende Teil der deutschen Studentenschaft — in den kleineren Universitätsstädten ausgesprochener als in den großen, in den westdeutschen weniger als in den norddeutschen und österreichischen — dem Wesen und Werden des neuen Staates kritisch abwartend oder ablehnend oder gar feindlich in aggressiver Form gegenüber. Ein falscher Romantismus, geschickt von parteipolitischer Demagogie genährt, in Verbindung mit einer wirtschaftlichen Lage, die durchweg schlechter ist als in der Vorkriegszeit, ist die unterbewußte Grundlage dieser Einstellung. Als mehr oder minder fragliches Positivum tritt alsdann die völkische Ideologie hinzu. Das Ganze ergibt, ungeachtet vieler Variationen, den Durchschnittsthpus das gegenwärtigen deutschen Studenten und kennzeichnet damit auch die Struktur jener größten Studentenorganisation, die als Deutscher Hochschul r i n g (H. d. A.) die Zentralorganisation aller dieser jungen Akademiker bildet. Wobei jedoch zu bemerken ist, daß der H. d. A. im wesentlichen nur noch die schematische Zusammenfassung von Korporationen und Verbindungen darstellt, also nicht mehr eigentlich selbst, wie es feine Gründer wollten, politische Erziehungsarbeit leistet, sondern immer nur indirekt, sekundär über diese Vereinigungen auf die Person des jungen Akademikers einwirkt. Ausgesprochen politische Studentengruppen der Rechten haben niemals irgendwelche Bedeutung erlangen können. Die Kraft des H. d. A. liegt allein in dem systematischen Aufbau und der numerischen Größe seiner Organisation, nicht in der Ueberzeugungskraft und Bedeutung seiner Ideologie. Er ist geistig ein Koloß auf tönernen Füßen geworden.
Die Mitgliedschaft zum H. d. A. ist keine aus eigener Willensentschließung; sie ist eine „geborene" aus der Zugehörigkeit zu irgendeiner „nationalen" Korporation. Bei den politisch und kulturell freiheitlich eingestellten Gruppen ist die Mitgliedschaft eine kraft eigener, direkter Willensentschließung „erkorene"; hier sind die Spitzenorganisationen — das Kartell Republikanischer Studenten und der Deutsche Studentenbund — lediglich technische Zentralen, der Schwerpunft der politischen Arbeit liegt hier bet den örtlichen Gruppen der einzelnen Hochschulen, das heißt in bet Mehrzahl auch ausgesprochen politisch eingestellten Gruppen, von einigen jüdischen oder paritätischen Korporationen abgesehen, wobei Die Feststellung möglich ist, daß hier die demokratischen Studentenbünde durchweg die Führung in der freiheitlichen und republikanischen Studentenbewegung innehaben und im allgemeinen durch die Höhe ihrer Bildungsarbeit auch über die Kreise hinaus, die sich im engen Sinne mit Hochschulfragen besassen, Beachtung gefunden haben. In erster Linie haben alle diese Gruppen das Pädagogische Prinzip der Erziehung zum staatsbürgerlichen Denken und Handeln an den eigenen Bundesmitgliedern, dann auch in werbender Form an den Kommilitonen. Daß daneben auch ein hochschulpolitischer Kampf gegen die Vorherrschaft des H. d. A. geführt wird, entspringt nicht der Sucht, die größeren Verhältniße tm Staat — räumlich größere! — noch einmal im kleinen zu Wied erholen, vielmehr gebieten es Ehre und Selbsterhaltung, die a?£..a* *tn*en Studentenvertretungen nicht zum Tummelplatz völkischer Demagogie werden zu lassen — im Interesse der Studentenschaft selber, denn diese hat wichtige Aufgaben zu lösen, die nicht bau ernt) durch politische Exzesse gehemmt werden dürfen,
Dr. 2S.alste»$.aa<=e
Mir kommen wir Mr WMnschafL Vorn Menschen?
Der heutige Zustand: Philosophie ohne Geschichte, Geschichte ohne Philosophie und Dilettantismus. — Forderung: kultur- philosophische Forschungsinstitute, kulturphilosophisches Wörterbuch.
Von Professor Dr. Erich Rsihacker (Heidelberg).
Tempora muli.
Brief an einen Abiturienten.
Von Hermann PSrxgen (Berlin).
Der Bries des Verfassers „an einen Universttätspro- feffor", den wir vor einiger Zeit veröffentlichten, hat außerordentliche Beachtung gefunden; er wurde in zahlreichen pädagogischen Blättern nachgedruckt. Der Verfasser wendet sich heute an die muh dieser Tage und rat ihnen zu einer Skepsis, die manchem übertrieben erscheinen mag, die aber in den Uebergangsverhältnissen unserer Zeit die beste Waffe ist. Red.
Junger Freund,
Daß Sie mich als den älteren Studenten, in studentischen Dingen gewissermaßen Erfahrenen, nun zwischen Schule und Universität um einen Rat angehen, bringt mich nicht in Verlegenheit. Ich beneide Sie eigentlich um das Vertrauen, mit dem Sie fragen mögen. Wir waren damals zu arrogant, nicht bescheiden genug, um zu fragen.
Dies ist mein Rat. Ich habe nur einen: Erwarten S i e wenig!
Erwarten Sie nichts von der neugewonnenen Freiheit. Es liegt ganz an Ihnen, wieweit sie zu jener höchst üblichen, weil ordinären Bequemlichkeit werden soll, die als „akademische Freiheit" im Schwange ist. Die leere Freiheit ist die Versuchung der jungen Semester. Sie entscheidet schon die Physiognomie ihres Studiums. Wir werden uns einig in der Auffassung sein, daß es unwürdig und verantwortungslos ist, in der hohlen Art, die Ihnen angebotcn wird, seine „Jugend genießen" zu wollen. Wenn Sie die Freiheit nicht besser nutzen, stehen Sie bald mit leeren Händen und leerem Kops, lieber Freund, vor dem Ende (in großer Gesellschaft!).
Sie werden sehen, die frühen Semester sind nicht die schönsten Semester. Sie sind's nicht, da sie solche Der Hilflosigkeit sind, unübersichtlich und voller Verlegenheit. Da sie die Semester der Einsamkeit sind.
Man hat es uns damals gewiß nicht sehr angemerkt, man fleht es niemand an. Aber die ersten Semester haben uns bitter enttäuscht.
Weil wir Erwartungen hatten.
Weil toir eine studentische Lebensform erhofften- Sie erwarten sie auch. Aber es gibt keine mehr, wenn wir nicht etwa die fade, schleimige Haltung vieler heutigen Farbenstudenten gutheißen wollen.
Wir erwarteten eine Art von Studentengemeinschaft. Es gibt keine mehr. Tausend Versuche dazu scheiterten an der fatalen Konstitution der Studentenschaft.
Wir Kandidaten in hohen Semestern kennen die Ratlosigkeit der jungen Kommilitonen sehr gut. Aber die meisten sind schweigsam geworden, die meisten kümmert es nicht. Erwarten Sie nichts! Dann wird es Sie nicht enttäuschen, wie der Unterschied d e r S e m e st e r heute in Geltung steht, daß die „alten" von den „jungen" nichts wissen wollen, daß sie hochmütig und voller Ablehnung sind. Freunde, Geselligkeit, einen Mentor finden Sie überall sonst leichter als unter Studierenden.
Erwarten Sie wenig! Das ist der einzige Rat. Erwarten Sie von Kommilitonen nicht das geringste! Sie werden bald wissen, daß Sie durchaus nicht die Elite der Jugend umgibt. Edle, stürmische Jünglingsgestalten, kraftvolle, geistige, kennt die ala- demisch« Jugend nicht mehr viele! Suchen Sie sich überall sonst eher Ihren Umgang!
Der Kommilitone wird leicht dürftig und bleichsüchtig sein. Höchstens draußen im Stadion unter den Sportstudenten finden Sie junges Volk! Geistige Regsamkeit und hoher Flug p'.r Gedanken sind schon lange nicht mehr Privileg der Studierenden.
Auch von den Lehrern, Dozenten und Professoren: erwarten Sie wenig! Wohl Ihnen, wenn Sie eines Tages der Zufall an einen Ort verschlägt, wo Meister lehren! Sie müssen suchen! Auch von denen, mein Freund, erwarten Sie Wenig! Sie werden bemerken, daß in dem großem Betriebe der Wissenschaft nur ganz spärlich der Blick auf Sie fällt, daß Ihre Lehrer sehr ökonomisch in der Anteilnahme am Tagwerk des Schülers verfahren. Sie müssen die Augen offen haben und den Weg zum Wissen selbst finden!
Daß das eigentliche Studium des Menschen der M e n sch sei, ist seit Pope und Goethe ost wiederholt worden. Aber zu einer wahrhaft universalen Lösung der mit dieser These gestellten Aufgabe ist die Wissenschaft noch bis heute nicht fortgeschritten. Gewiß haben an ihrer Erfüllung in seltener Einigkeit die entgegengesetztesten, philosophischen Richtungen zusammengearbeitet. Gewiß haben sich insbesondere in großartiger Kooperation die Geisteswissenschaften des neunzehnten Jahrhunderts von allen Seiten in den Stofs des Menschheitslebcns hineingebohrt. Gewiß sind dabei nicht nur historische, sondern explicite und vor allem implicite auch zahlreiche theoretische Ergebnisse gewonnen worden. Aber noch nicht einmal zu einer äußerlichen enzyklopädischen Zu- sammenarbcitung dieser Erträgnisse ist es bis heute gekommen, geschweige denn zu einer eigentlichen Zusammenfassung.
Nun fehlt es in der neusten Zeit nicht an Ansätzen zu einer solchen. Sichtet man aber diese Versuche, wie sie von Soziologen, Ethnologen, Psychologen und schließlich Philosophen unternommen worden sind, so drängt sich vor allem der Eindruck auf, daß es den Einzelwissenschaftern an der philosophischen, den Philosophen an der soliden einzelwissenschaftlichen Grundlage gebreche, beiden aber in erstaunlichem Maße an Fühlung und Kenntnis der großen Tradition, die das Studium des Menschen im 19. Jahrhundert sich bereits geschaffen hat. Weder mit einigen Brocken Bergson noch mit historischen Lesefrüchten ist eine universale kulturphilosophische Synthese zu schaffen, vor allem aber kaum mit der auf eigene Faust erfundenen Methodik.
Diesen Gebrechen kann auch eine noch so enge Verbindung der Philosophie mit den bis jetzt in erster Linie an kultur- philosophischen Synthesen beteiligten Einzelwissenschaften wie Soziologie oder Ethnologie kaum abhelfen, denn diese selbst sind unfertig und tr ad i ti o nslos. Ja selbst das Unternehmen, mit Hilfe irgendeiner neuen Psychologie die alten Geisteswissenschaften zu Wissenschaften zu erheben, erinnert mich an Versuche des Eis, die Henne zu belehren. Was an diesen Psychologien wirklich wertvoll ist, stammt zum be- bcdeutenderen Teil nicht aus der psychologischen, sondern aus der geisteswissenschaftlichen und philosophischen Tradition.
Daß man aber die komplizierten Fragen nach dem wechselseitigen Zusammenhang« der Kulturgeüiete und dem Verhältnis von gesellschaftlichem Unterbau und ideellem Ueberbau ausschließlich in der wie immer modifizierten Perspektive Karl Marxens betrachtet, ist ungeachtet seiner gar nicht zu diskutierenden Genialität, ja gerade wegen ihr, ein Hemmnis auf dem Weg zu einer wahrhaft universalen Behandlung dieser Gebiete.
Sodann sind etwa religiöse Grundlagen der übrigen Kultur nicht minder untersuchenswert als wirtschaftliche und soziale. Und über sie unterrichtet, da es sich hier um bodenständige religiöse Phänomene und nicht — um auch einmal die soziologische Betrachtungsweise anzuwenden — um parfümierte Pseudoreligioncn einer entwurzelten Literaten- schicht handelt, immer noch ant besten das theologische Schrifttum. Wie denn Lehrbücher der Kirchengeschichte überhaupt ein Niveau haben, das fast kein anderes Fach erreicht. Ueber die mythischen und fprachlichen Grundlagen des geistigen Lebens kann ohne die Hilfe der großen philologischen Disziplinen keine Klarheit geschaffen werden. StammeS- gcschichtliche Gesichtspunkte, wie sie heute geistreich, aber einseitig Joseph Nadler antoenbet, sind der klassisch-philologischen (Otfried Müller) kunst- und literaturgeschichtlichen Wissenschaft des 19. Jahrhunderts nicht fremd gewesen. Die kunsthistorische und literarhistorische Literatur birgt zudem einen Reichtum historischer Entwicklungsbegriffe und Entwicklungsschemen, die zugleich theoretische Einsichten in die Struktur der jeweiligen historischen Subjekte enthalten, welche den methodologischen Erörterungen der Fachleute oft selbst verborgen geblieben ist. Es ist auch unabsehbar, welchen Gewinn Erkenntnistheorie und Logik davontragen könnten, wenn die Fülle von Kunstgriffen, mit welchen die Geisteswissenschaften verschiedener Fächer, Epochen und Richtungen ihren Stoff zu formen und zu gestalten versucht haben, einmal vergleichend gesichtet und begrifflich verarbeitet wäre.
Eine Reihe schwieriger logischer Fragen wie die nach der Struktur der eigentümlichen Kategorie des „Zum A u s d ru ckk o mm e ns", ihrem Verhältnis zur Kausalität einerseits, zu schlichter logischer Konsequenz andererseits, können überhaupt erst angeschnitten werden, wenn erst einmal die klassische Form, in der dieser kategoriale Kunstgriff schöpferisch aufgetreten ist, gründlich herausgearbeitet worden ist. Zahlreiche Probleme des Verstehens, das ungeheuer interessante Problem der „Charakteristik" geistiger Phänomene überhaupt, werden dann erst anzufassen sein. Ohne solche Vorarbeit werden Erkenntnistheorie der Geschichtswissenschaft. Kategorienlehren der geisteswissenschaftlichen Erkenntnis überhaupt, Entwicklungsgeschichten der Menschheit, philosophische
KLNdeutmr-Mrssrge.
Von Harrrrs Streit (Studentenwerk Berlin). 1
Aus der Praxis will ich einige Fragen der studentischen Fürsorge herausgreifen, die ein allgemeines Interesse < fordern. Das deutsche Volk muß sich über die Entwicklung auf seinen Hochschulen klar werden. (
Der Scheinstudent. ’
In allen Zweigen der Arbeit treffen wir immer wieder • Studenten an, denen das Notwendigste zur Sicherung der Lebenshaltung und der Studienkosten fehlt. Wenn in unseren ■ Existenzminimumsberechnungen ein Betrag von 172 Mark für denjenigen Studenten entfällt, der keine Fur- iorgemaßnahmen in Anspruch nimmt, so ist zwischen diesem Betrag und den bei vielen Studenten faktisch zur Verfügung < stehenden Mitteln eine solche Diskrepanz, daß weder Freitisch : noch Bargeld, noch Honorarerlaß, noch andere Hilfe aus die Dauer ausreichen, Gesundheit und vernünftiges Studium ( sichern. Da sowohl die Schule als auch.die Wirtschaft, die ; Kirche wie der Staat die freien frischen Kräfte den zerniürbten, ■ proletarisierten vorzieht, fängt selbst bei glücklichem Avgang . von der Hochschule die Kalamität mit der Stellungsuche erst an. Deshalb gibt es Leute, die sich diesem schwierigen Kampf durch ein weiteres Studium vorerst, zu entziehen suchen. Es ergibt sich also heute die Situation, daß die zum Studium innerlich Berufenen neben einer Anzahl unernsthafter Scheinstudenteii arbeiten müssen. Dem- i gegenüber schafft nur ein Prinzip Lust: Einschränkung nicht ich der Hilfeleistung für den einzelnen, sondern tm Personen- . kreis. Leute, die trotz aller Fürsorge nie auf den.stand ge- i Pracht werden können, produktive Studenten zu sein; Leute, i di« offensichtlich trotz Examina nie Akademiker sein werden; . Lenke die „nichts anderes anzufangeit wußten, als zu stu- i öieren"; auf die und ähnliche Typen muß gefahndet werden, 1 denn bei ihnen ist der Hebel der personellen EmscyranUmg . anzusetzen. Menschenkenntnis, Erfahrung und Mut zur Ent- 1 scheidung sind dafür die unabwendbaren Bedingungen an den . Mitarbeiterkreis.
Aus den verschiedenartigsten Quellen kaun einwandfrei fest- . gestellt werden, daß in Zeiten schlechter Arbeit s k o n - junktur der Zuzug zum Studium ungemein zummmt Die Abiturienten finden keine Lehr-, keine Volontär,tellen, kernen Eingang in die mittlere Beamtenlausüahn, alles ist gesperrt und , besetzt; um nicht arbeitslos herumzulungern, Bleibt das Studie- reu einfachster Ausweg. Abgebaute Angestellte und Beamte, die in der Inflationszeit, als allein d.e Stadibahnermaßl- aunqSfarte die Gebühren um ein vielfaches herausholte, immatrikuliert waren, lassen sich neu einschreiben, weil sie bann wenigstens in der toten Zeit bis zur nächsten Anstellung Akademiker mit allen gesellschaftlichen Berechtigungen, Zeugnissen und Anwartschaft sind. Gegen diese „Studenten _ saute oe m'ieux" ist die Sperre der Fürsorge in den ersten beiden Semestern eine schwache Maßnahme. Denn dadurch, daß sie beim schnellen Ablauf der Zeit bald ins dritte Semester schlupfen oder bei wieder aufgenommenem Studium von vornherein darüber hinaus sind, haben sie leider formal eine Anwartschaft erlangt, die inhaltlich nicht gerechtfertigt ist.
Wind um den Kopf!
Die jungen Semester aber, die in jeder Zeit nach Art und Leistung durchaus zum Akademiker geeignet wären und die nicht das Glück, das übrigens nicht ganz ungetrübte Gluck haben, in der Scudienstiftung des Deutschen Volkes zu {ein,, muffen aus dem Wust der Mitläufer herausgeholt und ihnen in einer viel stärkeren Weise der Ansatz verschafft werden. Der Steigbügel, durch den diese Aussichtsreichen sich dann selostandig in dm Sattel schwingen werden, heißt E r w e r b.s v e r m i 11- l u u g. Genügend Arbeit heranzuschassen, ist in dieser Zeit der riesigen Arbeitslosenziffern eine schwere Sorge. In diesem <>u- sammenhang bekommen die Bestrebungen, die sich in den ,,er- werbschaffenden Betrieben" wie Aküdo (Akademisches Ueber- setzungs- und Dolmetscher-Büro) und Zeitblick (akademisches Büro für Zeitungsausschnitte) dokumentieren, ihre richtige Beleuchtung. Wir bemühen uns aber auch noch aus anderen Gesichtspunkten um die Erwerbsvermittlung: Mögen die Studenten ausschließlich mit dem elterlichen Monatswechsel oder mögen sie zum Teil mit den Zuschüssen des Hilfswerkes ihr Studium finanzieren, sie werden nur zu, leicht zu typischen Rentenempfängern, sie verlieren die Elastizität, den Drang nach Persönlichkeitserweiterung, und sind nur starr darauf eingestellt, in der kürzesten Frist den Examensstofs Hurter sich zu bringen um ja kein halbes Jahr für die später Anstellung und die Anrechnung auf' die Dienstjahre zu verlieren. Nach den Dreißig mögen Anstellungsfragen zum guten Ton gehören, aber um die Zwanzig sind sie verfrüht. Die junge Generation an den Hochschulen kennt daS Kriegserlebnis nicht mehr. Da würde den Suchenden wenigstens die Werkarbeit helfen, zu erfahren, daß es n o ch a n d e r e D i n g e z w i s ch e n H i m m e l u n d Erde gibt als die Lehrfächer ihrer Fakultät. Deshalb ist zur Arbeitsaufnahme in. der Fürsorge zu raten, wo nur immer sich Gelegenheit dazu bietet. Der neue Akademiker wird seinen Mann nur stellen, wenn er das Volk und seine Arbeit nicht aus den Büchern, nicht aus der distanzierten „Besichtigung", sondern aus der Kraft der persönlichen Erfahrung kennengelernt hat. In diesem Zusammenhänge ist auch die Bemerkung über das „nicht ungetrübte Glück der StudienstistungS- hilfe" zu verstehen. Ein 4—Sjähriger Rentenbezug! Renten sind mild und gütig. Am Ende eines Lebens also herrlich und zweckentsprechend. Am Anfang aber gefährlich. Man wird darüber Nachdenken müssen, wie sie anzusäuern sind, damit sie den Zwanzigjährigen nicht die Energien verkümmern. Richt ein Heer von Strebern, sondern eine Truppe wertvoller Persönlichkeiten soll herangebildet werden.
Die Bargeldunterfliitzung.
Ein schwieriges Gebiet sind die Ba r g e l d u n t c r - st ü tz u n g e n. Die Summen, die dem einzelnen in unregel- mäßigen Abständen auf diesem Wege zugeführt werden, find relativ hoch. Obgleich 60 bis 70 Mark im Semester, die ein einzelner erhält, für den Betreffenden nicht sonderlich ins Gewicht fallen, so stellt doch dieser Betrag die tägliche Mittags- mahlzeit dar, die zwei Studenten ein ganzes Sommer-Semester lang dafür in der Mensa erhalten könnten. Die Bargeldunter- stützung steht dem Selbsthilfecharakter der sonstigen Arbeit am fernsten und ähnelt am meisten dem Almosenwesen der Wohlfahrtspflege. Selbst die Ueberführnng dieser Unterstützungen, in kurzfristige Darlehen bessert nicht viel. Nur zu leicht wird dann die Fürsorgestelle zur „Pumpstation" beim schlecht bewirtschafteten Monatswechsel. Einzelne Stellen haben diesen Bedenken dadurch Rechnung zu tragen gesucht, daß sie einen Teil der ihnen bar zur Verfügung stehenden Mittel in Form laufender Stipendien auf Grund eingehender Vorprüfung an die bedürftigsten und würdigsten Mitglieder ihrer Fürsorge verwendet haben. Studienstiftung im kleinen! Hier liegen manche Vorteile gegenüber dem alleinigen Prinzip der Bewilligung aus freien Anhieb. Auch die Bürgschaftsforderung selbst bei feineren Darlehen Hai sich bewährt. Ob eine Rückzahlung in den Jahren des Berufs, die man durch ein verhältnismäßig einfaches System auch für die kleineren Unterstützungen einführen könnte, sehr vorteilhaft wäre, ist bei der Schuldenlast, die den einzelnen jungen Akademiker bann jahrelang drückt und an der Familten- grünbung hindert, sehr zü bezweifeln. Für die langfristigen Darlehen, die sich auf über 1000 Mark belaufen können und von der Darlehnskasse der Deutschen Studentenschaft nur an Examenkandidaten gegeben werden, erstreckt sich deshalb die Rückzahlungsfrist auf 10 Jahre. Wenn hier auch eine kleinliche Verwendungskontrolle abzulehnen ist, so lassen doch mancherlei praktische Erfahrungen den Wunsch nach gewissen Sicherheitsmaßnahmen mitunter laut werden. Ob sie möglich und wirklich nötig sind, wird die weitere Praxis er- weiseu.
Anthropologien, Kultur- und Geistesphilosophien notwendig im Vorläufigen stecken bleiben.
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Es scheint also hier eine wissenschaftliche Ausgabe großen Stiles vorzuliegen, welche nur des Mannes harrt, der sie an-- faßt, Aber wie leicht lassen sich solche Aufgaben in abstracto stellen und in langen Reihen aufzählen, solange man sich nicht klar macht, in wie ganz verschiedenen Stadien der Vorbereitung sie (sich befinden. Die unsere befindet sich völlig im Puppen- stande. Wer wird sie lösen? Gewiß ist die große Konzeption und große Synthese stets Sache des Einzelnen, was übrigens wohl nicht nur für Philosophie und Geisteswissenschaften, sondern ebenso für die Naturwissenschaften gelten wird. Wessen aber Geistes-, Kultur- und Geschichtsphilosophie — denen wohl das brennendste wissenschaftliche Interesse der Gegenwart gilt — heute bedürfen, das sind viel weniger rasche Synthefen aus schnell errafftem Material als vielmehr sorgfältige und g e- d u l d ige. Vorbereitungsarbeiten, wie sie in erster Linie in einem Forschungsinstitute geleistet werden können. Nur hier wäre die die Kräfte des Einzelnen fast übersteigende Sammelarbeit zu leisten, welche nicht allein die Synthese von philosophischer und historischer Betrachtung schüfe, sondern zugleich die Grenzen der Fächer niederlegte und den Ertrag aller Einzelwissenschasten stofflich und methodisch verarbeitete.
Nur hier — dies scheint mir ein besonders aktueller Ge- sichtspunkt — wäre dem einzelnen Kulturphilosophen der Lebensraum zu bieten, solange die Pedanterie der akademischen Fachabgrenzungen das Arbeiten auf Grenzgebieten, und Wären sie noch so aktuell, zu einem persönlichen Opfer macht. Nur hier wäre auch eine jungeGeneration heranzuziehen, welche gleichmäßig in Philosophie und Historie erzogen in diese Aufgaben stetig hineinwüchse.
In concreto können diese Ziele auf verschiedene Weise erreicht werden. Das Ideal wäre eine wohlorganiflerte Zu- sammeirarbeit einer Anzahl von Philosophen und Vertretern der einzelnen Fächer, welche in wahrer Arbeitsgemeinschaft nach^ gemeinsamem Plane historisch, vergleichend und systematisch ein Inventar aller Ziele menschlichen Tuns und Wollens, aller bisher von der Menschheit erarbeiteter Gehalte, aller diese Arbeit beherrschenden und bedingenden Gesetzlichkeiten, sowie schließlich aller von den ersten Anfängen der Reflexion ab sich heraus bildenden Kategorien erarbeitete, in denen die Menschheit ihre eigene schöpferische Tätigkeit zu erfassen, zu bestimmen und zu lenken versucht hat. Damit wäre ein weit über das Institut hinaus- reichender Sammelpunkt kulturphilosophischer, geschichtsphilosophischer, methodologischer und nicht zuletzt wifsenschastsge- schichtlicher Studien überhaupt geschaffen. Wie lehrreich, aber auch mühsam allein eine Synopsis aller bedeutenden Ge'-bichts- auffaffungen, Geschichtsschemen und Geschichtsbilder (einschl. der sich wandelnden Auffassung und Wertung einzelner Epochen und Persönlichkeiten) wäre oder eine vergleichende Verarbeitung aller den verschiedenen Geisteswissenschaften gemeinsamen Methoden, weiß der Sachkenner sehr wohl. Die letzte kultur philosophische Synthese wäre den Einzelnen nach wie vor unbenommen.
Am leichtesten (und billigsten) ausführbar wäre dagegen ein bescheidenerer Plan, der auch bereits geeignet wäre, die kulturphilosophische Produktion der Gegenwart auf ein neues wissenschaftliches Niveau zu heben, gewisse fast unerhörte Bildungslücken und Irrtümer der gegenwärtigen Literatur unmöglich zu machen: hie. Schaffung eines umfaßlichen kulturphilosophischen Wörterbuches. Das wäre ein greifbares Ziel, das drei bis vier wohl- vorbereitete Männer in wenigen Jahren verwirklichen könnten. Am festen Skelett der Terminologie hätte es historisch und sachlich den Gehalt aller kulturphilosophischen Grundbegriffe, wie sie nicht nur die Philosophen, sondern alle Einzelwiffenschaft, ja alle solches Wissen von Menschen in Form der „Weisheit" einschließende Literatur überhaupt kennt, herauszuarbeiten. Wobei die Geschichte und Systematik aller großen Prinzipienfragen in handbuchartigen Artikeln ebenfalls verarbeitet werden könnten.
Ein ungeheurer Reichtum produktiver Gedanken über Menschheit, Geist, menschliches Dasein und Schaffen würde sich erschließen, in den Vertretern der Einzelwissenschasten das Gefühl der gemeinschaftlichen Problematik, der innigsten Verbindung mit der philosophischen Weltbetrachtung erwecken, die Philosophie stofflich und methodisch in einem seit einem Jahrhundert nicht wieder dagewesenen Maße bereichern, die Großartigkeit einzelner klassischer Systeme der Vergangenheit in einem neuen Licht zeigen. Es gilt heute, die Tiefe und den Reichtum des imIRJahrhunder^t eroberten historischen Bewußtseins in das Weltbewußtsein einzuarbeiten.
Möge wenigstens diese Aufgabe für die heutige wissenschaftlich« Lage verständnisvolle Förderer finden.

