Drenst-rg, 10. Mai 1927
Erstes Morgerrblatt der Frankfurter Zeitung
Nummer 342 Serie 3
LnftschiffverKehr SemUa-Kuenss Aires.
Die erste Luftlinie mit Zeppelin-Luftschiffen wird von Spanien uni er weitgehender Mitwirkung des Zeppelin-Luftschiffbaus in Friedrichshafen organisiert und wird von Spanien nach Argentinien führen. Der Verkehr auf dieser Linie soll mit Zeppelin- Luftschiffen ausgenommen werden, die von deutschen Ingenieuren in Spanien gebaut werden Die Verhandlungen hierüber sind von Dr. Eckener geführt worden und haben sich jetzt zu einer Verordnung der spanischen Regierung über den Luftschiffverkehr Sevilla—Buenos Aires verdichtet, die in den letzte» Tagen veröffentlicht wurde. Sie umfaßt 30 Artikel, in denen alle wirtschaftlichen und rechtlichen Fragen festgelegt sind. Die „Sociedad Colon Transaerea Espanola" übernimmt den Betrieb der Linie mit Luftfahrzeugen, von einer Mindcsttragfähigkeit von 40 Fahrgästen und 10 Tonnen allgemeiner Ladung, wovon zwei Plätze und 500 Kilogramm Ladung für den amtlichen Staatsdienst Vorbehalten bleiben. Die spanische Regierung knüpft an diese Abmachungen die Bedingung, daß später eine winde st enz einmal wöchentlich verkehrende Linie zwischen Sev'lla und den Kanarischen Inseln mit Luftschiffen für 16 Fluggäste ur> einer Tonne allgemeiner Ladung eingerichtet wird, mit her Maßgabe, daß der Staat bei Jnteresse- losigkeit der Gesellschaft diese Linie selbständig betreiben kann Der Sociedad Colon wird das ausschließliche Recht zum Luftverkehr zwischen Spanien und Argentinien auf einen Zeitraum von 40 Jahre» eing-räumt, der stillschweigend von zehn zu zehn Jähren verlängert wird. Für andere Linien nach Amerika, die von Sevilla ausgehen, erhält die Gesellschaft das Vorwahlrecht für die Dauer deZ Vertrags. Die Gesellschaft baut auf eigene Rechnung binnen höchstens vier Jahren einen Flughafen mit Flughallen, Wasserstoff- oder anderen Gasfabriken, Werkstätten usw. Me Arbeiten ersolgen unter Aussicht des Ministeriums für Arbeit, Handel und Gewerbe. Die Gesellschaft Colon verpflichtet sich, vorerst einen regelmäßigen Monatsverkehr in beid n Richtungen Sevilla—Buenos Aires einzurichten, der in einen Mäßigen Verkehr umzuwandeln ist, sobald der Post- verkehr 10 Tonnen übersteigt. Für jede erfolgreich durchgeführte Fahrt gewährt der spanische Staat der Gesellschaft 500 000 Peseten, mit der Maßgabe, daß der Gesamtbetrag 6 Millionen Peseten im Jahr nicht überschreiten darf. Wenn die so gezahlten Beträge die Summe von 30 Millionen Peseten erreicht haben, wird der spanische Staat Eigentümer der Grundstücke, Anlagen und Bauten. Für den Fall, daß nach Ansicht des Ministeriums der Verkehr nicht erfolgreich betriebe» wird, behält sich der Staat das Recht vor, die Grundstücke zu erwerben. Während der ersten vier Jahre des Betriebs müssen 30 Prozent des gesamten Luftschiffpersonals spanischer oder argentinischer Nationalität sein, nach Ablauf dieses Zeitraums aber mindestens 90 Prozent. Der Schiffsführer muß von der spanischen Regierung besonders zuge- lassen sein.
Die übrigen Artikel enthalten Bestimnmngen allgemeinerer Natur. Für den Fall eines Krieges, ist in dem Vertrag die Bestimmung enthalten, daß Luftschiffe und Geräte der Gesellschaft nach den Bestimmungen der Mobilmachung beschlagnahmt werden. Endlich wird der Sociedad Colo» auch das Recht zugestanden, den Verkehr vor dem Zeitpunkt der Vertragsdaucr aufzunehmen, wenn die Einrichtungen so beschaffen sind, daß die Sicherheit der Passagiere gewährleistet ist. fb..
Das DWpttrmroerfahrstt gsgsrr Anffmarrrr.
(Privattelegramm der »Frankfurter Zeitung'.)
Berlin, 9. Mai. Vor dem Disziplinarsenat für richterliche Beamte am Kammergericht stand Termin zur Hauptverhandlung in dem Disziplinarverfahren gegen die Gerichtsassessoren Dr. Kußmann und Dr. Caspari, sowie gegen Landgerichtsrat Peltzer am 11. Mai an. Der Termin ist jetzt aufgehoben worden, da ein Erweiterungsantrag gegenüber Dr. Kußmann gestellt, worden ist und eine Abtrennung des Verfahrens nicht möglich ist. Anscheinend ? anbett es sich hierbei um eine Ausdehnung der Unter- uchung auf die Beziehungen Kußmanns zu gewissen Zeugen im Plauener Stresemann-Prozeß.
Das Arbrttslofe«verstcherrmgsgefetz.
Berlin, 7. Mai. Der sozialpolitisch e Ausschuß de. Reichstages setzte heute die Beratung des Arbeitslosenversicherungsgesetzes fort. Die bereits mitgeteilten Vorschläge über den Aufbau der Organisation, die in dem sogenannten Antrag Esser zusammengefatzt sind, wurden int allgemeinen angenommen. Bezüglich der Uebernahme der bisher bei den öffentlichen Arbeitsnachweisen beschäftigten Personen in die neue Be- hördenorganifation will die Regierung, wie sie mitteilte, dem Ausschuß demnächst besondere Vorschläge zugehcu lassen,
A«s der MavSet ansgrschlsssim.
* Berlin, 8. Mai. (Priv.-Tel.) Der sozialdemokratische Landlagsabgeordnete Decker aus Stettin ist vom Bezirksvorstand Pommern wegen parteischädigcndeit Verhaltens aus der Partei ausgeschlossen worden. Da Decker sich weigerte, sein Landtagsmandat nicderzulegen, erklärt jetzt der Vorstand der p r e u- ßischenLandtagsfraktion, daß Decker mit der sozialdemo- kratischen Fraktion im Preußischen Landtage keine Gemeinschaft mehr habe.
Der Rerchsprkifident irr Milheimshsferr.
Wilhelmshafen, 9. Mai. (Wolff.) Reichspräsident v. Hindenburg ist heute vormittag 9% Uhr in Wilhelmshafen eingetroffen. Aus dem Bahnsteig erfolgte Empfang durch Reichs- Ivchrminister Dr. Geßler, den Chef der Marineleitung Admiral Zenker, den Stationschef Vizeadmiral Bauer, den Festungskommandanten sowie die Oberbürgermeister von Wilhelmshafen und Rüstringen. Nach Abschreiten der Front der Ehrenkompanie fuhr der Reichspräsident, van der Bevölkerung herzlich begrüßt, zur neuen evangelischen Garnisonskirche, durch die ein kurzer Rundgang unternommen wurde.
Die Rostocker Rede Westarps.
tPrivattelegramm der „Frankfurter Zeitung'-)
W Schwerin, 9. Mai. Die Aussichten der Deutschnationalen in Mecklenburg gelten als nicht günstig. Sie führen darum schon jetzt ihre Leute ins Gefecht. Am Sonntag abend hat Graf Westarp in Rostock ganze 200 Personen zusammengelockt. Ueber 2% Stunden befaßte er sich mit der Reichspolitik. Nach seinen Ausführungen (über die wir bereits im letzten Abendblatt kurz berichtet haben. D. Red.) ist cs für die Deutschnationalen eine wahre Lust, in der neue» Koalition zu leben. Die anderen Beteiligten seien ebenfalls täglich mehr erbaut davon. Ein bekannter Gewerkschaftsführer des Zentrums habe eben erst zugegeben, daß mit den Deutschnationalen viel bessere Gewerkschaftspolitik zu machen sei als mit den Sozialdemokraten. Die neue Koalition habe auch wieder Ehrlichkeit in die Finanzpolitik gebracht und mit der Reinholdschen Schönfärberei aufgeräumt. Sechs- bis siebenhundert Millionen ungedeckter Ausgaben habe Reinbold hinterlassen, und von den neunhundert Millionen Reserven, die ihm Schlieben hinterlassen habe, hätte man noch zweihundert vorgefunden. Schweren Herzens habe man sich zu Abstrichen in den Ausgaben entschließen müssen. Schlieben habe übrigens keine Thesaurierungspolitik getrieben, sondern nur die Steuergesetze seines Vorgängers ausgeführt. Uebrigens habe er mehr Steuern gesenkt, als Reinhold. Im Finanzausgleich erstrebten die Deutschnationalen durch Zuwendungen an die Länder, diesen das Eigenleben möglich zu machen, gegen Demokraten und Sozialdemokraten, die dafür kein Verständnis hatten. Das neue Schulgesetz werd« noch vor der Sommerpause im Reichstag beraten werden. An ein Reichskonkordat fei ernstlich nicht gedacht, dagegen müßten Konkordate der Länder angestrebt werden. Aufgabe der Deutschnationalen fei es jetzt, mit aller Kraft darauf hinzuwirken, daß auch in den einzelnen Ländern Regierungen der Rechten ans Ruder kämen, in Mecklenburg wie in Preußen, wo es noch nicht gelungen ist, di« ungeheure Mißwirtschaft der vom Zentrum und Sozialdemokraten gehaltenen Regierung zu beseitigen Die gegenwärtige Koalition im Reiche werde Besitzbürgerblock genannt, könne sich «her mit größerem Recht als Vertretung der Arbeiter bezeichnen, wie die Sozialdemokraten, denn sie besäße mehr Arbeiterwähler hinter sich als Sozialdemokraten und Kommunisten zusammen.
Eingehend befaßte sich Westarp mit den Zentrumsricht- l i n i e n. Hier liegt der Schwerpunkt auf der Nuance. Im Prinzip habe die Deutschnationale Partei absolut nichts aufgegeben; sie stehe noch vollkommen auf ihren Richtlinien vom Jahre 1919. Sie habe die Weimarer Verfassung nicht angenommen, sondern nur als augenblicklichen Rechtszustand anerkannt. Sie habe sich nur einverstanden erklärt, gegen Schwarz-Rot-Gold nicht mehr gehässig zu arbeiten. Westarp legte die Betonung auf das Wort gehässig. Er komme eben vom Stahlhelmtag in Berlin und freue sich über diese vaterländische Bewegung, mit der die Deutschnationalen ganz eins seien. Hier könne sich der nationale Geist ohne jene Hemmungen auswirken, die den Deutschnationalen augenblicklich auferlegt seien. Es sei ganz günstig, Wenn sich gelegentlich scheinbare Gegensätze zeigten; man sei sich im Geiste doch einig. Selbstverständlich blieben die Deutschnationalen auch weiterhin stramm monarchistisch und stünden für die Selbständigkeit der Bundesstaaten ein. Auch in der Außenpolitik seien die Deutschnationalen in keiner Weise von ihren frühere» Richtlinien abgegangen. Das Dölkerbnndsgerede habe ihr Mißtrauen nicht zerstört. Der Völkerbund sei nichts anderes als ein Machtinstrument der Feiudstaaten. Von den Stresemannschen Erfolgen von Locarno und Thoiry rede man heute nicht mehr. Selbst wenn Briand wollte, so könnte er keine Verständigungspolitik machen, das lasse die ftanzösische Einstellung nicht zu. An ein Ostlocarno sei nicht zu denken, weil die Polen nicht nur tatsächliches, sondern auch geschriebenes Recht der Deutschen mit Füsen treten.
Graf Westarp schloß seine im allgemeinen kühl aufgenommenen Ausführungen mit einem Hoch auf Kaiser und Reich, das stürmischen Beifall der Versammlung fand.
Hochw-rsserfchiiderr.
Neber die Schäden des Hochwassers vom Sommer 1926 gibt das preußische Ministerium des Innern in Beantwortung einer kleinen Anfrage folgende Zusammenstellung:
An beihilfefähigen Schäden sind festgestellt Worden:
Oberschlesien 3015 000 RMk.
Niederschlesien 22 600 000 ,
Grenzmark Posen-Westpreußen . - „ 180 000 »
Brandenburg 26 800 000 „
Sachsen . ...»»,,»,,22 000 000 „
Hessen-Nassau .,«,,«■>> 1361000 „
Hannover..... , ■ . , 9 850 000 „
Westfalen 337000 „
Pommern * , . . . 2 940 000 „
insgesamt 89 083 000 RMk.
Äbe Mittel sind bisher zur Verfügung gestellt worden: ichsmitteln ....... 4 191 000 RMk.
„ Staatsmitteln 15 031000 „
„ Provinzialmitteln ..... 9 787000 „
„ Mitteln der Kreise und Gemeinden . 7 463 000 „
„ Mitteln des Herrn Reichspräsidenten 130 000 „
insgesamt 36 602 000 RMk.
Zur Verhütung von Hochwassergefahren ist ein umfassendes Regulierungs- und Deichbauprogramm aufgestellt worden, das nach Maßgabe der zur Verfügung stehenden Mittel durchgeführt wird.
Die rmgarchche« Kegitimistr« rrrrd die österreichische Regierung.
dt Wien, 9. Mai. Der Bericht der „Arbeiterzeitung' über Beratungen ungarischer Legitimisten in Wien wird von amtlicher Seite als p h a n ta st i sch bezeichnet. Von solchen Beratungen sei überhaupt nichts bekannt. Keinesfalls aber hätten sich die ungarischen Legitimisten in irgendeiner Angelegenheit an das österreichische Bundeskanzleramt gewendet, so daß dieses auch gar keine Gelegenheit gehabt habe, eine Antwort zu erteilen. Alles, Was darüber behauptet werde, sei eine freie Erfindung.
Der RerchshalM-Usrl snmrtarif.
Von Dr. jur. K. Joseph (Frankfurt).
Am 1. Mai d. I. ist der e r st e Reich sbahn-Per- sonentarif in Kraft getreten. Sang- und klanglos hat er seinen Einzug in den engeren Dienstbereich der Reichsbahn gehalten. Es handelt sich dabei nicht um eine Aenderung der Tarifsätze, sondern um eine Neugestaltung des T a r i f s ch e m a s, die der Oeffentlichkcit jedoch erheblichen Nutzen bringt. Die Berechnung der Fahrpreise wurde bisher; immer noch nach den alten Ländertarifen aus der Zeit der Länderbahnen vorgenommen. Das alte Tarifschema hatte den Nachteil, daß vielfach die Möglichkeit der direkten Abfertigung von Personen, Gepäck und Expreßgut fehlte. Die Fahrkartenausgaben mußten entweder den Fahrpreis bei ihrer Direktion erfragen (ein Umstand, der sicher nicht der raschen Abfertigung diente) oder sie mußten zum Nachteil des Reisenden auf direkte Abfertigung verzichten. Die Benutzung der Wahlwege war überdies beschränkt, weil zur Zeit der Länderbahnen die Beschränkung der Wahlwege dem Konkurrenzinteresse entsprach. Spätere Versuche, manche dieser Hemmnisse zu beseitigen, hatten zur Unübersichtlichkeit des Tarif- materials geführt.
Nun ist das Gebäude der alten Ländertarife endlich eingerissen und ein neuer Reichsbahn-Personentarif geschaffen. Vier volle Jahre und eine Fülle von Kleinarbeit waren dazu notwendig. Die Reichsbahn verfügt über nahezu 12 0 00 Stationen, von denen und nach denen Personen. Gepäck und Expreßgut abgefertigt werden sollen. Diese Zahl erhöht sich noch um die Stationen der Privatbahnen und Kleinbahnen (ca. 1200), die in einem direkten Abfertigungsverhältnis mit der Reichsbahn stehen. Man mußte daher zunächst dazu übergehen, den Stoff den Verkehrsbedürfnissen entsprechend zu gliedern und aufzuteilen. Erst dann konnte man daran gehen, die Relationen auszurechnen und wieder zusammenzustellen. Dabei war es notwendig, eine Vielzahl der Wahlwege in zahllosen Verbindungen zu berücksichtigen, um dem Reise- bedürfnis gerecht zu werden. Gleichzeitig wurden die alten Brückenzuschläge über die Rheinbrücken beseitigt und die Entfernungen um die einst zugeschlagenen Kilometer gekürzt. Nun ist ein Werk entstanden, das den großen und mittleren Stationen die Möglichkeit zu erweiterter Abfertigung gibt. Die kleineren Stationen sind zugleich mit den Tarifen der ihnen am nächsten gelegenen großen Stationen ausgerüstet worden, so daß auch sie im Wege des Anstoßes auf weite Entfernungen ab fertigen können.
Das Werk der Vereinheitlichung ist allerdings in der Praxis noch nicht durchgeführt. Die Schalterdruckmaschinen sind noch nicht alle mit den neuen Druckplatten ausgerüstet, und die kleineren Stationen konnten noch nicht alle mit den neuen Tarifen ausgestattet werden. Zum Jahresende wird auch diese Restarbeit bewältigt sein. Um einen Begriff von dem Umfang der notwendigen Arbeit zu geben, mag erwähnt sein, daß die Fahrkartendruckerei der Reichsbahndirektion Frankfurt a. M., die nur für den eigenen Bedarf ihres Bezirkes arbeitet und jährlich rund 50 Millionen Karten drucken muß, in den letzten Wochen außer dem laufenden Bedarf 1500 000 Karten in Neudruck lieferte.
Reichsvrrd-rrrd der höheren Usrw-MrrrrgsÄramtrn.
— Stuttgart, im Mai. Der diesjährige Verbaudstag desReichs- verbauds der höheren Verwaltungsbeamten des Reichs und der Länder, der kürzlich in Stuttgart unter Leitung des früheren preußischen Finanzministers Lentze mit tätiger Mitwirkung des Verbandsgeschäftsführers, Senatspräsidenten a. D. Tüll (Berlin) stattfand, war aus allen Teilen des Reiches zahlreich besucht. Außer reinen Standesfragen (Bcfoldungsordnung usw.) befaßte sich der Verbandstag namentlich mit dem Austausch von höheren Verwaltungsb camten zwischen den einzelnen Ländern, her besonders auf Anregung des Verbands neuerdings, freilich bis jetzt nur in mäßigem Umfang, Platz gegriffen hat. Dieser Austausch soll der Anbahnung größerer Einheitlichkeit in der gesamten Verwaltung dienen, die jedenfalls Voraussetzung ist, wenn der Weg zu dem vielerorts erhofften deutschen Einheitsstaat beschritten werden soll. Für solchen Austausch ist auch diesmal wieher, namentlich Landrat Schaible (Karlsruhe), eingetreten. Von besonderem Interesse war ein Vortrag des preußischen Regierungsrats Dr. Dalchow: „Die Verwaltungsreform in Preußen". Der Vortragende hat vor kurzem den ersten Preis für eine Wettbewerbsarbeit über die Möglichkeit der Vereinfachung der Verwaltung zwecks Kostenersparnis errungen. Die wiederholten, auf Jahrzehnte zurückgehendeu Bemühungen des preußischen Ministeriums um eine solche Verwaltungsreform wurden erörtert und dabei natürlich auch das Verhältnis Preußens zum Reich nach der Weimarer Verfassung. Auch das Wesen des Parlameiitaris- m u s wurde in dem Vortrag gewürdigt. Einer Einschränkung bedarf der Satz, daß der Parlamentarismus erst nach der Revolution nach Deutschland gekommen sei, da Art. 54 der Weimarer Verfassung, wonach der Reichskanzler und die Reichsminister zu ihrer Amtsführung des Vertrauens des Reichstags bedürfen, wörtlich dem kurz vor der Revolution ergangenen Gesetz vom 28. Oktober 1918 zur Abänderung der Reichsverfassung entnommen ist. Der zweite Satz des Art. 54 hat daraus allerdings die praktische Schlußfolgerung gezogen, daß Kanzler und Minister zurücktreten müssen, Wenn der Reichstag ihnen durch ausdrücklichen Beschluß fein Vertrauen entzieht. Zur Beseitigung her Divergenz zwischen Reich und Preußen trift Dalchow für Personalunion der Männer in der leitenden Stellung des Reichs und Preußens ein.
। A. H.
London, 9. Mai. (Europapreß.) Bei Tonyrefail in Wales stürzte gestern ein Auto - Omnibus in eine Schlucht. Drei Personen wurden getötet, zwei schwer und sieben leicht verletzt.
bundenseins, wie er den schlichten Bergbewohner ergriff und ihm an die Seele rührte. Die Bewußtheit gegenseitiger Bindung hatte sich noch verfeinert durch die Zuneigung eines so fremden Beobachters.
Wir nahmen gemessener unsere Unterhaltung wieder auf. Ich trank einen Schluck Tee, der kalt und golden in der Tasse geblieben war. Die Kerze flackerte, die Flamme tanzte unruhig vor den Augen, den Lichtkreis und die Schatten drum herum mitbewegend. Die Frauen in der Ecke hörten auf zu stricken und waren still. Eine sah zu uns herüber. Der Mann neben ihr schlug plötzlich mit der Faust auf den Tisch, griff nach seinem Weinglas und leerte es mit einem Zug. Dann fragte er mit heiserer Stimme, was er schulde.
Wir beide sprachen immer noch von der Bevölkerung. Ich hörte, welchen Eindruck sie beim ersten Ankommen in Ster - zing gehabt, und in ihren kleinen, bescheidenen, von einem Unerklärlichen fast zerriebenen Worten fand ich meine eigenen Wahrnehmungen wieder, ganz die meinen. Sie erzählte, wie sie auf dem Weg im Wald ein rundes Bübchen traf, das ganz wie ein Erwachsener allgezogen war, wie sie ihm ein Stückchen Schokolade gab, wie es der Bub vorsichtig beleckte, bann ganz langsam alle Knöpfe seiner Jacke aufmachte und die Schokolade in der inneren Tasche in Sicherheit tat. Diese frühreife Behutsamkeit des bedächtige.'. Kindes der Berge, eher noch als das Genäschige eines Vier- oder Fünfjährigen, dazu der Ernst der ganz männlichen Kleidung hatte sie sehr zum Lachen gebracht. Dieser Bub übrigens hatte sich nicht entschließen können, den Mund aufzumachen.
Weiter unterhalb hatte sie eine zweite, glücklichere Begegnung. Sie verstand zwar so wenig Deutsch, daß die Unterhaltung schwierig sein mußte, aber es gelang doch, kraft ihrer Sympathie. Allerdings nahm sie ihre Zuflucht zur Bestechung. Auch diesem sechsjährigen Mädelcheil bot sie „Gutsli" an und dann bekam sie aus dessen Mund nach vielem Kichern und Köpfchenlegen bald auf die rechte, bald auf die linke Schulter Namen, Alter und Zahl der Geschwister zu hören. „Aber das Schönste war" — erzählte sie — „wie ich schon ein paar Schritte mich entfernt hatte, rannte das Mädelchen mit seinem Geschenk zu seiner Schwester und fing an, todernsten Gesichts, die Augenbrauen zusammengezogen, die Hände der anderen auf die Brust gelegt, Aug in Auge ihr Geschenk in gleiche Stücke zu teilen. Es klingt mir noch in den Ohren, das Helle „grazie" und der schöne deutsche Gruß, den das Kind lächelnd zum Abschied sagte.'
Ich schaute unterdes unverwandt entzückt in die strahlende Kerzenflamme. Indessen stellte die Wirtin das einfache Abendessen vor uns hin, ohne daß wir uns vom Fleck zu rühren brauchten, und während wir die Suppe löffelten, kamen die anderen Gäste lärmend von ihrem Skiausslug zurück. Das elektrische Licht wurde angedreht und wir bliesen unsere Kerze aus. Damit versank der Zauberkreis um uns, der magische Schleier umhüllte uns nicht mehr, feder sah jeden beim Schein
der elektrischen Lampen, die von der Decke herab das ganze Zimmer erhellten, und wir unterhielten uns laut, wie man zu mehreren spricht.
Unsere Liebe zu diesem Land, unser leidenschaftliches Interesse für die Geschichte seines Volkes hätten allein schon uns als Fremde zu dem Wunsch geführt, mit allem in Berührung zu kommen, nicht bloß mit den Menschem Wir hatten vom Tisch aus eine große heilige Familie entdeckt, die uns vorher entgangen war, und standen nun auf, um sie zu betrachten. Es war eine bemalte Plastik, ein Flachrelief in Holz, Zu unserem unsagbaren Schrecken bemerkten wir auf dem frommen alten Bildwerk das goldene Spruchband, die Gebetsformel enthaltend, mit einem weißen Blatt zugedeckt. Wir sagten unseren Wirtsleuten nichts und zogen uns instinktiv still zurück. Daß man auf der Jagd nach der deutschen Sprache nicht einmal bei ehrwürdigen Bildwerken, vor Bibelsprüchen und heiligen Darstellungen Halt machte, das trieb uns die Schamröte ins Gesicht.
Unsere Skiläufer waren schlafen gegangen. Wir blieben wieder allein und fühlten uns von Kummer bedrückt. Unsere Teilnahme, unsere Freundschaft gehörte diesem Volk, natur- notwendig, und unser ganzes Sein lehnte sich auf gegen die etwaige Forderung der Mitwisserschaft um Handlungen, wie diejenigen, denen man hier auf Schritt und Tritt begegnete. Hätten wir nicht gefühlt, wie unsere schlichte Mißbilligung hier wirkte und uns lossprach, wir hätten es da nicht ausgehalten.
Der Mond war sachte aufgegangen und wir entschlossen uns, vor Torschluß noch ein paar Schritte ins Freie zu machen. Als wir die Haustür öffneten, lag die Welt draußen wie ein Theater im Mondlicht ausgebreitet, die Bäume im Silberschatten. Ein Flimmern von Schneekristallen um uns, ein ganzes Funkelgeflimmer auf der Zauberdecke ringsum über der weißen Ebene. Dazu flimmern die Sterne zwischen den schneeigen, geisterhaften Nadelbäumen unter dem milden Himmel, ein gleichfarbiges Flimmern allerwärts in dem Frost der klingenden Nacht. Die weißen Berge ruhen breit unter der milchigen Bläue des Himmels und erheben sich sanft bis zum mattleuchtenden Gipfel.
Wir gingen durch die Nacht, entfernt von einander, jeder allein, Unaussprechliches bewegte uns, vielleicht anzudeuten in dem armen Wort: Mondzaubernacht. Im Knirschen des Schnees unter meinen Füßen hörte ich den Widerhall von Musik, unser beider Schreiten wurde zu einer Musik, derart war die Verzauberung. Ein Windhauch regte sich und ging wieder zurück. Dieser Windhauch erst gab volle Wirklichkeit dem unglaublich Geisterhaften dieser Stunde, dem unbeweglichen Schauen, dem irrlichtelierenden Flimmern. Die Göttlichkeit der Nacht war um uns in diesem Windhauch. So sind wir lange schweigend den weißen Pfad gegangen. Endlich fanden wir uns wieder, noch erschüttert, zusammen. Wir konnten die einzelnen Phasen unseres Ergriffenseins zurück
rufen, wir konnten wieder sprechen. Konnten sprechen angesichts der sanften, bläulich-weichen, gestirnten Himmelswölbung, mitten im mächtigen Schoß der weiß umhüllten Berge. Nicht ich'konnte mich entschließen, die erste Silbe zu sprechen, meine Stimme hören zu lassen.
Wir kehrten um und traten aus dem Wald. Vor uns der Himmel senkte sich wie ins Leere. Unsere Kirche und die Häusergruppe unten standen scharf gegen den hellen Mond. Bei dem Abstieg das gleiche wechselvolle Spiel der Bilder: Verschwinden des Gletschers, der Spalten, nur der obere Abfluß der Wässer gibt eine Spur des Lebens und Befreit uns von der Umklammerung. Scheint es nicht unglaublich, allein hier oben auf den Bergen in einer solchen Nacht, daß noch hier oben die Geister sich bekämpfen, als gräßliche Vorbereitung des Kriegs? Oh, der Gedanke, daß unsere fernen, unsere unmenschlichen Feinde uns nicht sprechen ließen, wenn wir morgen hinuntersticgen, daß unser ganzes Dasein für Glauben an Frieden und Freiheit der Völker, der Sprachen allein schon Verbrechen wäre — ja Verbrechen ist —, daß sie uns Vater- landsverräter nennen würden, sie, die Leugner angestammter Nationalität, die in grimmigem Zerstörungswillen blind sind für unser Verständnis, unser Mitgefühl.
Wir sind zum Ausruhen heraufgekommen und haben Unruhe gefunden. Unsere kleine Erde kreist zwischen den Sternen. Wenn von einem anderen Planeten morgen Gäste kämen, menschenähnliche Wesen, wir würden ihnen die Arme entgegen^ strecken. Und von einem Land zum anderen, weil man mit etwas anderen Worten spricht und singt und betet, weiß man nichts von Duldung, nimmt nichts von Duldung auf sich, man vergewaltigt, man heuchelt, man ist verbindlich und man lügt. Wir haben einige Kinder hier kennen gelernt, mit ihnen gesprochen und versucht, uns ihre deutsche Sprache möglichst zu eigen zu machen. Die zum italienischen Unterricht hergefetzte Lehrerin, die kein Wort Deutsch weiß noch lernen will, die die Kinder der armen Familien in der Schule hat und ihnen nicht zu Herzen spricht, diese Lehrerin hat mich schon beleidigt und verärgert fixiert, Mißbilligung in ihrem Blick. Sie ist hier als Vertreterin der Staatsgewalt, sie liebt nicht, sie versteht nicht, das ist ihre Aufgabe. Liebe zu den Kindern wäre Schlüssel zur Verwandlung, vom geltenden System das Gegenteil, aber sie kann nicht...
Ein Hund in einem fernen Gehöft ist erwacht, und gleich bellt noch einer in die klare Nacht hinein. Ich höre sagen durch die duftende Stille: „Füx mich ist Glauben und Hoffen natürlich wie Atmen. Das Gute wird siegen, wenn das Böse so dumm und unnütz ist." Das Gute wird siegen. Wir kehren lächelnd und schweigend zurück, und atmen die schneeige Nacht- lust, die einen so eigenen Dust hat. Sie haben uns schon freundlich auf der Schwelle erwartet. Unserem wohlwollenden Wirt werden die Augen größer und leuchtender, wie er lachend sagt: „Nicht wahr, es aeht sich schön spazieren bei Nacht, wenn der Himmel so klar ist?* Er schließt hinter uns die Tür,
Preußischer KmrdLKK.
(Privattelegramm der „Frankfurter Zeitung".) ch. Berlin, 9. Mai. Vor Eintritt in die Tagesordnung legt Abg. Schwenk (Komm.) Verwahrung ein gegen die Haltung der Polizei, und die Verhaftung von mehreren hundert Arbeitern, Arbeitersfrauen und -Mädchen und wegen Mißhandlungen anläßlich des Stahlhelmtages. Der Redner beantragt sofortige Besprechung des kommunistischen Antrages, die Verhütete» sofort zu entlassen. Strafen nicht zu verhängen und alle schuldige» Polizeibeamten sofort zur Vcra»twortung zu ziehen. Die sofortige Besprechung des Antrages Wird a b g e l e h n t.
Das Haus beginnt die zweite Beratung des
Haushalts der Handels- und Gewerbeverwaltung.
Aus eine große Anfrage über de» Abbau von Eisenbahn- werkstätten (Aufhebung der Wagenwerkstätte Lingen) erklärt ein R e g i e r u n g s v c r t r e t e r für alle Bezirke sei der gleiche Grundsatz maßgebend gewesen, die Einschränkungen der Belegschaften nur in Anpassung an die jeweilige wirtschaftliche Lage der einzelnen Bezirke vorzunehmen. Preußen fei_ in "einer Weise ungünstiger behandelt worden. Die Reichsbahngesellschaft habe mit Rücksicht auf hie Reparationslasten geglaubt, einen nochmaligen Abbau vornehmen zu müssen, sie hoffe aber, daß dieser der letzte sei.
Handelsminister Dr. Schreiber verliest sodann die Entscheidung des Staatsgerichtshofes, wonach Preußen mit seinem Anspruch, im Verwaltungsrat der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft einen Vertreter zu haben, obgesiegt hat. (Beifall.) Am Schluß seiner Begründung habe der Präsident Dr. Simons noch hervorgehoben, daß diese Anerkenntnis des Anspruches Preußens bedeutet, daß die Reichsrcgierimg das Mitglied Preußens zum Verwaltungsrat der Reichsbahngesellschaft ernennen muß.
Abg. Osterroth (Soz.) legt unter lebhaften Zwischenrufen der Kommunisten seine Stellung zum englischen Bergarbeiterstreik dar nnh geht aus di« Wirtschaftskonferenz in Gens ein. Was Bismarck seinerzeit für die Eisenbahn als richtig erkannt habe, treffe heute auch z. B. auf di« El ektr o w ir t s chaf t zu. Der Staat könne sich natürlich nicht nur auf aussichtslose Gebiete stürzen. Deshalb sei seine Partei durchaus für die vom Minister betriebene Politk in der Elektrowirtschaft inbezug auf die staatliche Beteiligung. Notwendig sei angesichts des verschärften weltwirtschaftlichen Wettbewerbs eine weitgehende
Verständigung unter den europäischen und außereuropäischen Industrien,
zumal man sich noch immer mit Handelsprovisorien begnügen müsse. Zu bedauern sei, daß zwischen Deutschland und England auf dem Kohlenmarkt hinsichtlich der Abgrenzung der Marktgebiete keine Verständigung erfolgt und auch noch nicht zu erwarten fei. Den Schaden habe der Arbeiter. Die Wirtschaft sei der Lebens, boden aller Kultur! Bei der Rationalisierung sei allerdings vielfach der Arbeiter der Leidtragende. Es fei aber auch teilweise, namentlich in den staatlichen Betrieben trotz der Rationalisierung nicht zu Entlassungen gekommen. Preiskonventionen seien notwendig. Besonders müßten wir auch mit Frankreich handelspolitisch in Kontakt kommen. Die Reichsregierung müsse sich überzeugen, daß die Tarifpolitik der Reichsbahn die Wirtschaft ganz anders unterstützen müsse. Auch die Verkehrswege seien besser zu gestalten. Notwendig fei schleuniger Ausbau des Hansakanals, um die rhHnisch-westsälische. Jnd-nstrie an der Wasserkante wettbewerbsfähig kzu machen. Wir stünden heute in einer wirtschaftlichen Revolution. Die Gasfernversorgung komme; das Problem der Kohlenverflüssigung sei gelöst. Das sei bei Nachprüfung mancher Kanalbauten nicht außer acht zu lassen. Seine Partei fordere paritätische Ausgestaltung der Berufskammern. So rosig, wie Loucheur sie geschildert habe, sei die deutsche Wittschaft nicht. Die Behauptung, Deutschland könne viel mehr für die Dawesleistungen aufbringen, sei völlig unrichtig. Man vergesse z. B., Wie die sozialpolitischen Notwendigkeiten dabei zurückgestellt seien. Die Völler müßten eine gemeinsame Grundlage finden, um der notleidenden Wirtschaft bei uns und bei den andern aufzuhelfen.
Abg. Conradi (Dnat.): Der Handelsminifler müsse endlich ein mal persönlich sich von den schwierigen Wirtschastsverhältnissen im Osten überzeugen. Es sei unerhört, daß der Reichswirtschaftsminister Breslauals Messestadt des Ostens nicht die Vcr- günstigungen verschaffe» wolle, die die anderen Messestädte genießen. Gerade btc Wirtschaftlichen Hauptpunkte des Ostens, die jetzt ihr Hinterland verloren hätten, bedürften besonderer Fürsorge. °
(Die Sitzung dauert fort.)
Die Ge«era!sy«ode.
(Privattelegramm der „Frankfurter Zeltung'.)
Berlin, 9. Mai. In der heutigen Sitzung der General- synode, zu deren Beginn Präses D. Winckler mitteilte, daß die Synode am Donnerstag zu ihrer Schlußsitzung zusammentreten Werbe, wurde in dritter Lesung das Gesetz über die Vorbildung der Vikarinnen verabschiedet. Gegenüber der ursprünglichen Vorlage des Kirchensenats sind die amtlichen Befugnisse der Vikarin in gewissen Punkten eingeschränkt worden. Ihre zukünftige Tätigkeit wird sich nach der endgültigen Fassung auf folgende Arbeitsgebiete ersttecken: auf die Wortverkündung, im Kindergottesdienst, in den Bibelstunden und Andachten, auf den kirchlichen Religionsunterricht und auf die Seelsorge innerhalb der Gemeinde, besonders innerhalb der Weiblichen Jugend. Dagegen ist sie nicht befugt zur pfarramtlichen Tätigkeit im Gemeindegottes- dienst, zur Verwaltung der Sakramente, sowie zur Vornahme der anderen herkömmlich vom Pfarrer zu vollziehenden Amtshandlungen. Zwei Anträge, die das achtsemestrige Studium der Theologinnen auf 6 und 7 Semester ermäßigen Wollten, wurden mit überwiegender Mehrheit abgelehnt.
In einem Schlußparagraphen wird der Kirchensenat ermächtigt, in ähnlicher Weise Wie bei dem Pfarrerbildungsgesetz Wegen der gegenwärtigen schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse die Winde st dauer des Studiums für die Anfangszeit aus 7 Semester festzusetzen.
Nach der Gesamtabstiinmung faßte Präsident D. Winckler noch einmal die Bedeutung des Gesetzes über die Vorbildung der Vikarinnen für die zukünftige Arbeit der Kirche in programmatischen Worten zusammen.
Im weiteren Verlauf der Verhandlungen wurden mehrere kleinere Gesetzesvorlagen erledigt. Im Mittelpuickt des Jitteresses stand die Beratung des Kirchengesetzes über Anstellung und Versorgung der Gemeindebeamten, das die Anstellung, Besoldung und Pensionierung möglichst anpaßt an das Staatsbeamtenrecht. Die Debatte, drehte sich hauptsächlich um die Frage, inwieweit die durch das Gesetz erforderlich gewordene finanzielle Mehrbelastung tragbar sei, und ob die Möglichkeit bestünde, für den Kreis der nebenamtlich angestellten Kirchenmusiker besondere Vergünstigungeni hinsichtlich der Versorgungsverhältnisse zu schaffen. Das Gesetz wurde sodann mit kleinen Aenderungen des Ausschusses in der vom Kirchensenat vorgelegten Form angenommen.
Grs«;s« der Kritik.
m Berlin, 7. Mai. Wegen Beleidigung der beiden Jt rd)ter,_ die seinerzeit in Magdeburg als Beisitzer im Mordprozeß Schroder fungierten, stand heute der Schriftsteller Hans Nato uek vor dem Großen Schöffengericht Charlotten- burg. Aer Angeklagte hatte im September in der „Weltbühne" eilten Artikel mit der Ueberschrift „Magdeburgs guter Richter" veroffentliaft. In ihm wurde die Tätigkeit des Vorsitzenden und der beiden Beisitzer in der Weise gegenübergestellt, daß der Der- fasser den Vorsitzenden als leuchtendes Beispiel hervorhob, die Beisitzer dagegen sozusagen als Nichtigkeit charakterisiert wurden. U. a. Würbe ihnen gesagt, sie seien „bebrillte Talare", in ihren leeren Augenhöhlen Wohne bas „Grauen", unb „aus iljnen spräche nichts als Teilnahmslosigkeit und ' Be- riiTSmübigfcit". Daraufhin stellte der Präsident des Oberlailbsgerichis Naumburg Strafantrag, obwohl sich her «(•ju erbot, jede Genugtuung zu geben. Auch vor
Gericht ernarte er, er habe nur ein Stimmungsbild schreiben, unb bte nach seiner Ansicht vorhanbene Gleichgültigkeit ber Beisitzer • !, Wetten. Es habe ihm ferngelegen, biefe in ihrer
ridjterudjen Ehre zu kränken. Der Staatsanwalt war jeboch bet Meinung, das Problem der sogenannten Justizkrifls komme gerade dadurch in die Welt, daß es im Gegensatz zu anderen Länder» gerade in Deutschland Leute gebe, die glaubten, sich über ernsthafte -lange unb Männer in frivoler Weise äußern zu dürfen. Er beantragte baher 300 Mark Gelbstrafe. Das Gericht ent- sprach diesem Antrag, indem es ausführte, ein Stimmungs- oub Wate auch zu schreiben gewesen, ohne Schatten auf bie Bei- 11561 zu werfen, wenn ber Vorsitzende hervorgehoben werden sollte.
Interesselosigkeit enthalte den Vorwurf der Pflichtwidrigkeit.
Staatliche Kredichilfe für hie oberschlesifche Eisenindustrie.
. ,■£ Berlin, 7. Mai. Der Hauptausschuß des Preußi- lAe,n ßnnbtagä beschäftigte sich gestern abend mit dem Gesetzentwurf, über bie Bereitstellung von Mitteln zur Gewährung zugunsten ber Eisenindustrie in Obers (fj. I e f r e n. Das Gesetz fordert 18,9 Millionen Reichs?
Specks Aufrechterhaltung bet Eisenindustrie in Oberschlesien. Nach längerer Aussprach« stimmte ber Ausschuß dem Ge- jetzentwurf^«.

