68. Jahrgang. Nr. 124

Abendblatt

(Nene Frankfurter Zeitung)

(Frankfurter Handelszeitung)

Für auswärts: Amt Hansa 9173

iS

Wiederherstellung der Ordnung in der Mz.

Speyer, 15. Febr. (Wolff.) Gcftern nachmittag wurden die Städtevertteter,-der Vertreter des Kreistages Dr. Beiers­dorfer, sowie drei Verteter der pfälzischen Presse von der durch die Interalliierte Rheinlandkommission eingesetzten dreigliedri­gen P r ü f u n g s k om mi s s i o n für die Vorgänge in der Pfalz 'empfangen. Die Kommission befaßte sich in ihren An­sprachen mit der gegenwärtigen Large in der Pfalz und er­klärte, sie sei gekommen, um Ruhe und Ordnung zu schaffen, wobei sie die Hilfe der Bevölkerung, des Kreistages und der Prasse in Anspruch nehmen müsse. Die Mission der Prüfungskommission lasse sich wie folgt zusammensaffen: Die Interalliierte Rheinlandkommission überträgt in Uebereinstimmung mit den Weisungen der drei Regie­rungen, die sie vertritt, einem Spezialkomitee, das sich aus je einem Vertreter der besetzenden Mächte zusammensetzt, die Aufgabe, sich in die Pfalz zu begeben, um dort alle Maßnah­men sofort zu prüfen oder vorzuscheiben, die geeignet sind, die öffentliche Ordnung und den öffentlichen Dienst wieder- herzustellen-. Die Bevölkerung, welcher Parteirichtung sie auch angehört, wird aufgefordert, in unbedingter Ruhe die Maß­nahmen, die getroffen werden, cbzuwarten. Jeder Zwischen­fall von Unruhe, Kundgebung usw. wird strengstens bestraft.

Anordnungen nicht bestehen können, wie seinerzeit die Ab­setzung von Ministern und die Behinderung des Zusammen­tritts des Landtags, weil hier Gesetzesbestimmungen verletzt wurden, die durch Anwendung von Artikel 48 der Rcichsvcr- fassung nicht außer Kraft gesetzt waren. Die noch viel zahl­reicheren Eingrifse der Militärbehörden in fast alle Verwal­tungsgebiete in Thüringen haben ihnen von den Sympathien, die ihnen anfangs entgegengebracht wurden, den größten Teil wie­der genommen. Wo irgend jemand sich bei dem Militär- befehlshaber über ein wirkliches oder vermeintliches Unrecht beschwerte, das ihm durch Regierungsmaßnahmen wider­fahren sein sollte, wurde die Regierung zum Vcvicht aufgefoc- dert, auch über Dinge, die mit den Befugnissen der Militär­befehlshaber nicht das mindeste zu tun haben und in Fragen der Personalpolitik (hier sogar mit Fragen nach der politischen Richtung von Beamten), des Schulwesens, der Justiz, sogar in Theaterfragen, über alles sollte die Regierung sich aur- weisen. Was hat das mit der öffentlichen Sicherheit und Ordnung zu tun, deren Wahrung ^alleinige Aufgabe der Mili­tärbefehlshaber ist? Solche Maßnahmen bedeuten nicht allein eine Herabsetzung der Regierung, der damit ein Untergebenen- Verhältnis zugemutet wird, sondern auch des Parlaments, das die alleinige Instanz ist, der gegenüber eine gesetzliche Verartt- wortungspflicht der Regierung besteht, und sie rufen zusammen mit sonstigen Dingen ein Gesiihl der Rechtsunsicherhcit hervor, das die Staatsautorität nicht stärkt, sondern im Gegenteil außerordentlich schwächt. Somit ist die Aufhebung des Aus­nahmezustandes die Beseitigung einer der härtesten Bela­stungsproben gerade auch für die Staatsautorität. Die Wie­derherstellung eines normalen Rechtszustandes durfte nicht länger verschoben und die Ausschaltung so vieler Grundrechte nicht verewigt werden.

Ein Gesichtspunkt dürste bei dem Entschluß des Reichs­präsidenten stark mitgewirkt haben: die Rücksicht auf die kom­menden Wahlen. Es ist ein Unding, allgemeine Wahlen unter politischen Beschränkungen vornehmen zu lassen- denn dann ist weder die Wahlbewegung frei, noch werden die Wah­len selbst als frei empfunden. In Thüringen haben dies- Hemmnisse bei den Wahlen zu manchen^Mißhelligkeiten ge­führt; in Mecklenburg ist kurz vor den Wahlen ein republi­kanisches Blatt glattweg verboten und damit eine Partei­gruppe in ihrer Wahlbewegung schwer geschädigt worden. Man durfte diese Dinge nicht so weiter treiben lassen. Man muß nun aber auch für die Zukunft Vorsorge treffen, daß der Ausnahmezustand, wenn er je wieder angewandt wird, gesetz­lich festumschriebene Grenzen erhält, die willkürliche Ausbrei­tung ausschließen und für genügende Wahrung der staats­bürgerlichen Rechte die erforderlichen Garantien schaffen. Das wird eine der dringendsten Aufgaben des Reichstags fein, an deren Erfüllung er ohne Zeitverlust Herangehen sollte. Er wird es ebenso als feine Aufgabe anzusehen haben, daß der Ausnahmezustand in Bayern, wo die Rechtsbeschränkungcn noch viel schlimmere sind, ebenso aufgehoben wird wie im übri­gen Reich. Das ist keine bayrische Privatangelegenheit, son­dern auch eine Reichssache, da nach Artikel 48 der Rcichsvcr- fassung solche Maßnahmen der LandeSregienlngen auf Ver­langen des Reichspräsidenten oder des Reichstags außer Kraft zu setzen sind. Der Reichstag hat also die Entscheidung in der Hand.

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Er nickte bedeutungsvoll.Sehr lange! Stundenlang! Ich weiß es vom letztenmal. Es ist ja auch sehr wichtig. Und. Sie vcr- stchen, eine Störung würde sie sehr übel aufnehmen. Ich bcdaure unendlickn" Dabei deutete er mit den Augen auf eine Türe, hinter der die heilige Handlung vor sich ging.

Ich habe volles Verständnis für die Wichtigkeit der Damen- Garderobc, kitte es auch in jener Stande. Wie man schlafende Hunde nicht wecken soll, so darf man onprobierende Damen nicht stören. Ter behutsame und feinfühlige Chef, der sich nicht ge­traute, einen Befehl zu erteilen, den zu erteilen er als Brocherr vollauf berechtigt war, wurde mir sehr sympathisch. Er seinerseits mochte aus meiner ernsten Miene entnehmen, daß er einem Manne gcgenübcrstand, dem nichts Weibliches ftemd war und der geneigt schien, auf sein Käufer-Recht zu Gunsten der Sachlage zu ver­zichten. Er lächelte zaghaft und machte eine bedauernde Geste.

Ich hinterlegte meine Adrefle, verabschiedete mich von dem holländischen Mitbruder, ließ das Fräulein grüßen und eilte zur Bahn. Ich dachte untertoegts nicht einmalVerfluchte Wirt­schaft!", wozu sich gewiß viele in ähnlicher Lage veranlaßt ge­sehen hätten, sondern fand die Begebenheit sehr nett. Und ich bitte die deutschen Prinzipale, jekt nicht die Hände über dem Kopf zu­sammenzuschlagen, oh des lächerlichen Geschäftsmannes im Haag. Humane Behandlung der Angestellten schließt Rentabilitätinc8 Ladens nicht aus. Voravsaesetzt. daß die Ve.käuferinnen, wie in diesem Falle, sonst cüchtig sind.ck.

fKunst in Frankfuri.fi Die Galerie Fischer macht mit graphischen Arheiten von Rahel Zalit-Marcus bekannt, mit Blättern, die das Jüdische meinen im Sinn Chagalls etwa, die aber nur von außen herankommen, sodaß anstelle des unmit­telbaren, nahen Fühlens, Erstarrung tritt, und maskenhaft ethno­graphische Spezialität sich über das Vertraute breitet. Aus den mehr illustrativen Darstellungen möchte man auf ein Studium Daumiers schließen; die grotesk-komische Note, die ab und zu an­geschlagen wird, macht es vollends unmöglich, das Profil'dies'r Künstlerin rein zu formulieren Otto Müller, dessen farbige Zeichnungen die Galerie ausstellt, hat dagegen, im Thematischen sich äußerst beschränkend, eindeutige Form und Gestalt. Dieser blaue langausfahrende Kreidestrich, der immer wieder den menschlichen Körper mit arkadischer Natur in Verbindung bringen soll, folgt dem sicheren Zug des dekorativen Willens. Eines Wil­lens, der nicht aufhövt und nichts ausläßt, der das Bild als Gan­zes, als die zu schmückende Einheit sieht. Daß diese Dekoration die Besonderheit des Gefühls vermittelt, eine sanft beitete Ly rik, daß diese geraden Striche im Grunde weich und rund die Glie­der umschließen, hierin wird man das innere Recht solcher Kunst zu suchen ,haben.

In Trittlers Kabinett finden sich Aquarelle und Ra­dierungen des Hamburger Willi'Ha bl, Aeußerungen eines viel­leicht an Corinth geschulten Temperaments. Akt und Landschaft werden in gleichet Art gesehen, hastig, mit einer gewissen Angst vor dem Detail. Das Ganze bet Silhouetten ist man mach'e sagen durch allzu schräge Kursivschrift eher erhascht alz er­rungen- Di« harte Buntheit der Aquarelle wird dem Unausge-

nen, ich sah Autotypien, Platinblätter, Pigmentdrucke, sogar Ra­dierungen wurden mir angeboten keine Wiedergabe genügte mir, der das Wunder im Museum erlebt hatte. Ich bemängelte kreidige Lichter und zu schwer vergabene Schatten, auf einem andeven Blatt waren die Farbenstufungen nicht gekommen, ein drittes zeigte zu viel Retuschen, eines war zu glatt und eines zu rauh, eines schwamm in brauner Sauce und ein anderes knallte schwarz-weiß. Schon wollte ich meine Bemühungen ab- brech en und lieber ohne eine sichtbare Erinnerung an :as ge­liebte Bild heimfahren als mit einem schlechten Druck, da nahm sich in einer Kunsthandlung ein schönes Fräulein meiner an. Auch sie hatte in ihremSaul und David"-Lager, keine Wiedergabe, die meinen Wünschen genügt hätte, aber als ich tbi unbrünstig erklärte, was mir das Bild bedeute und daß nur eine gute Nach­bildung eine lebenslängliche Gnade sei und. meine Gezanken natür­lich auch angenehm an sie, die Verkäuferin, zurückführen werde, versprach sie mir behilflich zu sein. Ich setzte ihr auseinander, eine einfache Photographie auf Albumin-Papier, möglichst ohne technische Verbesserungen durch den Retuscheur, werve mich noch am ehesten befriedigen. Sie bestimmte einen Taz, bis zu dem sie die'Photographie in der gewünschten Größe besorgen wolle und ich verlängerte meinen Aufenthalt im Haag bis zu d-r bezeichneten Stunde. Als ich zu der verabredeten Zeit, zur Abrei'e fertig, erwartungsvoll in den Laden kam, empfing mich statt des Fräuleins der Prinzipal und fragte nach meinen Wünschen. Ich sagte ihm, fein Fräulein wisse Bescheid, ich hatt, lange mit 'br verhandelt, es habe keinen Zweck, ihn zu unterrichten, auch müsse ich schleunigst zum Bahnhof. Da wurde der Mann Der? 'gen und schaute mich beklommen an.

Rufen Sie doch die Dmnc", sagte ich,oder ist sie nicht da?"

D a ist sie schon/ erwiederte der Mann, ein älterer Herr, von dem ich den Eindruck empfangen hatte, er bekümmere sich nicht viel um sein Geschäft, sondern überlasse es der Verkäuferin,aber sie kann jetzt nicht gut kommen!"

Aber warum denn nicht?" fragte ich nervös.Sagen Sie ihr doch- der Herr sei da, den sie bestellt habe!"

Es geht nicht", sagte er zögernd.Es geht wirflich nicht.

Sie ist nicht allein."

Aber sie könnte doch einen Augenblick kommen. Ich erhalte ein Bild, keine fünf Minuten nehme ich sie in Anspruch. Oder ist sie vielleicht krank?"

Das nicht. Doch möchte ich sie nicht stören."

Aber um Himmelswillen, was ist denn los? Ich kapiere das nicht."

Der Prinzipal bequemte sich zu einem Geständnis:Ich weiß nicht, mein Herr, ob Sie mich verstehen werden: Die Putz­macherin ist da. Das Fräulein probiert Hüte auf! Sie begreifen?"

Ich begriff. Unsere Augen tauchten wissend ineinander. Der sonderbare Chef stand vor mit'tote ein ängstlicher Knabe. ..

«Glaube» Sie, daß es sehr lange dauert?"-

Der Papst als Tourist.

r Wien, 14. Febr. (Priv.-Tel.) Der Papst, der in früheren Jahren bekanntlich ein leidenschaftlicher und gewiegter Tourist war, hat einem Innsbrucker Universitätsprofessor anläßlich einer Audienz ein Exemplar feinet kürzlich von der Sektion Mailand des italienischen Alpenkiubs herausgegebenen alpinen Schrift als Geschenk für die Innsbrucker Universität überreicht.

Verhaftete Börsenkommissianäre.

h Budapest, 14. Febr. (Priv.-Tel.) Im Lause des heutigen Tages tourden 63 Börsenko m m issionäre und Agenttn, toelche die ihnen anvertrauten Gelder veruntreuten, verhaftet. Nach einer Meldung der Polizei sind seit dem 1. Januar gegen 174 hiesige Börsenkommissionäre etwa 1 500 Anzeigen erstattet worden. Insgesamt handelt es sich bei diesen Anzeigen um rund 15 Milli­arden veruntreuter Gelder.

Die Kriegsschulden der Alliierten..

Paris, 15. Febr. (Wolff.) Nach einer Meldung aus Washington wird die mit der Konsolidierung der interalliierten Schulden be- auftragte Kommission am Montag in Washington zusammen­treten.

Frankfurt, 15. Februar.

Der Ausnahmezustand, der am 1. März fein Ende erreichen soll, ist seit über vier Monaten in Kraft. Vom 23. September 1923 datiert Die Verordnung, welche die voll­ziehende Gewalt durch den Reichswehrminifter auf die Mili­tärbefehlshaber übertrug und vom 8. November die Verord­nung über die Uebertrognng außerordentlicher Vollmachten an den General v. Seeckt. Dieser erklärt jetzt selbst, daß die ihm damit übertragene Aufgabe im allgemeinen erfüllt und die Staatsautorität so weit gefestigt sei, daß die unter dem Aus­nahmezustand eingeleitete Sanierung ohne ihn weiter geführt werden könne. Demgemäß kündigt der Reichspräsident die Aufhebung des Ausnahmezustandes zum ersten März an, wobei auch er als Wirkung des Ausnahmezustandes die Wiederher stellung der Ruhe und Ordnung und damit die Schaffung des Bodens bezeichnet, auf dem die Opfer erheischenden Maß­nahmen zur finanziellen und wirtschaftlichen Gesundung wei- tergesuhrt werden konnten. Wenn hiernach der Zweck des Ausnahmezustandes als erfüllt anerkannt wird, so muß matt fragen, warum nicht ohne einen weiteren Verzug seine Auf­hebung verfügt wird, sondern noch zwei Wochen die Be­schränkung der bürgerlichen Freiheiten fortdauern soll. Uno zum zweiten entsteht die Frage, warum nicht einfach bestimmt wird, daß an dem und dem Tage der Ausnahmezustand auf­hört, sondern daß der Reichspräsident in seinem Schreiben an General v. Seeckt erklärt, erbeabsichtige", den Ausnahme­zustand am 1. März aufzuheben, statt aus dieser Absicht gleich die Tat zu machen. Wir nehmen nicht an, daß in dieser Aus­drucksweise noch irgendwelche sachlichen Vorbehalte liegen, son­dern vermuten, daß es sich um formale Rücksichten handelt; aber bei so wichtigen Dingen sollte man solche Rücksichten zurückstellen und ganz klar und unzweideutig das Gewollte zur Durchführung bringen.

Die Ankündigung wird in Deutschland, mit Ausnahme mancher reaktionärer oder einiger besonders verängstigter Kreise, überwiegend mit Genugtuung ausgenommen werden. Denn die endliche Aufhebung des Ausnahmezustandes ist die Erfüllung einer Vokksforderung, die bei einer Fragestellung durch ein Volksbegehren eine überwältigende Mehrheit ge­funden hätte. Ob die Verhängung des 'Ausnahmezustandes überhaupt notwendig gewesen ist, das ist eine Streitfrage, über die heute nicht mehr diskutiert zu werden braucht. Er war im Gegensatz zu früheren Fällen nicht basiert auf einem Zustand; bestehender Gefahr, sondern auf der Besorgnis vor drohenden inneren Wirren angesichts einer besonders schweren Belastungs­probe und insoweit wenigstens verständlich. Aber da es zu wirklichen Störungen nicht gekommen ist, kann man jetzt auh nicht gut von der Aufgabe sprechen, die Ruhe und Sicherheit wiederherzustellen. Immerhin sind manche terroristische Aus­wüchse beseitigt und insoweit ist die Staatsautorität befestigt worden. Aber je länger je mehr wurde die Aufrechterhaltung des Ausnahmezustandes untragbarer für die Bevölkerung, weil die politischen Freiheiten, die wichtigsten Grundrechte der Staatsbürger nicht auf Monate hinaus aufgehoben bleiben konnten, ohne daß schließlich die Staatsautorität selbst die schwerste Gefahr lief. Denn die Grundlage für alle Staats­autorität ist schließlich das Recht, und ein Zustand, bei dem an die Stelle der sicheren Rechtsbestimmungen eine unbe­schränkte Verordnungsgewalt gesetzt wird, widerspricht dem Gefühl des Rechts und kann höchstens ganz vorübergehend er­tragen werden, wenn täglich seine Notwendigkeit nachgewie­sen wird und die jeweiligen Machthaber sich bei der Anwen­dung ihrer Machtbefugnisse in den allerengsten Schranken halten. Das ist hier zweifellos nicht geschehen, wie die Blüten­lese der in den Zeitungen veröffentlichten schweren Ein- und Uebergriffe beweist. Die Presse stellt ja schon für sich allein ein besonderes Leidens'kapitel dar, und die vielen Verbote. Verwarnungen und Ermahnungen, denen die Zeitungen auch in den ruhigsten Landesteilen, sogar bei sachlichster Kritik, unterworfen worden sind, haben von einer Pressefreiheit nicht mehr viel übrig gelassen. Die Einschränkung des politischen Vereins- unb Versammlungswesens in manchen Gebieten hat dort allgemein als politische Unfreiheit gewirkt. Und die unmittelbaren Eingriffe in das Verwaltungswesen selbst haben die Dinge schließlich zur Unerträglichkeit zugespitzt und den Widerspruch auch solcher Kreise gesunden, die sonst mit dem Ausnahmezustand zufrieden sich abgefunden hätten.

Wir haben in früheren Artikeln nachgewiesen, daß manche Eingriffe in Sachsen die Probe auf die RechtSgültigkeit der

Sie drille Sleuenwlvsrorömmg.

Das Reichskabinett hat sich, wie gemeldet, entschlossen, trotz des Mangels der Zustimmung des Reichstagsausschusses auf Grund des Ermächtigungsgesetzes im letzten möglichen Augen­blick die dritte Steue.Notverordnung zu erlassen. Die Debatten, die seit dem Vekanntwerden des Entwurfes dieser Verordnung geführt worden sind, haben zwar nicht zu einer Aenderuiktz im System der Aufwertungsregelung und der Jnflationsgewinn- besteuerung geführt, aber sie haben doch im einzelnen die Re­gierung zu Aenderungen veranlaßt, die man als Verbesse­rungen ansprechen darf.

Die Hauptänderung besteht darin, daß die H ö ch st g r e n z « fürdie Aufwertung von Hypotheken, Grundschulden und anderen Reallasten von 10 auf 15 Prozent heraufge­setzt worden Ist. Damit ist den Forderungen der Gläubiger zwar nicht Genüge geleistet, aber doch etwas entgegengekommen. Für die Schuldner bleibt es bei der Möglichkeit, mit Rücksicht auf ihre Vermögenslage zur Abwendung grober Unbilligkeit eine Herabietzung des Aufwertungssatzes zu verlangen. Von großer Bedeutung ist ferner die Beseitigung der F r i st e n, die der Entwurf für die Möglichkeit einer Aufwer­tung vorgesehen hatte. Damit wird also der Kreis der auf- wertungsberechtigten Forderungen außerordentlich erwei­tert. Im besonderen wird die für Pfandbriefe im Entwurf vorgesehene Ausnahme für nach dem 1. Januar 1919 erworbene Pfandbriefe beseitigt. Das bedeutet nicht zuletzt eine wesent­liche Vereinfachung des technischen Verfahrens. Erfreulich ist es auch, daß für Sparkassenguthaben und Lebensversicherungs­verträge die Aufwertungsmöglichkeiten gegenüber dem Entwurf günstiger gestaltet worden sind.

Am geringsten sind die Veränderungen in dem viel befeh­deten Artikel, der die Sperre für Verzinsung und T.i lgung der öffentlichen Anleihen ausspricht. Diese Vorschriften sind im wesentlichen aufrecht erhalten wor­den. Sie stellen ja, wie an dieser Stelle schon ausgeführt wurde, im Augenblick nichts anderes vor, als die rechtliche Sanktio­nierung des infolge der Geldentwertung bereits seit längerer Zeit tatsächlich bestehenden Zustandes. Eine sehr vernünftige Ausnahme wird nur in besonderen Fällen filr'K o in m u n a l - Anleihen vorgesehen. Mindestens in den Fällen, in denen Kommunen Anleihen für Betriebszwecke ausgenommen und ver­wendet haben, liegt es in der Tat nahe, diese Anleihen in der Aufwertung nicht anders zu behandeln, als Obligationen von Jndustriewerken.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Verordnung auch in ihrer neuen Form in weiten Kreisen Mißfallen finden wird. Das Ideal der Gerechtigkeit ist durch diese Regelung nicht be­friedigt. Das muß man rückhaltlos zugeöen, auch wenn man glaubt, daß es schlechterdings unmöglich ist, auf diesem Gebiete der -Regelung des Inhaltes der Geldschulden die Ungerechtig­keiten', bie eine vieljährige JnslationSperiode erzeugt hat, wieder in Gerechtigkeit umzuwandeln. Jeder radikale Versuch in dieser Richtung müßte, ganz abgesehen von der Unmöglich­keit, an der er durch die Sage der öffentlichen Finanzen scheitert, zu schweren wirtschaftlichen Erschütterungen führen, die neues Unrecht mit sich bringen würden. Aus dieser Erkenntnis folgt, daß man sich wohl oder übel mit einer Kom­promißlösung abfinden muß. Und es ist immerhin ein Vorteil, daß die öffenlliche Diskussion das Kompromiß ver­bessert hat, wenn es auch nicht in allen Punkten dem entspricht, was wir für möglich und wünschenswert gehalten hätten.

Da die Verordnung auf Grund des Ermächtigungsgesetzes erlassen worden ist, besteht an sich die Möglichkeit, daß dec Reichstag nach seinem Zusammentritt ihre Wiedevauf- hebunq fordert. Es wird nicht an Stimmen fehlen, die von dem Reichstag dringlich eine Mion in dieser Richtung ver­langen werden. Bei der Stellungnahme zu diesem Problem darf man aber nicht vergessen, daß es für unser Wirtschafts­leben von außerordentlicher Bedeutung ist, auf diesem Gebiet endlich einmal zu klaren und endgültigen Ver- h ä l n i s s e n zu gelangen. Solange die 3turtoertungSfrage in der Schwebe ist und im Einzelfall von der Unsicherheit einer Gerichtsentscheidung abhängig ist, ist es schlechterdings nicht möglich zu einer Klarheit der Bilanzierung zu kommen, .die gleichermaßen im Interesse der Wirtschaft, wie im Inters des Steuerfiskus erforderlich ist. Deshalb spechcn bei aller preislichen Unzufriedenheit im Einzelnen auf Spezial- ftaaen wird noch an anderer Stelle einzugehen sein doch sehr gewichtig« Gründe dafür, die jetzt getroffene Kompronttst- löfung nicht von neuem völlig umzusioßen.

Koblenz, 14. Febr. (Wolff.) DerKoblenzer Generalanzeiger" ist für drei Tage verboten worden.

Auf der 3. und 4. Seife:

WZrMMM derTränierter Zeitung,

arbeiteten des,Zeichnerischen entsprechen. Die wenigen Arbeiten ston Karl Fischer (Frankfurt) leiden unter der Last ihrer schema­tichen Bedeutung. Es wird immer schwer halten auf einem arm seligen Blättchen Graphik ein Gefühl, eine Leidenschaft an sich zu gestalten. Zumal, wenn der Apvarat der künstlerischen Vor- stellunaen noch klein und einfach ist wird es besser sein,'das All­gemeine sich aus dem Werk ergeben zu lassen Es darf bei dieser Gelegenheit etwas rein Formales bemerkt werden: bei den Dar­stellungen aus unserer Altswdi liegt "bet Hauptrciz nattistich in der Tiefenwirkung der Gasse, die. vom Laternenschein etwa be- leuchtet durch die scharfen Winkel und Vorsprünge der Häuser tneaternaft überschnitten wird Die Gestaltungsaufgabe wird je­doch darin liegen, den Vorgrund, nämlich die Seitenwände der bog.Lenzenden Häuser zu sonnen und mit der Tiefenwirkung in Emllang zu bringen; es genügt sichet nicht, ein effektvolles Ge- toume in der Mitte zu geben, um die Ränder mehr oder minder elegant ins Nichts verlausen zu lassen.

In Zinglets Kabinett hat man eine Ausstellung der Radierungen von Oihon Coubine (Paris) veranstaltet Es toit^ damit wiederum ein Beispiel gegeben, wie in? Masten die künstlerischen Absichten zu einer bewußten Umgestaltuna des For­malen führen können, ohne dabei an Intensität zu verlieren. Die wenigen Radierungen, die Coubine zu einer Ausgabe von Sbak-- sveares Sonetten (Querschnitt-Verlag. Frankfutt) entworfen'hat. scheinen aus der Region des Carstens, beS Cornelius zu stammen. ®ie Singe sind wieder unb wieder gefiltert bis zur reinen Linien- vchttgkett. Es fehlt bie. verhaltene Wärme nazatenischen Gefühls, nküdet atmen diese Gebilde, lautloser bewegen sie sich im Raum Der Cornelius der Taunusreise ist ihnen näher als der Faust- illustrator. Wird in den figürlichen Darstellungen die schöne Form in haarfeinen Zügen wie in einen? Netz gefangen mit ge- fälliger Handbewegung. so offenbart sich ber eigenste Reiz dieser Kunstübung im Landschaftlichen. Da ergeht sich die Hand spielend und doch beherrscht, es bildet sich märzliches Gesträuch, schmieg­same, krönende Dörfer aus bet Hügelmusik ber Provence über bie etn mildes, fast schattenloses Licht sich breitet. ' B. R,

(Der Hofanzug der Labour-Miiristcr.1 Die neuen Labour-Minister haben ihre Sorgen. Poincare, die Pfalz, Ruß­land, die Arbeitslosen. Damit nicht genug, müssen sie sich nun auch darüber schlüssig werden, was sie anziehen wollen, wenn sie zu Hose gehen. England, dieses in feinem Lebensstil so aristo­kratische England gibt sich nicht damit zuftieden, daß die Politik der Arbeiterminister sich so harmonisch in bie alten Bahnen fügt, man will auch wissen, wie bie neuen Minister sieb dem Zeremoniell anpassen. England ist beruhigt: bie goldbestickte Galauniform wird zwar kaum von einem der Mrtarbeiter Macdonalds getragen, sie ist zu teuer, unb boshafte Gemüter behaupten, baß man her Parteikasse die Ausgaben nicht zumuten wolle, weil man ja nicht wisse, wi« lange bie A.beiterminister des ministeriellen Fracks überhaupt be­dürfen. Aber c3 gibt einen Ersah, Ersatz sogar in England. Di« Arbeiterminister brauchen sich nur in den schwarzen Frack zu stecken, de« ttifl« nicht in Pfunden schwimmendeu höfischen Besuchern seit

Anm. d. Red.: Die von Koblenz entsandte Kommission hat also nicht nur den Auftrag, zu untersuchen und zu berichten, sondern sie hat auch sogleich die ihr erforderlich scheinenden Maßnahmen zu treffen. Die Wiederherstellung der Ord­nung in der Pfalz wird also nicht dem ständigen Kreisdcle- gierten der Rheinlandkommission General d e M e h überlassen. Bei der Interalliierten Nheinlandko-mmission besteht offenbar di« Absicht, die Verwaltung der Pfalz vorläufig dem Kreis­tag zu übertragen. Das bedeutet zwar auf der einen Seite die Erledigung derautonomen Regierung", zugleich aber auf der anderen Seite di« fortdauernde Ausschaltung der rechtmäßigen obersten Verwaltungsbehörde, d. h. der leitenden Beamten der bisherigen pfälzischen Kreisregierung. Dies entspricht einem Kompromiß, das aus naheliegenden Gründen', aus die Wit gestern kurz hingewiesen haben, von Paris aus angeregt war. Eine Londoner Meldung, die uns von der Eca-Korrespondenz zugeht, deutet an, daß man sich dort diesem Vorschlag wenig­stens für eine Uehergangs Periode angeschlossen habe. Ob eine solche Zwischenlösung dem Willen der Pfälzer Bevöl­kerung entspricht, scheint uns zweifelhaft. Bisher ist sie der Meh cheit des^Kveistages selbst bedenklich erschienen, weil darin die Vorbereitung einer Abtrennung von Bayern liegen kann, die man nicht von, außen aufgedrungen haben will Auch die grundsätzlichen Anhänger einer solchen Abtrennung stehen zwar meist den gegenwärtigen Machthabern in München ohne Sym­pathie gegenüber, aber sie identifizieren die Kreisregie­rung, wenn sie auch formell vom bayrischen Gesamtminffterium abhängig ist, weder mit d'-'^m noch mit dem bei allen Pfälzischen Parteien besonders schle angeschriebenen Generalstaatskom- nnssar Kahr. Man vergißt in der Pfalz nicht, wenn auch sonst recht viel kritisietr wird, daß die Kreisregierung häufig eine recht selbständig« und viel vernünftigere Haltung eingenommen hat als die Heroen in München. Wir erinnern nur an die entschiedene öffentliche Stellungnahme gegen jeden Uebergang zu aktivem Widerstand während des RuhrkampseZ.

Kaiserslautern, 15. Febr. (Wolff.) Durch Deffützung des Kreis- Oclcgicrten bet Pfalz finb sämtliche Sport- unb Studenten­vereinigungen im Bezirk Kaiserslautern aufgehoben worden.

Nachdem sich eine Abordnung des Stadtrats vergeblich bemüht hat, bei dem hiesigen Ortsbelegie :ten eine klar« Stellungnahme gegenüber ben Separatisten zu erhalten, hat sich gestern mittag eine Abotbnung, bestehend aus bem Vertreter des Bürgermei­sters, zwei Schutzleuten, die an ben Vorgängen auf bem Bezirks­amt beteiligt waren, unb zwei auswärtigen Pressevertretern nach Speyer zu dem Kreisbelegierten begeben. Bis jetzt liegt noch keine Nachricht vor, otb die Abordnung empfangen wurde unb was bas Ergebnis war.

Die Parteien im Thüringer Landtag.

o Weimar, 14. Febr. (Priv.-Tel.) Das Stärkeverhältnis der einzelnen Parteien im künftigen Landtag hat auf Grund weiterer Berechnungen bis jetzt noch folgende Veränderungen erfahren: Tie S. P. D. wird danach 17 statt bisher 15 Sitze erhalten, di« K. P. D. 13 statt 12, die Völkischen 7 statt 6 und der Ordnungsbund 35 statt 32. Das Verhältnis zwischen dem Ordnungsbund und den übrigen Parteien, das bisher 32 zu 33 war, hat sich also in 35 zu 37 geändert. Zu beachten ist allerdings, daß die amtlichen Unterlagen erst von einem der vier Wahlkreise vorliegen und somit die angegebenen Zahlen noch nichUendgültig sind. Die bisherigen Feststellungen stützen sich lediglich auf vorläufige Berechnungen der Zentral­stelle, das endgültige amWche Ergebnis wird erst am Samstag zu erwarten sein.

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__ anes Loeb.l Im Alter von 65 Jahren starb in

Sltto Loge Jaques Loeb ber seit 1892 Mitglied

bes Rockfeller-Jnstituts war. Loeb, em deutscher in Mayen irn Rheinland geboren, fand in seinem Vat-rlanbe keinen Wir­kungskreis- Zwar wurde er Assistent am PlMologischen Institut in Würzburg dann in Sirastburg, und ging spater an das Zeutsch« Zoolonflch« Institut in Neapel, aber eine Professur die ihm reiche Wirkungsmöglichkciten verschafft hatte, b.'tam er nicht. 0o folgte er dann einem Rufe nach Chica go und übernahm 1910 Leitung der biologischen Abteilung des Rockefeller-^nstttuts- JL Forscher hat Loeb ber Wissenschaft außerordentliche Dienste ge­leistet. Er legte dar. toelche Aufgabe den Salzen ^m Verlckys der Lebensvorgänge zukommt, er schrieb über den S^°btropl!S worunter jene Bewegungen zu verstehen flnb, welche

die Lebewesen auf Lichtreize machen und bewies daß

baw wie bei der Pflanze, kerne eigentliche Gehrrn- tätrgkeit nötig ist, er berichtete über bie Regeneration verlorener Gliedmaßen bei niederen Tieren. Seh: bedeutsam waren die Ergebnisse seiner Studien über bie Entwickln n g Rs tierischen Eis Es gelang ihm an See- Igeln und Machen der Nachweis daß es lebendiger und benxahdxr

Flüssigkeit nicht bedarf, um ein Ei zu entwickeln, sondern daß - re chemischen Sub-wnze,, der Spermatozooen dazu genügen. Loeb Agie also die Möglichkeil ber Entstehung des Lebens ohne den eigentlichen geschlechtlichen Vorgang. Ein F r o s ch, ben Loeb auf bitte WAse erzeugte bat seiner Zeit viel Auneben gemacht und ist'bem Gelehrten, wie Prof. Lennhoff in "Dossischen Zertung erzählt, von frommen Setten als Eingriff in bk göttliche Orb nung sehr übelgenommen worden

= sTrfftfier Grund?) Wilhelm Hausenstein hat vor kurzem an dieser Stelle eine von ttefstenEikcnntwss-ngetragE Sttidi« über RembrandtsSaul und David ver­öffentlicht. Wer vor dem geheimnisschweren Bilde im Maurtts- huis im Haag gestanden hat, der erbebt vor ihm, denn all^ Sein unb alles Leid umspannen diese Mir Meter Lcmwand. Das Schändern ist ber Menschheit bestes Teil. Auch mir schauderte, als ich es sah und die ausqucllcnben ^.one horte, die au8 der Harfe des Knibcn tröstlich ben König bewegen, bem die Welt eitel geworden. Ich nahm nur vor, eine gute Wieder­gabe des Gemäldes zu erstehen, um eine Erinnerung an bas Original zu haben. Zwar war ich mir bewußt, lebe, auch die besce photomechanische Vervielsälttgung werde ein schwacher Notbehelf sein, da auch die ernsteste Nachahmung die Seele des schuldig bleiben müsse, aber eine leidliche Wiedergabe d«S Bildes werde es wohl geben. So ging ich dem auf bie Suche, betrat einen Kunstladen, bekamSaul und David" in allen Großen unb Dervielsältigungsveffahren vorgelegt und zog enttäuscht toieber ab. Im zweiten, dritten, vierten dasselbe Ergebnis. Ich Prüfte Lichtdrucke und Photogravuren, farbige und fchwarze Reproduktiv»

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