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SS. Jahrgang. Nr. 374
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Sie Zefprechungen in Berlin.
Berlin, 19. Mai. .(Priv.-Tel.) Die am letzten Freitag abgebrochenen Besprechungen von Vertretern der bürgerlichen Mittelparteien mit der Regierung wurden heute mittag Im Reichstage fortgesetzt. ES nahmen daran Vertreter des Zentrums, der Demokraten und der Deutschen VolKpartci teil; von der Regierung waren Reichskanzler Marx und Minister Dr. Strefemann anwesend.
ES scheint, daß d t« heutige Besprechung die Dinge noch Nicht weiter gefördert hat. Man hat in Aussicht genommen, morgen vormittag wieder zusammenzukommcn. Inzwischen wird heute nachmittag das Z e n t r u m seine erste Fraktionssitzung abgehalten haben. Morgen vormittag werden die D e m o k r a - ten und die Deutsch nationalen folgen. Vielleicht wird man dann allmählich auch über die konkreten Forderungen der Dcutschnationalen Bescheid erhalten, die sie bisher ängsiLch geheimgehalten haben.
Farbe bekennen!
Jti einem Artikel der in Mannheim erscheinenden „Neuen Bad eschen Landeszeitung" lesen wir:
Was wollen die Deutischnationalen in b-r Außenpolitik? Das weiß man nicht. Nicht einmal ihre Wähler erfahren cs und sehen sich schon jetzt enttäuscht. Wissen es d-nn die Dcutschnaiionalen selber, was sie wollen? Offensichtlich nicht, denn sie sind sich in der Haltung gegenüber dieser schlechthin entscheidenden deutschen Lebensfrage nicht einig. Und wenn ihre Führer vielleicht innerlich davon überzeugt sind, daß auch lle nach Lage der Dinge werden ..Erfüllungspolitik" treiben müssen und die Schwenkung allmählich vorzubereiten trachten, fo wollen ste es jedenfalls nicht sagen, weil ste ihren Wählern diese rasch: Wandlung nicht zu gestehen wagen, und vor allem, weil iie zunächst tinmai an die Macht kommen wollen. Darin sind iie einig. Das wollen sie. Dawes- Gutachten und alles anders komntt daneben erst in zweiter Linie . . . Aber sie müssen Farbe bekennen. Die innerpolitische G esu nd n n g Deutschlands hängt davon ab, daß groß: Teile des Volks, deren Naironalgesiihl von einer alten Klasscnschicht, die wieder zur Macht gelangen möchte, mißbraucht worden ist, zu der Erkenntnis kommen: inan kann auf längere Zeit hinaus keine anders Politik treiben, als hi» durch den Verlust des Krieges geschaffenen Tatsachen in Rechnung zu stellen und den allmählichen Wiederaufbau durch friedfertiges Arbeiten und Kräftesammeln in die Wege zu leiten, nicht aber durch phrasenhaft: Auspeitschung des gequälten Nationalgefühls, hinter dem keine Macht steckt. Sichtbar vor aller Welt muß klargestellt werden: daß die Deutschnationalen entweder schon vor den Wahlen gewußt haben, daß ihre durch keinerlei Macht gestützte Politik der Ablehnung, des Widerstands gegen übermächtige Gegner undurchführbar ist, daß sie also da? Volk belogen haben, als sie die Möglichkeit einer solchen Politik vortäuschten, oder, daß sie unmittelbar nach den Wahlen die Unausführbark.it solcher Politik einsehen und damit bekennen müssen, daß sie unfähige Politiker ohne Augenmaß sind und keinen innerlich berechtigten Anspruch auf Führung erheben können, oder drittens, daß sie, unbe- lehrt durch die Tatsachen, gewissenlos genug sind, daS Volk in eine aussichtslose Kampfstellung gegenüber der ganzen Welt hinein- zumanövsrieren und den Launen bis zum äußersten gerüsteter und entschlossener Gegner wehrlos auszuliefern, nur, um aus Klassengeist die innere Herrschaft in Deutschland auszuüoen, die sie anderen, Vernünftigeren und Gewissenhafteren, nicht gönnen. Diese Klärung halten wir für unbedingt nötig, weil die rechtsradikale Demagogie, solange diese Situation verschleiert werden kann, immer wieder neue Unruhe schassen und den Wiederaufbau hindern kann.
Platzsorgen im neuen Reichstag.
b Breslau, 19. Mai. (Priv.-Tel.) Die „Breslauer VoW- macht", die dem bisherigen RetchStagspräsidenten Löbe nahesteht, berichtet über die Sorgen der P l atz v e r tei> u n g im ne it en Reichstag. Schon im alten Reichstag hätten die Deutsch- nationalen eifert, weiter rechts als wie sie könne niemand stehen, daher sei den Völkischen das Recht auf die Plätze ar. der äußersten Rechten zu bestteiden. Auch die Volkspartei und das 3<mtntm weigerten sich, die völkischen Herren neben ihren Plätzen aufzunehmen. Jetzt werde diese Frage noch einmal aufgeworfen. Herr v. Grase und Herr Ludendorsf wallten links von den Deutschnationalen sitzen. Diesen Platz bestveüen ihnen sedoch die 44 Ab- B‘ lesen der Deutschen Volkspartei. Es wird sich weiter eine nandersetzung daran knüpfen, ob die Deutsche Volks- Partei, wie die Völkischen es wünschen, links vom Zenttum Platz nehmen, in den Bänken, in denen ehemals die Nationalliberalen saßen. Eine Umgruppierung in entgegengesetzter Richtung wünscht- die B a y r i s ch e V o l ks p a r t e i, die bisher zwischen Demokraten und Zenttum saß und die nunmehr rechts vom Zentrum bei den „nationalen" Parteien ihren Platz finden müßte. Anscheinend wird skch eine neunte Fraktion im Reichstag durch den Zusammenschluß von 10 Bauern- und MittelstandsSündlern mit 5 Welfen bilden, deren Platz auch in der Nachbarschaft des Zentrums zu suchen ttffire.
Sunjatsen.
London, 17. Mai. (Europapreß.) Nach einer Meldung aus Hongkong hat Sunjatsen seine Tätigkeit wieder aufgenommen. Die auswärtigen Konsulate in Kanton sind offiziell von seiner Wiederherstellung informiert worden.
Karulos WMärzeit.
Wtt entnehmen der spannenden „einzig autorisierten Äphie" des größten Sängers unserer Epoche, Caruso, die (in Bearbeitung von Pierre D. R. Key, deutsch von Curt Thcflng und mit einem Anhang über .Carusos Gesangsmethode" reich illusttiert und mit Notenbeispielen versehen) - im Verlage von Buchenau u. Reichert in München erscheint, die folgende ergötzliche Schilderung seiner Militärzeit.
Zwanzig Jahre alt, erhielt Caruso den Befehl, sich einer ärztlichen Untersuchung für den Militärdienst zu unterziehen. Diese Aufforderung versetzte ihn in panischen Schrecken. Angsterfüllt suchte er bei Freunden Hilfe, und diese.wandten sich vn eine einflußreiche Persönlichkeit, die sie beruhigte, daß,.ter junge Caruso die ärztliche Untersuchung ohne Besorgnis über sich ergehen lassen könnte. Er fei schmächtig, und schon seine äußere Erscheinung heute auf eine zarte Konstitution. Aber wie die Untersuchung auch ausfallen. sollte, er brauche sich keine Sorge zu machen, denn! es gebe Mittel, ihn frei zu bÄomnen. Als. sich jedoch ter Sänger zitternd der militärischen Kom- niission vorstellte, wurde er geistig und körperlich für tauglich befunden, seinem Vaterlante als Soldat zu dienen; und er erhielt die schriftliche Weisung, sich unmittelbar nach feinem einundzwanzigsten Geburtstage zum Eintritt ins Regiment bereitzuhalten.
Tie Geschichte seiner militärlschrn Laufbahn schilderte Caruso so letenbig, daß ich sie, soweit wie möglich, in seinen eigenen Worten wiedergeben will,
„Es war Ende Februar 1894, als ich von meinem Dater, meiner Stiefmutter, von Giovanni und Assunta Abschied nahm und mich nach Rieti über 9tom auf den Weg machte, wo ich zu meinem Regiment, dem 13. Artilleri eregiment, stoßen sollte. Während meines achttägigen Aufenthalts in Rom hatte ich eins Harts Behandlung durch den Unterleutnant meiner Batterie auszustehen, der aus Gründen, dis ich nis erfahren habe, ein heftiges Mißfallest an mir nahm.
Ms er bemerkte, daß ich ein mffevabler Reiter war, ließ er keine Gelegenheit vorübergehen, mich, wenn ich erst auf- gesessen war, noch hilfloser zu machen Er trat an meine Seite und drchte grob meine Füße, um sie in die richtige StellMsg zu bringen. Oft schlug er mich auch mit ter Peitsche über die Beine. Mz wir endlich Rieti «rtichteft, hörte seine Verfolgung auf.
Da ich meine freie Zeit von vier Uhr nachmittags bis abends dazu benutzen'wollte, meine Stimme zu'ute», sah ich
Sie Leiden Meldorfs.
Reue kiefemgreifende Beschlagnahmungen.
■f" Düsseldorf, 19. Mai. (Priv.-Tel.) Die VesatzungS- b e h ö r d e hat heute morgen über die Stadt Düsseldorf weitere ttefcingrelfende Beschlagnahmungen verhängt, weil die Stadtverwaltmig sich standhaft weigerte, den von der Besatzung verlangten Neubau einer Artilleriekaserne in Angriff zu nehmen. Von der Beschlagnahme sind folgende Gebäude bettoffen worden: Nheinmetallwerk 9, ein Teil des Schlachthofes, das Werk Nheinstahl, das neij erbaut worden ist, die gedeckte Reitbahn der Polizei, sämtliche für die Schupo hergerichteten Wohnungen, insgesamt 145, die Konzertsäle des Zoologischen Gartens und der große Kunstpalaft Die beiden letzteren Beschlagnahmungen sind für Düsseldorf umso nachteiliger, als Ende Mai eine große Kunstausstellung im Kunstpalast eröffnet werden sollte und die Konzertsäle des Zoologischen Gartens'gerade erst mit großen Kosten neu hergerichtet worden sind. Es ist zu befürchten, daß der Im Wiederausblühen begriffene Zoologische Garten für daS Publikum wieder geschloffen werden muß.
In den letzten Tagen sind große Transporte neuausgehobener Mannschaften in Düsseldorf angekommen, die offenbar hier von der Besatzung ausgebildet werden sollen.
Zer Äitstmut im MWergbM.
△ Aus dem Ruhrgebiet, 19. Mab (Priv.-Tel.) Die Sage hat eine weitere Verschärfung durch den geffetgen Betriebs- rätekongreß der „Unton" und den Kongreß der Jungkommunisten in Bochum erhalten. In beiden Versammlungen wurde der Beschluß gefaßt, den aKmpf jetzt auf das politische Gebiet zu übertragen. In ten Versammlungen, die heute morgen im Gelsenkirchener Revier stattsMi- den, kam allgemein eine verschärfte Kampsstimmung zum Ausdruck, die sich ganz besonders gegen die Fortführung der Not- standsarbeiten durch einzelne Arbeiter, Angestellte und Beamte, wandte. Es wurden Beschlüsse gefaßt, die Notstandsarbeiien zu unterbinden.
Zu einer wüsten Demonstration kam es am Sonntag abend. Etwa 600 Frauen drangen in die Zeche Königsgruüe in Röhlinghausen bei GÄsenkirchen ein. Die Notstandsarb eiter wurden von ihren Arbeitsstellen geholt. Erst dem Eingreifen der Polizei gelang eS, die Demonstrantinnen mit blanker Waffe zu entfernen. Seit dem heutigen Morgen ruhen auf dieser Zeche alle NofftandSarbeiten.
Mit allen Mitteln müßte versucht werden, von Berlin aus eine andere Beilegung des Streiks herbeizuführen. Die Erbitterung der Arbeiter richtet sich hauptsächlich dagegen, daß in dem neuen Abkommen nichts enthalten ist, was nicht schon in den als unmöglich bezeichneten Verhandlungen in Hanmi enthalten war.
Bis vsrabsiimmung m Hannover.
Berlin, 19. Mai. (Wolsf.) Der amtliche preußische Pressedienst teilt mit: Als amtliches Gesamtergebnis der Hannoverschen Vorabstimmung:
Es wurden abgegeben im Regierungsbezirk Hannover 144 816 Ja-Stimmen, in Hildesheim 82 691, Lüneburg 11670-1, Stade 70 882, Osnabrück 83 866, zusammen 448 961. Die Zahl der Stimmberechtigten betrug 1768 800. Die Anhänger des Tren- nungsgedankenS hatten für die Vorabstimmung davon ein Drittel gleich 589 600 Summen aufzubringen. Es fehlen ihnen also 140 639 Stimmen.
Die Belgier bei Mussolini.
London, 19. Mai. (Wolsf.) Der Brüsseler Berichterstatter der „T i m e s" schreibt zu dem Besuch der belgischen Minister bei Mussolini in Mailand, die Minister wünschten von Mussolini seine Zustimmung dazu zu erhalten, daß sich die italienische Regierung Großbritannien, Frankreich und Belgien bei ihren Bestrebungen, die Anwendung des Sachverständigenplanes sicherzustellen, auschließe. Die belgischen Minister seien der Ansicht, daß die Schwierigkeiten auf dem Wege dieser Anwendung nur überwunden werden könnten durch eine Vereinbarung zwischen den Alliierten, die einen Eindruck auf Deutschland machen werde. Sie seien der Ansicht, daß die Strafmaßnahmen, die notwendig werden, falls Deutschland seinen Verpflichtungen zu entgehen suche, im Voraus festgesetzt werden sollten. Dies sei der heikle Punkt der gegenwärtigen Verhandlungen. Unter den Gegenständen, die in Mailand erörtert werden sollen, befinde sich auch die Frage der interalliierten Schulden. Theunis und Hymans erwarteten die Zustimmung Italiens zu dem Gedanken einer internationalen Konferenz, die stattfinden soll, sobald die neue französische Regierung gebildet und das vorherige Einvernehmen erzielt ist, das notwendig ist, um den Erfolg der Konferenz sicherzustellen.
mich nach einem geeigneten Platz um und fand ihn auch in ter großen Exerzierhalle. Gleich am ersten Tags, an dem wir uns in dem Rietier Lager eingerichtet hatten und ich meine Uebungen sang, kam ein Korporal in die Halle und rief mir zu: „Schnell! Der Major will dich sehen/ Ich erkundigte mich, was er wünschte. Der Korporal entgegnete: „®ö3 weiß ich nicht; vielleicht hat er Briefe von deiner Familie für dich, vielleicht will er auch mit dir über dein Singen sprechen."
Ich hoffte, der Major hätte einen Brief von meinem Vater für mich, den-n ich war. knapp bei Kasse. Dann dachte ich wieder, er wolle mir vielleicht Komplimente über meine Stinrme machen. Ich folgte dem Korporal zu der Tür von des Majors Zimmer, das an die Exerzierhalle stieß. Nachdem ich einige Augenblicke dort gewartet hatte, ohne daß mir befohlen wurde einzutveten, erkundigte ich michp
„Darf ich hinetnkomntenl?"
Eine barsche Stimme antworteten „Ja, komm herein." Als ich das Büro betrat, nahm ich meine Mütze ab und erhob meine Hand zum Gruß. Der Major saß schreitend vor seinem Pult. Er blickte nicht auf, was ihn aber nicht hinderte, mich dach zu sehen. Er hatte scharfe Augen, der Major Nagliati. Endlich — es schien mir eine lange Zeit verstrichen — hob er den Köpft
Verlegen stand ich da, während er mich von Kopf bis Fuß musterte, und noch verwirrter wurde ich, als er sagtest „Du mußt ein dummer Kerl fein.'
Ich antwortete nicht, Jpj dem italienischen Heere gilt es als. Regel, daß der Soldat seinem Vorgesetzten nicht eher antwortet, als bis er direkt gefragt wttd. Mer warum nannte er mich einen dummen Kerl? Ich solle es gleich hören.
„Warum salutierst dir, wenn du keine Mütze aufhast?* erkundig-te sich der Major. »Weißt du nicht, daß das vorschriftswidrig ist?" Ich erwiderte, daß ich erst seit acht Dagen Soldat sei.
„Dein Stan»?' schnauzte der Major mit seiner barschen, rauhen Stimme.
„Mein Name ist Camso, Enrico Caruso/
„Oh!* erwiderte er. Es war freilich eigentlich keine Antwort, sondern eher ein unwillkürlicher Ausruf, den der Major, wie ich bald entdeckte, sehr liebte.
„Woher?* forschte er. Ich sagte, daß ich aus Neapel flamme,
„Warum belästigst du mich und Machst solchen Lärm?'
Ich entgegnete:' „Ich. übe."
„Ueben? Was?"'
«Ich übe meine Stimme,"
Die nafiottaliWeti LeMorrslralionen.
Berlin, 19. Mai. (Priv.-Tel.) Bei den gestrigen Z u- s a m m e n st ö ß e n, die anläßlich des „Ulanentages" in Fürstenwalde stattfanden, wurden von der Polizei etwa 75 Anhänger der Kommunistischen Partei verhaftet. Gegen sie soll nun ein Verfahren wegen Laud- ftiedensbruchs usw. eingeleitet werden. Unter den Festgenommenen befand sich auch der kommunistische Abgeordnete G e s ch k e und der ftühere Abgeordnete Hoffmann- Schmargendorf. Sie werden beschuldigt, die Leitung der kommMistischen Gegenaktion in der Hand gehabt zu haben. Nach Feststellung ihrer Personalien wurden ste aber auf freien Fuß gesetzt.
Das Eingreifen der Polizei zum Schuhe des „Ulanentages" scheint nach den darüber vorliegenden Berichten durchaus nicht tadelSfrei gewesen zu sein, jedenfalls wird von nichtkommunistischen Besuchern behauptet, daß die Polizei wahllos gegen jeden vorgegangen sei, der nicht äußerlich erkennbar dem Kreis der den Ulanentag veranstaltenden nationalistischen Verbände angehörte. Dann seien auch aus dem Munde von Polizeibeamten beleidigende Aeußerungen antisemitischen Charakters gefallen, die auf die Zusammensetzung der verwandten Polizeikörper bedenkliche Rückschlüsse erlaubten.
I» BreSlau, 19. Mal. (Priv.-Tel.) Die so provozierend angekündigte Kundgebung der rechtsradikalen Verbände in Breslau ist infolge der rechtzeitigen Gegenmaßnahme von republikanischer Seite sehr wenig eindrucksvoll verlaufen. Nachdem öffentliche Umzüge verboten waren, war einer der größeren Säle für die Feier gemietet, doch gelang es dem Aufgebot zahlreicher, zum Teil mit Autos van auswärts herangezogener Verbände und Stoßtrupps nicht einmal, diesen Saal restlos zu füllen.
Die Gegenkundgebung des Bundes Schwarz-Rot-Gold war stark besucht. Auch der sozialdemokratische Oberpräsi- d e n k beteiligte sich daran und hielt eine in der Form zurückhaltende Ansprache in republikanischem Sinne. Weiter sprachen dann noch der demokratische Landtazsabgeordncte Herrmann und der sozialdemokratische Landtagsabgeordnete Winzer, worauf die Versammlung ruhig auseinanderging. Die Gerüchte über kommunistische Kundgebungen haben sich nicht bestätigt. Die Kommunisten haben zwar große Aufrufe in ihrer Presse gebracht, doch scheinen sie infolge ihrer Schwäche in Mittel- und Niedersehlesien nicht einmal den Versuch gewagt zu hoben, ihre Anhänger in BreSlau an diesem Tage zu versammeln.
Erste Kundgebung dec Deuffch-induskrtellen Vereinigung.
ch- Berlin, 19. Mai. (Priv.-Tel.) Im Hotel Esplanade veranstaltete heute die vor einigen Tagen neu gegründete „Deutsch-Jndustriellenvereinigung" ihre erste öffentliche Kundgebung. Der Zweck der Versammlung war schon in der Einladung deutlich genug bezeichnet worden. Man wollte gegen den Reichsverband der deutschen Industrie, der sich auf den Boden des Sachverständigengutachtens gestellt hat, ein oppositionelles Gegengewicht schaffen. Ungefähr 300 Vertreter von Einzelfirmen und Verbänden nahmen an der Kundgebung teil. Auffallenderweise hatte es auch das Präsidium der Rentenbank mit Herrn Dr. L e n tz e an der Spitze für notwendig gehalten, zur Information, zu erscheinen. Weiter waren anwesend der bekannte General W a 11 e r, der völlische Abg. Ahlemann und. die Vertreter einiger kleiner Jndustrieverbände, darunter bezeichnenderweise auch der des Verbandes. Deutscher Uniformtuchfabrikanten. Die Kundgebung wurde von Direktor R ü t g e r s geleitet. Das Referat erstattete der „Finanzsachverständige" des Alldeutschen Verbandes Oberregierungsrat Dr. Bang. Er wandte sich, wie zu erwarten war, aufs schärfste gegen die Annahme der Sachverständigenberichte.
Von der Badischen Anilin- nnd Sodasabrik.
(Privattelegramm der „Frankfurter Zeitung")
O Mannheim, 18. Mai. Die Wiederaufnahme des Betriebs geht wegen der schweren Schädigungen durch das seinerzeitige Verhindern der N o t st an d's a r 6 et t e n und den Vandalismus rabiater Streikenden nur langsam vor sich. Wegen der großen Gefahren, die sich aus dem Zustande der Apparaturen ergaben, war eine peinliche Kontrolle erforderlich. Man sand große Verwüstungen vor. Es wurden beispielsweise im Kohlenbüro die Pulte und Aktenschränke aufgebrochen und ihr Inhalt fußhoch über den Boden zersttcut, der Kassenschrank demoliert und seines Inhaltes beraubt, die Schreibmaschinen gestohlen, die Rechenmaschinen zerstört. Im Laboratorium im Bau 73 sand man alle Apparate aus Glas zerschlagen, die mikroflopischen und sonstigen wissenschaftlichen Hilfsmittel, teils Privat-, teils Fabrikcigentum, unbrauchbar gemacht, Schreibtische, Pulte und Mtenfchränke erbrochen. An der Rheinseite der Fabrik ist keine Fensterscheibe mehr ganz. In der Fabrikgärtnerei sind all« Pflanzen eingegangen, das Schuhlager der Arbeiterschaft (Arbcitereigentum)wurde gestohlen. Ekelhafteste Verunreinigungen wurden an vielen Stellen, sogar an den Schreibmaschinen vorgefunden. Von den Arbeitern sind b i 8 jefe 14000 tolebet eingestellt
„Oh! Was triebst du, bevor du Soldat wurdest?" wünschte er zu wissen.
Ich erklärte, daß ich studiert hätte, um Sänger zu werten.
„Sänger? WaS für einer?"
„Opernsänger."
„Oh! Wie lange mußt du bienen?" mar seine nächste Frage.
„Drei Jahve," entgegnete ich- Doch bas mußte er ja wissen, und ich wunderte mich, weshalb er sich danach erkundigte.
„Drei Fahre Soldat, hm! Rach drei Fahren — gute Nacht, Stimme!"
Es folgte eine lange Pause, dann sagte ter Major mit dem gleichen strengen Blick: „Ich wünsche ferner nicht, durch deine Stimmübungen belästigt zu werden, ich habe nachmittags zu arbeiten. Mach, daß du jetzt fottkommst."
In Erinnerung, was er mir über die Vorschriften gesagt hatte, setzte ich meine Mütze auf, salutierte und ging hinaus. Neugierig erwartete mich der Korporal.
„Was wollte er?" fragte er.
„Er ist verrückt," entgegnete ich
Als jedoch Major Nagliati zwei Tage später an mir vorbeikam, blieb er stehen und fragte mich zu mefc’er Ueter- raschung: „Was wirst du heute nachmittag wahrend deiner freien Zeit tun?"
Irgendwie faßte ich plötzlich Mut und sagtet „Ich will meine Stimme fiten."
„Gut," meinte er, „wenn du mit deinen Uebungen fertig bist, triffst. du mich um fünf Uhr im Kaffeehaus."
Sobald Major Nagliati außer Sicht war, umdrängten mich meine Kameraden; sie wollten gern wissen, warum mich ein Offizier in solcher Weise gestellt hätte. Als ich ihnen von ter Aufforderung des Majors erzählte, heute nachmittag in dem Heinen Cass zu erscheinen, in dem sich um diese Zeit die Offiziere aufhielten, begann ein großes Raten, was mir wohl passieren würde.
„Er wird versuchen, dich ins Gefängnis zu stecken," prophezeite einer und ging pfeifend fort.
Pünktlich um fünf Uhr stand ich vor dem ®af6, hütete mich aber wohl- einzutreten. Ein Gemeiner darf kein Lokal betteten, wenn er weiß, daß sein vorgesetzter Offizier dort ist. Durch die Tür konnte ich den Major Nagliati int Hintergründe des Ca-fcks an einem kleinen Tisch sitzen sehen. Er las Zeitungen und rauchte eine Zigarette. Ich ging vor dem Eingang auf und ab und blieb gelegentlich stehen, um einen Blick hineinzuwerfen, in ter Hoffnung, des Majors Aufmerksamkeit attf mich ju ziehen; aber unbeirrt las und rauchte er
von Nt ßcise des NarlMenkarismus Mr parlWeMrischen Mise.
Die in ter „Frankfurter Zeitung" geführt« öffentliche Aussprache über die auS den Reichstagswahlen zu ziehenden politischen Konsequenzen setzt Professor M. I. Bonn (Berlin) fjter mit interessanten Darlegungen fort. Red.
5ftt di« Redaktion ter „Frankfurter Zeitung",
Vor einem halten Jahre hatten wir in Deutschland' eft« ernsthafte Krise des Parlamentarismus, die zum Teil aus der mangelhaften Geschicklichkeit, mit der man in Deutschland dis Methoden des Parlamentarismus gehandhabt hat, hervorging und von den Parteien ter Rechten zur Propaganda für bte Diktatur ausgiebig verwendet wurde. Obwohl «s an Bewerbern^ für diesen Posten damals nicht gefehlt hat, sind die! gleichen Gruppen heute zum Parlamentarismus zmückgekehrt, um mit 'diesem ihre Zwecke zu erreichen — ein Verfahren, das durchaus zu begrüßen ist
Allerdings machen sie sich eine eigenartige Theorie deS Parlamentarismus zurecht: Die Pattei der Sieger, die stärkste Partei, müsse regieren. Das sind ihrer eigenen Auffassung nach die Deutschnationalen, die durch Aussaugung des Landbundes in der Tat arithmetisch ein paar Nasenlängen voraus finte Aber eigentlich scheint diese Auffassung reichlich bescheiden- Der große Kampf gegen ten „Marxismus" hat, wenn man näher zusieht' dazu geführt, daß anstelle von 188 „Marxisten", darunter 15 Bolschewisten, heute 162 „Marxisten" da sind, einschließlich 62 sich echt dünkender Bolschewisten, zu denen man eigentlich noch die 32 Nationalbolschewisten ter Deutsch völ- kischen Freiheitspartei zählen müßte. Eine Regierung Ruth Fischer-Graefe dürste als Regierung ber' Sieger viel berechtigter sein als eine Regierung Hergt.
Der Anspruch der Deutschnationalen auf die Regierung geht in Wirklichkeit von einer ganz schiefen Auffassung be9 Parlamentarismus aus. Berechtigt zum Regieren ift'bie Partei, die die Mehrheit hat, aber nur bie Partei, die bia Mehrheit hat, beziehentlich bie Mehrheit schafft. Mit ihren weiteren und engeren Gefolgsleuten kommt bia Deutschnationale Partei höchstens auf 150 bis 160 Stimmen, weiter ist der Ruck nicht gegangen. Sie ist genau so eine! Minderte itzpattei samt ihren Anhängern, wie sämtliche unteren Parteien, und kann nur zur Mehrheit werden durch irgendeine Form der Koalition. Sie hat auch im Wahlkampf die heutige Koalitionsregierung nicht besiegt. Soweit die heutige Regierung, fiir die man sicher kein großes Maß von ^Begeisterung aufüringen kann, eine einheitliche Wahlparole gehabt hat, war sie nur die folgende: Ist das deutsche Volk bereift die Befreiungspolitik der Regierung mitzn> machen, die Rhein und Ruhr durch Zahlung eines Lösegeldes nach den Plänen be 8 DaweS-K omitees Deutschland zurfickgewiir- nen will? Zeigt es diese Bereitwilligkeit nicht- so muß eS die andereAri der Befreiungspolitik wählen, nämlich die, die Franzosen mit Waffengewalt aus Ruhr und Rhein hinauszuwerfen. Die Wahl zwischen diesen beiden Politiken ist die einzige Frage der teutschen Politik, die von irgendwelcher, Bedeutung ist. Alles andere ist im Augenblick Dekoration. Wer die SBefrehmg mit Waffengewalt wählen will, muß den Weg zeigen, auf dem sie geschehen kann. Stahlharter Wille ersetzt große Kämmen ebensowenig, wi« bie lauteste Deklamation es tut. :
Das deutsche Volk hat sich zweifelsohne für die P ol i - tik der Befreiung dur ch Aufbringung eines Lösegeldes entschieden. Tie drei Regierungsparteien haben mit der Sozialdemokratie zusammen 237 Stimmen von 471. Das ist eine Mehrheit von 3 Stimmen. Es ist nicht anzunehmen, daß die Keinen Gruppen, bie meist nur nach inneren Gesichtspunkten orientiert sind, für die militärische Lösung sind) und bei den Kommunisten dürste daS auch nicht der Fall fein. Aber das kann nicht durch Addieren und Subtrahieren privater und beamteter Stellen entschieden werten, sondern muß im Reichstag entschieden werden. Die Regierung muß e i n klares Vertrauensvotum für ihre Befrei» u n g s Politik verlangen. Mrd ihr dasselbe versagt, so muß Mekniae Partei, die die Führung der neuen Mehrheit mit Wort und mit Stimme bei diesem Mißtrauensvotum gehabt hat, mit der Bildung eines neuen Kabinetts betraut werten. Dann kommt die Chance für die Deutschnationalen, die selbstverständlich das Recht haben, sichandie Stelle der Regierung zu setzen, deren auswärtige Politik sie mißbilligen; aber sie haben nicht das Recht, den Rücktritt eine^: Regierung zu fordern, weil sie selbst deren auswärtige Politik fortfetzen wollen.
Es ist gar nicht nötig, daß die Deutschnationalen, um ztt regieren, einen Bürgerblock machen. Wir haben viel zu viel Koalitionspolitik in Deutschland gettieben. Um Mehrheiten zu haben, muß man bei Wstimmungen znfammengehen. Aber Parteien, die einander wesensftemd sind, brauchen nicht im
weiter. Endlich tief er einen Kellner (er hatte mich gleich tek meiner Ankunft bemertt), und ich hörte ihn sagen: „Sagen Sie dem Soldaten draußen, er soll hereinkonmien." Ich betrat das Caf6 und ging an den Tisch des Majors. Er hakte ein böses Gesicht, aoer ein gutes Herz.
„Haben Sie bereits gegessen?" fragte er. ;
„Ja," erwiderte ich.
„Sie sagten mir, Sie seien Neapolitaner, dann müssen Sie Kaffee lieben. Rauchen Sie?" Er bot mir eine Zigarette an und bestellte Kaffee. Dann griff er wieder zu feiner Zeitung und ignorierte mich. Die ganze Zeit über versuchte ich zu erraten, warum er mich wohl hierher bestellt habe. Der Major war ein seltsamer Mann. Endlich legte er die Zeitung fort und zog seine Uhr.
„Ich glaube, ich habe etwas für Sie gesunken," meinte er« „In dieser Stadt wohnt ein Baron, ter bie Musik liebt. Ich sprach mit ihm über Sie und bat ihn, Sie in fein Haus kommen zu lassen, um Ihre Stimme üben zu können. Der Baron wird bald hier erscheinen."
Darin irrte sich ftelich der Major, denn statt des Barons kam dessen Bruder und erklärte, da es feinem Bruder nicht möglich gewesen sei, die Verabredung einzuhalten, habe er ihn hierher geschickt.
„Oh!" rief bet Major Nagliati. „Nun, das ist der Burschch fiter den ich mit Ihrem Bruder gesprochen habe. Wir wollen zu ihm gehen." >
So machten wir uns tettn gemeinsam auf ten Weg, doch ter Baron war noch nicht nach Hause zurückgekehrt. Am folgenden Tage erhielt ich jedoch ten Befehl, wieder hin» Sehen. Der Baron war ein freundlicher Mann, Musiken
Pianist, und eS schien ihm Freude zu machen!,' meinem Gesang zu begleiten und meine Fehler zu korrigieren. Dies« mir von dem Major verschaffte Gelegenheit machte mich ganz glücklich; und doch wagte ich nicht, mich bei ihm zu bedanken. Ich wußte, daß es ihm nicht angenehm wäre. Ihm genügte daS Bewußtsein, alles nach seinem Wunsch eingerichtet zu! haben. Wahrscheinlich erstattete ter Baron Bericht fiter mich
So arbeiteten wir zusammen, und in den ersten fünf Tagen int Hause des Barons studierte ich die gange Rolle des „Turiddu" aus ter „Cavalleria rufticana". Inzwischen hatte das ganze Regiment erfahren, was geschehen war. Bisweilen schleppten mich meine Kameraden in der Freizeit in bie Exerzierhalle, wo ich ihnen zahlreiche Lieder Vorsingen mußte. Wer schon nach einigen Tagen erschien eines Nachmittags Major Nagliati und stellte mich. „Wie oft muß ich dir wieder, holen, daß du mich nicht mit deinem Singen bet ästigen sollst," fragte er. Es war lediglich die RficksiHf aus meine Stdrmo,
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