M

I

W

M

in

der

vergleiche sie, die weder ein Bild geben, noch den breiten,

und

I

(wenn überhaupt noch einmal der Versuch gemacht werden sollte, was mir reichlich unnötig scheint) keine andere Ueber- setzung des französischen Heine lesen als diese wirklich an­mutige und verdienstrsiche Herbert Eulenbergs, die überdies noch von einem geistigenSchattenbild" eingeleitet ist und im Juwelenkabinett deutscher Uebertragungen ihren besonderen Schnein verdient.

Je pense ä. la ndgresse. amaigrie et phthisique, Pietinant dans la boue. et cherchant. loeil hagard, Les cocotiers absents de la superbe Afrique Derriere la muraille immense du brouillard.

Von Kurt Münzer.

Es begann damals, vor Jahren, beim Begräbnis des Land» rats von Hofrichter. Trallenstein ist ein Städtchen von etwa zwanzigtausend Einwohnern, das sich wie eine unschuldig bet» lreote Einfalt an den trotzigen, hohen Felsen geschmiegt, der das alte Herzogsschlotz in den süddeutschen Himmel hebt. Man «nut sich innerhalb der Stadt, soweit man auf guten Nomen, Titel, Stand oder Schönhtit darauf Anspruch hat.

Die Landrätin, die sich bei der Pflege ihres an Scharlach schnell verstorbenen Gatten angesteckt hatte, war zu Haus ge­blieben, bei ihr die h. gereisten, weiblichen Verwandten, so daß es ein ausschließliches Herrenbegräbnis war. Da fiel es denn alsbald auf, daß sich am offenen Grabe, kaum daß man stch dort versammelt, eine schlanke, in tiefe Trauer gekleidete Frauengestalt einfand. An einen Obelisken gelehnt, schien sie ganz in Schmerz versunken oder aufgelöst, erschütternde Laute eines unterdrückten Schluchzens klangen herüber und befeueren die treffliche Rede des alten Seelsorgers von Sankt Marien. Am Schluß der Feier näherte sich H Bruder des Verstorbenen respektvoll der Dame mit höflichen Worten und der Frag« ob er sie an den Ausgang geleiten dürfe. Da schlug sie den dich­ten, tränenbetauten Schleier zurück, und es enthüllt« sich daS holde, süße Gesichtchen von . . Anna Isabella Wunderlich.

Annabell, wie ihr« Freundinnen sie nannten, war die Mo­distin der Stadt, di« Modistin der Honoratioren. Ihr geschmack, voller, kleiner Laden war in der Schloßstratze gelegen, und eines Tages war die junge Prinzessin eingetreten und hatte sich . Garten hüt« bestellt. Bald darauf, in der Nacht vor dem Mai- Gartenfest der Hevzoginmutter, wurde Annabell aus dem Schlaf geAopft und aufs Schloß befohlen. Soeben war oben

Müßet und Baudelaire

in deutscher Übertragung.

Von Stefan Zweig.

Bei Müsset war das Ungefähre in einer Uebertragung er­laubt: da er selbst das Wort nicht verantwortlich wählte, den Reim locker und gelegentlich zusammenflingen ließ, hat es nicht viel zu bedeuten, wenn der Nachdichter ein wenig transponierte, frei und eigenwillig schaltete. An'ders ist es freilich der Fall bei einem so verantwortlichen, ungenügsamen, sinnlich plasti­schen Dichter wie Baudelaire, wo jede Intonation unver­rückbar, jedes Attribut auf das kostbarste gewählt und die Melo­die in einziger Reinheit des Atems von der ersten Zeile bis zur letzten durchschwingt. Hier ist die Anforderung an den Uebersetzer eine unendliche, wenn Uebersetzung überhaupt möglich ist: Stefan George hat als der Einzige das Pro­blem einseitig gelöst, durch Verwandlung in ureigene, urpersön­liche Form, wodurch freilich her bewegte melodische Fluß de? Baudelaiireschen Gedichtes marmorn erkältet« und zu neuem Gebilde kristallen gefror. Das groß« Beispiel hat einen jüngeren, Walther Benjamin (obzwar er, wie seine Vor­rede zeigt, aller Schwierigkeiten voll bewußt war) nicht abge- schreofl, eine luxuriöse Ausgabe herTableaus Parisiens" mit dem gegenübergestellten ftanzösischen Urtext in Heidelberg bei Richard Weißbach herausgegeben. Bei aller Anerkennung der gewissenhaften, sorgfältigen und inbrünstigen Mühe, gleich­zeitig die inhaltliche Substanz, die äußere Form und die deutsch dichterische Linie zu bewähren, kann ich doch nicht den Sinn finden, um einer Durchdichtung willen Nachdichtung gelingt unverweigerlich nur bei einzelnen Gedichten eine herrliche, von Blut und melodischem Atem geschwellte Strophe, Blatt um Blatt einer frostigen, -unsinnlichen, toten deutschen Reimung gegenüberzustellen, wie es hier oftmals geschieht. Wan löse sich nur ab und zu ein« deutsche Strophe los, lese sie für sich, suche mühsam ihren Sinn, um sie dann, erschreckt und ÜeglAst mit hem französischen Original zu vergleichen, man lese etwa hie vier Zellen:

Ich denk her Schwarzen, die von Sucht verzehrt Im Schlamm sich quält und mit verstörten Blicken Die Zmiberpalmen Afrikas entbehrt,

Bor denen zähe Nebel sich verdicken;

der man fast schreckhaft deuüich die tragische Gestalt lungenkranken Negerin durch die Straßen von Paris sich hin­schleppen sieht. Oder ebenso drei andere Strophen aus diesem

schon andcutete, nur in jener lockeren Sphäre möglich wo daS Zufällige des Wortes und der Rhythmik nicht einen sublimen Organismus zerstört; von Baudelaire kann auch dem Besten nur Einzelnes gelingen, so wie Shelley nur einzelne Strophen Grethes, Goethe wiederum nur einzelne Manzonis und Byrons sich aus innerster Seelenneigung zu eigen nahm« Durchdichtung, restlose Durchdichtung erzeugt immer ein Ge- fühl von Zwanghaftigkeit und artet in ein kaltes Pendant aus, das bestenfalls das Urgedicht skelettiert, ein Röntgenbild gibt, statt Spiegelschein oder Gemälde, ein Zwitterding, da? niemand dient, weder her deutschen Dichtung noch dem fron» zöstschen Dichter es sei denn in dem unerwünschten Sinn, daß man wie hier, an dem deutschen ungelenken Versuch nur ftoit die unzerstörbare und unnachahmlich« Herrlichkeit des gegenübergestellten Originals empfindet.

ter- Eulenberg, hat sich hier für die Nachdichtung zum glück-1 tiefen, hinschwellenden Klang eines iviMche» Gedichtes haben, basten Gewinn entfaltet und man wird auf unabsehbare Zeit mit der französischen Meisterstrophe:

Gedicht:

Vor seinem Käfig einen Schwan ich fand. Der seinen Schwimmfuß über's Pflaster zog Und seinen weißen Fittich durch den Sand;

Ms dann der trockne Bach den Durstigen trog

Wälzt er im Staub sein zuckendes Gefieder, Und sprach erfüllt vom Bild der Heimatfeen: ..Wann wirbst du fallen. Naß? Wann, Blitz fährst du hernieder?"

Ich sah den Armen mythisches Geschehn

Gen Himmel oft wie bei Ovidius der Verbanrste, Gen Himmel dessen Bläu« grausam loht, Den Kopf so recken, daß sein Hals sich spannte, Als sende seinen Vorwurf er zu Gott.

und lese nun nach diesen Zellen, die auf der inneren Pupill« nicht farbig auffirahlen lassen, die edle Msion:

Un cygne qui s6tait evad6 de sa cage. Et de ses pieds palmds frottant le pav6 sec, Sur le sol raboteux trainait son blanc plumaee. Pres dun ruisseau saus eau la bete ouvrant W bec

Baignait nerveusement ses alles dans la poudre, Et disait, le coeur plein, de sons beau lac natal: Eau, quand donc pleuvras-tu? quand tonneras-tu, foudre?"

Je vois ce malheureux. mythe Strange et fatal, Vers le ciel quelquefois, comme Phomme d'Ovid^, Vers le ciel ironique et cruellement bleu, Sur son cou convulsif tendant sa tete avide. Comme sil adressait des reproches L Dien!

Und man wird fühlen, wie alles Wann«, Zurückgestaute des Baudelaive-Gedichtes, dieses einzige Phänomen ver­geistigter Sinnlichkeit, hier in einer gewaltsamen, aufgereckten, kalt gefirnißten Sprache unmelodisch erfriert. Nicht Leicht­fertigkeit ist einer solchen Uebersetzung zum Vorwurf zu machen, denn sie ist mit ehrlichster Mühe, tntt sauberster Sprachkunst, wenn auch ohne inneren Genius zäh und arbeit­sam gedichtet, wohl ober eine gewisse Vermessenheit, gerade an dem Vollkommensten sich mit unzulänglicher Kraft zu ver­suchen. Durchdichiung eines Gesamtwerkes ist, wie ich ftüher

ik. i Dak man im Jahre 1924, beinahe also ein Jahrhundert .. -stgch iljrcr Entstehung, noch Alfred de Musseis Dichtung«: -mb Verslviele ins Deutsche übertragen wurde, war eigentlich

ÄÄ henn Muffet gilt heute selbst in MM K *<djt mehr viel. Ein paar Gedichte, das von der Andalusierin ' urch Mchwid und dieOktobernacht" vor allem sind m die 11 Antbologien selbst in die Schullesebücher ubergegangen, hi« ' ; und da gibt die Gomädie Frangaise ttod) «15 Hörs d Oeuvre

eines der entzückenden Pro Verb es. Aber bte ®gen und ep sch MWk die sich am Weltschmerz Lord Byrons berauschten , < und hie pathetische Melancholie des großen Englandws g I Möser, romantischer und weibischer einer gerührten Fmuen- i.elt darboten, sind verblüht und verblaßt, er ist rm Grunde, W der arme Alfred he Müsset, heute längst ein Vergessener m t x. Paris und in Frankreich: umso sonderbarer nun, daß sich

-eßt in Deutschland ein Dichter seiner erinnert.

.. ' Ein Dichter und ein guter Dichter, Herbert Eulen berg, /'ier für den Provhläenverlag nicht nur die Gedichte, sondern -ftftnuchRolla",Mardoche",Namouna" - ach, wie vecklungen, . t vergessen und verweht sind doch dies« emst so berühmten Nomen! und dazu noch hie kleine KomödieDie Kastanien ; UÄm Feuer' übertragen hat. Man kennt heute, EulmbergsArt, c dies« reiche und einfallreiche, farbige Fähigkeit feiner Darstel- ® . luna feinen gleitenden leichten Vers, her ihm vielleicht nur .-( allzuleicht aus den Hänhen gleitet, mühelos und sorglos hre . ' ' Reime zusammenlling« läßt, was ja offen gesagt ost- < » mllz seine Gedichte ein wenig zu wässerig, ferne Verse ein I wenig W zufällig macht. Aber diese sorglose, fließende, strömend« - ' .Leichtigkeit ist bei Muffet gerade an den Rechten geraten dem .' auch das Dichten um ein paar Grade zu leicht, war, der lässig mit einem wunderbaren, oft kindlichen, oft göttlichen Leichtsinn sein« Serfe hinfchrieb, wie sie ihm rhythmisch und ungefähr in die Feder fuhren. Und für die Komödie findet Eulenberg darum meisterhaft den zarten, schwingenden lockeren Ton, das über­mütig' Knabenhafte, Verliebte und Verantwortungslos« bet ironischen Stanzen und hingesungenen Chansons. So ist diese Aebersetzung, die man ihm ersten Augenblick als etwas Zeit- widriges, Unnötiges und zu spät Gekommenes empfindet, durch­aus «in Glücksfall des Zusammenklingens und wenn _eine wirkliche Erweckung her verklungenen Mussetschen Verse, über­haupt noch möglich ist, so müßte hiefe Ausgabe sie vollbringen. Leichtfertigkeit und Schreibfreuhigkeit, hie große Gefahr des Dich-

SöRjtfog. t lunl w

Wöchentlich 19 Ausgaben. Regelmäßige Beilagen: Technisches Blatt, Literaturblatt und Hochschulblatt.

Bei Stönrigen diirch höhere Gewalt oder Streiks kösaea Ersatzanspräche nicbl berücksichtigt werden.

Einzelpreis 15 Goldpfennig-.

Einsendungen an die Redaktion, denen kein Rück­porto beiliegt, können nicht zurückgesandt werden.

'M

:- Bezugspreis*, tur Juni. Post, Agenturen und Stadt 6- Goldmark, zuzugl. Bestellgeld. Bezieher im Sana-gebiet können nur direkt beim Verlag bestellen. Auslands-Sezug ist nur durch die Geschäftsstelle in Frankfurt a. M. -möglich, die an die einzelnen Bezieher direkt liefert. Für die Schweiz auch durch Fritz Ewert. Kreuzlingen, Postscheckkonto VIII2391. Für Amerika 4/auch durch American Agency Walter Jaeger, New York. r 501 World Building.

Erstes MSLMKDlQtk.

M, LQhrgsng. Nr. 406

Anzeigenpreise;

Die 24 mm breite Honpar.-Seile in den Morgen* blättern 85 Goldpfennig o, im Abendblatt 76 Gold- Pfennige, Beklanio-Zelle 5. Goldmark, Stellen­gesuche: 35 Goldpfennige, Pamllicnanzeigen die doppelt breite Zeile 65 Goldpfennige, Platz- undLaten- Vorscbriften ohne Verbindlichkeit Anzeigen nehmen au: Geschäftsstelle Frankfurt a. S£., Große Eschen­heimerstraße 31/37, Schillorstraße 20, Xreuzlingea (Schweiz): Fritz Ewert.Postfach, Mainz: Stadthausstr-Sg Berlin: Potsdamerstr.133,Dresden-A.iWaisenhausstr^o Köln: Kaiser Wiih.-Rmg 10, München: Perusastr. 5 Offenbach: Bioborcrsträase 34. Stuttgart: Poststr. 7, unsere Agenturen und die Annoncen-Expeditionen, Verlag und Druck der Frankfurter Societäts-Druckerei 6. m. b. H.

Postscheckkonto Frankfurt (Main) 4430.

(Frankfurter ßandelszeitung)

Stadt-Telephon: Amt Hansa 9162. gSegrünSet von £e{,potb $onnemantt.

Für auswärts.- Amt Hansa 9173

Dr. Hergt von

1- r

1430.1 Milld.

den Deutschnationalen jetzt mit der

| Die Stunde der Frankfurter Zeitung

K beginnt heute Abend 8 Uhr. Fritz v. Unruh liest aus

4.20 Bill.

1.

4.20 w

4.20

französischen Sozialismus um die Früchte des soeben errunge­nen Sieges zu bringen.

Wohl war bereits auf dem Parteitag von Marseille, auf dem im Februar dieses Jahres das Wahlbündnis mit den bür­gerlichen Parteien noch heftigem Für und Wider seine Sank­tion erfahren hatte, in einem Beschluß ausdrücklich festgelegt worden,daß in der Frage der ministeriellen Zusammenarbeit und der parlamentarischen Koalition mit anderen Parteien die Haltung der sozialistischen Partei ausschließlich bestimmt werde von den Grundsätzen, di« die nationalen und internationalen Kongresse der Partei zur Regel und Richtschnur gesetzt hätten". Leon Blum, der diese Resolution eingebracht hatte, hatte sie u. a. damit begründet, daß die Sozialisten eine wirklich demokratische Politik eines bürgerlichen Ministeriums weit wirksamer zu unterstützen in der Lage sein würden, wenn st« selbst außerhalb des Kabinetts und außerhalb der Koalition blieben. Dieses Argument, das damals unbedingt einleuchtend und ük-erzeug«nd erschien, ist es der völlig veränderten Situa­tion gegenüber noch stichhaltig, die der im Februar nicht vor- ousgesehene Ausfall der Wahlen geschaffen hat? In der Partei selbst und vor allem von einem großen Teil ihrer nam­haftesten Führer wird das aufs entschiedenste bestritten. Dank der beträchtlichen Mehrheit, mit der das Kartell d«r Linken aus den Wahlen hervorgegangen ist, und nicht zuletzt infolge des außerordentlichen Mandatszuwachses der sozialistischen Partei handelt es sich nicht mehr um die Frage des Eintritts eines oder mehrerer Sozialisten in ein bürgerliches Kabinett, auf die die Amsterdamer Resolution sich bezieht; was zur Dis­kussion steht, ist vielmehr die Frage, ob der Sozialismus bereit ist, die politisch: Macht mit den bürgerlichen Parteien zu teilen, mit denen er zusammen in gemeinsamem, siegreichem Kampfe den; Nationalen Block die Herrschaft entwunden hat. Di« Ver­treter des Koalitionsgedankens, Paul-Boncour, Moutet, Varenne, Barche u. a. machen gegen dieAntiministerialiften" mit Recht geltend, daß die sozialistische Partei die reichen Möglichkeiten zur Verwirklichung eines großen Telles des eigenen Pro­gramms leichtfertig aus der Hand geben und damit dem klar ausgesprochenen Willen der eigenen Wählerschaft zuwiderhan­deln würde, wenn sie durch ihre Weigerung, aktiv an der Ver­antwortung teilzunehmen, die bürgerliche Demokratie früher oder später wieder der Reaktion in die Arme treiben würde. Senn daß das von den Intransigenten, von Leon Blum, Re- naudcl, Longuet usw. empfohlene Kompromiß einer von den Sozialisten parlamentarisch gestützten Minderheitsre­gierung der bürgerlichen "Gruppen des Links­blocks nur ein EWeriment von kurzer Dauer sein würde, dar­über vermag man sich weder im einen noch im anderen Lager irgendwelchen Illusionen hinzugeben. Nicht nur daß für eine Regierung dieser Art die Abhängigkeit von einer außerhalb oer Koalition stehenden, jede Verantwortung ablehnenden und in ihrer Taktik und Haltung in starkem Maße von der Rück­sicht auf die Kommunisten beeinflußten Partei auf die Dauer zu schweren Komplikationen führen müßte, und daß die Sozia­listen selbst, deren aktive Mitwirkung an dem Zustandekommen der die Politik bestimmenden Beschlüsse auf diese Weise auf ein Minimum beschränkt sein würde, sehr bald vor schweren Ge- wiffenskonflikten stehen würden, das Ende vom Lied würde aller Wahrscheinlichkeit nach sein, daß di« gemäßigten Repu­blikaner zum Zünglein an der Wage und damit zu den eigent­lichen Herren einer Situation würden, die es Politikern wie Loucheur, Colrat, Jouvenel und den anderen Parteigängern Poincarös ermöglichen würde, die Brücke zu der Politik des Nationalen Blockes neu zu schlagen. Glauben die französischen Sozialisten dies« Verantwortung leichter tragen zu können als diejenige, die sie mit der Beteiligung an einer Regierung über­nehmen würden, die, berufen-^Mn könnte, bie* -mteritotfonai'en Streitfragen der endgültigen 'Lösung entgegenzuführen und so. Europa den dauernden Frieden zu geben? Die Amsterdamer Resolution hat, wie Pa ul-Boncour dieser Tage.zutref­fend ausgeführt hat, weder die deutsche noch die belgische So­zialdemokratie gehindert, jahrelang mit bürgerlichen Parteien zusammenzuarbeiten,mit denen in Frankreich wahrscheinlich selbst die Radikal-Sozialisten jedes Zusammengehen abgelehnt haben würden", und sie hat den Sozialismus in England nicht davon abgehalten, die Regierung zu übernehmen unter Um­ständen, die jeden Versuch, eine ausgesprochen sozialistische ober gar eine Klaffenkampfpolitik zu machen, ausschließen. Sollte bie französische Partei allein sich durch ein Dogma ge­bunden fühlen, das die Parteien der anderen Länder längst nicht mehr anerkennen? In Wirklichkeit sind es denn auch ganz andere Motiv«, die die Haltung derAntiministerm- listen" bestimmen. Es ist bie Angst vor der körn mun isti - sch en Demagogie, die Furcht, ein paar tausend Wähler vom 11. Mai und damit vielleicht auch einige Sitze an die extreme Linke Moskauer Observanz zu verlieren, es ist, mit an­deren Worten, die alte kurzsichtige und engherzige Mandats­politik, die bie agitatorische Stoßkraft und die politische Be­deutung einer Partei von der Zahl ihrer Wähler und Ab­geordneten abhängig glaubt, die den Sozialismus in Frank- reich aus eine falsche Bahn zu treiben droht. Renaudel hat

Kabinettsbildung zu betrauen, um auch diesen Versuch, dessen Aussichtslosigkeit nach den gestrigen deutschnationalen Erklärungen auf der Hand liegt, voll auslaufen zu lassen. Eine andere Gruppe, bie offenbar selbst an das Gelingen bieses Experiments nicht glaubt, sähe^ es anscheinend gern, wenn bie Volkspartei den Demokraten, dem Zentrum und den Sozialdemokraten nun die Verantwortung für bie Weiter­führung der Geschäfte überließe um mit den Deutschnationalen einstweilen in den Schmollwinkel zu gehen Wieder andere glauben, daß jetzt genug geredet fei und daß es für bie Volkspartei ander Zeit sei, sich zu der Poli­tik der Mitte z u r ü ck z u f i n d e n, die sie in der vorigen Woche verlassen Hai. Wchche Gruppe schließlich den Sieg davon- trägt, ist jetzt noch nicht abzusehen. Aber das ist auch ziemlich gleichgültig; i denn .eine so uneinige und direktionslose Fraktion wikd 'nie'ein zuverlässiger Kvalitionspartner mehr werdest) außer etwa für die Deutschnationalen.

Wir glauben nach wie vor, daß Herr Marx jetzt ohn« Rück­sicht auf die Möglichkeit oder Unmöglichkeit neuer Aoalitions- bildungen beginnen sollte, sich ein Kabinett zusammenzustellen, das bann eine Entscheidung des Reichstags hevauszufordern hätte. Das Zentrum hat heute bereits «rllärt, daß es nach wie vor an der Person des Herrn Marx festhalte und ihm Gefolgschaft leiste. Die De­mokraten, di« durch den gestrigen Beschluß der Deutsch- nationalen von der Sorge befreit sind, sich über eine Koalition mit den Deutschnationalen den Kopf zu zerbrechen, würden natürlich ebenfalls ein Kabinett Marx unterstützen, auch ohne daß man einen formellen Koalitionspakt abschlösse, und wenn die Deutsche Volkspartei keine neue Koalition mit den Mttel- parteien eingehen will, so kann man ihr das ersparen, weil sie ja in der auswärtigen Politik auf das von ihr anerkannte, zu Anfang der Woche veröffentlicht« Programm feftgelegt ist.

Das neue Kabinett Marx, das so zustandekommen könnte, würde wahrscheinlich zum großen Teil dieselben Männer um­fassen, bie der bisherigen Regierung angehört haben, vielleicht mit Ausnahme der Herren Jarres und Hamm. Wenn dieses Kabinett auch nur etwas Mut hätte, könnte «s der Entscheidung im Plenum des Reichstages getrost entgegen­sehen.

dies in einem Artikel desPopulaire" ganz offen zugegeben, in dem er der Auffassung Ausdruck gab, daß die, Partei, die soeben erst durch eine schwere innere Krise hindurchgegangen sei und sich im Kampfe auf Leben und Tod mit dem Kommu­nismus befinde, noch nicht genügend konsolidiertffei, um durch bie Uebernahme der politischen Macht eine neue Krise und bie Möglichkeit neuer Spaltungen riskieren zu sönnen. Als ob die gleichen Argumente nicht auch gegen baS Wahlbündnis mit den bürgerlichen Parteien geltend gemacht worden wären und durch die Entscheidung der sozialistischen Wählerschaft die glänzendste Widerlegung erfahren hätten. Auch in Frankreich denkt die Masse iveit weniger doktrinär als die Führer, und wenn man in den Kreisen der Parteileitung wirflich geglaubt haben sollte, daß in der Provinz die Beteiligung an der Regie­rungsbildung auf geschloffene Ablehnung stoßen würde, so dürfte sie durch bie Beschlüsse der zahlreichen Departements­kongresse vom^ vergangenen Sonntag einigermaßen überrascht worden sein, Beschlüsse, die der politischen Einsicht und dem Verantwortungsgefühl der Provinztalorganisationen em hohes Zeugnis ausstellen und die auf bie Entscheidungen des zum 1. Juni einberufenen Parteitages nicht ohne Einfluß bleiben können. Von diesen Entscheidungen aber hangt nicht nur He Gestaltm» der künftigen politischen Entwicklung in Frank­reich, sonHern in hohem Maße auch das Schicksal Europas ab.

W AeMllWsW.

Die Mich! des Herrn Marx. Dauerberatlmgen. innerhalb der Deutschen Volkspartei.

(Privattelegramm derFrankfurter Zeitung".)

-tir- Berlin, 81. Mai. Nach der kategorischen AÄsage der Deutschnationalen wäre unter normalen Verhältnissen die Bahn für die rasche Neubildung eines Kabinetts unter der Führung- des bisherigen Reichskanzlers Marx frei, wenn bie Deutsche Volkspartei sich selbst darüber klar wäre, was sie eigentlich wollte. Der Auftrag, den Herr Marx am Mittwoch vormittag vom Reichspväsidenen erhalten hat, besteht immer noch zu recht und er selbst wäre auch, wie. wir wissen, bereit, sofort neue Bemühungen, um die Rekonstuuktion seines früheren. Kabinetts aufzunehmen, wenn er von der Volkspartei einen bündigen Bescheib hätte, ob er auf sie rechnen könn«. Loyaler Weise muß er nun warten, welches Ergebnis die heutig« F r akti o ns sitz un g b er Deutschen Volkspartei haben wird. Die Fraktion berät bereits seit 10 Uhr, und es scheint, daß bie Meinungen toieber ein­mal sehr anseinanbergehen. Soviel man hört, gibt es mehrere Gruppen, bie verschieben« Rezepte empfehlen: Die erste Gruppe pläbiert bafür, wie Herr Scholz es gestern schon ankündigte, baß der Reichspräsident ersucht werde, Herrn

do. in Frankfurt a. M Goldumrechnnngskurs für Reichssteueru, Zölle und Eisenbahiltarife, 1 Goldmark gleich Großhandelsindex der Frankfurter Zeitung am 80. Mai

do. des Statistischen Reichsamts am 27. Mai 1202 RvichslcbcnLhaltungsindex vom 21. Mch 1180 Teuernngszahl f. Frankfurt a. M. am 28.8. ohne Bekleid. 1088 t , do. mit Bekleid. 1115

Fernbne, Porto (10 Rentenpfennig) gleich .......... 100

ZWRkmH nach öen Nahlen.

(Von unserem Korrespondenten.)

L St Paris, 27. Mai.

Die Entwickelung der beiden letzten Wochm hat bestätigt, was an dieser Stelle bereits am Tage nach den Wahlen gesagt worden ist: Die Entscheidung über die künftige Gestaltung der französischen Politik liegt heut« in erster Linie bei den Sozia- ..ffen. Man konnte anfänglich im Zweifel fein, welche Haltung ,ie bürgerlichen Parteien des Linksblockes bet' neuen Situation gegenüber «innehmen würden. Die unerwartete Größe des Sie­ges hatte sie vor Ausgaben und Entscheidungen geftettt, auf die sie nicht vorbereitet waren, denn abgesehen von ganz wenigen unentwegten Optimisten hatte niemand damit zu rechnen ges tragt, daß bie Mehrheit der Linken ausreichenb sein würbe, um selbst'die. Regierung übernehmen zu können. Es gab und gibt . noch heute auf dem rechen Flügel sowohl der Radikal-Sozia- tflistifchen wie der Republikanischen Sozialisten Politiker, die '.dem Briandschen Block der Mitte, das heißt einer von den Radikal-Sozialisten bis zu den gemäßigten Republikanern .. gehenden Koalition entschieden den Vorzug geben würden vor dem Sprung ins Dunlle, der in ihren Augen in dem Experiment 'lit den Sozialisten liegt. Der entschlossenen und zielbewußten Rührung von Herriot aber, her in den demokratischen

-ganen, vor allem in derOeuvre", derEre Rouvelle" und nQuotidien" entschiedene und wirkungsvolle Unterstützung b, gelang es überraschend schnell,, das Steuer, mit einem

-gischen Ruck nach links zu werfen. Sicherlich gibt es unter c Oberfläche noch manche Widerstände und Gegenströmungen b insbesonbere in der Senatsfraktion her, denwkratischen .insen scheint man sich mit der neuen Orientierung^ noch keineswegs restlos a6gesunken zu haben, aber d'az offiziell proklamierte Ziel der Führer ist heute die Fortsetzung her in den Wahlen bewährten K a r t e l l p o l i t i k in einer gemtin- famen Regierung mit den Sozialisten.Wenn das Kartell der Linken wtilich nur ein Eintagsgebilde gewesen sein sollte, aus­schließlich zu dem Zweck, den in ihm vereinigten Parteien einen Mandatserfolg zu sichern, bann wäre das ein kläglicher Bankerott der Linken, eine schmerzliche Enttäuschung für alle wirklichen Demokraten", schrieb dieser Tag« dieOeuvre", bte damit bie - Auffassung der überwiegenben Mehrheit nicht nur der Fraktionen, sondern vor allem auch der demokratischen Wähler wiedergegeben hat. Und man rechnet affentiialben mit Bestimmtheit, daß das Exeeutivkomitee der radikal-sozialuti- jchen Partei, das für den 1. Juni zusammenberufen ist, m diesem Sinne entscheiden wird.

Wesentlich anders liegen die Dinge bei den Sozialisten.

öier drolst her doktrinäre Streit um das alte Problem des G' Ministerialismus" nicht nur die politische Bedeutung des

Votums vom 11. Mai, sondern vor allem auch bie reichen Aus­sichten, bie es dem Sozialismus in den Schoß geworfen hat, - veraessen zu machen. Denn es ist keineswegs das erste Mal, daß die Frage der Opportunität der Beterligung an einer Ärgerlichen Regierung die ftanzösischen SozmlistM beschas- igt und erregt. Kein anderer als Millerand selbst, der damals -och zu den Kämpfern gegen Klassenstaat upd bürgerliche Ge­sellschaft gehörte, war es, dessen Berufung in das Ministerium Waldeck-Rousseau sie im Jahve 1900 zum ersten Male amt . werden ließ. Jaurös selbst, aufs heftigst: bekämpft von den ; orthodoxen Marxisten, mit Guesde und Montan der Spitze V hatte Millerands Eintritt in das Kabinett gebilligt,, und auf dem Parteitag des gleichen Jahres denMiniiterlaUsmus mit überzeugenden Argumenten befürwortet Der Kongreß

. .dm..JnternütiM«ls aber hatte. in .der.R.esgrutio.n,,von ^ma>r^ ' bam gegen ihn entschieden und bie Beteiligung an «iE Mw gerlichen Regierung von dem Vorliegen "außergewöhnlicher Umstände" abhängig gemacht. Jaur^s beug.«: sich biedern : 2k- schluß, Briand und Viviam aber gingen den Weg Millerande, ber sie gleich biefem zu Renegaten werden ließ, und ßsr imm-r ins bürgerliche Lager Mrte. Knapp drei Lüsten spmertrat Guesde, der auf dem Parteitag von Pans die W ^aur6S mi+ dem Bannfluch belegt hatte und der Ansicht war, daß mannicht zu gleicher Zeit ein Kampfer für bte soziale Revolution und ein Verteidiger der ßesenirar= tigen Gesellschafsordnung sem könne und daß eine sozialistische Partei, die die Verbrechen der . burger- licken Kftssen mit ihrer politischen Verantwortlichkeit decken

' S/Äcb Leh/und die Arbeiterschaft veEtvon sich abstoßen müsse", zusammen mit Sembat und -lltnrt ^ho-

I mag in ein Ministerium ber Nationalen Verteidigung ein, nach- fe -Z die Partei Einmütig anerkannt hatte, der Kneg gegen ,'fc <rvutiiFanb einen der in der Amsterdamer Resolutim erwähn-

bie Frage bet Beteiligung an der Regierung unter ganz ande-

ren Umständen erneut akut geworden tit, scheint das Dogma W stärker als bie Einsicht in die politischen Notwendigkeiten der . ISe, taJ? Z starre Feststen an dem BEaben emer " . -Doktrin, über die das Leben lönont

So sicht MW?

Von Adolf Grabowski, unserem nach Rußland entsandten : Mitarbeiter.

Moskau, im Mai.

_ Wan muß nach Rußland fahren, um das Wesen bet Sowjetrepublik zu ergründen, aber bie Reise allein tut e§ nicht, man muß auch eine Vorbereitung dafür mitbringen. Räte-Rußland ist angewandter und ausgebau- t e r M a r x i s m u s. So wird derjenige, Dem diese theoretischen Dinge fremd sind, auch vor der kommunistischen Praxis ver­sagen.

Ein Beispiel/ Man hat je nach Parteirichtung den bolfche- wfltischen Staat als Diktatur des Proletariats oder als Dik­tatur über das Proletariat bezeichnet. Beides ist falsch. Das richtige Urteil gewinnt, wer von der marxistischen Staatstheori« etwas weiß. Engels erklärt in seiner Schrift über Dühring, daß der Staat nur so lange Existenzberechtigung hab«, als et zur gewaltsamen Niederhaltung der ausgebeuteten Klasse biene;, sobald er Repräsentant der ganzen Gesellschaft sei, mache er sich selbst überflüssig. Hier steht das berühmte Wort:An die Stelle der Regierung über Personen tritt die Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozessen. Der Staat wird nichtabgeschafft", er stirbt ab." In einem Brief an Bebel Hai Engels diesen Gedankengang später weitergetrieben. Es sei, so meint er, purer Unsinn, vom freien Volksstaat zu sprechen. Solange das Proletariat den Staat noch gebrauche, gebraute' es ihn nicht im Interesse der Freiheit, sondern der Niederhaltung seiner Gegner, und sobald von Freiheit die Rede fein könne, höre ber Staat als solcher auf zu bestehen.

In diesem Stadium, daß das Proletariat den Staat noch gebraucht, befindet sich Sowjet-Rußland. Es gebraucht den Staat einfach deshalb, weil Rußland umgeben ist von kapita­listischen Staaten und angewiesen ist auf die kapitalistische Welt, Die Weltrevolution, die man 1919 erhofft hatte, ist ausgeblie- beu, damit aber wurde Rußland genötigt, nicht nur nach außen, sondern auch nach innen dem Kapitalismus Konzessionen zu machen. Selbst aber wenn dieser außenpotitische Fehlschlag nicht gekommen wäre, hätte doch Rußland und das gerade nach marxistischer Lehre nicht von der frühkapitalistischen Stufe, die es zur zaristischen Zeit erreicht hatte, überspringen können auf den Sozialismus. Mit anderen Worten, ber freie Volksstaat und damit eine Beendigung des Staates überhaupt kam in Räte-Rußland gar nicht in Frage. Das Proletariat brauchte den Staat, und es benutzt ihn nicht im Jntevche der Freiheit, sondern nach ber Anweisung von Engels zur Niederhaltung seiner Gegner. Da aber in Rußland ein beträchtliches Prole­tariat im technischen Sinn noch gar nicht besteht, well eben ber schwachindustrialisierte, in der Hauptsache agrarische Staat die hochkapitalistische Periode noch gar nicht durchlaufen hat, war die Masse selbst nicht imstande, bie Gegner nieberzuhalten, sondern war durchaus angewiesen auf Stellvertretung. Diese Stellvertretung besorgt bie kommunistische Partei und die au? ihr hervorgegangenen Führer.

Es hanbelt sich bei Sowjet-Rußland also weder um eine Diktatur des Proletariats noch um eine Diktatur über das Proletariat, sondern um eine ich möchte sagen Reprcisen- tativdiktatur des Proletariats, nur daß diese Repräsentanz sich anders als in den demokratischen Ländern gebildet hat. Weder ist sie allgemeinen Wahlen entsprungen, .denn vom Wahlrecht zu den Sowjets sind alle bürgerlichen Elemente ausgeschlossen, noch ist sie hervorgegangen allein aus proletarischen Wahlen,

WirLschaftszchlen.

Amtlicher Dollarmiitelkurs am 31. Mai

1 Golvmarr 1 Renieninark Goldanleihekurs in Berlin