68. Jahrgang. Nr. 483
Lrstes Morgenblatt.
Dienstag, 1. Juli 1924.
Für auswärts? Amt Hansa 9173
^Begründet pon <$,eopotb $onnemann
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das aber nicht in alle Ewigkeit ein von Paris her regiertes
Rett gewinnen
(Frankfurter Handelszeitung) Stadt-Telephon: Amt Hansa 9162.
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An der nüchternen Natur des Königs prallte sie ab. -Trocken schriÄ er an den Rand der Denkschrift über die Aussichten einer Volkserhebung: „Als Poesie gut." Ihm graute vor einem Volkskrieg. Die Gefahr, in der der Staat und sein HauS schwebten, wenn Napoleon seine Absichten aussührie, war ihm nicht verborgen geblieben. Aber er wollte vor allem einmal
Der italienische König und das Parlament.
(Drahtmeldunz unseres Korrespondenten.) 1 o Rom, 30. Juni. Die Ansprache des Königs Beim Empfang der Beiden Parlamentspräsidien tritt nicht aus der gewohnten Zurückhaltung hervor und Bedeutet keinen Wegweiser im Konflikt zwischen Regierung und Opposition. Eincrseits hebt sie hervor, das; in den Jak'oren des Kriegssieges die Bürgschaft für die Zukunft Italiens liegt. Anderseits rät sie dem Parlament Klugheit und Versöhnlichkeit an.
Viel Bemerkt wird, daß Rodino von der Popolari-Parteh der Vizepräsident der Kammer, in der Deputation fehlte.
voraus, daß über die Modalitäten der Durchführung der Generalinspektion Mischen den alliierten Regierungen und der deutschen Regierung eine Verständigung gefunden wird, die es ermöglicht, die Kontrolle in einer Weise durchzuführen, die bereits von dem Geiste erfüllt wird, der die Beziehungen der Völker in Zukunft regeln soll, dem Geiste der Achtung und des vertrauensvollen Zusammenwirkens, ohne den eine wirb- liche Befriedung dieser Beziehungen undenkbar ist.
Die deutsche Regierung darf ferner bet Erwartung Ausdruck gehen, daß die.interalliierte Militärkontrollkommission die Generalinspektion mit allen Mitteln beschleunigen wird. Die genaue Kenntnis aller einschlägigen Verhältnisse Wird eg den seit Jahren ein gearbeiteten Mitgliedern der Kommission zweifellos ermöglichen, die Kontrolle in kürzester Zeit zu Ende zu bringen. Tie deutsche Regierung bittet daher, als Schlußtermin für die Generalinspektion den 3 0. September zu bestimmen.
Genehmigen Sie, Herr Präsident, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung.
Bevorstehende Gründung der Partei La Follettes. (SpezialkaBeldienst der „Frankfurter Zeitung" durch United Preß.)
Washington, 30. Juni. Die Anhänger La Follettes erklären, daß sowohl die republikanische wie auch die demokratische „Plal- form" die Wirtschaftsfragen ungenügend Behandeln, weshalb am 4. Juli in Cleveland die dritte Partei gegründet werden to i r d. Diese Auffassung stimmt mit der jüngsten Erklärung La Follettes überein, daß die Bildung einer dritten Partei notwendig werde, wenn keine der alten Parteien fortschrittliche Gesichtspunkte hinsichtlich einer Unterstützung der Landwirtschaft wie einer Regelung der Eisenbahnfragen und einer Beschränkung der gegenwärtigen Macht des höchsten Gerichtshofes zutage fördern würde.
land und für Europa hätte sein müssen. Darüber kommt man nicht hinweg utib sollte gerade ein Demokrat des zwanzigsten Jahrhunderts nicht hinwegkommen, daß das Verhältnis Deutschlands zu Frankreich und seinem Kaiser sich in knechtischer Hörigkeit und Unterorückung des Volkes ausdrückte, die in den sogenannten Rheinbundstaaten mit unedlen Gunstbezeugungen oder auch deren Umkehrung für die Fürsten einhergingen. Bei Preußen fehlten alle Milderungen, und nur ein kaltes System unbarmherziger Unterdrückung und Mißhandlung des ausgeraubten und verarmten Landes, in dessen Oderfestungen feindliche Besatzungen dauernd liegen blieben, lastete auf Volk und Herrscherhaus. In solchem Geiste Europa zusammenfassen zu wollen, war Wahnsinn, den nur ein vom Schicksal verblendeter Cäsar zum politischen System machen konnte. Daß sich die Völker dagegen auflehnten, war ein Zeichen ihrer Gesundheit, und daß das niedergetretene Preußen es war, dessen edelste Männer dauernd und unermüdlich am Sturz dieser Tyrannei arbeiteten und schließlich den Brand der Befteiung entzündeten, das ist ein Verdienst dieses Staates, das im Buche der Weltgeschichte niemals erlöschen wird.
Aber es ist eigentümlich, daß gerade auch diejenigen sich auf jene Zeit berufen, die das französische Regierungshaupt als feine und Frankreichs grimmige Feinde gekennzeichnet hat, die Leute in Deutschland, welche vorgeben, das wirkliche und echte deutsche Nationalgefühl nach Gesinnung und Abstammung ganz allein zu besitzen.
Es gibt in der Tat zwischen jener Zeit und der unseren Aehnlichkeiten und Anklänge, aber sie sprechen weder für Herrn Herriot noch für diejenigen, die er aus seinem Frieden ausschließen will. Dennoch kann die Gegenwart vielleicht ander Geschichte jener Tage etwas lernen. Wenn wir heute in den Darstellungen dieser Zeit erzählt finden, wie Preußen nach seiner Niederlage jahrelang von der französischen Regierung überhaupt nicht erfahren konnte, was an Kriegsentschädigung von ihr verlangt wurde, die dann endlich eine Summe genannt wurde, die für damalige Verhältnisse unerschwinglich war, wie Preußens wirkliche Leistungen entgegen dem gegebenen Versprechen nicht angerechnet wurden, wie die Landstände sich durch Verpfändung ihrer Güter für einen Teil der vom Sieger auferlegten Schuld verbürgten, um eine Tilgung auch nur möglich zu machen, so mutet uns das olles heute merkwürdig bekannt an- Vergleichen wir aber die Ziffern jener Friedensbedingungen, die nicht bloß von Preußen als unerträglich angesehen wurden, mit den heutigen, so kann uns die harte Hand des Weltherrschers fast noch gelinde erscheinen. Eine Kontribution wurde dem Lande auferlegt, die auf den Kopf der Bevölkerung etwa 30 Taler, also 90 Mark, ausmachte. Auch wenn man bi» starken Veränderungen des Geldwertes und der Befitzverhälnisse in Betracht zieht, erkennt man immer noch,
Mmßms AeLtung nach 1806.
Von K. A. Junge.
Der Ministerpräsident der französischen Republik hat vor einigen Tagen die Erinnerung an die Zeit wachgerufen, da das von Napoleon niedergeworfene Preußen heimlich
sich über das ihm zugestandene Maß hinaus durch das System her Krümper ein neues Heer zu schaffen suchte, uno er hat gemeint, Frankreich werde die Wiederkehr des Gleichen nicht dulden. Es war wohl vom Standpunkt eines französischen ■ Minister? nicht ganz klug, jene schlimmen Zeiten wieder vor oen Geist der Nochfahren zu rufen. Denn gerade diese Jahre waren die Zeit eines schrankenlosen Machtstrebens des französischen Imperators, und es könnte leicht der Anschein entstehen, als meine Herr Herriot, die Befreiung Deutschlands hätte damals nichch'gelchehen sollen.
Mar mag heute auch in Deutschland über jene Zeiten rrchiger denken, und es darf nicht verwehrt fein, sich sogar die Frage bonutenen, ob eine Zusammenfassung des alten Reiches Karls des" Großen in einem neuen westfränkischen Imperium,
wie sehr die „Großen Fünf" selbst den Gewaltherrscher Napoleon übertrumpft haben. Und ein Heer von 42000 Mann durste der armselige Rest des einstigen Großstaates halten, bei dem aus tausend Bewohner immerhin noch acht Wehrleute entfielen. In demselben Verhältnis dürste das heutige Deutschland ein Heer von beinahe einet halben Million haben.
Unterdrückung und Unrecht schaffen selbst die Kräfte, die im Sinne einer Gerechtigkeit des Geschehens den Ausgleich bringen. Werden die Völker klug, so schaffen sie selbst Einrichtungen, die begangenes Unrecht gut machen und titanenhaften Uebermut dämpfen. Man darf in einem ehrliebenden Volk nicht das Gefühl erzeugen und wach erhalten, daß es Gewalt und Unrecht erleidet. Ter Titan Napoleon tat nichts, um dieses schmerzliche Gefühl des preußischen Volkes zu lindern, und den preußischen Staatsmännern Und Patrioten blieb nicht verborgen, daß er darauf ausging, ihren Staat überhaupt auszulöschen. Es kam eine Zeit, da gerade die besten Männer im Staate, Scharnhorst, Gneisenan, Blücher, Schön, selbst der sonst so bedächtige Staatskanzler Hardenberg und der verbannte Freiherr vom Stein, den Plan vorbereiteten, in einer Volkserhebung von ungeheurer Kühnheit eine Ab- schüttelung des Joches zn versuchen. Sie hofften eine Zeitlang auf Rußland und Oesterreich, die beide schwer über Napoleon zu klagen hatten. Auch der König stimmte, wenn auch zögernd, zu. Aber Metternich, der aus Preußens Untergang größeren Vorteil für Oesterreich herausrechnete als aus dessen Rettung, gab Scharnhorst eine Absage und die Zusage des Zaren war vieldeuffg und nebelhaft. Niemand in Preußen legte großen Wert auf sie. Auf der anderen Seite verlangte der Franzofenkaiser, dessen Spähern die teilweise gar nicht sehr geheim betriebenen militärischen Vorbereitungen nicht entgehen konnten, unter scharfen Drohungen die sofortige Einstellung der Arbeiten an den Festungen und der anderen Rüstungen. Der ohnehin ängstliche und am Erfolg zweifelnde König gab rasch nach. Vergeblich hatte Gneifenaus kühner Geist ihn und den Staatskanzler in mehreren Denkschriften zu wagemutigem Entschluß fortzureißen gesucht. In poetischer Mahnung rief er ihnen zu:
Laß den Schwächling angstvoll zagen! Wer um Hohes kämpft, muß wagen! Leben gilt es ober Tod.
überlegenen Streitkräften überschwemmt worden. So in der Gewalt des mächtigen Eroberers, betrachtete der König es fast noch als ein Zeichen der Besserung seiner Lage, daß Napoleon einige Monate später, im Februar 1812, scheinbar auf frühere preußische Anregungen eingehend, ihm einen V ü ndnis- vertrag vorlegen ließ, durch den Preußen sich nicht nur zur Heere sfolge gegen Rußland, sondern vor allem zu: neuen ganz ungeheuren Leistungen für die nach Rußland marschierende Riefenarmee verpflichtete, Leistungen, die sozusagen den letzten Blutstropfen ans dem entkräfteten Lande heraus- pressen mußten. Nach kurzer Ueberlegung genehmigte er dieses Bündnis, das die meisten der Patrioten, auf die die Nachwelt mit Verehrung blickt, als das Ende Preußens ansahen und das für sie gleichbedeutend mit dem Verlust der nationalen Ehre war. Blücher schrieb damals an Gneisen au: „Alles i't verbohren und die Ehre auch". Der große Clausewitz, damals Major im Generalstabe, urteilte noch schärfer, da er in seinen „Drei Bekenntnissen" aussprach, daß „dieser Schandfleck einer feigen Unterwerfung nie zu verwischen ist, daß dieser Gifttropf en im Blute eines Volkes in die Nachkommenschaft übergeht und die Kraft-späterer Geschlechter lähmen und untergraben wird." In Wahrheit gab es für Preußen nun die Alternative: Annahme des Vertrages oder Kriegs gegen eine unbezwingliche Ucbermacht, also vermutlich Vernichtung des Staates.
Die Folge der Einwilligung des Königs in das furchtbare Bündnis war, daß mit Ausnahme des Staatskanzlers v. Hardenberg sich fast olle Männer zurückzogen, auf denen die Erwartung einer Wiederaufrichtung des Staates beruht hotte. Scharnhorst un» Gneifenau mußten den Dienst verlassen, teils weil sie selbst kein Ziel mehr vor sich sahen, dann aber auch, weil sie gegenüber Napoleon nicht zu halten waren. Andere wie Clausewitz, Doyen, Alex. v. Goltz, die beiden Grafen Dohna und noch eine ganze Anzahl anderer Offiziere des Heeres nahmen ihren Abschied aus dem preußischen Dienst und traten in Rußland in die „Deutsche Legion" ein. Der König empfand das sehr bitter, und hat es, als im BefteiungSkrieg die Ausgeschiedenen Zurückkehrten, beispielsweise Clausewitz in der weiteren Verwendung fühlen lassen. P o r ck ober, der starrste aller Preußen nn!> der grimmigste Feind Napoleons, hielt beim Könige aus. FüU ihn gab es keine Zweifel, auch dann nicht, als ihm der KöniA in der gegen Rußland ziehenden Armee das zweithöchste istoin* mnnbo übergab. Gerade er ist es dann gewesen, der durch btt mit General Diebitsch geschlossene Konvention von Tau« roagen sich gegen den Befehl des Königs auflehnte, damit aber Preußen zum Kriege um seine Freiheit fortriß. So dicht lageÄ
In den nächsten Tagen erscheint im Romanteil der Frankfurter Zeitung" ein breit angelegter
zeitfatirifcher Roman:
Hiokinsonade zu Iwskft"
von Al. M. Frey
dem bekannten Verfasser zahlreicher lachlustiger Grotesken, düsterer Novellen und namentlich der romantischen Darstellung des Grauens und der Neugier: „Solneman der Unsichtbare".
In „R o b i n s o n a d e z u Z w ö l f t" spielen auf der witzig und bedeutend aufgemachten Bühne die Menschen der Gegenwart. Sie werden aus der gewohnten Zivilisation durch ein jähes Flugabenteuer heraus- gerissen unb haben nun ihre komplizierten Europäerseelen wieder einmal auf das Natürliche und Menschliche einzustellen. Wie weit das Rousseaufche Rezept zur Heilung führen mag — das ist die tiefere Fragestellung, die das Bunte Spiel uns aufgibt.
M Milarkoulrolle.
Di'e deuffche Antwottnore.
Annahme der geforderten Generalinspektion. — Als Schlußtermin wird der 20. September 1924 gewünscht.
Berlin, 30. Juni. (Wolff.) Der deutsche Botschafter in Paris Hai Auftrag erhalten, dem Präsidenten der Botschaft er ko n s er en z heute folgende Rote zu überreichen:
Herr Präsident! Namens der deutschen Regierung habe ich die Ehre, Ihnen den Empfang der Note vom 28. Mai 1924 sowie den Empfang des Schreibens, das Ew. Exzellenz gemeinsam mit dem königlich großbritannischen Herrn Ministerpräsidenten am 24. Juni dem Herrn Reichskanzler haben überreichen lassen, zu bestätigen.
Die deutsche Negierung hat volles Verständnis für den Wunsch, die internationale Lage nicht gerade in dem Augenblick zu belasten, wo die Aussicht auf eine s ch n e lleDurchführung des Sachvcrständigenplans die Hoffnung aufkommen läßt, daß eine, endgültige Regelung der Reparationsfrage und damit zugleich die Grundlage eines allgemeinen und wirklichen Friedens zwischen, den beteiligten Völkern gesunden werden kann. Sie will daher ihre Stellungnahme zu der Frage der Militärkontrolle in dem gleichen GeistederOffenheit darlegen, von dem das Schreiben an den Herrn Reichskanzler vom 24. Juni getragen war.
Es ist eine irrige Auffassung, wenn in den alliierten Ländern geglaubt wird, daß in Europa neue bewaffnete Konflikte zu befürchten seien von der zunehmenden AkÜvität deutscher Organisationen, die mehr oder weniger offen militärische Vorbereitungen treffen. Die deutsche Regierung kann unb will nicht in Abrede stellen, daß sich in Deutschland zahlreiche Organisationen befinden, die sich die
körperliche Ertüchtigung der deutschen Jugend zur Aufgabe setzen. Diese Organisationen gehen, aber bei ihren Bestrebungen von dem Gedanken aus, daß die frühere allgemeine. Wehrpflicht nicht nur einen militärischen, sondern auch einen hervorragend erzieherischen Charakter hatte. Tatsächlich ist die Erziehung der Jugend zur Achtung vor den Gesetzen der Ordnung und Disziplin wesentlich durch die allgemeine Wehrpflicht gefördert worden. Manche Erscheinungen der Gegenwart, die geradezu eine Verwahrlosung her Jugend erkennen lassen, müssen auf das Fehlen dieser Zucht und Erziehung zurückgesührt werden. Jedes Volk wird bestrebt fein, sich eine gesunde unb körperlich kräftige Jugend heranzubilden. Gegenüber den Gefahren, die der Jugend drohen, ist die Ausbildung des Körpers die beste Gewähr. Die große Entwicklung aus sportlichem Gebiete, die in anderen Ländern weit früher als in Deutschland vor sich gegangen ist, hat jetzt auch in Deutschland dazu geführt, daß in der Jugend der f p o r t- liche Geist in immer größerem Maße gepflegt wird. Die sportlichen und turnerischen Vereinigungen der deutschen Jugend irgendwie in Verbindung zu bringen mit militärischen Vorbereitungen Deutschlands ist daher nicht berechtigt. Damit wird der Geist der hier geübten Erziehung, der der Geist jeder gefunden Nation sein muß, völlig verkannt.
Das deutsche Volk lehnt jeden Gedanken an Krieg ab,
Staatsmännern der alliierten Mächte, lassen darauf schließen, daß sich die Erkenntnis bßser Zusammenhänge Bahn zu brechen beginnt.
Mit um so größerem Recht glaubt die deutsche Regierung ihrerseits hervorheben zu müssen, daß hier tatsächlich die Ursachen derjenigen Bewegung liegen, die in d cm Schreib en an den Herrn Reichskanzler beklagt werden. Im übrigen glaubt die deutsche Regierung die Tatsache feststellen zu können, daß es keine ernsthafte Militärperson gibt, die bie Meinung haben könnte, daß Deutschland, selbst wenn es wollte, irgendwie imstande wäre, in Europa einen bewaffneten Konflikt hervorzurufen. Deutschlands technische Mittel, die materielle Stärke seiner Armee, sind geringer als diejenigen auch sehr kleiner Staaten. In einer'Zeit, welche die technische Entwicklung der Kriogswaffe auf das äußerste ausgebildet hat, besitzt Deutsch-band keine dieser modernen Waffen; Deutschland hat seit dem Frieden beispielsweise keine einzige neue Kanone hergestellt, es besitzt gegenwärtig nicht einmal dasjenige Quantum an Munition, das ihm nach dem Versailler Vertrag zustehi.
E§ ist überhaupt in einen Zustand der Waffenlosigkeit versetzt, der ohne gleichen in ber Geschichte der Völker dasteht. Das deutsche Volk kann es deshalb schlechterdings nicht verstehen, daß man von diesem Deutschland eine Bedrohung des europäischen Friedens befürchtet und derartige Befürchtungen nicht vielmehr an die Tatsache knüpft, daß der Gedanke der allgemeinen Abrüstung bei den anderen Nationen bisher keine nennenswerte Fortschritte gemacht hat. ,Die öffentliche Meinung in Deutschland lehnt sich- gegen eine neue Kontrolle von Seiten der interalliierten Militärkontrollkommission deshalb auf, weil diese Kontrolle ihr ständig einen Eingriff in die Reichssouveränität vor Augen führt, der an sich schon etwas ganz besonders Verletzendes hat und der überdies im Vertrag von Versailles nicht mehr begründet erscheint. Sie glaubt, daß die deutsche Abrüstung, soweit sie anerkanntermaßen zu einer bestimmten Zeit durch geführt war, für die interalliierte Militär- kontrollkommission auch endgültig erledigt fein muß. Die deutsche Regierung kann auch ihrerseits von dem Rechtsstand- punkt, den sie in ihren früheren Noten ausführlich bargefegt hat, nicht ab weichen unb sie hält bissen Rechtsstanbvunkt ausdrücklich aufrecht.
Wenn.sie daraus jetzt gleichwohl nicht die praktischen Folgerungen zieht, so ist hierbei für sie die inzwischen eingetretenc Veränderung der gesamten politischen Sage bestimmend. Die deutsche Regierung mußte früher unter dem Eindruck stehen, daß die alliierten Regierungen die militärische Kontrolle Deutschlands zu einer dauernden Einrichtung machen wollten. Demgegenüber hat die Note der Botschasterkonfermz vom 28. Mai den Gedanken ber E i n s e tz u n g eines Garan- t i e t o m i t e e 8 anstelle ber Miliiärkontrollkonnnission fallen gelassen unb die geforderte Generalinspektion ausdrücklich als den Schlußakt der interalliierten Militärkontrolle bezeichnet. In dem gemeinsamen Schreiben Eurer Exzellenz und des Königlich großbritannischen Herrn Ministerpräsidenten ist dies erneut zum Ausdruck gekommen.
Die Zurückziehung der Kontrollkommission
wird hierin für einen möglichst nahen Zeitpunkt in Aussicht gestellt und es wird der lebhafte Wunsch ausgesprochen, die interalliierte Milirärkontrolle durch das im Artikel 213 des Versailler Vertrags dem Völkerbund übertragene Untersuchungsrecht e r f e tz t z n sehen. Daraus glaubt die deutsche Regierung wahrnehmen zu können, daß die gegenwärtige Sage durch das Bestreben gekennzeichnet wird, an die Stell« einer Politik, die von deutscher Seile als Gewaltpolitik bekämpft werden mußte, eine Politik der Verständigung zu setzen und eine Politik, die zugleich mit ber Lösung ber Reparationsfrage auch die Beendigung aller Kampfmethoden umfaßt, die bisher zur Erzwingung dieser Lösung angewandt wurden. Die schweren Opfer, die die deutsche Regierung von dem deutschen Volk verlangen muß, um den Gedanken des Sachverständigengutachtens in die Tat umzusetzen, werden nur in ber Ueberzeugung tragbar sein, baß dem deutschen Volke feine vertragsmäßigen Rechte wieder gesichert werden unb baß somit bie Lösung ber Reparationsfrage nicht nur einen finanziellen wirtschaftlichen Akt barst cllt, sondern eine neue Aera in ben Beziehungen ber Völker einleiten wird.
Im Vertrnum darauf, daß diese Auffassung von den alliierten Regierungen gefeilt wird unb ur/er Feststellung ber ausdrücklichen Erklärung der alliierten Regierungen, baß es sich bei der geforderten Gene alinspektion um den Abschluß ber interalliierten Militärkontrolle und um den Uebergang zu dem in Artikel 213 des Versailler Vertrags vorgesehenen Verfahrens handeln soll,
ist die deuffche Regierung bereit, die Generalinspektion zuzulassen.
Sie ist sich bewußt, daß sie dem deutschen Volke damit eine außerordentliche seelische Belastung zumufet. Sie setzt deshalb
und unter allen politischen Faktoren besteht Einigkeit darüber, twß eine heimlich, e Waffenrüstung als ebenso unmöglich wie nutzlos und gefährlich abzulehnen ist. Demzufolge hat die Reichsregierung sich auch ernstlich bemüht, die Entwaffnung gewisser politischer Verbände, bie mit ben Turn- unb Sportvereinen nicht verwechselt werben dürfen, rücksichtslos durchzuführen, sodaß von einer ernsthaften Bewaffnung dieser Verbände nicht mehr die Rede sein kann.
Dabei will die deutsche Regierung aber nicht verhehlen, daß im deutschen Volke eine tiefgehende Erbitterung über b:.e gegenwärtige Sage Deutschlands herrscht, eine Erbitterung. die sichln Protesten unb Demonstrationen Lust macht. Diese Entwicklung der deutschen öffentlichen Meinung kann niemanden überraschen, der sich vor Augen hält, was Deutschland in den Jahren nach dem Kriege hat erleben mü,- stn Es liegt ber deutschen Regierung fern, Wunden der Vergangenheit aufzureißen; aber sie muß darauf Hinweisen, daß diese ganze Bewegung niemals eine solche Ausdehnung unb niemals einen solchen Charakter erhalten hätte, wenn man Teutschlanb gegenüber von vornherein eine Politik ber V erstänbi gun g betrieben und ihm bie gleichberech- iigte Mitarbeit zugestanden hätte. Tas deutsche Volk hat die Empfindung, daß man ihm gegenüber jed e Rücksicht auf seine wirtschaftlichen Fähigkeiten, vor allem auf sein berechtigtes Selbstgefühl, hat vermissen lassen. In einem Lande, das mit demselben Stolze an seiner Geschichte hängt wie jede andere Nation, konnte dies nicht ohne Rückwirkung bleiben. Manche Aeußerungen von
Ser SkaWuM der ReichsregieruW.
est Berlin, 30. Juni. (Priv.-Tel.) Die Note dcy deutschen Regierung, die heute dein Ministcrpräsi- benten Herriot als Prästbenten der Bvtschasicrlonfcrenz übermittelt wurde, ist ein Dokument, das die gegenwärtige Situation Deutschlands in der Frage der Militärkontrolle, wie wir glauben, zutreffend analysiert. Würdig und klar in der Sprache, hält es sich frei von jeder rhetorischen Aufmachung des deutschen Standpunktes. Die Sachlichkeit, bie geboten war, Hinberte nicht, bas Gefühlsmäßige zu betonen, bas betn Thema Militärkontrolle peinvoll ant) astet
Die gesorberte General-Inspektion wird angenommen unb zwar unzweideutig unb ohne eine Hintertür offen zu lassen, durch die störende Vorbehalte sich einschleichcn können. Wenn erwartet wirb, baß über die M o d a l i t ä t c n ber Durchführung eine Verständigung gefunden wirb, so wird bamit keine Bebingung gestellt. Denn daß die Durchführung der Kontrolle bereits, wie in der Note ausgeführt wird, von dem Geiste des achtungs- und vertrauensvollen Zusammenwirkens erfüllt fein sollte, ber bie Beziehungen ber Völker in Zukunft regeln soll, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, wenn Herriot mit seiner Politik gegenüber bem Kontrollorgan sich burchzusetzen weiß. Auch bie Bitte, als Schlußtermin für die Generalinspektion den 30. September zu bestimmen, kann nicht überraschen. In Ujrcr- Note vom 29. Mai haben die Alliierten ja selbst davon gesprochen, daß die Generalinspektion nur noch einen Zeitraum.von drei bis vier Monaten umfassen würde, unb sie haben gleichzeitig in Aussicht gestellt, daß diese Zeitspanne sich verkürzen kann, wenn die deutsche Regierung loyal bei der Kontrolle 'milwirlt
Die Note geht auch aus bie in der französischen Presse unb auch von Regierungsseite erhobenen Vorwürfe, daß von den nationalistischen Verbänden „gerüstet" werde, ein, Die deutsche Regierung stellt ganz klar, daß v on ein er exn st» haften Bewaffnung dieser Verbände keine Rede sein kann Gleichzeitig wird aber in der Note die körperliche Ertüchtigung ber nicht mehr von ber allgemeinen Wehrpflicht erfaßten deutschen Jugend durch turnerische und sportliche Vereinigungen sehr deutlich von der ungefährlichen aber hetzerischen Scldatenspielere! der nationalistischen Verbände geschieden. Vielleicht ist gerade dieser Teil der Note geeignet, den vielen schiefen Betrachtungen auf der Gegenseite endlich den Boden zu entziehen.
ES ist nicht das erste Mal, daß bie deutsche Regierung auf bie Ursachen der tiefgehenden Erbitterung im deutschen Volke hinweist, die sich in Protesten und Demonstrationen Lust schafft. Die Schuld, bie die verfehlte Politik ber Gegenseite an dieser Entwicklung trägt, wirb nochmals betont. Ter Vorwurf trifft nicht Herriot und Maedenalb persönlich; bie beiden Regierungschefs werden gerade diesen Teil ber Note «auch nicht so auffassen. Diese Auslegung kann indessen nach dem letze fen Schreiben des Reichskanzlers kaum unterbleiben.
Die deutsche Regierung hält an ihrem Standpunktz fest, wonach die Tätigkeit ber Kontrollkommission nach dem Friedensvertrag eigentlich als beendet anzusehen ist. Wenn! sie trotzdem — allerdings „unter Feststellung ber ausbrück- lichen Erklärung ber alliierten Regierungen, chaß es sich Betz der gefo.berfen Generalinspektion um den Abschluß der interalliierten Militärkontrolle und um den Uebergang zu dem in Art. 213 des Friedenvertrages vorgesehenen Verfahren handfln soll" —, die Generalinspektion annimmt, so tut sie das nur, weil sie glaubt, daß Frankreich seine Kampfmethoden aufgeben. will und weil sie.der Auffassung ist, daß mit dem Sachverständigengutachten nicht nur eine finanziell-wirtschaftliche Regelung vorgenommen, sondern eine Aera des Friedens ein geleitet werden soll.
Es war nicht leicht, bie mannigfachen Wiberstänbe, die die! gesorderte Generalinspektion bei dem am nächsten Betroffenen- der Reichswehr hervorgerufen hatte, ganz zu überwinden. Nachdem man sich nun dazu durchgerungen hat, um des größeren Zieles, ber großen Friebensregelung willen, ber Kontrolle noch einmal zuzustimmen, scheint es uns nun eine Pflicht ber alliierten Regierungen zu fein, bas Opfer, bas sie dem beutfchen Volke noch einmal zugemutet haben, durch verständnis- volleDurchführungihrerAbsichtenzu würdigen-
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i(®tabtmelbung unteres Korrespondenten.) Nach dem Wahlsieg über Smuts. — Tie Demonstrationen Zaghluls. — Die Selbständigleitsbeftrebungen in Indien.
B8 K London, 30. Juni. Aus verschiedenen Dominions liegen Bemerkenswerte Ereignisse vor. Entsprechend ihrem Wahlsieg über Smuts setzen in Südafrika die hochkonservativen Nationalisten unb die Labourpartei ihre Koalition fort, indem zwei Labonr- Wrer, C r e s w e l l und N o y d e l l, in das Kabinett eintreten. Ersterer wird Minister os mines. Dies verspricht ein interessantes innerpolitisches Experiment-
In Aegypten verstärkte Zaghlul seine Demonstration gegen die für ihn offenbar Überraschendc Tatsache, daß Macdo- nald ebensowenig wie die früheren Negierungen bereit ist, den Sudan preiszugeben, durch weitere.hitzige Reden und ein RücktrittsangeBot, was der König von Aegypten ab lehnte. Man fragt sich, welche Chance für die Bevorstehende englisch-ägyptische Konferenz Bet solcher Stimmung übrig Bleib..
Aus Indien wird Berichtet, daß bie Bekannten Differenzen innerhalb der S a w r a j p a r t e i auf der Tagung des Exekutivkomitees des allindischen Kongresses in Ahmedabad ziemlich dramatisch zu Tage traten. Wahrend die gesamte Sawrajpartei einig in der Ablehnung der Bisherigen Verfassung ist, sind die Auffassungen der Ghandisten von den übrigen Grundsätzen dadurch verschieden, daß Ghandi in einer langwierigen sozialen Entwicklung des indischen Volkes der S e l B st r e g i e r u n g z u - strebt, während die übrigen das indische Volk für eine rasche politische Aktion reif halten. Letztere Gruppe zerfällt wiederum in eine Minderheit, die sich von England lossagen will, und eine Mehrheit, die Bei rascher Gewährung der Srlbstregierung im Ge- sinnireich zu verbleiben Bereit ist. Das eigenartige Programm Ghandis, dessen Zentralpunkt das Spinnrad ist, sieht Beispielsweise unter Strafe vor, daß jedes Mitglied der Exekutive täglich ein« halbe Stunde Garn spinnen müsse. Dies lehnten die von Das unb Rehru geführten Politiker als lächerlich ab und verließen mit 55 Anhängern bie Versammlung, sodaß Ghandi dort eine Mehrheit erlangte. Jedoch wurde die Strafdrohung aus der Resolution weggelassen, was den Weg für eine weitere gemeinsame Tagung eröffnet Das praktische Ergebnis der Konferenz dürste nicht sehr groß werden. In indischen Kreisen glaubt man, daß der Einfluß Chandis allmählich sinken werde, weil er der praktischen Gegenwart nicht gerecht werde. Er erklärte Bezeichnenderweise, daß et die Gewährung der Selbstregierung durch England nicht wolle.
Die 24 mm breite TTonpur.-Zelle in den Morgen- b lat te rn 65 Goldnfennige, im Abendblatt 75Gold- plennige, Reklame-Zeile S.— Goldmark, Stellengesuche: 35 Goldpfennige, Familienanzeigen die doppeltbreite Zeile 66 Goldpiennige, Platz- undDaten- V Urschriften ohne Verbindlichkeit. Anzeigen nehmen an: Geschäftsstelle Frankfurt a. M., Große Escben- beimerstraße 31/37, Schillerstraße 20, Kreuzungen (Schweiz): Fritz Ewert,Postfach, Mainz: Stadthausstr.8, Berlin: Potsdamerstrl33,Dresden-A.:Waisenhausstr.2ö Köln: Kaiser Wilh.-Bmg 10, München: Perusastr. 5 Offenbach: Biebererstrasse 34 Stuttgart: Poststr. 7, unsere Agenturen und die Annoncen-Expeditionen, Verlag und Druck der Frankfurter Societäts-Druckerei 6. m. b.H.
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Frankfurter IeM«
1 Lwd HtmdelsMM. (Neue Frankfurter Zeitung)
die schwersten Widersprüche beieinander.
Vll, .... Das harte Urteil der preußischen Patrioten über den
Rett gewannen und eine Gelegenheit abwarten, hasten König ist begreiflich, und in der Tat war es vielleicht Denn ihm aalt der Krieg als sofortige Vernichtung Preußens, nicht, so sehr staatsmännische Weitsicht . als Manges an. Aus allen Seiten von Feinden umgeben, wäre dieses sofort von heroischem Entschluß, der ihn ferne Politik des Aufschubs
