Mittwoch, 1. Oktober 1924.
Abendblatt
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69. Jahrgang. Nr. 735
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Frankfurt, 1. Oktober.
Die Vertretertagung der Deutschnationalen Volks pari et hat den vorausgesehenen Verlauf genommen. Die Opposition ist in der Minderheit geblieben, eine von ihr eingebrachte Entschließung wurde mit fünf Sechsteln der Stimmen abgelehnt, während die Entschließung, welche die Geschlossenheit der Partei betont und sich für die Beteiligung an der Regierung ausspricht, mit einem Stimmenverhältnis von 10 zu 1 Annahme fand. Da die Vertraulichkeit der Aussprache gewahrt wurde, weiß man nicht, wie die Geister aufeinanderplatzten, ob die innere Geschlossenheit der Partei auch wirklich dem darüber ausgegebenen Bericht entspricht. Das wird jedenfalls von der weiteren Entwicklung abhängen, davon, ob die Deutschnationalen ihr Ziel, wieder zur Macht zu kommen, erreichen. Denn um nichts anderes handelt es sich für sie. Sie wittern dank dem Entgegenkommen der Deutschen Volkspartei Morgenluft und hoffen, daß, wenn sie nur erst in den Regierungssattel gelangt sind, sie auch bald die Führung an sich reißen werden. Unter Bürgerblock oder Volksgemeinschaft verstehen sie einen Kurswechsel in deutschnationalem Sinn. Wer ihnen dazu mithilft, kann nicht im Zweifel sein, wohin die Reise gehen soll; die Beispiele aus den Ländern — man denke nur an Bayern, Thüringen, Mecklenburg •— lehren das zur Genüge.
Worauf stützen die Deutschnationalen ihren Anspruch? Ihr Pakt mit der Deutschen Volkspartei hatte die Durchbringung der Dawes-Gesetze zur Voraussetzung. Sie haben aber nur insoweit mitgeholsen, als knapp die Hälfte von ihnen für das Eisenbahngesetz gestimmt und damit diesem die für eine Verfassungsänderung erforderliche Mehrheit gesichert hat. Die übrigen Gesetze haben sie abgelehnt, und ebenso waren sie bei der Gesamtabstimmung in der Opposition. Und nun beanspruchen sie maßgebenden Einfluß auf die „Auslegung, Handhabung und Verbesserung" derselben Gesetze, die von ihnen abgelehnt worden find! Das ist jedenfalls ein parlamentarisches Novum und müßte überall anders als eine Lächerlichkeit erscheinen. Die Sache wird aber noch dadurch grotesker, daß der von ihnen und der Deutschen Volkspartei propagierte Bürgerblock — die „Volksgemeinschaft" ist ja nur ein anderer Name für dieselbe Idee — sich gegen die Sozialdemokratie richten soll, mit deren vorbehaltlos gewährter Hilfe allein die umstrittenen Gesetze angenommen worden sind. Nach dieser Entwicklung die Regierungsbasis nach rechts erweitern hieße die Bedeutung der Reichstagsentscheidung in ihr Gegenteil um- kchren, hieße einen Betrug an der Wählerschaft verüben, deren Befragung über das Londoner Abkommen zweifellos eine überwältigende Mehrheit für dieses und eine gewaltige Niederlage der Oppsition ergeben haben würde. Dessen waren auch die Deutschnationalen gewiß, und die Angst vor solchen Neuwahlen hat ja das Eiuschwenken eines Teiles von ihnen in die Verfassungslinie veranlaßt.
-Tier Reichskanzler wird nach seiner Ankündigung nunmehr die Bemühungen um die Erweiterung der Regierungsbasis aufnehmen, sie aber nach beiden Seiten führen. Wenn es nach den ursprünglichen Ansprüchen der Deutschnationalen ginge, so müßte sein erster Schritt der sein, daß er ihnen seinen Posten abträte. Da dies nicht zu erreichen ist, wollen sie sich vorerst auch mit etwas weniger begnügen, aber auch nur vorerst. Aber da der Reichskanzler als Mitglied des Zentrums unbedingt auf dem Boden der Verfassung steht, wird bei seinen Verhandlungen mit der Rechten selbstverständlich die Frage eine Hauptrolle spielen müssen, wie die Deutschnationalen sich jetzt zur Weimarer Verfassung stellen wollen. Es muß doch von vornherein höchst sonderbar berühren, daß eine Partei, die immer im schärfsten Kampf gegen diese Grundlage der jetzigen Staatsform gestanden hat, zur Leitung der Geschicke des Staates berufen werden soll, der von ihren Anhängern nicht nur mit gesetzlichen, sondern auch mit ungesetzlichen Mitteln auf das entschiedenste bekämpft wird. Darum sind die vom Abgeordneten Erkelenz aufgestellten Fragen, ob die Deutschnationalen die Verfassung anerkennnen, ob sie jede gewaltsame Aenderung abwehren, jede Förderung verfassungsfeindlicher Organisationen unterlassen wollen, durchaus notwendig und müssen neben der Prüfung der sonstigen Einstellung der Deutschnationalen an die Spitze aller Verhandlungen gestellt werden. Die deutsche Republik ist nicht so gefestigt, daß man sie der Obhut grundsätzlicher Gegner anvertrauen dürft«, von denen man nach allen früheren Erfahrungen weiß, daß sie ihre Macht rückhaltlos zu gebrauchen verstehen. Und ihnen die Macht in die Hände zu geben im aus
gesprochenen Gegensatz zum linken Flügel der demokratischen Parteien, mit der gegen diese sichere Stütze der demokratischen Republik gerichteten Spitze, müßte doch im Grunde für jede verfassungstreue Partei ausgeschlossen erscheinen.
Für die Demokratie kann die Entscheidung garnicht zweifelhaft sein. Sie wird sich an keiner Art von Bürgerblock-Regic- rung beteiligen, sie wird jeder reaktionären Entwicklung entgegentreten müssen. Es handelt sich ja auch nicht bloß um das Reich, sondern ebensosehr um Preußen. Für die Deutschnationalen ist es immer ein Hauptziel gewesen, in Preußen die Verwaltungsmaschine wieder in die Hand zu bekommen, um dann wieder, wie in früheren Zeiten, mit allen Mitteln der staatlichen Beeinflussung und Unterdrückung ihr reaktionäres Regime einzusetzen und von da aus auch auf das Reich den entscheidenden Einfluß zu gewinnen. Wenn sie sich zu Anfang auch mit einer bescheideneren Beteiligung begnügen Mrd en, so tun sie das nur in der festen Ueberzeugung, daß, wenn sie erst einmal die Hände im Spiel haben, sich später alles andere schon finden wird. Soll sich wirklich alles wiederholen, was wir noch zu gut aus den Jahrzehnten konservativer Mißwirtschaft im Gedächtnis haben? Nur wenn das Zentrum dabei mittäte, wäre eine so verhängnisvolle Entwicklung möglich, dann müßte dieses aber das Preisgaben, was es seit Weimar vertreten hat. Auf alle Fälle muß jetzt volle Klarheit geschaffen werden. Mit Halbheiten, mit Vertuschungen und Verbrämungen kommen wir nicht weiter. Das deutsche Volk darf nicht länger im Zweifel bleiben, welcher Kurs gesteuert webde. Jede Drehung nach rechts wäre nicht nur eine Gefährdung der außenpolitischen Aufgaben, sondern auch die Quelle neuer schwerer Kämpfe im Innern.
Die französische Taxe auf die deutsche Einfuhr.
Paris, 1. Oktbr. (Wolff.) Das „Journal officiel". veröffentlicht heute vormittag eine Entscheidung des Finanzministers über die 26prozentige Abgabe vom Werte der deutschen Einfuhr in Frankreich, die heute in Kraft tritt. Danach wird für die Berechnung der Abgabe ein Dollarkurz von 420 zugrunde gelegt.
Von den schwedischen Wahlen.
Stockholm, 30. S-Ptbr. (Wolff.) Von 28 Wahlkreisen liegen jetzt die Ergebnisse der Wa hlen zur Zweiten Kammer aus 20 Wahlkreisen vor. In diesen Kreisen erhielten die Konservativen 47 Mandate (bisher 45), der Bauernbund 27 (bisher 24), dir Liberalen 4 (bisher 6), die Freisinnige Volks Partei 18 (bisher 19), die Sozialdemokraten 82 (bisher 81), die Kommunisten 2 (bisher 3). Das Gesamtergebnis ist erst am 4. Oktober zu erwarten.
Die Konferenz der 2. Internationale.
Berlin, 1. Oktbr. (Priv.-Tel.) Die Exekutive der sozialistischen Arbeiterinternationale, die gegenwärtig in London tagt, hat gestern nach dreitägiger Beratung ihre Verhandlungen abgeschlossen. Wie der „Vorwärts" berichtet, stand im Mittelpunkt der gestrigen Erörterungen eine große Debatte über die politische Lage, wobei besonders die Probleme des Ostens, -namentlich Rußlands, Georgiens und der Balkanstaaten besprochen wurden. In diesem Zusammenhänge wurde auch die Stellungnahme der englischen Arbeiterpartei zu Rußland erörtert. In einer Resolution über Georgien erhebt die die Exekutive feierlichen Protest gegen die blutigen Repressalien, die noch immer nicht beendet sind, und verpflichtet alle angeschlossene Parteien, mit ganzer Energie und allen zu Gebote stehenden Mitteln die Arbeiter aller Länder für Unterstützung folgender Forderungen des georgischen Volkes aufzurufen: Zurückziehung der bolschewistischen Armee aus Georgien, freie Abstimmung der georgischen Bevölkerung. Außerdem beschloß die Exekutive, daß die ihr angeschlossenen Parteien unverzüglich eine Aktion einleiten um eine allgemeine Amnestie für politische Gefangene in Rußland durchzusetzen und das Leben der auf den Solowecksinseln eingekerkerten Gefangenen zu retten. Die Frage der Garantieverträge wurde auf die nächste Sitzung der Exekutive vertagt Blu m-Frankreich und Brailsfor d-England wurden aufgefordert, ein gemeinsames Memorandum ouszuarbeiten.
In der Montagssitzung nahm die Exekutive den von Adler erstatteten Bericht des Londoner Sekretariats über die Durchführung der in Wien gefaßten Beschlüsse entgegen. Eine wichtige Neuerung ist ein nunmehr regelmäßig erscheinendes wöchentliches „Preßbulletin der Internationale".
Vandervelde berichtete über seine Balkanreis« und wies auf die ernsten Gefahren für den Frieden hin, die durch die Vorgänge auf dem Balkan heraufbeschworen werden. Angesichts dieser Gefahren, die auf den Krieg und die Friedensverträge zurückzuführen sind, fordert die Exekutive aufgrund eines einstimmigen Beschlusses alle angeschlossenen Parteien, insbesondere die Parteien Frankreichs und Englands, auf, alle Anstrengungen zu machen, um durch Vermittlung des Völkerbundes die Minderheitsrechte auf dem Balkan wirksam zu gewährleisten, und auf Erhöhung der vom Völkerbünde bereits gewährten Vorschüsse h'inzuorbeiten, die dem riesenhaften Umfange des Elends entsprechen. Außerdem wurde die Forderung nach Heimstätten für das armenische Volk erneuert.
Die deulschimlionale „Bereitschaft".
Berliner Pressestimmen.
Berlin, 1. Oktbr. (Priv.-Tel.) Die vorsichtige Fassung der Resolution, mit der die Deutschnationale Volkspartei gestern ihre Bereitschaft zur Bürgerblockregierung ausgesprochen hat, hat den Zweck, den anderen Parteien die Festlegung der Deutschnationalen auf bestimmte außen- und innenpolitische Programmpunkte zu erschweren und so Herrn Hergt und seinen Getreuen den Weg zur Macht erleichtern. Man denkt sich ganz richtig, wenn man nur erst in der Regierung sei, werde sich das übrige schon finden. Von der gleichen Voraussetzung zeugt die Tatsache, daß die deutschnationale Presse der Reichshauptstadt bis jetzt auf ein Kommentar zu dem gestrigen Beschlusse vollkommen verzichte t. Weder die „Kreuzzeitung" noch die „Deutfche Tageszeitung" wagen es, irgend ein Wort hinzuzufügen, das unter Umständen Hergts Zirkel stören könnte. Nur der „T a g" macht einige Bemerkungen, in denen er die Bescheidenheit der Deutschnationalen und ihre Verträglichkeit lobt. Er erwartet, daß die Dinge jetzt sehr schnell gehen werden, da die Partei ja keine allgemeinen programmatischen Forderungen erhoben hab« und auch in personellen Ansprüchen nicht weit gehe. Hier würden sich die Deutschnationalen auf die äußersten Grenzen zurückziehen, indem sie „nur" den Poften des Vizekanzlers,des Innenministers, des Verkehrsministers und desWirtschaftsministers beanspruchten. Recht unzufrieden mit der geftrigen Resolution ist dagegen die „Deutsche Zeitung", die unter dem Kommando des Herrn Claß vom Alldeutschen Verband steht. Sie bedauert, daß der völkische Teil der Deutschnationalen Partei gestern keine Mehrheit gefunden habe und es gestern nicht zu einem Wechsel im Parteivorsitz gekommen sei, und hofft, daß wenigstens bis zum 15. Oktober Herr Hergt seinen Platz verlassen haben werde.
Sehr eingehend beschäftigt sich das Berliner Z-rntrums- organ, die „Germania", mit dem deutschnationalen Beschluß, wobei sie besonders die Stelle hervorhebt, in der der Eintritt der Teutschnationalen in die Regierung als Voraussetzung für die „Verbesserung" der Londoner Abmachungen bezeichnet wird. Die „Germania" glaubt, daß dieser Beschluß es der Zentrumspartei nicht erlei chtert habe, sich mit den Deutschnationalen zu gemeinsamer Regierungsbildung zusammenzufinden. Die gegenwärtige außenpolitische Lage verpflichte alle diejenigen, die die Bedeutung der bisherigen außenpolitischen Arbeit für die Befreiung und Wiederherstellung der alten Geltung Deutschlands in der Welt voll zu würdigen wußten, zu größter Reserviertheit und Skep sis gegenüber den Deutschnationalen.
»Daß der bisherige außenpolitische Kurs unbedingt Leibehalten werden muß, daß also die Deutschnationalen in aller Form das als gut und richtig anerkennen müssen, was bisher außenpolitisch geleistet worden ist, das hat kürzlich auch Stcejemann als Führer der Deutschen Volkspartei verlangt. Wir glauben, daß die Erklärung des Vertretertages der Deutschnationalen Volkspartei darum noch sehr der „Ergänzung" in diesem Sinne bedarf, ehe sich selbst die Deutsche Volkspartei ohne innere Unruhe und Nervosität mit den Deutschnationalen an einen gemeinsamen Regierungstisch wird setzen können. Wir legen Wert darauf, daß unser ehrlicher Er- fullungswille nicht so verdächtigt werden kann, ein Wunsch, den die Deutschnationalen, die unlängst noch laut ihren Sabotagewillen gegenüber dem Londoner Pakt zum Ausdruck brachten, offensichtlich nicht haben. Weil dem so ist, bleibt uns das Wort „verbessern" in der deutschnationalen Entschließung verdächtig. Es ist ein zweideutiges Wort und hat vielleicht feinen besonderen Sinn für diejenigen, die außerhalb, und diejenigen, die innerhalb der Deutschnationalen Volkspartei stehen. Im übrigen sollte man nicht übersehen: E s sind noch lebenswichtige außenpolitische Fragen völlig im Fluß, und es wäre gut, wenn ihre L ö - sung nicht durch Regierungsrxverimente n n - sicherster Art gestört zu werden brauchten. Daß diese ersprießlich zur Lösung geführt werden, dürfte vorläufig wichtiger sein, als der Eintritt Deutschnationaler in die Reichsregierung. Und für die Fortführung der bisherigen Außenpolitik ist immer noch eine Mehrheit im Reichstag vorhanden, wenn nicht die Deutsche Volkspartei aus innenpolitischen und wirtschaftlichen Interessen versagt."
Die „Germania" stellt zutreffend fest, daß der Kampf in der nächsten Zeit vorwiegend um die Verteiln n g der Reparationslasten gehen werde, folgert aber hieraus die Notwendigkeit, alle Teile der Bevölkerung zur Mitwirkung an der Lösung dieser Aufgabe hinzuzuziehen.
Die Zentrumspartei könne eine einseitige Regelung dieser schwierigen Angelegenheiten nie und nimmer zulassen und werde sich an einer Regelung, die ganze Volksschichten von der Mitwirkung ausschließe, unmöglich beteiligen können. Ohne weiteres die Deutschnationalen in ein Kabinett auszunehmen, hieße den Bock zum Gärtner machen, hieße für die Mittelparteien, eine Politik der Selbstentäußerung treiben, wie sie grotesker nicht ausgedacht werden könne. Zusammenfassend schließt das Blatt: „Wir müssen verlangen, daß sich die Deutschnationale Volkspartei präziser, als sie es gestern getan hot, zur bisherigen Politik der Mitte bekennt und ihre Bereitwilligkeit aus spricht, auch zus ammen mit 6er
Sozialdemokratie eine Regierungsumbildung vorzunehmen. Sollte die grundsätzliche Bereitschaft sowohl der Deutschnationalen wie der Sozialdemokraten Zustandekommen, mit der bisherigen Regierungskoalition die „große Regierung der Volksgemeinschaft" zu bilden, so dürfte es außerdem notwendig fein, ein klares Regierungsprogramm, und zwar vor Bildung dieser Regierung, zu entwerfen, ein Regierungsprogramm, dessen Tendenz und Kursrichlung mit der bisherigen übereinstimmen müßte. Dieses Ziel mögen viele utopisch nennen; es ist es nicht, wenn der gute Willen bei allen, die jetzt zur Mitwirkung in Frag« kommen, vorhanden ist. Das Zentrum wird zur Erreichung eines solchen Zieles jedenfalls gern mithelfen."
Der „Vorwärts" bewertet den Beschluß des deutsch- nationalen Vertretertages, der übrigens mit 273 gegen 35 Stimmen angenommen worden ist, als einen Versuch, die inneren Gegensätze der Partei durch den gemeinsamen Kampf der beiden sich gegenüberstehenden Gruppen um die Regiernngs- macht zu überbrücken und die Tatsache, daß das Gros der Partei konsequent einen Bruch mit der bisherigen Richtung der deutschen Politik verlange, im Interesse dieses Manövers zu verschleiern. Uebrigenz glaubt der „Vorwärts" bestätigen zu können, daß der Text der gestrigen Resolution bereits mit der Deutschen Volkspartei vereinbart gewesen sei. Zu der Fvage, ob die Sozialdemokratie prinzipiell an Verhandlungen über Erweiterung der Regierungsbasis teilnehmen soll, bemerkt er:
„Ernstlich denkt natürlich kein Mensch daran, daß sich Sozialdemokraten und Deutsch nationale in einer Regierung zusammensetzen können. Es wäre ein sehr übles und fehr durchsichtiges taktisches Manöver, wenn man die Erweiterung der Regierung nach links zum Schein am Widerstand der Sozialdemokratie scheitern lassen wollte, um dann den Kurs geradeaus zum Bürgerblock zu nehmen. Die Sozialdemokratie hat sich niemals nach deutschnationaler Art au die „Futter-Kripve" gedrängt, sie hat auch nicht die Absicht, sich mit unehrlichen, nach rechts schielenden und mit den Deutsch nationalen gemeinsam intrigierenden Bundesgenossen an einen Tisch zu setzen. Das ist so klar wie nur irgend etwas. Auf der andern Seite beweist die Geschichte der letzten Jahre, daß sie sich auch niemals der Pflicht der Verantwortung entzogen hat, wenn die Not des Volkes es verlangte, und daß sie stets bereit war, mit Parteien, mit denen sie über die Regelung der nächsten dringendsten Tagesfragen zu einer ehrlichen Uebereinstimmung gelangen konnte, gemeinsame Arbeit zu leisten. Wenn sie in dieser Beziehung sehr vorsichtig geworden ist, so ist das auf die Erfahrungen zurüAuführen, die sie gemacht bat. Sie ist nie besonders vertrauensselig gewesen, aber auch der Rest von Vertrauen, den sie in die Loyalität gewisser VertcagSteil- nehmer setzte, ist in entscheidenden Augenblicken auf das schmählichste Betrogen worden. Kein Wunder, daß sie sich mehr und mehr zu dem Mißtrauen bekennt, was nach Bebel eine demokratische Tugend ist. Den Gang der Verhandlungen kann niemand voraus- sehen. Die Meinung freilich, daß schon in einer Woche Ergebnisse vorliegen würden, die den Reichstagsfraktionen zur Bestätigung vorgelegt werden müßten, scheint uns reichlich optimistisch zu sein. Tie einzige reale Frage der Verhandlungen ist, ob der Bürger- block zustande kommt oder ob die von der Volkspartei entfachte innerpolitische Krise direkt in einer Reichstagsauflösung münden wird." ,
Ein Tscheche wird Mkglied der Saarregrerung.
Genf, 30. Septbr. (Wolff.) Der Völkerbundsrat ernannte heute zum Nachfolger des verstorbenen Mitglieds der Regierungskommission des Saargebietes, Espinosa de Los Monteros, den gegenwärtigen Richter im Obersten Gerichtshof in Saarlouis, Dr. Franz Vezenski (Tschechoslowakei). Er wird das Departement für Unterricht, Kultus und Justiz übernehmen. Die Ernennung von Dr. Vezenski wurde von Benesch persönlich vorgeschlagen und einstimmig vom Rat genehmigt. Dr. Vezenski, der seit 1921 im Obersten Gerichtshof des Saargebiets tätig ist, war früher im Obersten tschechoslowakischen Verwaltungsgericht in Prag tätig und Ministerialrat im Justizministerium. (Wir werden auf diese Ernennung noch ausführlicher zurückkommen).
Reise Dr. Luthers nach London.
Berlin, 1. Oktbr. (Priv.-Tel.) Finanzminister Dr. Luther reist, wie wir schon in den letzten Wochen ankündigtcn, heute abend noch London ab, um an den abschließenden Verhandlungen über die Unterbringung der Dawes-Anleihe teilzunehmen. Nach den letzten Nachrichten, die über den Stand der Verhandlungen hier vorliegen, glaubt man damit rechnen zu können, daß schon in wenigen Tagen ein abschließendes Ergebnis erzielt wird.
Eröffnung der 14 Versammlung deutscher Historiker
— Frankfurt, 1. Oktbr. Gestern abend wurde hier die 14- Versammlung deutscher Historiker und Geschichtslehrer durch einen Empfangsabend eröffnet, den der Frankfurter Magistrat den Historikern gab. Prof. Ziehen (Frankfurt) hielt eine feierliche Begrüßungsansprache, in der er besonders auf die Notwendigkeit einer Klärung der Kriegsschuldfrage hinwies. Die deutsche Volksseele trage ein starkes Verlangen nach Wahrheit. Nach weiteren Ansprachen des Vorsitzenden des Verbandes deutscher Historiker, Prof. Dr. Küntzel, Unterstaatssekretärs Prof. Dr. Becker und des Regierungspräsidenten Haenisch wurde der Empfangsabend mit einem einfachen Imbiß beschlossen.
Gestern, heute und morgen.
Von Hermann Linden.
Die Stunden, da die Treppen unter Menschentritten knarren, da Schellen durch t)ie Stockwerke schrillen, kurze Kommandos der Aerzte, leisere Gegenrufe der Schwestern durch Korridore jagen, da dieses kleine und aufgeregte Haus im summenden und ruhelosen Getriebe der Arbeit steht, diese Stunden hat die Finsternis verschluckt und die Glocke der ersten Mitternacht rollt ihre zwölf Schläge über diesen ersten Tag eines neuen Lebens-
Der letzte Zug dröhnt an deinem Fenster vorbei, das ein schmaler, sandiger Weg vom Bahndamm trennt-
Riesengroß, bleichsüchtig und steif ist die volle Scheib« des Mondes aufgepflanzt über den Wipfeln der Bäume, die schon in Herbstkühle zittern. Du liegst in deinem eisernen Bett, schwach und geizig rinnt ein zögernder Streifen des glanzlosen Mondes herein, die Umrisse der Möbel wachsen vor deinem Auge, aber du hast feine Neugierde und hast keinen Zorn; denn du weißt, daß die Möbel weiß sind und ohne Charakter, daß die Wände dieser Kammer schmuck- und bildloZ sind und nichts an ihnen hängt als ein kleiner, sehr gewöhnlicher Spiegel. Wozu also Licht?
Der dumpfe Klang der läutenden Glocke durchzieht dein Ohr, du weißt nicht, ob die Schläge aus einer Kirche oder aus einer Schule ober aus sonst irgend einem Hause kommen, du kennst die Gegend noch zu wenig, doch dein« Gedanken haben keinen Halt an so unwichtigen Dingen, sie rennen wie verblüffte Entdecker in dem Neuland einer unbekannten Erfahrung umher und hätten ste Stirnen, so wären gewiß Falten der Grübelei und Tropfen des Fiebers daran zu erblicken.
Rasch und seltsam sind die Verwandlungen des Lebens- Komisch und wunderbar fallen die Würfel. Er, der Zufall, der ewige Croupier jenes furchtbaren Hazards, das wir unseren Vätern folgend „Leben" zu nennen pflegen, wirst die goldenen und die traurigen Ereignisse in unser« sehnsüchtigen Hände; er wirft sie blind, willkürlich, ohne Wahl und Instinkt, ohite Geschmack und Kultur; er wirst sie mit dem Naturlauf der Flüsse, mit der Hemmungslosigkeit des Elementes, unbarmherzig wie die rutschende Lava und unser ist nichts als das Nehmen. Wir können lachen, wenn es ein Glück toar. Wir dürfen meinen, wenn es eine Enttäuschung war- Unser ist die Dankbarkeit oder der Protest. Unser aber ist nicht die Macht der Bestimmung. Rasch und seltsam sind die Verwandlungen des Lebens.
Gestern umkochte dich die weiße Glut der Stadt, gestern ringelten sich die unendlichen Schlangen der Wagen unablässig störend um deinen Weg, gestern donnerte der aufreibende Lärm durch dein stadtmüdes Ohr, heute gehst du einen sickernden Wiesenbach entlang, morgen hast hu vielleicht den Gang vorn Alltag in die Legende beendet und sitzest an einem Fluß, redend mit Fischen wie der heilige Franz von Assist, so die fromme Historie erzählt. Gestern saßt du noch in großen, flimmernden Sälen, in denen
bi« Kunst sich brüstete, heute vegetierst du in einer engen, reizlosen Kammer, einsam und in einer nicht gerade entzückten Stimmung, morgen kauerst du, örtlich wie nie zusammengeschrumpft, in einer elektrischen Zelle. Rasch und komisch sind die Verwandlungen des Lebens.
Gestern traf ich einen Freund, als er bereit toar, zu wählen zwischen Pistole und Wasser, heut« fiel ihm eine Berufung in den Schoß, morgen wird er zwischen Lachen und Arbeit im seligen Tempo der Leistung glühen. Es kann sein, daß du gestern dein Leben noch gefristet hast in Dachkammern und Kaschemmen, heute entdeckt« «in Film-Rin-tin-tin dein boshaftes Jronikerproftl, morgen umarmst du See Paree, die schönste Frau der Welt. Wer will diese Möglichkeiten bestreiten? Rasch und oft wunderbar sind die Verwandlungen des Lebens- Gestern. — Heute. — Morgen.
Wer kann das wissen.
Viele Stunden der Nacht sind vorübergeglitten, der Tag ist nicht mehr sehr fern, noch steht der Mond in der gleichen Höhe, aber Blässer geworden, fast durchsichtig, wäre er nicht soweit-
Da gellt die Pfeife des Frübzugez durch die dunkle Luft. Sicher ist die Lehenseinstellung des Skeptikers die nützlichste und die vernünftigste, für ihn hat die Welt nur eine Formel: Intelligenz. Haben ober Nichthaben — Sein ober Nichtsein. Alles übrige ist für ihn Bluff und Wolke. Er ist der aktuelle Weise unserer Zeit, die durch ihren Mangel an Poesie und Romantik nur durch , diese nackte Verstandestheorie bezwungen werden sann. Es ist schon so. Auch wenn die Illusionisten heulen wie Hiob oder jene Verstoßenen an den Wassern von Babylon. Du aber glaube an das Wunder. Das ist „schöner".
Ser „Herr", der einen Groschen kostet.
Im Juni ist von her Postverwaltung eine neue Vorschrift über die Behandlung von Drucksachen erlassen worden. Sie ist so lang tote das Wessobrunner Gebet und hat zu Paragraph 7 allein 14 Unter- und 13 Ausführungsbestimmungen. Deshalb ist sie erst im August in Kraft gesetzt worden, da sicherlich vorher verschiedene Unterrichtskurse mit den Postbeamten vorgenommen worden sind. Dies« neue Verordnung hat den neuen Begriff der „Teildruck - fach e" geschaffen. Eine Teilbrucksache ist nicht etwa eine Drucksache, bie man in mehrere Teile zerlegt, sondern eine Drucksache, die durch unzulässige schriftliche Zusätze nur noch „teilweise" eine Drucksache ist- Diese wird dann nach den 14 Unter- und den 13 Ausführungsbestimmungen zu Paragraph 7 der Postordnung ganz verschieden behandelt. So genügt denn z. B. ein Strich mit einem Blaustift in einem Preisverzeichnis oder auf einer Zeitungsnummer, um sie als Teildrucksache vortozuschlagspslichtig zu machen.
Da man das nun einer Drucksache nicht von außen ansehen sann, so ist auf allen Postämtern neuerdings eine Schar Von Beamten tätig, um eingehende Drucksachen zu durchsuchen und von dem Inhalt offener Drucksachen „amtlich Kenntnis zu nehmen".
Der Postverkehr wird dadurch ohne Frage abwechslungsreicher, denn wer einen lebhaften Postverkehr hat, der muß säst jeden Tag für irgend eine gleichgültige Drucksache Strafporto zahlen. Was diese postalische Niederjagd auf unzulässige schriftliche Zusätze für lächerliche Formen annimmt, zeigt eine mir vorliegende Drucksachenkarte.
Die „Frankfurter Zeitung" hat die erfreuliche Gewohnheit, durch eine solche gedruckte Karte ihre Mitarbeiter über die Annahme einer eingesandten Arbeit zu unterrichten. Die mir zugesandte Karte war offenbar für weibliche Mitarbeiter bestimmt und zeigte die Anrede: Sehr geehrte Frau. Der Absender hatte die „Frau" in „Herr" geändert. Dieser „Herr" auf der Textseite kostete mich in Leipzig 10 Pfennig Strafporto. Das Sinnlose ist, daß dieselbe Aenderung, wenn sie auf der Adressenseite vollzogen wird, gratis erfolgt und kein Strafporto kostet.
Sinnloser ist noch folgender Fall: Im Buchhändlerverkehr pflegen die Bücherbestellzettel, die bie Post als Drucksachen behandelte, mit einem ober zwei Kreuzen bezeichnet zu werden, wenn es sich um eilige Angelegenheiten handelt. Solche Bücherzettel wurden dann plötzlich im Mai als unzulässig und als briefporto- pflichtig bezeichnet, weil es nach Paragraph 7 Nr. 1, X nicht gestattet ist, Mitteilungen in verabredeter Sprache 5U machen. Lag doch immerhin die Möglichkeit vor, daß solche gtoei Kreuze „Prosit Neujahr" ober sonst eine geheimnisvolle Mitteilung bebeuten könnten. Daraufhin schlug bas „Buchbändler- börsenblatt" bent Buchhanbel vor, biefe Kreuze durch dieWorte: „Eilige Sendung" oder bergt, zu ersetzen, bie auch auf Drucksachen zulässig sind.
Was wird nun die Folge dieser rein bürokratischen Reglementierungssucht sein? Man wird sich vorsehen, wird keine Striche in Drucksachen mehr machen, und damit wird die amtliche Durchsuchung und Durchlesung von Drucksachen allmählich immer unergiebiger werden. Schon heute dürfte der Ertrag an Strafgeldern nicht einmal die Kosten des umständlichen Verfahrens decken Und bann, wenn nicht nur bie Postbeamten, sondern auch die dem heiligen Bürokratius schutzlos preisgegebenen sechzig Millionen Deutscher diese 14 Bestimmungen und die 13 Ausführungsbestimmungen auswendig können, dann wird das Gedächtnis des hart um seine Existenz ringenden deutschen Volkes weiter mit neuem sinnlosem Formelkram belastet sein, der wirklichen Wert genau so wenig Hai wie die Jahreszahl der Schlachten bei Arbela und Gaugamela.
Es gibt auch noch den anderen Weg, daß man eine solche mit Strafporto beschwerte Karte zurückgehen läßt. Ich bin z. B. davon überzeugt, daß man die „Frau" nach Paragraph 7, X 1 ungestraft in „Herr" abändern kann, wenn sie als ein Druckfehler angesehen wird. Dann würde also die Geschaitsleitung der „Franks. Zig." postalisch darüber vernommen werden. 1. ob außer Drucksachenkarten „für Frauen" auch solche „für Herren" auf dem Büro vorhanden sind; 2. ob der betreffende Ungestillte das gewußt hat. Ist es nicht der Fall und hat er es auch nicht
gewußt, dann wäre postalisch die „Frau" eventuell als Druckfehler zu genehmigen und als solche änderungsfähig sein usw. Aber wer hat zu solchen Dingen Zeit? Aber auch di« Zeit unsrer Postbeamten sollte dem Staate viel zu teuer und wertvoll sein, als daß sie mit solcher sinn- und ertraglosen Kammerjägerei auf Striche und Kreuze und belanglose Aenderungen vertrödelt werden darf.
ra. ।
— f Frankfurter Neues TheaterJ Wenn einer aus der vorletzten Generation daberkäme, sich das Drama „Professor Storizhn" von Leonid Andrejew anzusehen, so würde et manche Erfordernisse des schulgerechten Dramas nicht erfüllt sehen. Er würde sagen, bie sittliche Weltorbnuug gehe in bem Werke nicht um, die Katharsis fehle, dieses Drama fei nichts als ein quälendes Zurstreckebringen eines schuldlos unglücklich Gewordenen, es fei Abschrift eines zufälligen Schicksals. Und er würde für seine Generation Recht haben. Man hätte ihn zu belehren: es handelt sich um Andrejew, um Rußland, um eine Tragödie der Verzweiflung, um einen uferlos gedehnten Stoff, der nicht aufgebaut, sondern breit hingelagert wird, um Menschen, bie ihr Leben mit philosophischen Beiseitegesprächen umtoinben. Der Mann der vorletzten Generation wird jedoch nicht übersehen können, daß sich ans bem Drama einige Auftritte von unerhörter Spannung unb allgemeingiltiger Wahrheit erheben. Der Sohn, her mit dem Vater hadert, weil der ihn auf bie Bücher hetzt, bie das junge Blut haßt, lebt nicht nur in Rußland. Eine Ueberraschung ohne Gleichen gibt es, wenn der raunzende Regimentsarzt ganz zum Schluß sich enthüllt unb im Rotweindunst seine Wunben zeigt. Und raffiniert vorbereitet und unheimlich geladen ist bie Szene, in ber Siorizyn, der reine Schönheitsucher, den seine Frau jahrelang betrog, inmitten einer Welle von Schmutz steht, seinen Sohn, der vielleicht des Anderen Sohn ist, als Dieb entlarvt unb sich schließlich vor ben Augen des Jungen betrinkt. Neben solchen erbarmungslos gebrachten Explosionen geht bann nach Anbrejews Art viel Leises unb Besinnliches einher : die rührende Ergebenheit eines Mannes, ber ben brechenden Siorizyn zu bitten trachtet, bie reine Liebe eines Mädchens, das in dem Wirrsal tote eine Blume steht, Auftritte von rührender Zartheit, fesselnde Jn- nenbeleuchtung im scheinbar Nebensächlichen, Züge, tote sie nur ein Dichter geben kann. Umso furchtbarer der Kontrast. Ein Mensch, ber bie These verkünbet: Die Schönheit bes Lebens ist bie heroische Tat! geht an der allergemeinsten Wirklichkeit zu Grunde. Die Berliner Gäste des Neuen Theaters, Herr Friedrich Kayßler und Frau Feh dmer, gaben ber Frankfurter Ausführung ben Grundton ber UnentriunBarteit, ber Verzweiflung ohne Ausweg. Kayßlers Siorizyn, hoch, gebietenb, mit vergeistigtem Kopf, ist ein Mann, ber bas Leben zu bänbigen glaubt unb ber ein — Knabe geblieben ist. Schrittweise überwältigt bie Wirklichkeit ben reinen Kämpfer. Man steht förmlich, wie sie ihn zerstört. Ein Leuchten ist um bie Gestalt, in btefen fragenden Augen, die das Erkennen verdunkelt. Adelig ist er noch int Verfall. Kayßler lebt den ruhmlisen Helden ohne sichtbare Kunst. Mit unvergleichlicher Natürlichkeit plaudert und scherzt er, trägt er, ein Entrückter, sein Evangelium
