Damstrrg, 1. Oktober 1927

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G E S C HÄTT S STE MJS M u. Generalvertretungen: Frankfurt a.ML»Gr. Eschenheimer Str. 51-37, Sdüllerstr. 18-24. Berlin W 9. Potsd. Str. 133. Hamburg, Gr.Bäcker­str. 9. Köln a.Rh.Kaiser-Wilhelm-Ring 10u. Mauritius Steinweg 12. München, Perusastr.5 u.O.9,Emeranstr.20. Statt- gart,Poststr.7.Hannover,LeisewifcstE, 53a. Leipzig-Leu.. Friedr.-Ebert-Str. 66. Wien I, Wollzeile 11. Zürich, Weinbergstr. 24. London E.Cl,Hol- born Viaduct House, Mailand, Via A. Manzoni 23. Brüssel, Rue Montagne aux Herbes Potagdres 47. Arnhem, (Holland), Utrechtschestraat 51. Rio de Janeiro, Caixa-postal 2401, New York Brooklyn.il MontagueTerrace, Anfragen und unverlangten Einsen­dungen ist Rückporto beizufügen, - Verlag und Druck: Frankfurter Societät s -Dr uckerei G.m.b.H

B E ZUGS- FREIS

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Montags zwei Ausgaben. Beilagen: a . a

Dos Technische Blatt Literaturblatt MM

Für Hochschule u. Jugend. Der Sport \ ES8

S-*'- ääs JsasÄ.

Störungen d. hölkGewalt od.Ausstand beiecht nicht zu Ersatzansprüchen.

Frankfurt, 1. Oktober.

©st8. lettländische Parlament wird sich in den nächsten Tagen mit dem lettländisch-russischen Handelsvertrag be­schäftigen, der nicht nur in Lettland selbst, wie vor einigen Tagen unser Rigaer Mitarbeiter kurz berichtet hat, starken Widerstand findet, sondern auch über die Landesgrcnzen hinaus, vor allem in Estland, lebhaft kritisiert wird. Tas macht, daß er nicht eine rein wirtschaftliche Angelegenheit ist, sondern von Freunden und Gegnern als Glied in einer Kette vorwiegend: politischen Charakters angesehen wird, nämlich als ein Stück in der Politik der Befestigung und Befrie­dung Osteuropas. Ter linkssozialistische lettische Außen­minister Zeelens hat im letzten Sommer den Handels­vertrag mit Rußland unterzeichnet aus demselben Ge­danken heraus, iin dem er im März ds. Js. die Verhandlungen üver den Entwurf einesNichtangriffs"-Vertrages mit Ruß­land zwar nicht abgeschlossen, aber bis zu einem ziemlich.aus­sichtsreichen Punkte geführt hat. Er und seine Mehrheit, zu der sich in diesem Falle auch der führende Teil der deutschen Fraktion gesellt,^ sind der Ansicht, die sich einem weiterblicken- den Staatsmann allerdings geradezu aufdrängen muß, - daß ohne die Herstellung guter Beziehungen zu der großen Sowsel- macht im Osten diese eines Tages doch wieder den Graben" überspringen wird/ den ihm wie einst Gustav Adolf so jetzt die Entente glaubt gezogen zu haben. Es ist eine Maß­nahme zur eigenen Sicherung, die heute die lettländische Rc- gierung treffen will. Mit dem erwähntenNichtangriffspakt", der späteren Zollunion mit Estland und dem Baltischen Locarno, von dem Herr Zeelens in Genf und auch in Riga wieder gesprochen hat, soll der Handelsvertrag eine Einheit bilden und gewUermaßen der erste Stein an dem Bau sein.

Der lettische Außenminister und seine Freunde denken sich dieses baltische Locarno als einen Gegenseitigkeitsvertrag zwischen den Staaten, die am Ufer des Finnischen Busens neu aufgerichtet sind, also vor allem zwischen Lettland, Est­land und Finland, unter' Garantie der beiden angrenzenden Großmächte Deutschland und Rußland, wobei es anderen Mächten wie natürlich den Skandinaviern und England offene stände, sich anzuschließen. An Litauen, das an sich in diese Gruppe, hineingehören würde, denkt man, wie es scheint, zu­nächst nicht, weil die Wilnaer Frage und das daraus entsprin­gende ungeklärte Verhältnis zu Polen ein Moment der Unruhe in sich bergen. Auch von Polen wird in Riga einstweilen nicht gesprochen, zum Teil wahrscheinlich aus dem gleichen Grunde, aber nicht bloß aus diesem. In Lettland ist, seit einmal ein unter Polens Führung stehender Randstaatenbund dicht vor der Tür stand und damals nur an dem Umschwung in Finland und einer sehr deutlichen Geste des Kreml scheiterte, gegen­über Polen eine starke Ernüchterung eingetreten, während um­gekehrt die estnische Politik seit Jahr und Tag starke Sym­pathien zu Polen bekundet und aus diesen Staat in einem solchen Baltischen Locarno nicht gern verzichten würde. In Riga aber, wo gegenwärtig eine, linke Regierung an der Macht ist, fleht man die polnische, manchmal etwas problema­tische Politik mit ziemlich kritischen Augen an. Diese Meinungs­verschiedenheit' wirkt nun wieder auf das Verhältnis Estlands zu Lettland nicht eben günstig ein.

Unter dem ersten Eindruck des kommunistischen Putsches in Estland vom Dezember 1924 war es zwischen den beiden Staaten zu einer sehr engen Verbindung zur Abwehr bolsche­wistischer Angriffe gekommen, und auch heute besteht, trotz der geringen gegenseitigen Sympathie der beiden Völker zu einander, in Riga wie in Reval, die Erkenntnis von der Not­wendigkeit enger Beziehungen der beiden Staaten, deren Ver­hältnisse in vieler Beziehung gleich gelagert sind, und die auch durch historische Schicksale einander nahegebracht sind. Bis vor einem Jahr noch schienen auch wirklich diese Beziehungen sehr eng zu fein. Aber in letzter Zeit ist eine offensichtliche Abkühlung eingetreten. Daran ist vor allem der noch nicht fertigeNichtangriffspakt" vom letzten Frühjahr und jetzt bet, bis auf die Ratifikation durch das Parlament fertige Handels­vertrag mit Rußland schuld. In Estland, wo man, wegen der engeren Nachbarschaft mit dem Rosen Rußland und eben wegen des erwähnten Putsches viel mehr rusiophob ist als in Lettland, wo man die russisch-bolschewistische Gefahr im all­gemeinen nicht mehr so aufgeregt ansieht, nimmt man den Letten ihre Verhandlungen mit Moskau übel. Sie sind nach estnischer Meinung fast ein Verrat an der gemeinsamen Sache

der baltischen Staaten und eine Verletzung der zwischen den Außenministern der beiden Staaten getroffenen Vereinbarun­gen, nach denen beide Staaten mit Rußland nur im Ein­vernehmen mit eiminder und unter gleichen Bedingungen ver­handeln wollten. Vor allem auch sieht man in dem lettisch- russischen Handelsvertrag eine Gefährdung der geplanten lettisch-estnischen Zollunion, während Lettland wiederum zu seiner Rechtfertigung sagt, es habe nicht bis zum Abschluß der Zollunion warten können, die wohl noch Jahre bis zu ihrem Zustandekommen brauchen werde, und überdies gefährde der Handelsvertrag die Zollunion gar nicht, da ja die An­passung im Wege der Aenderung der einzelnen Zollsätze er­folgen könne. Aber die Debatte wird in einem nicht sehr freundlichen Tone geführt. Es ist nebenbei kenn­zeichnend für das Hineinwachsen der Deutschbalten in die beiden Staaten, zu denen sie nun gehören, daß die deutsche Presse Lettlands ganz den lettischen, die Revaler dagegen den estnischen vertritt. Jedenfalls ist heute die Stimmung zwischen Reval und Riga so eisig, daß der estnische Minister des Aeußern.Akel auf seiner Reise, die er zum Besuch Strcse- manns nach Berlin macht, in Riga nicht. Haltmacht, wie es doch an sich gerade unter, den jetzigen Umständen nahegelegen hätte.

Ob der lettisch-russische Handelsvertrag, der für Lettland aus begreiflichen Gründen günstig ist, zustande kommen wird, ist nicht sicher. Die Opposition im Lande ist stark. Es sind vor ollern die sowjetscheuen bürgerlichen Kreise, die den Vertrag nicht wollen, teils aus agrarisch-schutzzöllnerischen, noch mehr' aber aus polittschen Gründen, weil sie eine gefähr­liche Sowjetpropaganda fürchten, schließlich auch aus dem kümmerlichen Motiv, um die sozialdemokratische Regierung zu stürzen.' Auch in der deutschen Fraktion gibt es eine Opposi­tion, die gegen den anerkanten Führer der Fraktion den Ver­trag bekämpft. In Estland aber wartet man schadenfroh, daß der. Vertrag und mit ihm der Außenminister Zeelens zu Fall kommen wird. Es ist kein gutes Zeichen für das Verhältnis zweier Staaten, wenn der eine an der Parteiung des anderen unmittelbar interessiert ist. Man sieht über der Grenze auch den Nichtangriffspakt Lettlands mit Rußland schon als be­graben an, was unbedingt unrichtig ist. Herr Zeelens arbeitet, wie er erst kürzlich wiederholt mitgeteilt hat, mit Aussicht auf Erfolg daran weiter, und nur, wenn eine ganz entgegengesetzte Regierung käme, könnten diese Verhandlungen eine Unter­brechung erfahren. Möglich ist das. Aber zur gleichen Zeit hören wir, daß Estland selbst über einen solchen Pakt mit Rußland weiter verhandelt, und daß Rußland tn ver schwie­rigsten Frage, der des Vorsitzenden in dem gemeinsamen Schiedsgericht, nachgegeben habe. Also auch da ein Fortschritt. Es wäre bedauerlich, wenn die jetzige lettische Regierung, die auch den Minderheiten gegenüber einen von Chauvinismus freien Standpunkt einnimmt, im Gegensatz zu der Gehässigkeit der meisten bürgerlichen Parteien, zu Fall käme. Aber das, was sie ersttebt, Sicherung und Bruhigung im Nordosten, ist so vernünftig, daß es mit dem Sturze Zeelens' nicht abgetan wäre. Wäre man aber in Riga so von Gott verkästen, daß man es absichtlich zu Fall brächte, dann müßte man sich die üblen Folgen, die ewige Unruhe im Verhältnis zum Nachbar, und Schlimmeres, selbst zuschreiben.

Dchla«g Kak-schek in Japan.

London, 1. Oktbr. (Wolff.) DieTimes" berichtet aus Tokio:' Dchiang Kai - schek, bet vorgestern in Japan etn= Ktroifen ist und sich mit seinem Gefolge nach Unzen, einem Verg­ort in der Nähe von Nagasaki, begeben hat, versicherte ten Bericht­erstattern seine Freundschaft für Japan und seine Hoffnung, die Mißverständnisse zwischen Japan unb China zu beseitigen. Nie- nand nimfnt an, daß er bie politische Bühne verlassen hat. Man staubt, daß er sich in Nagasaki oder Osaka niederlasten wird, wo tr nur zwei Tage von Schanghai entfernt, ist, so daß er jeden Augenblick zurückkehren kann, wenn die politische Lage eine Ge­legenheit. dafür bietet.

Strafverfolgung Arturo Labriolas.

Rom, 1. Oktbr. (Europapreß.) Aus Verfügung der Polizeidirek­tion ist nun gegen den sozial! st ischenExabgeordneten Arturo Lab riola von Neapel, der vor drei Monaten ins Ausland floh und gegenwärtig wahrscheinlich in Belgien weilt, eine gerichtliche Untersuchung eingeleitet worden. Er wirb sich im in contumaciam-Verfahren bet unerlaubten AnSwand e- r u n g ohne Paß zu verantworten haben.

Die Ureußerranleihe.

Die Schwierigkeiten anscheinend beseitigt.

(S e fe t e SDle I b u ng.)

Berlin, 1. Oktbr. Nach den letzten Meldungen, die gestern abend und heute morgen aus Washington hier ein­getroffen sind, kann, wie wir hören, nunmehr damit gerechnet werden, daß die H a u p t s ch w i e r i g k e i t e n, die der Auf­legung der preußischen Anleihe entgegenstanden, beseitigt sind, daß jedenfalls von offizieller amerikani­scher Seite keinerlei derartige Hinderniffe mehr bestehen.

Trommelfeuer

gegen die deutschen Ausluudsanleiheu.

Ein neuer Angriff derTimes".

(D rahtm eldnn g unseres Korrespondenten.)

x£z London, 1. Oktbr. Die Haltung des Staatsdeparte­ments in Washington gegenüber der beabsichtigten Preußen­anleihe veranlaßt dieTime s" erneut, die Frage auszu­rollen, ob die deutschen Anleihen im Ausland die Dawes- verpflichtungen beeinträchtigen werden, und das Blatt führt Herrn Dr. Schacht sowie Warnungen von Herrn Duisberg und Thyssen dafür an, daß man in Deutsch­land selbst gegen die allzu große Ausnahme von Geld stm Aus­land skeptisch sei. . , ..

Man mag daran zweifeln, schreibt bieTimes , ob bie amerika­nischen Bankhäuser, bie so freizügig an bie beutschen Länder, Kom­munen unb an bie private Industrie ihre Millionen geliehen haben, sich bisher eine Clare Idee von den schließlichen Konsequenzen ihrer Aktion gebildet haben. Die nationale Zahlungsbilanz sei da­bei so schwer belastet worden, daß die Anleihen, wenn sie de facto Priorität erhielten, zur Verminderung der verfügbaren Summen für den DaweStranSfer tendieren würden. (Die Leistungs­steigerung der deutschen Wirtschaft unb der Ausbau wie bie Ver­besserung der Produkttonsanlagen, die der Kapitalimport zuwege brachte, wird von dem englischen Blatte, wie es scheint, ignoriert. Red.) Ein Vergleich zwischen den tatsächlich in den ersten drei Jahren geleisteten Reparationszahlungen mit den während der gleichen Periode erfolgten Ausländsanleihen zeige, daß die Ge­samtsumme der DaweSaunuitäten 5 470 000 000 Goldmark be­tragen habe; nach den Angaben des Reparationsagenten habe da­gegen die Durchschnittssumme von deutschen Anleihen im Aus­land zwischen 1925 und April 1927 3 038 700 000 Goldmark be­tragen, wozu 1002 000 000 für 1924 (davon 960 Millionen inner­halb der deutschen Außenanleihe) unb 650 Millionen für bie Zeit vom 1. Bis 31. Ju.i 1927 hinzukommen, was zusammen 4 690 700 000 Golbmark ergebe. Seit bet Dawesplan in Kraft getreten sei, kämen bie bisherigen Annuitäten bis auf bie verhältnismäßig geringe Summe von 780 Millionen der im Ausland aufgenommenen Geld­summe gleich. Getrennt davon ermutige der Einfluß von auswär­tigem Anleihekapital, bie Einfuhr nach Deutschland zu vermehren unb bie Zahlungsbilanz zu verschlechtern.

DieTimes" weist daraus hin, daß Herr Dr. Schacht seit langem diese Gefahr erkannt habe und sich gegen große weitere Anleihen im Auslande wende. Das Blatt führt an. daß Deutsch­land nach der großen Jnnenanleihe des Reiches sich wieder an das Ausland habe wenden müssen, um neues Kapital zu erhalten. Schließlich sei baS Finanzverhältnis zwischen Ländern, den Kom­munen und dem Reich keineswegs zufriedenstellend, wie aus dem Bericht des Reparationsagenten hervorgehe. Dies alles gebe An­laß zu einiger Skepsis gegen bie großen deutschen Anleihen im AuSlanb.

Die frarrMsch-bel-Mchen H-rrrdslskesrehunge».

(Drahtmelbung unseres Korrespondenten.)

I, Brüssel, 1. Oktbr. Ueber bie gestrige Demarche bes belgischen Botschafters bei Poinearä in Sachen der belgisch-französischen Han­delsbeziehungen weiß die amtliche belgische Telegraphen-Agentur inhaltlich nichts weiter zu berichten, als daß Poineare sich sehr bewegt zeigte unb versprach, mit dem HaudelSminister Voka- nowfly zu sprechen. Grundsätzlich scheint Frankreich k e i n Ent­gegenkommen zeigen zu wollen, evtl, sollen Kompensationen für die infolge bes beutsch-französischen Handelsvertrags erhöhten Sätze, die gerade für die belgische Industrie die wichtigsten sind, bei anderen Posten gesucht oder vielleicht auch Einfuhrkon­tingente gewahrt werden.

Hindenburg-Stiftung der Stadt Höchst.

= Höchst, 30 Septbr. Die Stadt Höchst hat ein Kapital von 30000 Rmk. für eine Reichspräsident Hindenburg - Stif­tung bereitgestellt mit der Bestimmung, den durch Krieg und Kriegsfolgen körperlich geschwächten Einwohnern der Stadt durch Gewährung von Kuren und sonstigen Unterstützungen über die all­gemeinen fürsorgerischen Maßnahmen hinaus zu helfen. ^;unerbalb der nächsten zwanzig Jahre soll außer den auflaufenden Zinsen m jedem Jahre noch ein Kapitalbetrag von 1500 Rmk. zur Verfügung gestellt werden.

Die Reichsfiagge

für den Reichspräsidenten.

Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold Gau Hesien-Naflau erläßt einen (in unserem Stadt-Blatt schon mit­geteilten) Aufruf, in dem es heißt:

Der Reichspräsident v. Hindenburg vollendet sein 80. Lebensjahr. Dem Oberhaupt ter Republik gebührt auch von denen, die anders gewählt haben, der Respekt, den wir von allen Deutschen für unseren unvergeßlichen Ebert gefordert haben.

Jetzt ist bie Reichsfahne Schwarz-Not-Golb, unb jetzt wollen wir unter biefen Farben für Deutschland arbeiten." So hat Hindenburg dem Kieler Reichsbanner gegenüber zu den neuen Farben sich bekannt.

Lasset uns alle deshalb die Reichs flagg e hissen gu Ehren bcS Präsidenten bet Republik.

Wir schließen uns dieser Aufforderung an und sprechen die Erwartung aus, daß am 2. Oktober die schwarzrotgoldene Fahne überall als sichtbares Wahrzeichen der Republik wehen wird.

Ire Heidelberger Besprechung.

rirattelegram m bet Frankfurter Zeitun g.J

Berlin, 1. Oktbr. Die Heidelberger Besprechung über die Schuld frage, die Dr. Wirth mit eitrigen seiner Freunde, darunter auch Mitgliedern der Zentrumssraktion,'ab.­gehalten hat, war in Zentrumskreisen ursprünglich als eine selbständige, gegen die offiziellen Parteiinstanzen gerichtete Veranstaltung betrachtet und .deshalb mißgünstig beurteilt worden. Das Ergebnis der Konferenz, über das inzwischen eine offizielle Mitteilung erschienen ist, hat diesen Verdacht offenbar nicht gerechtfertigt. Denn soweit man ans der nicht sehr präzisen Veröffentlichung einen Schluß ziehen kann, scheinen sich die Teilnehmer der Konferenz mit Dr. Wirth darüber geeinigt zu haben. dieMeinungsverschieden- h e i t e n in der Schulfrage nicht öffentlich auszu­tragen, sondern ininternenVerhandlungen aus­zugleichen. Daß die Konferenz diesen Zweck verfolgte, geht auch aus Angaben hervor, die dieGermania" heute macht. Danach war die Besprechung von langer Hand vor­bereitet; sie stellte einen Versuch dar, die verschiedenen Meinungen, die in der Oeffentlichkeit in der Schulfrage laut geworden waren, auf eine Linie zu bringen, die mit der Politik des Zentrums im Einklang steht. Gleich­zeitig sollte damit erreicht werden, daß die öffentliche Dis­kussion von allen möglichen Stellen in ein ruhiges Gremium verlegt werde, wo eine sachliche Aussprache eher möglich sei, als in den Spalten demokratischer Blätter". Dies scheint die Absicht der Veranstalter gewesen zu sein, denen jede Demonstration gegen irgendeine Parteiinstanz ferngelegen hat. Ob in Heidelberg eine Verständigung zwischen Dr. W'rih und dem Zentrum wirklich angebahnt worden ist, bleibt allerdings auch nach dieser Aufklärung fraglich.

Uerhaftrmg von Arthangern des Pangalos.

dt Wien, 1. Oktbr. (Priv.-Tel.) Wie bie Blätter aus Athen mclben, finb tert im Saufe bcS gestrigen Tages 19 Anhänger bcS Generals Pangalos verhaftet worben, meist Offiziere, bie beschulbigt werben, eine Verschwörung gegen das herr- schenbe Regime angezettelt zu haben. Die Untersuchung hat ergeben, daß die Verhafteten Beziehungen zu den extremen Monarchisten unterhielten. Am Nachmittag wurde auch eine Reihe verdächtiger royalistischer Führer verhaftet. Unter, den Verhafteten befindet sich ein Sohn beS Generals Pangalos,: brr Marineoffizier ist, während der Haftbefehl gegen Frau PangawS anfcheinenb nicht vollstreckt werben konnte, ba sie nicht aufzufinden war. Die Anhänger des PangaloS sollen den Royalisten ver­sprochen haben, nach Wiedereinsetzung des Pangalos den Prinzen Nikolaus, den Bruder bcS Exkönigs Konstantin, auf ten Thron zu setzen.

Wie weiter aus Athen gemeldet wirb, leitet VeniseloS an einer Venenentzünbung. Sein Zustanb hat sich ver­schlechtert.

Verhaftungen von Amerikanern in Armenien.

London, 1- Oktbr. (Wolff.) DieTimes" meldet aus Konstantinopel: Nach einem Bericht aus Eriwan verhaf­teten die Bolschewisten eine Anzahl von Vertretern bcS ameri­kanischen HilfSwerkeS für den Nahen Osten, das in Armenien bei den letzten Erdbeben viel nützliche Arbeit geleistet hat. ES ver­lautet, daß das Hauptbüro des Hilfswerkes in New Fork einen Protest nach Moskau geschickt hat.

I)ieerlösten Geörete".

S. Triest, Ende September.

Wer den Frieden will verstehen, muß in Friedens Lande gehen; aber wo ist er« Wenn irgendwo, sollte man meinen, so müßte er in den Gebieten sein, die sich vor dem Kriege als un­erlöst bezeichneten, Henri also wohl als erlöst gelten können, z. B. in ten von Italienern besiedelten Territorien des alten Oester­reich die heute zum.Regno gehören. Auf.also in das Küsten­land der Adria, wo der deutsche Oesterreicher immer nur als Kolo­nist gelebt hat, das aber ihm/ dem Träumer, ans Herz gewachsen war, auf nach Triest unb weiter hinein in den Süden! .Nun, in Triest herrscht.wirklich Friede. In dem Hasen, der einst den überseeischen Handelsverkehr Oesterreichs' mit Orient unb Okzident vermittelte, an den langgestreckten Molen, wo früher bie Flaggen der beiten Hemisphären wehten, ist alles still; nur ein paar Personendampfer, die nach Venedig, Grado oder Pola fahren, schaukeln leise aus dem glatten Wasser. Die Stadt hat wie ihre ungarische Schwester Fiume den Zusammenhang, mit Der Welt verloren, und Ruhe und Stille schleichen durch das pralle Sonnen­licht der leeren weißen Gassen: Resignation. Und die Erlösten sagen: Unsere Stadt, früher so tätig unb lebensfroh ist nur noch rin Schatten, ber immer kleiner wird. Soll er denn niemals 'wieder wachsen? Wird nicht doch vielleicht die unbarmherzige Sonne; die uns verbrennt, einmal den Zenith erreichen und sich 'zum Abend senken?

Polo. Einst der Hauptkriegshasen der Monarchie mit all den Aemtern und Betrieben, die an Admiral, Arsenal usw. hingen; sogar eine Marinegarnisonskirche war dabei. Um bie Mitte deS neunzehnten Jahrhunderts hatte Pola 1000 Bewohner, an seinem Ende das Fünfzigfacke. Von dem kriegerischen Charakter ter Stadt ist nichts geblieben als bie mächtigen Forts, bie man nicht so ent­fernen konnte wie die Ceichütze, womit be bestückt' waren; ansonsten herrscht Friede, tiefer, löblicher Friede, Das neue Regime, hat. um bet verödenden Stadt einigermaßen zu helfen, die .Statthalterei und das Obergericht Istriens hii'vertegt; ich sah einen Unglück­lichen. der sein Weib getötet Batte, aus einem Dampfer steigen und von zwei Bersaglieri in Empfang genommen merben. Das ist: der Fremdenverkehr ^Polas Unb biefer Mörder kam aus Zara. ..'

Zara hat bas .seltsamste Schicksal von allen drei ehemaligen Emporien bes Litorale. Obwohl von Fiume abwärts. bie ganze Küste sübslawisch geworden ist, hat man Zara, bie einzige Stabt Dalmatiens mit italienischer Mehrheit, dem italienischen. König­reich zugewiesen. Aber nur Die Stadt unb sonst nichts, nicht ein­mal die Insel Ugflano, bie sich zwischen sie unb bas offene Meer schiebt, nicht einmal ein einziges Dörfchen des Festlands. Fragt man nun einen italienischen Beamten oder Offizier, was denn mit Zara geschehen werde, wenn cS einmal, was ja nicht ganz ausge­schlossen sei, zu einem Konflikte mit Südslawien komme, so erhält man zur Antwort:In dem'Augenblicke der SriegSertlärung wird die Stadt geräumt." Und über die Porta rnarittima besagt eine Inschrift, die venezianische Flagge sei 1797 damals kam Zava an Oesterreich von beit Barbaren niedergebolt worden, aber im November 1918 sei nach Vertreibung der Barbaren baS italienische ©reifatBfür immerwährende Zeiten" gehißt worden.

Der. katholische Erzbischof ist ber Stabt geblieben, ber grie­chische Bischof jedoch ist verschwunden samt seinem Seminar, ver­schwunden sind Statthalterei und OberlandeSgericht, unb mit den jetzigen Behörden hat kein Dalmatiner mehr etwas zu tun. AuS der Landeshauptstadt ist ein Nest geworden, das sich selber genügen soll. Und dieses Rest hat man zum' Freihafen gemacht, damit die Bevölkerung, die nicht mehr leben kann, nicht zu sterben braucht. Tatsächlich ißt unb trinkt man nirgends so billig wie in Zara, aber davon hat nur der Fremde etwas, ber, etwa wegen ber tert noch immer vorhandenen Altertümer, hinkommt; die Einheimischen leben von Kartoffeln!

Nur zwei SBarengattungen werden in Zara erzeugt: SchnapS und Zigaretten, Das italienische Tabakmonopol gilt in dem Frei­hafen nicht; die italienischen Zigaretten kosten hier nicht einmal ein Viertel deS Preises, die ber Römer oder Mailänder zahlt, und auch so können sie mit den Fabrikaten bet Türkei, Griechen­lands, Albaniens unb Aegyptens unb selbst denen Zaras nicht konkurrieren, nicht im Preise, geschweige denn in der Qualität. Der Raucher aus ber Fremde findet hier sein Paradies, und dies findet auch der Schnapstrinker. Weltberühmt ist ja ber Maras­chino Zaras, dieser aus der MaraSca-Kirsche gebrannte Likör, aber das ist nur eines der vielen Elixiere, die hier bereitet werden. Der Maraschino," meinte ein ungarischer Priester, mit dem ich die Stadt durchwanderte,ist eine Damenlabung; versuchen Sie den Marasca-Brandy! Das ist ein ernstes Getränk, ein seriöses Bibite!"

Das.Gläschen der teuersten Sorie kostet nur 50 Centefimi; woher aber nimmt der zur Zwangsfaulheit verurteilte Zariner das Geld, für den Schnaps, das Geld für die Dutzende Zigaretten, die er tagtäglich verpafft? Er verdient es durch den Schmuggel, den einzigen. reellen Erwerb dieser Stadt, die abgeschnitten ist von allen , ihren ehemaligen Ressoureeu. Bis Triest unb Fiume hinauf wird ter Maraschino,' werden die türkischen Zigaretten gepatscht, und das Gefängnis gegenüber der Rückfront des HotelsBri­stol", wo das beste Zimmer, alles inbegriffen, 10 Lire kostet, ist voll von Erwi'chten. Sonst wird nichts geschmuggelt; denn was sonst in dem Freihafen eingeführt wird ist alles, mit Ausnahme vielleicht einiger französischer Parfüms, minderwertige Ware ita­lienischer Fabriken, die ber saSeistische Protektionismus begünstigt. Will der Fremde sein Geld loswerden, will der Bürger von Zara sein Geld verdienen, so kann di-S vernünttigerweise nur mit SchnapS und Zigaretten geschehenJa, unsere Stadt ist erlöst," sagte mir ein Zariner Lehrer; bann flüsterte er:Jetzt still, der, der ba kommt, ist einer aus dem Regn»."

Am Abend deS 18. August war ich in einem Städtchen deS Küstenlands. Als die letzten Sonnenstrahlen über dem Meere er­glänzten, holte ein Mann mit einer Dienstmütze die Flagge, die bisher geweht hatte, herab.Warum habt ihr heute geflaggt gehabt?"Es war der Namenstag der Königin." Und der Mann fuhr fort:Früher zog ich am 18 August die österreichische Flagge auf" (es war der Gehurtstag Kaiser Franz JosesS). jetzt ist'S die italienische; es ist immer dasselbe."Sind Sie Italiener?" Er näherte sich mir, hielt eine Weile inne und sagte:Ich bin Oesterreicher,"

Aus dem Literaturblatt von morgen:

Fritz Schotthöfer: Esprit unb Geist *

Ernst Glaefer: Soldat Snhren.

*

Max Herrmann-Neiße: Di« Untersten.

*

Bernard v. Brentano: Epik ber Lebenbigen..

Jüdische Katakomben.

o Rom, Ente September.

Daß eS in Nom neben ten christlichen Katakomben, die sich beS Besuchs zahlreicher Fremden, sorgfältiger Pflege durch die Kirche unb wissenschaftlicher Erforschung erfreuen, auch noch jüdische gibt, die feiten von einem Interessenten ausgesucht werden und die verfallen oder in vernachtäfflgtem Zustande däliegen, ist auch in weiten Laienkreisen bekannt; irrtümlich aber ist die allgemein verbreitete Annahme, daß die Katakomben, diese Zellen der christ­lichen Gemeinden in der Stadt der Apostel, eine spezifisch christliche Begräbnisform darstellten. Ganz im Gegenteil: gerate die Juden haben sie nach dem Abendlande gebracht.

Während die Römer um die Wende der Zeitrechnung ihre Leichen zu verbrennen pflegten, hielten die eingewanterten Juden treu an ihrer Leichenbestattung fest und gerade die . Campagna mit ihrer vulkanischen Tuffbildung lieferte ihnen den geeigneten Grund für die Nachahmung der Felsengräber Palästinas. Auch die Christen lehnten nach ihrer Lehre die Feuerbestattung ab, da ja der tote Leib imCoemeterium" nur die Stunde. der Wieder­geburt erwartete und die Kirche das Begräbnis Christi zum Vor­bilde nahm, und ließen ihre ersten Toten in Rom in den jüdischen Katakomben beisetzen. Infolge der starken Einwanderung aus Pa­lästina, die nach der Zerstörung des Tempels einsetzte, nahmen die jüdischen Katakomben schließlich eine weite Ausdehnung. Eine jede der in der damaligen Hauptstadt der Welt angesiedelten jüdi­schen Gemeinden hatte ihre eigenen Katakomben. Davon sind im Laufe der Jahrhunderte fünf wiedergefunden worden. Im sech­zehnten Jahrhundert entdeckte Bosio die Katakomben der großen Judengemeinde von Trastevere am Monte Verde unb begann mit ihrer Erforschung. Seitdem sind die Grabsteine in baS Lateran- Museum übergeführt und in einem besonderen Raume, betSala Judaica", vereinigt worben.

Die Grabau lagen.

Die Katakombenanlage am Monte Verde selbst ist am Verfallen und wegen Einsturzgefahr nicht zugänglich. Drei weitere Kata- komben, von denen nur die um die Mitte des vorigen Jahrhunderts von 6'arrucci aufgefundene in der Vigna Rondanini eine größere Ausdehnung hat, liegen an ter alten Äppischen Straße, ferner ist

vor wenigen Satiren eine fünfte Katakombe an der Romantischen Straße, der antikenAlta Semita", entdeckt worden; diese aber ist um so weniger zug glich, als sic dicht an die Wohnung Musso­linis in der Villa Torlonia grenzt. Unser Besuch mußte sich also notwendigerweise auf die Katakomben in bet Vigna Rondanini oderbi San Sebastiano" beschränken. Halbwegs zwischen der Kirche San Sebastiano und den christlichen Calixtus-Katakomben an bet Äppischen Straße zeigt an einem einfachen weißen Bauern­haus eine aus ver Mitte oeS vorigen Jahrhunderts stammende In­schrift an, daß hier dieneuen" hebräischen Katakomben zu sehen sind. Man überschreitet einen Bauernhof, wo aus vergitterten Kästen unruhiges Geflügel gackert und schnattert, unb gelangt, zu einer in einen feuchten Schacht führenden Treppe, wo die Wände mit dichtem Efeu bespannen finb. Sofort

erhält man ten Einbruch baß bie Anlage sich von den

christlichen Katakomben im wesentlichen nur durch ihren ungepflegten Zustand unterscheidet. Di« Gänge. Grabstätten und Grabkammern (ambulacra, loculi, cubicula) fmb genau wie. bei den christlichen Katakomben angelegt, außer demSchalem" findet man kein hebräisches Wort, außer dem fiebenarmigen Leuchter, der geradezu zum Wappen der römischen Jutengemeinde geworden ist, nur wenige jüdische Symbole. Während in ten christlichen Kata­komben die Gänge und Kammern von der Erdschicht sorgfältig ge­reinigt worden sind, so daß Stein unb Marmor sauber hervortritt, stellen sich die jüdischen Katakomben gewissermaßen, im Rohzustände wie unterirdische Gräben dar. Die Judengerneinben Roms müssen in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung stark assimiliert gewesen sein.

DieJnschriften.

Wie in den christlichen Anlagen sind die Inschriften in ber ersten Zeit hauptsächlich griechisch, in der späteren vorwiegend lateinisch, mit zahlreichen UebcrgangSformen, wie griechischen In­schriften mit lateinischen Buchstaben und umgekehrt. Das mosaische Verbot, die Gräber mit bildlichen Darstellungen zu schmücken, ist ganz in Vergessenheit geraten, nach einem Davivstern würde man vergeblich suchen. Wie die christliche Symbolik aus der heidnischen schöpfte, wie sie den Löwen CybeleS und den Adler Jupiters zu Attributen zweier Apostel machte, die Reben des Dionys zum Zeichen für das Wort deS Erlösers, den Hirsch der Diana zu dem der dürstenden Seele und die Glorie der roiebererftanbenen Seele im Silbe bes Pfaus der Hera darstellte, so hat auch die jüdische Gemeinde für die Schmückung ihrer Katakomben auf die heidnische und christliche Symbolik zurückgegrifsen. So finden wir auf dem Grabe eines Kaufmanns namens UtfuS den Widder, die Tasche und den Heroldstab Merkurs, auf den Wandgemälden der Grah- tammern ter reicheren Familien Fortuna mit dem Füllhorn, den geflügelten Pegasus, Tauben, Pfauen usw. Auch in diesen unter« irdischen Verliesen fühlt man. wie baS bamaltge Nom geradezu der Schmelztiegel der antiken Welt war, gleich dem New Pork unb Chicago von heute. Die auf manchen Grabplatten ein geritzten jübischen Symbole, außer betn fiebenarmigen Leuchter und der ißalme, die sich sowohl bei Heiden wie bei Christen findet, das Lulab" undESrog" des Laubhüttenfestes, ein Gefäß, wahr­scheinlich als Symbol der Reinigung, unb ein Messer, bas wohl das Werkzeug der Beschneidung bedeutet, können den Eindruck nicht ändern, daß die römischen Juden sich ihrer Umwelt eng angepaßt