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Monrsa, R NuguÜ 1898
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und Handelsblatt.
(Frankfurter Handelszeitung.)
(Heue Frankfurter Zeitung.)
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Feuilleton
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Waites eine ausführliche Erklärung des Spieles „Färbeln". Sodann wurde das Beweisverfahren geschloffen.
Der Staatsanwalt beantragte die Bestrafung sämmtlicher Angeklagten. Das Pokerspiel sei nach den Demonstrationen be8 Zeugen als ein G l ü ck s s p i el zu betrachten, welches nur auf Zufall bafirt; der Spieler ist dem reinen Zufalle überlasten und könne durch das .Bluffen" irregeführt werden, von einer Kombination könne keine Rede sein, das Pokerspiel fei identisch mit dem verbotenen Färbelspiel.
Die angeklagten Pokerspieler wurden wegen verbotenen Glückspieles zu je zehn Gulden Geldstrafe, eventuell je 48 Stunden Arrests, verurtheilt. Bon dem Strasgelde wurden zwei Drittel dem Wiener Armenfonds, ein Drittel dem Anzeiger zuge- sprocheu. Die Berurtheilten meldeten die B e r u f u n g an.
irbelspielmit dem Pokerspiel Aehnlichkeit habe.
Der Zeuge bejaht dirs und gibt auf Ersuchen des StaatSan-
Forkschritt sich auf ihn vornehmlich stützte. Was diese Strömungen an Anhang im Lande gewannen, das haben sie vornehmlich dem Nimbus des Alt-Reichskanzlers zu verdanken gehabt, und die Rückwirkung auf die Politik der Regimmg ist nicht ausgeblieben. Dabei kam diesen Kreism die Popularität zu Gute, welche dem Fürsten Bismarck eigentlich erst nach seinem Rücktritt zu Theil wurde. Die Art seines Abschied verschaffte ihm manche Sympathien auch in Kreisen, die ihm weniger nahegestanden hatten, und machte ihn zu einer populären Persönlichkeit, zumal er nach seinem Rücktritt der Außenwelt als ein ganzer Anderer gegenüber trat als zuvor. Er war ein Anwalt der freien Meinung geworden, für' die er in den Zeitm seiner Macht wenig Liebe bekundet hatte, und er machte von dieser freien Meinung den ausgedehntesten Gebrauch zum Unbehagen der regierenden Kreise.
Als Mächtiger, als der er sich fühlte, ist er aus dem Amte gegangen, weil er nichts von seiner Macht aufgeben wollte. Der Wortlaut seines Abschiedsgesuchs läßt das noch genauer erkennen, als man es schon vorher wußte, und wir habm deshalb hierin ein hochbedeutsames Dokument vor uns, das für das Charakterbild Bismarck's nicht nur, sondern auch für das Verhältniß zwischen Kaiser und Kanzler sehr bemerkenswerth ist. Als Mächtiger ist er auch im Privatleben nach außen hervorgetreten, und durch die Kreise, welche ihn als Rückhalt benutzten, hat seine Persönlichkeit in nicht zu unterschätzender Weise auf die Verhältnisse im Innern eingewirkt. Die Politiker der Repression, denen staatliche Zwangsmaßregeln gegen ganze Bevölkerungsklassen als der Inbegriff der staatlichen Weisheit erschienen, die Sozialisten- und Umsturzgesetze forderten, schöpften dabei aus Bismarck'schem Geiste, und das Zögem und die schließliche Stagnation in der sozialen Reform fand ebenfalls in den Bismarck'schen Kreisen den Hauptstützpunkt. Am meisten aber haben sich die Agrarier, namentlich bei ihrer Bekämpfung jeder Han- delsvertmgspolitik, auf die Bismarck'sche Autorität berufen, die ja auch während des parlamentarischen Streites um die Handelsverträge deren Zustandckommen am meisten in Frage gestellt hat.
Für diese politischen Kreise bedeutet das Verschwinden Bismarcks von dem Lebensschauplatz eine nicht mehr auszufüllende Lücke, ihnen ist der sie verbindende Mittelpunkt verloren gegangen und das kann nicht ohne Rückwirkung auf die Gesammtpolitik im Innern bleiben. Fürst Herbert Bismarck ist außer Stande, feinen Vater auch nur annähernd zu ersetzen. Er ist weder eine führende, noch eine autoritative Persönlichkeit, er ist einer der 397 Parlamentarier, einer der Dutzende von entlassenen Ministern, aber nichts weiter. Wie wird' nun das Verschwinden des retardirendm Elements auf die Entwickelung im Jnnem wirken? Das ist die Frage, die man sich vorlegen muß. Beantwortet wird sie erst durch die Zeit werden. Aber auf diese Bedeutung der politischen Veränderung hinzuweisen, sie rmchtem hervorzuheben, erscheint uns durchaus angebracht. Wir treten damit bet historischen Persönlichkeit Bismarcks nicht zu nahe, wenn wir die Hoffnung aussprechen, daß der freieren Entwickelung hinfort die Bahn mehr geebnet fein möge, als es bisher der Fall war und daß man sich frei mache von politischen Anschauungen, die nicht den Fortschritt, sondern den Rückschritt zum Ziel haben.
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warten, daß sich das deutsche Auswärtige Amt dieser Sache! annimmt und dafür sorgt, daß die deutschen Industriellen, die unter dem Irrthum der russischen Grenzbehörden zu leiden haben, schadlos gehalten »erben, und bet Irrthum selbst balbigst corti- girt wird. Wenn bas geschehen ist, bann wird — so hoffen wir — die ganze Sache aus der Welt geschafft sein und wieder voller wirthschaftlicher Friede herrschen. Die Regierung aber möge gemahnt fein, baß ber sicherste Weg, solchen Unannehmlichkeiten auszüweichen, ber ist, den agrarischen Wildlingen nicht zu folgen.
Poker ist ein Hazardspiel!
Wie», 30. Juli.
Ueber die rechtliche Natur des Pokerspiels herrschte bei den Wiener Behörden bisher eine überaus schwankende Anschauung. Im Jahre 1886 bereits richtete der „Wiener Lloyd", ein Geselligkeitsverein des Wiener Kaufmannsstandes, an die Polizei die Anfrage, ob Poker als Hazardspiel aufzufaffen sei oder nicht. Die Polizei erkannte mit Erlaß vom 10. Mai 1886, daß Poker ein Sazardspiel sei. Dieselbe Rechtsanschauung vertrat die tatthalterei in ihrem Erlaße vom 18. November 1886. Seit dieser Zeit hörte man von der Pokerfrage nicht viel. Vor zwei Jahren tauchte dieselbe wieder auf, als nämlich mehrere Spieler vom Bezirksgerichte Innere Stadt wegen Pokerspiels verurtheilt wurden. Das Appellgericht hab jedoch das erstrichterliche Urtheil auf, sprach die damaligen Angeklagten frei, damit erkennend, daß Poker kein {hazardspiel sei. Seit dieser Zeit wurde das Poker das be- iebteste Gesellschaftsspiel. In Privatgesellschaften als auch in Kaffeehäusern wurde das Pokerspiel leidenschaftlich gespielt, ohne daß seitens der Polizei oder des Gerichtes ein Anstand gegen das Spiel erhoben wurde. Der Spieler war ber Ansicht, daß er durch das Pokerspiel keine ungesetzliche Handlung begehe.
Erst in bett letzten Wochen nahm die Polizei wieder gegen bas Pokerspiel Stellung. Es war bei der Polizeidirektion eine Unzahl von Klagen über den verwerflichen und unmoralischen Charakter des Pokerspiels eingelaufen, welches als eines der größten Hazardfpiele viel Unheil angestiftet habe. Es tauchten auch Falschspieler auf, welche bie Neulinge im Pokerspiele ordentlich rupften. Am 14. Juli lief bei der Polizeibirektion ein anscheinend mit verstellter Schrift geschriebener Brief ein, in welchem „die unglückliche Gattin" eines Spielers die Polizei aufmerksam macht, daß am selben Abende eine Pokerpartie im Cafe Edison stattfinden werde. Die Schreiberin bittet die Polizei, gegen dieses Hazardspiel einzuschreiten, das ihren Mann dem Abgrunde nahegebracht habe. Auf Grund dieses Briefes entschloß sich die Polizeidirektion zu einer energischen Aktion gegen das Pokerspiel.
Am 14. d. um halb 12 Uhr Nachts erschien, wie seinerzeit mit« Getheilt, ber Polizei-Kommissär Franz Schneider in Civilkeidern tm Eaft Edison und fand dort fünf Personen um einen „Höker- tisch" versammelt. Der Kommissär legitimirte sich und erklärte den überraschten Pokerspielern den Zweck seines Erscheinens. Das Spiel hatte vorzeitig sein Ende erreicht; die Spieler folgten auf's Kommissariat, woselbst fie ihr Rationale abgaben und offen gestanden, Poker gespielt zu haben, da sie dieses Spiel für ein erlaubtes Gesellschaftsspiel gehalten hättenund für ei« solches halten
Pokerspieles geschritten werde und daß er deshalb zwei, als sachverständige Spieler vorgeladene Zeugen Vernehmen werde. Diese Zeugen find der ehemalige Cafttier Zwillinger nnd ein Privatier Namens N e m a st a. Die Vertheidiger sprachen fich gegen die Vernehmung der vorgeladenen Privatpersonen als Sachverständige aus. Eine Vernehmung von Zeugen sei mit Rücksicht auf den Umstand, daß die Angeklagten sich jedenfalls in einem Rechtsirrthum befunden haben, abzulehnen. Wenn Zeugen vernommen werden sollten, so könnten es nur von öffentlichen Behörden nomi- ttirte Sachverständige sein.
Der Richter beschloß die vorgeladenen Zeugen einzuvernehmen mit der Motivirung, daß der Verhandlungsrichter an ein früheres Urtheil des Landgerichtes nicht gebunden sei; die vorgeladenen Zeugen seien nicht als Sachverständige vorgeladen, sondern nur um das Spiel zu demonstriren. Der pokerkundige Zeuge Emanuel Zwillinger gab sodann eine ausführliche Erklärung des Spieles; der Richter folgte der Erklärung des Spieles mit den Spiegregeln in der Hand. Der Zeuge markirte nach der Erklärung der allgemeinen Spielregeln ein Probespiel zwischen vier Pokerspielern. Das Auditorium verfolgte als aufmerksamer „Kiebitz" das Spiel.
Der Staatsanwalt betheiligte fich durch eifrige Fragestellung an den Zeugen an dem Probespiele und bemertte schließlich : Eines ist sicher; ausgespielt wird bei beut Pokerspiele nicht wie bei Tarok, Preference oder einem anderen Gesellschaftsspiele, es wird nur combinirt. Ein Spieler kann einen anderen, der ein besseres Blatt in der Hand hat, ins Bockshorn jagen?
Zeuge: Das kann beim Tarok auch der Fall sein, wo fich Jemand auf bett Talon verläßt.
Staatsanwalt: Glück gibts bei jebem Spiele.
Der Staatsanwalt richtet an den Zeugen die Frage, ob das F ä r b e l s p i e l mit dem Pokerspiel Aehnlichkeit habe.
In Frankreich haben gestern die Wahlen zu den Generalräthen stattgefunben, die zur Hälfte erneuert wurden. Diese Wahlen haben insofern eine politische Bedeutung, als die Generalräthe den größten Theil des Wahlkörpers ausmachen, aus dem ber Senat hervorgeht. Wie ein Telegramm melbet, hat das Ergebniß der gestrigen Wahlen an dem bisherigen Stand der Dinge nichts geändert. Man hat geglaubt, das radikale Ministerium werde bei den Generalrathswahlen eine Kraftprobe leisten, und dieser Absicht schrie man es auch zu, daß der Wechsel im Verwaltungspersonal so rasch erfolgte und so umfangreich ausgefallen ist. Wenn diese Absicht wirklich bestand, so ist sie wieder aufgegeben worben, baut der Conseilspräsident und Minister des Jnnem, Brisson, hat an die Präfekten ein Rundschreiben gerichtet, in dem er diese daran erinnert, daß die Regierung eine Politik ber Einigung unter den Republikanern verfolgt; deshalb hättm sich deren Vertreter in den Departemmts jeder Einmischung in die Zwistigkeiten unter Republikanern zu enthalten, falls sie diesen nicht vorzubeugen vermöchten. Die Regierung, die für die freie Kundgebung des Willens des Landes zu sorgen habe, mißbillige jede offizielle Kandidatur. Die Beamten müßten sich durch ihre Hingebung an die Bernfspflichten nnd ihre republikanische Loyalität des Vertrauens der republikanischen Meinung würdig erweisen. Es scheint, die Herren Brisson,. Bourgeois und Cavaignac haben zulcht doch ein Haar darin gefunden, es in dieser kritischen Zeit mit den Gemäßigten durch einen Vorstoß in deren Wahllager verderben zu wollen.
Der Tod Bismarcks.
Stimme« der Preffe.
* Frankfurt, 1. Aug. In allen Blättern des In- und Auslandes, die bisherBetrachtungm über dm Fürsten Bismarck gebracht habm, wird seiner Verbimste rühmend und ehrmd gedacht und das Trennmde nur schonend berührt. Nur wenige Blätter äußem sich über die Zeit nach seinem Rücktritt. Ueber diese Periode sei folgende Betrachtung der „Köln. Ztg." wieder- gegeben:
„Unter bat Bäumen beS Sachsenwalbes suchte Fürst Bismarck Ruhe nach ben Anstrengungen langer Jahre, aber neben dem Groll gegen die augenblicklichen Machthaber glühte noch irtmer der Drang zur Bethätigung. Betriebsame Zeitungsschreiber aller Nationen fanden Einlaß in das Schloß, und ihre oft entstellten Berichte ließen die Stimmung des Fürsten noch erbitterter erscheinen, als fie Wohl in Wirklichkeit war. Er tadelte die Richtung der innern und äußem Politik mit vollster Schärfe, und allmählich imhm die gegenseitige Gereiztheit in FriedrichSruh wie in Berlin ijormen an, die nur schädlich für das Ansehen des deutschen Reiches im Ausland wirken sonnten und zugleich vielen vaterlandliebenden Männern die Freude an der schwer gewonnenen Einheit störten. Es hat keinen Zweck, jetzt die einzelnen Phasen dieser traurigen Ereignisse darzustellen, sie werden leider noch zu lange in der Erinnerung wachbleiben. Mit begeisterter Freude begrüßte man überall in deutschen Gauen den Schritt des Kaisers, der ein besseres Verhältniß anbahnen sollte, und die wiederholten Beweise feinfühligster Verehrung, die Wilhelm 11. vor allem als oberster Kriegsherr dem Reichskanzler darbrachte. Die letzten Lebensjahre des Fürsten wurden ihm aber besonders versüßt durch die Pilgerfahrten, die aus allen Gegenden des Reiches zu dem Tusculum im Sachsenwalde angetreten wurden. Die Ansprachen an seine Gäste gaben Anlaß zu manchem großen Rückblick auf die dienstliche Thätigkeit, zu manchem treffenden Wort, das wie ein Blitz Licht warf auf frühere und jetzige politische Lagen. Und wenn der Altreichskanzler auf Erholungsreisen überall mit gleichem Jubel begrüßt wurde, konnte man sich des Gedankens nicht erwehren, daß er wohl niemals diese Begeisterung für seine Person und sein Werk greifbarer vor sich gesehen hätte, wenn seine Thätigkeit und sein Lebenspsad im gleichen Augenblick zu Ende gegangen wären. So warf die Liebe des Volkes einen verklärenden Schein auf die letzten Jahre des ersten deutschen Kanzlers des neuen deutschen Reiches, und immer werden ihn nach dem Spmch des Psalmisteu alle Geschlechter preisen, so da wandeln unter den Bäumen, die er gepflanzt. Auch diejenigen, die als nationalgesinnte Männer un- möglich alles billigen konnten, was Bismarck in den letzten Jahren gethan hat, haben doch nie vergessen, daß Worte, die einer begreiflichen Bitterkeit entquollen, in deutschen Herzen nimmermehr die Liebe, Verehrung und Dankbarkeit für den Mann, der das Reich gründete, tobten bürsten. An seiner Bahre verstummt der kleine Streit des Tages, und jeder Deutsche neigt gramvoll sein Haupt vor dem stillen Manne int Sachsenwalde, dessen Geist und Lebensfülle einem Jahrhundert die Richtung wies."__________
Frankfurt, 1. August.
DieKlmde vomHmscheiden desFürsten Bismarck jat, wie die vorliegenden Preßstimmen des Inlandes wie des Auslandes erkennen , lasten, allenthalben den tiefgehendsten Eindruck gemacht, ein Beweis, wie stark die ungewöhnliche Persönlichkeit des Verstorbenen sich bei allen politisch Fühlen- pm zur Geltung gebracht hat. Aber die tiefe Bewegung und • allgemeine Antheilnahme darf doch nicht zu einer falschen überschätzenden Beurtheilung der Bedmtung dieses Todesfalles führen. Man muß sich vielmehr vergegenwärtigen, 4>aß, wenn auch die Persönlichkeit des Altreichskanzlers zwei Jahrzehnte nicht bloß der inneren, sondern fast der ganzen Mitpolitik den Stempel aufgedrückt hat, heute sein Tod für trie internationale Politik keine aktive Bedmtung mchr hat. Vor zehn Jahren würden die internationalen Btziehungen durch ein solches Ereigniß ganz außerordenllich fittroffen worden sein, jetzt toerben sie davon nicht mehr berührt, da Bismarck auf die auswärtige Polttik feit seinem Rücktritt nicht mehr hat einwirken können, und fein Wieder- entritt in die Regierung schon feit Jahren vollkommen ausgeschlossen war.
In bett ersten Jahren nach dem Rücktritt Bismarck's Harschte allerdings noch vielfach die Ansicht vor, der M- ReichSkanzler werde bald wieder die Geschicke Deuffchlauds leiten oder doch wenigstens für die auswärtige Politik die Richtung angeben. Diese Erwartung hat sich aber als eine falsche erwiesen, das viel kolportirte „le roi ine reverra“ ist nicht erfüllt Worben, und nachdem offiziös im Jahre 1892 ocklärt worden war, daß auch eine etwaige Wiederannäherung deS Fürstm an ben Kaiser nie so weit gehen werde, daß er cmf die Leitung der Geschäfte irgendwelchen Einfluß gewinnen werbe, wußte jedermann, daß von einer Rück- kchr des Fürsten auch nie mehr die Rede fein könne. AuS dem jetzt veröffentlichten Abschiedsgesuch Bismarcks vom 18. März 1890 erfährt man zudem auch, daß gerade Mei- nungsverschiedenheitm über die auswärttge Politik zwischen ihm und dem Kaiser wesmtlich mit Anlaß zu seiner Verabschiedung gegebm hattm, während er wteberum vorher unter Hinweis auf seine diplomatische Erfahmng und Autorität in auswärtigen Fragen sich gesträubt hatte, die Konsequenzen aus diesen Differenzen zu ziehen. Er Wollte seine, nicht des Kaisers auswärtige Politik führen und spricht in seinem Abschiedsgesuch aus, daß er mit der Ausführung der im kaiserlichen Handschreiben enthaltenm Anordnungen bezüglich der auswärtigen Politik alle für das deutsche Reich wichttgen Erfolge in Frage stellen würde, welche die deutsche auswärtige Politik seit Jahrzehnten im Sinne der beiden Vorgänger des Kaisers erlangt habe. Gemeint ist hier nach dem ganzen Zusammenhang die auswärtige Politik in den Beziehungen zu Rußland, und worin die Gegensätze bestanden habm, das weiß man aus ben späteren Enthüllungen über den deutsch- ruffischm Geheimvertrag, der 1890 nicht wieder erneuert würbe. Darauf bezogen sich die Angriffe ber Bismarck nahe- stehenben Presse auf die Regierung, daß seit seinem Rücktritt sich dieBeziehungen zu Rußland verschlechtert hätten, daßder Draht zwischm Berlin und Petersburg abgerissen sei, Angriffe, die offiziös und offiziell als unbegründet zurückgewiesen worden find. Durch diese Auseinandersetzungen ist es endgültig klar geworden, daß die Beziehungm Deutschlands zum Auslande einer Beeinflussung durch den Reichskanzler nicht mehr unterlagen, und diese auch vom Auslande selbst längst anerkannte Thatsache zwingt zu dem Schluß, daß diese Beziehungen durch Bismarck's Hinscheidm keine Aenderung erfahren. Als ein historisches Begebniß fassen denn auch die Blätter des Auslandes dies Ereigniß auf.
Ganz anders aber stellt sich die Wirkung seines Todes für die in n er e Politik dar. Hier ist sie ein gut Theil mehr als ein historisches Begebniß, hier wirkt sie zurück auf die politische Entwickelung im Jnnem selbst. Man muß sich vor Augen haltm, daß Fürst Bismarck trotz seines Fernbleibens von jeder parlamentarischen Bethätigung, im Reichstage wie im Herren- Hause, auf den Gang der inneren Politik bis zuletzt dadurch eine sehr Weitgehende Einwirkung ausüben konnte, daß er durch die Macht seiner Persönlichkeit den Rückhalt und ben Mittelpunkt bildete für.die agrarischen frondirenden Elemente, daß seine Autorität diejenigen deckte, welche in einer Ausnahmegesetzgebung und in Ausnahmemaßregeln das Heil sahen für die Beseitigung der Unzuftiedenheit, und daß mdlich auch die Gegnerschaft gegen den sozialpolitischen
Wien, 31. Juli. Obwohl die Nachricht von dem Tode des Fürstm Bismarck erst in später Nachtstunde bekannt mürbe, bringen fast sämmtliche Blätter Nekrologe über ben Verstorbenen. Die;„W ienerZeitung" schreibt: Mit dem Fürsten Bismarck ist' eine jener gewaltigen Persönlichkeiten dahingegangen, wie sie nur selten in dem Rahmm ber Weltgeschichte erscheinen, einem gangen Zeitalter Inhalt und Gestalt, einer fernenZukunft noch bestimmte; Bahnen unb eine feste Richtung gebenb. Fürst Bismarck war der Schöpfer be§ deutschen Reiches, einer der Mitbegründer be8' Dreibundes, welcher ben Völkern Europas ben Stieben hoffentlich für alle Zukunft erhalten wirb, wie er bisher es gethan. Bei: allm Erfolgen dieses Staatsmannes, welcher entgegen der diplomatischen Ueberlieferung vergangener Zeiten feine eigenen selbst-' geschaffenen Bahnen gewandelt, spielt der Zufall fast gar keine; Rolle. Nichts Unsicheres, nichts Sprunghaftes zeigt sich in seinem; Vorgehen, Schritt für Schritt ging er auf seine großen Ziele los. Blut und Eisen galt als die Signatur jenes Mannes, der, so das deutsche Reich in nie geahnter Herrlichkeit wieder auftich- tete. Das Blut aber, das auf ben Schlachtfeldern Frankreichs die deutschen Stämme unlöslich Meinander kittete, ist unter dem sorgenden Einflüsse Bismarck's auch zum befruchtenden Dünger geworden, aus dem der Wohlstand des neuerstandenm Reiches; mächtig emporblühte; das Eism, das im Kampfe ben Feinden! blutige Wunden schlug, hat er als Pflugschar und Maschine; wieder in den Dimst des Friedms gestellt. Sein Name wird unvergänglich bleiben, seine Grabstätte ber Wallfahrtsort fein' für künftige Geschlechter, besonders aber für all die Millionen,; die in dem von ihm geschaffenm Reiche den Segen seines Schaf- ftns genießen. — Die „Neue Freie Presse" sagt: Der Held,' der das Deutsche Reich aufgerichtet, der Staatsmann ohne gletajen, der seiner Zeit den Charakter ausgeprägt hat, der, solange er die; Macht besaß, auch das Schicksal Europas in Händen hielt, tritt' enbgiltig vom Schauplatz ab. Damit ist bas 19. Jahrhundert' zu Ende, nicht blos in Deutschland, soweit die Civilisation reicht, wird diese Empfindung vorherrschen, denn sein Name erfüllt dies Welt. Mtt diesem Namm ist Alles verbunden, was die Geschichte! unserer Tage groß imd denkwürdig gemacht hat. — Das „Neue Wiener Tagbl." schreibt: In die Trauer der Deutschen mengt' sich respektvolle Theilnahme der ganzen Welt, die alle Zeit mit stiller Bewunderung zu der unsterblichen Persönlichkett schäum; mußte, gleichviel ob sie ehedem von Haß ober Liebe bewegt‘»ar.; — Das „Fremdenblatt" schreibt: Der größte unserer Zeitgenossen ist gestorben. Fürst Bismarck zählte zu ben Koloflal- figuren ber Weltgeschichte. Bismarck fanb eine Nation vor, die, obwohl eine der zahlreichsten und tüchtigsten Europas, ohnmächtig, ohne Ansehen war und sich vergeblich nach ihrer Aufrichtung sehnte. Bei seinem Hinscheiden ist diese Nation eine der ersten Mächte der Erde, ihr Wort fällt überall ins Gewicht. — Die „Deutsche Zeitung" sagt: Deutschlands größter Sohn, der letzte des großen Triumvirats: Kaiser Wilhelm, Moltke, Bismarck weilt nicht mehr unter den Lebenden; durch Deutschlands Völker nicht blos, durch die Völker des Erdmrnndcs geht ein Beben' und Todestrauer.
Budapest, 31. Juli. Die Blätter widmen dem Fürstm, Bismarck sehr warme Nachrufe und geben der Theilnahme bet' ungarischen Nation an dem schweren Verluste Ausdruck, welchen, nicht nm Deutschland, sondern auch die ganze zivilisirte Wett; durch das Hinscheidm des grössten Staatsmannes des Jahrhunderts erlitten hat. Die Blätter hebm insbesondere auch biei warmen Sympathien hervor, welche Fürst Bismarck für Ungarn gehegt hat und welche durch die Freundschaft mit dem Grafen Andrassy als Mffchöpfer des Dreibundes noch innniger gestattet • wurden. — Der „PesterLloyd" sagt, gleich Prometheus formte er die früher so träge und zerfallene Masse seines Volkes nach seinem Ebenbilde; in die von Willkür, Laune unb Zufall be-. herrschten Zustände des Kontinents trug er die Gesetzmäßigkeit und Regel unb er hat gute Arbeit verrichtet im Innern wie nach. Außm. Seine Werke überlebm ihn, unb sie werden fortdauern nnd den kommenden Geschlechtern immer von Neuem die geniale Größe des Mannes verkündm, der heute in Friedrichsruh zum ewigen Frieden hinübergeschlummert ist. — Der „Nemzet" schreibt: An der Bahre des Fürsten Bismarck steht in tiefer Ergriffenheit nicht nur dessen eigene Nation, die in ihm einen ihrer größten Söhne verlor, sondern auch die ganze gebildete Welt, welche jeder Zeit ein unbedingter Bewunderer feiner Größe unb Kraft und feiner Macht war; er schuf das einige deutsche Reich, ohne trotz glänzender Siege Frankreich zu vernichten. Ein solcher mächtiger, praktischer Politiker war nothwendig, um diesen erhabenen Traum deutscher Einheit zu verwirklichen.—Das „Neue PesterJournal" schreibt: Was Fürst Bismarck geschaffen, wird fortdauern und, selbst wenn jenseits der Zeitgrenze, bis zu welcher der Seherblick erhabener Geister reicht, die deutsche Einheit in Trümmer fallen sollte, selbst dann konnte der Verstorbene im Augenblicke, da seine einst hochflammende Seele für immer erlosch, das Wort des Faust Wiederholm: „Es kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in Aeonen untergehn". — „Buda- pesti Naplo" sagt, auf fünf Meeren wird die deutscheFlagge auf Halbmast herabgelassen, in fünf Welttheilm weinen von ihm be
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Tages -Rundschau.
Wie wir gestern mittheitten, verlautet nun, daß der Gänse- krieg und die damit in Zusammenhang stehenden z o l l p o - litischen Differenzen beigelegt sind, indem Rußland darauf verzichtet, daß die Gänse auf der ganzen Grenzlinie eingetrieben werden können, wofür Deutschland gestattet, daß die Gänfeeinfuhr an zwei (nicht zwölf, wie es infolge eines Druckfehlers hieß) Dutzend genau bestimmten fünften bis zur nächsten Eisenbahnstation per Fußmarsch stattfindet. Hoffentlich bewahrheitet sich diese Nachricht. Dagegen meldet unser heutiges Morgenblatt, daß seit vorgestern für die Einfuhr von Lederwaaren der erhöhte Zoll von zwei Rubel erhoben wird. Bekanntlich war bestimmt, daß die russischen Zollerhöhungen, die am 29. Juli in Kraft treten sollten, vorläufig ausgesetzt würden, bis die Verhandlungen ein endgiltiges Ergebniß erzielt habm. Es scheint aber, wie wir schon bemerkten, daß die rusfischm Grenzzollämter davon nicht rechtzeitig verständigt wurden, so daß die von uns gemeldete Zollerhöhung eintrat, durch die natürlich deutsche Industrielle geschädigt Werden. Es ist zu er»
mußten. Der Spieleinsatz im Betrage von 11 fl. wurde von bet Polizei saifiti, während das gejammte im Umläufe befindliche Spielgeld von 179 fl. den Spielern zurückerstattet wurde. Die Polizei leitete den Akt über die im Cafe Edison am 14. ds. ausgehobene Spielpartie ans Strafbezirksgericht Josephstadt und die Staatsanwaltschaft erhob gegen die angezeigten Spieler die Anklage wegen verbotenen Glücksspieles. Ueber diese Anklage fanb heute bie Verhandlung statt. Dem Strafakte liegen auch bie ausführlichen Spielregeln bet Pokers bei. Das Gericht hat auch zwei pokerkundige Personen als Sachverständige vorgeladcn. Es hatte sich ein zahlreiches aus Anhängern des Pokerspieles bestehendes Auditorium eingefunden. Von den Angeklagten war, keiner erschienen. Die Vertreter derselben gaben die Erklärung ab, daß ihre Clienten mit Rücksicht auf die landesgerichtliche Entscheidung vorn 21. Juli 1896, welche das Pokerspiel als kein Hazardspiel erklärte, das Spiel als ein erlaubtes angesehen und feit dieser Zeit gespielt habm.
Der Richter erklärte, daß nun zur Demonstration des
in meiner Umgebung zu retten war, dachte ich daran, mich selbst in Sicherheit zu bringen. Daraus wird mir doch Wohl Niemand einen Vorwurf machen."
Kommissar: Sie können gehen, mein Freund. Man wird Sie bei der Vertheilung der B e l o h n u n g e n, die großen Katastrophen zu folgen pflegt, nicht vergessen. (Allein gelassen, setzt der Kommissar seinen Bericht fort.) „Jedermann hat feine Pflicht erfüllt; es wurden bewunderungswürdige Beweise von Opfermuth gegeben unb man sann Niemanbem bie Verantwortung für dieses schreckliche Ereigniß aufbürden, wegen dessen man fich sogar in gewisser Weise beglückwünschen kann, da es uns in die Lage versetzt, den Heroismus so vieler braver Leute zu belohnen ......'
r sRestaurirung der Dominikanerkirche in Colmar.s Aus Colmar im Oberelsaß schreibt man uns: Am 31. Juli wird hier in feierlicher Weise die vollständig wiederhergestellte alte Dominikanerkirche neu eingeweiht, bie lange Zeit als Korn- halle benutzt unb natürlich auf bas Schwerste beschädigt worden war. Es ist ein kunsthistorisch bedeutsamer srühgothischer Kirchenbau von sehr edlen Verhältnissen und überaus schlanken Formen, ber 1278 begonnen unb zweifellos in kurzer Zeit seriiggestellt würbe. Rach Ansicht von Woltmann wäre es ein Werk des Klosterbrnbers V o l m a r, ber in bem hiesigen Frauenkloster Unter; linben ben noch erhaltenen schönen Kreuzgang geschaffen hat. Auch die innere Ausstattung war sehr bebentenb; der um 1500 ausgestellte Hochaltar enthielt die 16 Gemälde Schonganer's, bie nachmals in bas Museum Ünterlinben verbracht wurden, wo fie sich heute noch befinden. Im 17. unb 18. Jahrhundert wurde die Kirche großentheils im Zeitgeschmack umgeänbert, in der Revolution aber geschloffen und zunächst als Gensdarmeriekaserne benutzt, 1807 dann von der Stadtverwaltung angekauft und fortan zur Frucht- halle eingerichtet. Die jetzige SRestaurirung wurde vor zehn Jahren durch den Stadtpfarrer Frey angeregt unb 1892 von bem Gemeinderath beschlossen. Beide Behörden, die kirchliche unb die weltliche, kann man zu dem Unternehmen nur beglückwünschen : die Restaurirung, die durch den Kunstwerth dieses Baudenkmals in vollstem Maße gerechtfertigt war, ist sehr gut ausgefallen, sodaß dieSchönheit des in seiner Art im Elsaß einzig dastehenden Werkes wieder zur Geltung kommt. Besondere Anerkennung verdienm dabei die Holzschnitzarbeiten des Herrn Klem von hier, die tote alle die zahlreichen Arbeiten dieses Ateliers von wahrer künstlerischer Auffassung und feiner Stilempfindung Zeugniß ablegen.
I" (Deutscher Schachbnnd.j Man schreibt uns: Das Wiener Schachturnier ist todt ; es lebe dasKölner! Das Jahr 1898 ist ein schachgesegnetes Jahr; ein fast ununterbrochenes Turnier- spiel während dreier Monate haben toir
turnierreichen Jahren noch nicht erlebt. Es ließ sich aber die Jahr nicht anders machen. Der Deutsche Schachbu statutengemäß alle zwei Jahre einen Kongreß abju nachdem vor zwei Jahrm infolge der Differenzen b* Verwalters mit dem Nürnberger Schachklub das 1
Kleines Feuilleton.
Frankfurt, 1. August.
c (Jeder hat seine Pflicht erfüllt!] Der Spötter Alfred Cap ns gibt im „Figaro“ folgende sarkastische Schilderung der offiziellen Untersuchung über den Schiffbruch der „Bour- gogne":
Der Untersnchuttgs -Kommissar zu einem der Ueberlebenben derKatastrophe: „Ich toerbeSie verhören.. Bleiben Sie möglichst ruhig!"
lleberlebenber: „Ich stehe zu Ihrer Verfügung."
Kommissar: „Sie haben allen Phasen der Katastrophe bei- gewohnt?"
lleberlebenber: „Ja, Herr Kommissar."
Kommissar: „Sie können fich ihrer genau erinnern?" lleberlebenber: „Ganz genau!"
Kommissar: „Ich muß Ihnen nun eine Frage von höchster Wichtigkeit vorlegen. (Ihn scharf fixirenb) Haben Sie Ihre Pflicht gethan?"
lleberlebenber: „WaS? Ob ich meine Pflicht gethan habe?"
Kommissar: „Antworten Sie!"
lleberlebenber: „Herr Kommissar, ich werde frei von ber Leber weg sprechen. Wenn ich meine Pflicht nicht gethan hätte, wäre ich gewiß der Erste, das offen herauszusagen."
Kommissar: „Schön!"
lleberlebenber: „So hören Sie! Ich habe bei der Katastrophe nicht nur meine Pflicht, sondern selbst mehr als meine Pflicht gethan."
Kommissar: „Ich war von vornherein dessen ficher."
lleberlebenber: Unb wenn ich mich nicht genirte, mich selbst zu rühmen, würde ich hinzusügen, daß mehr als zehn Leute mir ihr Leben zu verdanken haben.
Kommissar (tiefbewegt).
Ich glaube Ihnen, mein
Freund.
Ueberlebender: Erst im Augenblicke, da Niemand mehr
