6. Grtoder 1898
s.rm« Mr 276.
Abendblatt drr UranKfnrtrr Jeitung.
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Genchtszeitung.
a Wiesbaden, 5. Oct. Unter der Anklage desMordver- suchs erschien heute das 14 Jahre alte Dienstmädchen Margarethe Röder aus Sossenheim vor der hiesigen Straftammer. Es soll den Versuch gemacht haben, am 21. Mai d. I. das 2/4 Jahre alte Söhnchen Anton seines Dienstherrn, des Backsteinmachers Wehmerzu Sossenheim, zu vergiften. Die kleine Angeklagte hat in der That in die dem Kind verabreichte Milch ver- gisteten Weizen gethan, behauptet aber, die Körner für „Guts" (Leckereien) gehalten und in die Milch gethan zu haben, um dieselbe zu versüßen und das Kind, das geweint hätte, zu beruhigen. Die Anklage nimmt an, daß das Mädchen, das sich vor Gericht ganz verständig benimmt und keineswegs einen raffinirten oder gar verkommenen Eindruck macht, die Absicht gehabt habe, das Kind umzubringen und schließt dies daraus, daß es zwar nicht wissen wolle, was es für Körner seien, aber doch deren Bestimmung richtig angegeben und wohl gewußt hätte, daß sie zum Vergiften von Mäusen dienten. Der Angeklagten wird noch vorgehalten, daß sich auf jeder Seite der Schachtel, der sie die Körner entnommen, ein Todtenkopf und die Aufschriften „Gift" und „Vorsicht" befunden hätten, worauf sie erwidert, sie habe die Schachtel nicht betrachtet. Die Mutter des Kindes fand zuerst das Gift. Sie kam dazu, als das Kind die halbe Tasse getrunken, sie wollte den Rest selbst trinken, wurde aber durch den bitteren Geschmack davon abgehalten. Sie schüttete den Rest um und fand dann die Körner, die sie sofort als den vergifteten Weizen erkannte. Sie fchickte sofort zum Arzt, und durch ein Gegenmittel, das dieser gab, wurde das Kind vor jedem Schaden bewahrt. Die Frau sagt, die betreffende Schachtel wäre in einem Cigarrenkasten auf dem Kleiderschrank aufbewahrt worden. Sie habe das Mädchen erst drei Wochen vorher angenommen, sie könne nicht sagen, daß es das Kind schlecht behandelt hätte. Das Gericht vermochte sich nicht davon zu überzeugen, daß die jugendliche Angeklagte gewußt habe, daß sie mit den Körnern Gift in die Milch thue und erkannte deshalb auf F r e i s p r e ch u n g.
men Stellen mit Bretterschwarten verschlagen und nimmt die Mi^ "3 stände nicht wahr, weil er die Grube nicht genau genug kennt. So” " Privatkapital im Bergbaubetrieb hat glänzende Erträgnisse, abe* i der Arbeiter muß die Zeche zahlen. Die finanzielle Möglichkeit z» A vermehrten Ausgaben für den Bergarbeiterschutz ist vorhanden. Die Dividende betrug im Vorjahre in den Bergwetten 11 pCt. Trotz- I dem sind die Grubenbarone darauf aus, die verbefierte Inspektion zu hintertreiben. Man erinnere sich der Denkschrift des Kohleu- fyndikats. Auch politische Momente werden vom den Unter- -Z nehmern wieder herangezogen. Sie behaupten, die Sozialdemo-, kratie würde den Hauptvortheil daraus ziehen, wenn J auch die Bergarbeiter - Forderungen angenommen werden. ' Die Hauptsache ist aber, nach der Ansicht des Redners, der S chutz I der gefährdetenMenschenleben und nicht die Politik. In Zwickau gibt es manchmal lästündige Arbeitsschichten. Es ist vorgekommen, daß in sächsischen Bergwerken die Arbeiter bei H 48° Celsius arbeiten mußten und zwar 12 Stunden lang. Das „Abwechseln", wobei der Arbeiter 5—10 Minuten in der Hitze liegt und ebenso lange in den Luftstrecken Abkühlung sucht, macht | solche Zustände unerträglich. In Ländern mit vorgeschrittener Bergbauinspektion kann derlei nicht Vorkommen. In Deutschland würde eine Ausgabe von % Mill, jährlich genügen, um die Inspektion aus die nöthige Höhe zu bringen. ♦
Die gesetzgeberischen Vorschläge, die dem Parteitag von Ver- tretern aus den Bergbaubezirken unterbreitet werden, liegen in der folgenden Erklärung vor:
„Eine gründliche Reform der Berggesetzgebung in Deutschland ist eine dringende Nothwendigkeit, damit Leben -1 wib Gesundheit der Bergleute nach Möglichkeit geschützt sind. | Grundlinien dieser Reform sollen sein:
1) Tie Festsetzung einer Arbeitszeit von höchstens 8 Stunden, | Ein- und Ausfahrt eingeschlossen. Ueberschichten, die nicht znr Förderung des Betriebes nöthig, sind zu verbieten. Wo die Temperatur in den Grubenräumen plus 28 Grad Celsius übersteigt, muß die Schichtdauer auf 6 Stunden ermäßigt werden.
2) Abschaffung des Akkordsystems für unterirdische Arbeiten.
3) Männlichen Arbeitern unter 18 Jahren ist die unterirdische und Frauen überhaupt jede Grubenarbeit zu verbieten.
4) Vermehrung der Grubenkontrolleure aus den Reihen der Bergarbeiter. Auf höchstens 1000 Mann der Belegschaft soll ein Arbeiterinspektor kommen. Die Hilfsinspektoren find von ,1 Arbeitern zu wählen und vom Staate zu bezahlen.
5) Für mit Schlagwettergasen behaftete Grubenräume sind dafür vorgebildete Wetterbeamte einzustellen.
6) Errichtung zweckentsprechender Waschanstalten (Einzel- | brausebäder) und Mannsch aftsstuben (Kaunen).
Der Parteitag beauftragt die Reichstagsfraktion, den Erlaß eines deutschen Berggesetzes im Sinne dieser Forderungen zu beantragen. So lange aber eine reichsgesetzliche Regelung des Bergarbeiterschutzes nicht eingetreten ist, sollen die sozialistischen Abgeordneten der bergbaubetreibenden Bundesstaaten in den Landtagen eine Reform der Landesberggesetzgebung in obigem Sinne herbeizuführen suchen.
Ein Vorschlag A g st e r' s, der Erklärung ohne weitere Debatte' | beizupflichten, wird von Bebel bekämpst und vom Parteitag abgelehnt. Man will den Delegirten aus den Bergbaubezirken - Gelegenheit schaffen, die Beschwerden der Bergleute einer großen Oeffentlichkeit vorzutragen. Aus dem Ruhrrevier tritt Schmidt- Essen auf und verliest eine Reihe von Wünschen, die !
unter Anderem fordern, daß die Reichsrente nicht auf die' Knappschafts-Pensionen in Anrechnung kommt, und daß |
die Arbeiter nicht durch schwarze Listen gemaßregelt werden. Der Redner behauptet, er habe in 20 Jahren noch nie einen Berg-, al arbeiter-Jnspektor in einer Grube gesehen. Ein Unterapparat in der Grubeninspektion thue dringend noth. Der Redner schließt mit dem Citat eines melancholischen Bergmannsliedes..
Horn- Niederhaslan schildert die Schwierigkeiten der Bergarbeiterbewegung. Gemaßregelte Bergleute sind schlimmer daran! als andere Arbeiter wegen der Jsolirtheit ihres Kaffenwesens. Im Königreich Sachsen sind wir auf einen Rath Bebel's mit unseren Klagen in die Oeffentlichkeit getreten. Der Erfolg ist nicht ausgeblieben, freilich haben wir auch manches Jahr Gefängniß bafüi; eingeheimst. Das Ministerium Metzfch hat unsere Organisation zerstört. Die Massenmörber, die oft die Grubenunglücke verschuldet i haben, gingen meist straffrei aus und die Gegner schoben die Schuld^ auf den Leichtsinn der Arbeiter. Wie war es denn aber im Fall' Borsig, wo dieser Grubenbesitzer mit fünf kleineren Beamten trotz der Warnung von Arbeitern in die Tiefe ging und nicht wieder ans Tageslicht kam? Die Arbeiter werden mundtodt gemacht, ebenso ihre Vertreter im sächsischen Landtag. Was hilft es, wenn nach einem Unglück der Klingelbeutel herumgereicht wird? 1
Moraw s ki - Berlin fordert namens der polnischen Bergleuts' Kontrole der Bergwerke durch Arbeiterkontrolleure. Als die „Pol- ; nische Arbeiterzeitung" vor dem Unglück in der Kleophasgrube deren Zustände tadelte, bekam der Redakteur ein Vierteljahr Gefäng- niß. — Winter-Beutheu schildert die Wichtigkeit der Montan- i | Industrie, von der alle anderen Industriezweige abhäugen. Hebt man die Lage der Bergarbeiter, so kommt das den übrigen Arbeitern! zugute. Oberschlesien hat besonders trübe bergbauliche Zustände.! Die Unfallziffer ist im Steigen. Von den kleineren Unfällen wird' gar kein Aufhebens gemacht. Das Knappschaftswesen leidet unter der schlechten Handhabung des an sich gar nicht üblen Statuts.! Die Privatberzregale bringen den oberschlefischen Magnaten wie dem Fürsten Pleß und Herrn von Thielen-Winkler viele Millionen Mark an Abgaben. Die Kleophasgrube z. B. bringt allein eine halbe Million Abgaben an den Regalherrn.! Bei der Auswahl der Bergarbeiterbeamten bevorzugt man Leute! mit liebedienerischem Wesen nach oben und Unteroffiziersfitten' nach unten. Selbst an Schlägen und Püffen fehlt es in den Gruben nicht. Thiele- Halle berichtet aus den Braunkohlenrevieren über- schlechte Wetterführung und mangelhafte Revision. Im Mans-' selber Gebiet ist es dorgekommen, daß Unterbeamte sich von, den Arbeitern aus gestohlenem Grubenmaterial eigene Wohnhäuser bauen ließen. Wird dort ein Arbeiter abgelöst, der muß mit seiner Familie auswandern, denn Arbeit findet er so leicht nicht. Unter dem schönen „Glück auf" steckt eine Unsumme von Noth und Leid. Greiner- Aschersleben hebt u. A. hervor, daß man den Arbeitern beim Sprengen des Gesteins kaum die Pause gönnt, bis sich her Pulverdampf verzieht. Arbeiter, die älter als 30 Jahre sind, werden nur ungern angelegt, sie gelten schon als ver-, braucht. P l o r i n - Zeitz hält die Braunkohlengrubenarbeit noch gesundheitswidriger, als den Steinkohlenabba«. Kno o p-i Franksurt berichtet über die Lage der Bergleute in Nassau. Dort hat man in einem Falle nachgewiesen, daß die Schicht noch nicht mit 10 Pfennig vergütet werde. Ein Steiger hat geäußert, die unbrauchbaren alten Leute sollte man durch den Scharfrichter wegschaffen lassen. Die Centrumspartei thut dort nicht ihre Pflicht, die Sozialdemokratie muß sich der Bergarbeiter annehmen. Die
ernannt. — An österreichischen Hochschulen haben sich als Privatdozenten habilitirt: Dr. Gustav Turba für allgemeine neuere Geschichte an der philosophischen Fakultät der Universität in W i e n, Dr. Hans Kaschier für Larhngologie und Rhino- logie, Dr. Heinrich Ludwig für Geburtshülfe und Gynäkologie und Dr. Alexander Ritter v. W e i s m a h r für innere Medizin an der medizinischen Fakultät derselbe» Unisivertät; Dr. Ludwig Merk für Dermatologie an der medizinischen Fakultät der Universität in G r a z und Dr. Ludwig Switalskifür Geburts- Hülse und Gynäkologie an der medizinischen Fakultät der Universität in K r a k a u. — Aus Eisenach, v. 4. October wird gemeldet: Heute ist hier der Schulrath Eberhart, einer der bedeutendsten Pädagogen Thüringens, im Alter von 68 Jahren gestorben.
----- (Frankfurter Stadttheater.) Die Intendanz theilt mit: In der morgen, Freitag, int Opernhause stattfindenden Aufführung von Rossini's „Barbier von Sevilla", in der Francesco d'Andrade sich für diesmal vom hiesigen Publikum verabschiedet, wird der Künstler als musikalische Einlage ein spanisches Lied fingen, das den Titel führt „Lo que esta de Dios 1* — In der morgen int Schauspielhause angesetzten Aufführung der „Braut von Messina" setzt Fräulein Salta vom Landestheater in Graz als Isabella ihr Gastspiel fort. Im „Kaufmann von Venedig" spielt kommenden Samstag Fräulein B o ch rum ersten! Male die Rolle der Porcia.
--- Mel«« Mittheilungen.) Fräulein FriedaHodapp,! 1 Schülerin des Dr. Hoch'schen Konservatoriums (Klaffe des Herr«! Pros. Kwast) in F r a n k f u r t a. M. hat bei der am 30. September in Berlin stattgehabtcn Bewerbung den Felix Mendelssohn- Preis erhalten. — Der erste Kammermusik-Abend des Frankfurter Trios findet am Montag den 29. October in Dr. Hoch's Konservatorium statt. — In die Notiz: „Das vollkommenste Modell" im IL Morgenblatt vom 2. ds. hat sich ein bösartiger Druckfehler eingeschlichen, indem dortselbst „der ben geltenden Schönheitsgesetzen entsprechende" Schenkelnrnfang bei der Frau mit 83 anstatt 63 Centimeter angegeben ist. — Aus Münster i. W. v. 5. ds. wird uns geschrieben : Bei der Fest- Vorstellung zu Ehren der Generalversammlung der deutschen Ge- schichtsvereine errang die westfälische Dichterin Johanna B a l tz, deren Dichtung „Welthandel" kürzlich in Essen eine sehr günstige Aufnahme gefunden, einen vollen Erfolg mit ihrem formvollendeten und inhaltsreichen Prolog. — Man berichtet uns aus Köln v. 5. ds.: Zur Erinnerung an den verstorbenen Kommerzienraih j Robert Heuser, der sich um die Gürzenich-Konzert-Gesellschaft sowie nm das Städtische Konservatorium in hohem Maße verdient gemacht hat, fand gestern im Gürzenich-Saal eine Trauerfeier statt. Nach einer Ansprache des Dr. Schnitzler folgte Mozarts | Requiem, unter Wüllners Leitung von Chor und Orchester mit voller Hingebung dnrchgeführt. DaS Solo-Ouartett bestand - aus ehemaligen Schülern des Konservatoriums, den Damen Rüsche (Köln), Behr (Mainz) und den Herren Scheut« (Hannover), Heid, 1 kamp (Köln).
überlistete Berggeist, der angestrengt die auf einem großen Acker wachsenden Rüben zu zählen versucht, indeß ihm während dieser Beschäftigung die geraubte Königstochter entflieht, erhält den Spottnamen „Rübenzähler", der später in „Rüb^hl" verkürzt wird. In ein Märchen paßt diese Erklärung ja hmiffn, dem kritischen Sprachforscher kann sie aber natürlich nicht genügen. So hat man denn das Wort „Rübezahl" von verschiedenen Seiten für die Verstümmelung oder eine im Volksmunde entstandene Umwandlung des Namens irgend einer historischen Person zu erklären versucht, die aus irgend einem Grunde in Beziehung zu der Sage vom Berggeist gebracht worden ist. Von den vielen hierauf fun- dirten Erklärungen seien hier die wahrscheinlichsten erwähnt. So soll ein Alchimist Rubezzo, bet im frühen Mittelalter von Venebig her in's Riesengebirge kam unb bart Nachgrabungen anstellte, von bem abergläubischen Volk mit der damals sicher schon vorhandenen, aus heidnischer Zeit stammenden nnd mit der Mythe vom „Wilden Jäger" verwandten Rübezahlsage in Verbindung gebracht worden sein; von anderer Seite wird auf einen Naturforscher Ruben von Zahlen gebeutet, der einst zurückgezogen im Riesengebirge gelebt haben soll. Wahrscheinlich ist auch eine Beziehung zwischen bem Namen Rübezahl unb einer sagenhaften Person, einem gewissen Rupert Zahn, der in uralter Zeit in der Gegend von Schmiedeberg gewohnt und dort Zauberei und Teufelsbannerei getrieben haben fall. Der Wahrheit aber am nächsten kommt wohl die Erklärung Ludwig Bechsteins, der Rübezahl von ruwi-zagel ableitet, das soviel wie Ranhzagel (Zagel gleich Schwanz) bedeuten und mit bem Einbringen des Christenthums von der bekehrten Bevölkerung als Spottname für ben heibnischen Gott Swantewitt gebraucht worben sein soll.
----- (Akademische Rachrichte«.) Die außerordentliche Professur für analytische und pharmazeutische Chemie an der Universität Tübingen ist dem ersten Assistenten ant Laboratorium für angewandte Chemie der Universität Leipzig, Privatdozenten Dr. P a u l, übertragen worden. — Ter außerordentliche Professor der Zoologie an der Universität Freiburg i. B. Dr. H. E. Z i e g l e r, hat einen Ruf nach Jena als Nachfolger Kükenthals angenommen. — Ans Bonn wird gemeldet: Der Privatdozent Dr. E. Rimbach in Berlin ist unter Verleihung des Prädikats Profeffor znm Abtheilungsvorsteher bei dem hiesigen chemischen Institut ernannt worden. — Man berichtet aus Berlin: Als Nachfolger des verunglückten Profeffors Raffe hat Privatdozent Dr. L e x e r die erste Assistentenstelle an der unter Leitung des Profeffors v. Bergmann stehenden kgl. chirurgischen Klinik übernommen und wird fortan die damit verbundene Poliklinik leiten. — Der außerordentliche Profeffor der Nationalökonomie an der Universität G r e i f s w a l d, Dr. M. B i e r m e r, ist zum ordentlichen Profeffor ernannt worden. — Aus Freiberg in Sachsen wird gemeldet, daß der Landrichter I u st zum Bergamtsrath unb Professor des Bergrechts, sowie bet allgemeinen Rechts- kunde an der dortigen Bergakademie ernannt worden ist. — Der außerordentliche Profeffor für Geschichte an der Hochschule in Bafel Dr. Heinrich Boos wurde zum ordentlichen Profeffor
nahmslos heilkräftig; seine Gesundbrunnen werden auf Flaschen gezogen und um die Erde gesandt; die Eingeborenen aber trinken Bier, Was offenbar ein Selbstopfer ist. Aber Ausländer, die Wiener Bier getrunken haben, denken anders darüber. Besonders das Pilsener Bier, das man in einem kleinen Keller in einer Gasse des ersten Bezirks bekommt — der Name ist mir entfallen. Der Keller ist aber leicht gefunden; Sie fragen nach der griechischen Kirche, und wenn Sie sie gefunden haben, gehen Sie — das nächste Hans ist die kleine „Biermühle". Sie ist weit entfernt bon allem Geräusch; dort ist es immer Sonntag. Zwei kleine Zimmer mit niedrigen Decken, gestützt von maffiven Bögen, sind da; die Bögen und Decken find geweißt, sonst würden die Zimmer wie Zellen im Kerker einer Bastille aussehen. Die Möbel sind einfach und billig, gar kein Schmuck; doch ist es ein Himmel für Selbstopferer, denn das Bier ist unvergleichlich, auf der ganzen Erde ist keines damit zu vergleichen. In bem ersten Zimmer werben Sie ungefähr zwölf ober fünfzehn Damen unb Herren, Civilisten, finben; im zweiten Zimmer ein Dutzend Generale unb Gesandte; man kann monatelang in Wien leben, ohne diesen Platz zu finden; doch wie man einmal davon gehört unb ihn versucht hat, wird Einen ewig der Versucher plagen.....Doch das ist Nebensache —
fährt der Schalk fort — es ist im Vorübergehen eine Dankeserklärung für erhaltene Wohlthat. Mit meinem Thema hat es nichts gemein. Mein Thema ist „Kurorte". Alle ungesunden Leute sollten sich in Wien ansässig machen und von dort aus Ausflüge nach den naheliegenden Kurorten unternehmen. Zum Beispiel einen Ausflug nach Marienbad, um überflüssiges Fleisch los zu bringen; einen Ausflug nach Karlsbad, um die Gallensteine wegzutreiben; einen Ausflug nach Kaltenleutgeben für die Wasserkur, um der übrigen Krankheiten ledig zu werden. Alles ist so bequem. Sie können in Wien stehen und mit einem zwölfzölligen Gewehr ein Bisquit nach Kaltenleutgeben hineinwerfen. Zu jeder Zeit können Sie dort hinaus; Sie fahren mit phänomenal langweiligen Zügen, unb doch haben Sie innerhalb einer Stnnbe ben Glanz unb die Hitze der Stadt für das wellenförmige Gelände, die schattigen Waldwege, die weiche kühle Luft, die Musik der Vögel und die Ruhe und ben Frieden des Paradieses eingetauscht. Es gibt auch andere Kurorte, die man bequem von Wien erreichen kann, reizende Plätzchen, denn Wien fitzt im Mittelpunkt einer schönen Welt von Bergen. Hier und da ein See unb Walb. Wahrhaftig, es liegt keine anbete Stadt so schön!" Im Laufe des Artikels erinnert sich Marc Twain bann noch an ben Wiener Kaffee. „Wiener Kaffee!" ruft er. „Fortwährend denke ich daran, an die unerreichbare „Süffigkett" dieses kostbaren Kaffeehauskaffees, mit bem verglichen alle Kaffees in Europa und alle amerikanischen Hotelkaffees einfach flüssige Armuth find."
— (Der Ursprung des Namens Rübezahl.) Woher dieser Name stammt und weshalb er von der Sage dem Herrn des Riesengebirges beigelegt worden ist, darüber haben sich nicht wenige Etymologen bisher vergeblich den Kopf zerbrochen. Sehr hübsch und einleuchtend ist das Wort ja von Musäns in seinem bekannten Märchen erklärt worb«; der von der Prinzeffin Emma
wider die Emporkömmlinge zu Gunsten der „angestammten" Aristokratie wimmelt es im Stücke. Aber die Sächelchen sind derart aufgetragen, wie sie uns in den Schulen von wohlgesinnten Schulmeistern zu heilsamem Schrecken beigebracht werden. Frln. Jenny Groß (Pamela) glaubte offenbar einen großen Trumps ausspielen zu können. Sie gedachte der köstlichen Zeiten der Madame Sans- Gsne. Aber sie ist die Schauspielernatur nicht, die allein etwas vollbrächte, wenn der Dichter versagt. In ihr selber steckt zuviel Geziert-Puppenhaftes. Das hat seine Freunde und Verehrer in [Serlin. Diesmal half's auch nicht viel. Reben der schlangen- ! klugen unb tapferen Pamela verblassen alle übrigen Rollen in der Komödie. — Für ben Samstag sind zwei Schauspielnovitäten an- gesetzt : Das „Vermächtniß" von Schnitzler im Deutschen Theater unb „Auf der Sonnenseite" von Blumenthal- Kadelburg im Schauspielhaus. L. Sch.
r [$U Furcht vor dem OfstziSsenthum in — China.) Man schreibt uns: Der hastige Reformeifer des Kaisers von China hat die sonderbarsten Folgen gehabt. Unter den vielen Erlaffen, die der Sohn des Himmels in der letzten Zeit ergehen ließ, befand sich auch einer, worin die chinesischen Zeitungen aufgefordert wurden, rückhaltlos über die Sünden der Mandarinen zu sprechen. Zugleich befahl der Kaiser, in Shanghai ein Organ der Regierung zu gründen. Einer der Hofmanbannen schlug vor, man solle doch den „Chinesischen Fortschritt", eine monatlich dreimal in Shanghai erscheinende Zeitschrift, in ein Regierungsorgan umwandeln. Diese vor etwa zwei Jahren begründete Zeitschrift war recht erfolgreich, besonders im Thale des Aangtzekiang. Man sagt, selbst der Vicekönig Tschang Tschih-tung habe sie immer gern gelesen. Mit anerkennenswerther Offenheit wurden darin die Schäden in der Verwaltung aufgedeckt. Ihr Erfolg ermuthigte die Besitzer, außer der Zeitschrift auch eine Zeitung, betitelt „Täglicher Chinesischer Fortschritt", herauszugeben. Dieses neue Unternehmen fand gleichfalls großen Anklang. Als nun die Regierung die Zeitschrift „Chinesischer Fortschritt" für ihre Zwecke benutzen wollte, hielt sie es anscheinend für unnöthig, sich vorher mit den Eigenthümern darüber ins Einvernehmen zu setzen. Diese verspürten aber wenig Lust, auf den neuen Plan einzugehen. Sie änderten, sobald es amtlich besannt gemacht war, daß der „Chinesische Fortschritt" in Zukunft ein Regitrungsorgan sein Werde, sofort den Titel ihrer Zeitschrift in „Wahrheit" unb den ihrer Zeitung in „Allgemeine Zeitung" um. Die Regierung hat völlig das Nachsehen. Sie hält nichts als einen leeren Titel in der Hand, da das ganze Personal dem ölten Unternehmen treu geblieben ist.
----- ! Oesterreichische Kursk enden.) In der amerikanischen Zeitschrift „Cosmopolitan" plaudert Marc Twain über Wien unb Oesterreich. Ma« Twain sagt über einen Kurort, der angeblich in Böhmen belegen ist: Ter Name dieses Etabliffements ist Hochberghaus. Er liegt in Böhmen, eine kurze Tagesfahrt von Wien entfernt, unb da er zu Oesterreich gehört, ist er — natürlich ein Kurort. Oesterreich besteht nämlich ans Kurorten; der ganzen Wett ertheilt dieses Land Gesundheit; seine Quell« find aus-
Aufnahme des ff aiserpcmres und seines Gefolges bestimmt ist. Mit dem gestrig« Orientzuge trafen bereits Mgeladjutant Oberst v. Scholl und Oberstallmeister Graf Wedel ein, sowie mittelst Separatzuges 60 Pferde aus den kaiserlichen Marställen. Dieselben muffen erst eingefahren und an das hiesige Terrain gewöhnt werden. Das Programm entspricht so ziemlich demjenigen des letzten Kaiser-Pesuches vor zehn Jahren. Nur kommt dieses Mal noch ein Ausflug auf den anatolischen Bahnen bis nach H e r a k e hinzu, wo die kaiserliche Teppichfabrik besichtigt werden soll. Wiewohl für den dortigen Aufenthalt nur wenige Stunden in Aussicht genommen sind, hat der Sultan einen entzückenden Kiosk errichten lassen, in welchem das Dejeuner eingenommen wird. Von Hemke setzt das Kaiserpaar die Fahrt auf der anatolischen Bahn bis Jsmidt fort und benützt zur Rückfahrt die „Hohmzollern". Der Stationär „Loreley" hat zu diesem Zwecke gestern eine Fahrt nach dem Golf von Jsmidt unternommen, um die Hafenverhältinffe zu erforschen. Zur Erweiterung der Straßen sind, insbesondere auf der Grande Rue de Pera, eine größere Anzahl von Häusern durch die Stadtgemeinde expropriirt und niedergerissen worden. Meterhohe weißgestrichene Planken schließen die leerstehenden Plätze ab, und solche Plank« wurden auch dort aufgepflanzt, wo das prüfende Auge Schattenseiten entdecken könnte. Zur Verschönerung tragen diese Pallisadengerüste allerdings nicht bei. Dagegen ist endlich an dem stattlichen Gebäude der deutschen Botschaft der kasernenartige Ansttich einer anderen Farbe gewichen, die viel besser zu der Umgebung paßt, und auch die Sommerresidenz der Botschaft in Therapia ist von Grund auf in Stand gesetzt worden. Die achtzig vom Sultan dem Kaiserpaare auf der P a l ä st i n a- fahrt ä Ja suite gestellten türkischen Offiziere werden sich ebenfalls unter den Schutz von Thomas Cook stellen. Das Palais zahlte heute für Unterkunft derselben an das Londoner Weltreisebureau 5405 Pfund. Den großartigsten Effekt verspricht die Illumination desBosporus hervorzurufen. Das Palais hat für die kaiserlichen Schlösser eigens einen ganzen Stab von Pyrotechnikern aus Rom kommen lassen. Zu den Vorbereitungen des Kaiserbesuches gehört es auch, daß Hunderte vonGeheimagenten ausgenommen wurden, um die größte Wachsamkeit auszuüben. Die türkische Polizei steht im Rufe, sehr tüchtig zu sein, allein trotzdem ist man wegen der zahlreichen italienischen Arbeiter nicht nur im hiesigen Hafen, sondern auch in den Häfen der syrischen Küste etwas ängstlich. Die Polizei ist seit einigen Tagen damit beschäftigt, Listen dieser Leute aufzunehmen und alle Verdächtigen und Beschäftigungslosen abzuschieben. Beim letzten Besuche des Kaisers war auch der Chef der Berliner Geheimpolizei mit einem großen Stabe in Konstantinopel. Möglicherweise werden auch jetzt Agenten der Berliner Polizei die Wachsamkeit der türkischen Behörden unterstützen.
Afrika.
Di« Franzosen in Faschoda.
* Der Berichterstatter des „Daily Telegraph" in Kairo hat von Offizieren der dort eingetroffenen Cameron-Hochländer noch folgende Einzelheiten über MajorMarchand in Faschoda erhalten: General Kitchener und Major Marchand sprachen nur wenig miteinander und beschränkten sich aus den offiziellen Verkehr. Die anderen englischen Offiziere loben jedoch sehr das Benehmen des französischen Majors. Letzterer hatte seit 1t/t Jahren nichts von der Außenwelt gehört und die ihm von der französischen Regierung versprochenen Vorräthe an Munition und Lebensrnitteln waren nie an ihn gelangt. In Folge seiner Kämpfe mit den Derwischen hatte er fast seinen ganzen Munitionsvorrath verbraucht, doch fehlte es ihm nicht an Lebensrnitteln. Seine aus Timbuktu-Leuten bestehende Infanterie soll vortrefflich sein. Von denneunFranzosen, welche mit Marchand ausgezogen waren, sind vier gestorben. Zwei erlagen der Berri-Berri-Krankheit, die sich namentlich durch Schlaflosigkeit und Erbrechen kennzeichnet. Einer fiel von einem Baume und der vierte wurde von einem Krokodil aufgefreffen. Keiner von den Offizieren Marchand's ist im Kampfe gefallen. Unter den senegalischen Mannschaften wüthete die Berri-Berri- Krankheit ebenfalls. Im Nil wimmelt es bei Faschoda von Krokodilen und Flußpferden. An einem Tage konnte man häufig 40 Flußpferde sehen. Die umliegenden Wälder sind voller Wild. Außer den 130 Senegalesen hatte Major Marchand 100 Eingeborene der Gegend, S ch i l l u k s. Als die Soldaten des Sirdars landeten, begannen die Sudanesen des 11. und 13. Bataillons sofort mit ihren Landsleuten zu fraterM fiten. Der Sirbar ertheilte den Schilluks die Erlaubniß, die Kanonenboote zu besichtigen, aber fast nur ein Dutzend zur Zeit machte davon Gebrauch. Der Grund war ein eigenthümlicher ; Die Schilluks wollten nicht fast nackt auf den Schiffen erscheinen, Kleider hatten sie aber nur für etwa zwölf. Diese Kleidungsstücke legten nach einander ein Dutzend Schilluks an. Der Sirbar hatte ihnen übrigens sagen kaffen, daß sie auch ganz nackt er* schein« dürften.
Der „M a t i n" veröffentlicht heute unter der Ueberschrift N e i n ! in Bezug auf F a s ch 0 d a folgende geharnischte Note: „Der Ton der englischen Blätter wirb immer gebieterischer. Sie drucken keines der französischen Argumente ab. Fast alle erheben die Anmaßung, daß unsere Regierung vor jeder Unterhandlung dem Major Marchand und dessen Gefährten ben Befehl ertheile, Faschoda zu räumen. Die gemäßigtesten gewähren unserem Minister des Aeußeren gerade noch die nöthige Frist, von dem Berichte der heldenmüthigen Soldaten Frankreichs Kenntniß zu nehmen, ehe er bereit Abberufung beschließt. Die Regierung einer großen und starken Nation kann auf dergleichen kindisches Einschüchterungsverfahren keine Rücksicht nehmen. Sie hat die Expe- ditton Marchand organisirt, deren Weg vorgezeichnet und das Ziel festgesetzt. Sie hat schon im September Ersatztruppen zur Unterstützung der kleinen Schaar abgeschickt, die die Derwische von rückwärts umging und die drei Monate vor dem Sirdar die Fahne der Civilisation sechshundert Kilometer oberhalb Khartums aufgepflanzt hatte. Sie wußte, was sie that und waS sie wollte, Sie wird vor den Drohungender Presse ebensowenig wie vor irgend welchen anderen zurückweichen. Bisher haben die englischen Mi
nister kein Wort vernehmen lassen, bas bem anmaßenden Ultimatum ihrer Blätter gliche. Ihre Haltung war ebenso höflich und korrekt, wie die des Generals Kitchener gegenüber bem Major Marchand. Unsere Diplomatie ist daher gern bereit, die heiklen und verwickelten Fragen zu erörtern, die unsere Stellung als erste Okkupirende in Faschoda aufwirft, und sie entsprechend den Grundsätzen des internationalen Rechts friedlich zu regeln. Falls das englische auswärtige Amt sich aber die Theorien der Londoner Presse aneignete und den sofortigen Unterhandlungen die Vorfrage der Abberufung detz Majors Marchand gegenüberstellte, so sind wir in der Lage, zu versichern, baß unsere Regierung mit dem einzigen, Frankreichs würdigen Worte antworten würde: Nein!"
Es ist wohl anzunehmen, daß die englische Regierung mit sich reden lass« wird.
Amerika. Y”"""
* New-Uork, 4. October. Einer der einflußreichsten Bundessenatoren, Senator Ouay, wird beschuldigt, Dollar 500,000 Depositen der „Pe 0 ple' s Bank" in Philadelphia unterschlagen zu haben. Sein Sohn und mehrere geschäftliche und politische Freunde werden der Thell- nahme bezichtigt. Quay soll die Depositen angegriffen haben, um feine Verluste bei feinen Spekulationen zu decken. Die Bank fallirte im letzten März und der Kassier beging damals Selbstmord. Quay ist der republikanische Gouvernements- k a n d i d a t von Pmnsylvanim. Sein Sohn ist Schatzmeister des Staates. Die Freunde des Senators erklären, daß die Anklage weiter nichts als ein gemeiner Wahlkniff der Demokraten ist. — Die in Worcester tagende demokratische Staatskonvention des Staates Massachusetts faßte heute dm folgenden Beschluß: „Wir Bedangen eine ge= rechte und breite Basis für Standard-Geld, damit ein stetiges Maß der Werthe und angemessenen Preise auftecht erhalten wird und Arbeit und Kapital beständige und lohnende Beschäftigung finden." — Henry George junior hat definitiv abgelehnt, sichvondmSilbermännern alsKandidat für den Gouverneurposten im Staate New-Bork aufstellen zu lassen, da er kein Silbermann fei ; auch sein Vater fei es nicht gewesen.
* Washington, 4. Oct. Nach einem heute veröffentlichten amtlichen Berichte sind, wie der „Standard" mtttheilt, im Kriege mit Spanien 274,717 Offiziere und Soldaten einberufen gewesen und von diesen sind 2910 ober etwas über 1 Prozent gestorben. Von den Verstorbenes wurden 280 auf den Schlachtfeldern gelobtet, 65 erlagen ihren Wunben unb 2565 büßten in Folge von Krankheiten ihr Leben ein. — Dem „Daily Chronicle" zufolge wirb Präsibent Mac Kinley in feiner nächsten Botschaft an ben Kongreß bie Vermehrung ber regulären ärmee auf 100,000 Mann, also auf bas Vierfache bet bisherigen Stärke berfelben empfehlen. Auch sollen für bie ff 010 n i e n Eingeborenen-Regimenter ge- bilbet werben.
Sozialdemokratischer Parteitag.
(Privattelegramm bet „Frankfurter Zeitung".) Ly. Stuttgart, 6. October.
VII.
Vormittags-Sitzung.
Bor Beginn bet Tagesordnung werden Grüße von der Redaktion der „Petite Republique", unterzeichnet von Innres, der den internationalen Sozialismus feiert, ferner Grüße von den Parteitaggenoffen in Russisch - Polen bekanntgegeben. Dann referirt Sachse- Zwickau über den B e r g a r b e i t e r s ch u tz. Er erinnere an die bisherige Thätigkeit der Sozialdemokratie zur Reform auf diesem Gebiete und an die zahlreichen schweren Unglücks- fälle, die sich während der letzten Jahre in deutschen Bergwerken ereigneten. Vergeblich hat das Reichsverficherungsamt bei der Knappschaftsberufsgenossenschaft auf weitere Vorschriften zu Unfallverhütungen gedrängt. Ueberdies liegt die Befolgung der bestehenden Vorschriften im Argen. Der deutsche und besonders der preußische Bergbau zeigt nach der Statistik höhere Unfallziffern als Belgien, England und Frankreich, wo außerdem die Ziffer» feit 1894 von Jahr zu Jahr finken, während sie bei uns gestiegen sind. Die Werke werden nicht oft genug inspizirt. Kommt einmal der Inspektor in die Grube, so findet er die schlim-
; Deutsches Reich.
0 Berti«, 5. Oct. Bei der Prüfung und Bearbeitung der alljährlich bem Ministerium einzureichmben Nachweisungen über den Geschäftsbettieb unb bie Ergebnisse der preußischen Sparkassen sind Schwierigketten dadurch entstauben, baß ein Thell ber Sparkassen nach bem Kalenderjahre, ein anberer Theil nach bem Etatsjahre rechnet. Der Minister des Innern hat baher bie Provinzialbehörben veranlaßt, sich nach Anhörung ber Sparkaffenverwaltungen barüber zu äußern, ob sich nicht bie Einführung eines einheitlichen Rechnungsjahres — des Etatsjahres — seitens ber Sparkassen empfiehlt, sowie vb biefe dazu bereit sind, bezw. welche Hinberungsgrünbe ent- gegenstehm.
, k Kiel, 2. Oct. In Neumünster fanden am Sonntag 2 f r e i- sinnigeVerfammlungen statt, zunächst die Krcisdelegir- tendersammlung des vierzehnten Wahlkreises, in der Dr. Theodor Barth einstimmig als freisinniger Kandidat ausgestellt wurde, bann diejenige des erweiterten Landesausschuffes der freisinnigen Partei. Der Referent des geschäftsführenden Ausschusses Chefredakteur Niepa verkündete zunächst die für die Landtagswahl maßgebenden Grundsätze. In allen Kreisen müßten die Freisinnigen aller Schattirungen zusammengehen und überall seien bei den Urwahlen freisinnige Äahlmänner auszustellen, auch da, wo man gewillt ist, bei der Wahl selbst schon im ersten Wahlgange für einen nationalliberalen Kandidaten zu stimmen. In erster Linie komme es darauf an, den Konservativen einige Sitze abzunehmen, daher würden die Freisinnigen die Nationalliberalen überall da unterstützen, wo sie selbst keine Aussichten haben und wo die Nationalliberalen die Konservativen bekämpfen. Es werden folgende Kandidaten aufgestellt: im 5. Kreise (Husum) Deichgraf Pauls, im 6. (Schleswig) voraussichtlich Landmann Seemann, im 8. (Altona) Fischbeck, im 9. (Pinneberg) Carstens, im 10. (Steinburg) Hofbesitzer Hauck, im 11 (Süderdithmarschen) Dr. Martens, im 12. (Norderdithmarschen) Hauk, im 14. (Kiel) Dr. Barth, in Stormarn ist noch keine Entscheidung getroffen, doch wird ein Kandidat ausgestellt. In Lauenburg ist Hofbesitzer Hoeltig in Aussicht genommen. In Flensburg und Rendsburg werden Nationalliberale und Freisinnige zusammengehen, aber eigene Wahlmänner aufstellen. Die Versammlung lieferte den Beweis, daß man gesonnen ist, mit allem Eifer in die Wahlbewegung einzutreten, um den unwürdigen Zustand zu beseitigen, daß das liberale Schleswig-Holstein nicht durch einen einzigen Freisinnigen im Landtage vertreten ist.
W Stettin, 3. Oct. Die beiden bisher feindlichen freisinnigen Fraktionen Stettins haben sich für die bevorstehende Wahl zum Abgeordnetenhause geeinigt. Die Freisinnige Vereinigung (Liberaler Wahlverein) wie die Freisinnige Volkspartei, diese allerdings erst nach heftigem Kampf der Jungen gegen die Alten in der Partei, haben beschloßen, den Reichstagsabgeordneten Stettins, B r 0 e m e l (Freis. Vereinigung), auch zum Kandidaten für das Abgeordnetenhaus aufzustellen.
* Tilsit, 5. Oct. Die Freisinnigen und Litauer haben sich hier, wie vorher in Memel, auf gemeinsame Kandidaten geeinigt. Es wird der freisinnige Gutsbesitzer B ü ch l e r und der Litauer Dr. Sauerwein ausgestellt.
b Hanau, 6. Oct. Die freisinnige Volkspartei beschloß in ihrer gestrigen Generalversammlung, ihren Reichstagskandidaten August Leonhardt auch als Landtagskandidaten aufzustellen.
* Wiesbaden, 6. Oct. Für Wiesbaden (Lands- Höchst ist als Kandidat der freisinnigen Volkspartei Stadtv. Thon ausgestellt worden. ,
0 Chemnitz, 4. Oct. Im letzten Vierteljahre sind aus dem hiesigen Konsulatsbezirk nach den Vereinigten Staaten Waaren imWerth von 1,192,921 Dollars ausgeführt; das sind für 673,350 Dollars mehr als in derselben Zeit des Vorjahres. — Aus dem Konsulatsbezirk Plauen betrug die Ausfuhr 239,203 Doll., für 120,755 Doll, weniger als im gleichen Quartal des Vorjahres.
L München, 6. Oct. Das Kollegium der Gemeindebevollmächtigten beschloß einstimmig, den Magistrat zu ersuchen, er solle beim Staatsministerium im Jutereffe der Fleischversorgung und Hintanhaltung der Fleischvertheuerung die Aufhebung der für die Gesammtbedölkerung so schädlichen Absperrung der Grenze gegen die Schlachtvieheinfuhr (Rindvieh und namentlich Schweine) zu bewirken suchen. Gemeindebevollmächtigter Birk verlangte den Verzicht der Stadt auf den Fleischaufschlag. Gemeindebevollmächtigter Hermann führt aus, die Erleichterung der Vieheinfuhr habe nur dann eine gute Wirkung für den Konsum, wenn dem Unwesen der Praxer (Agenten) auf dem Schlachthof ein Ende gemacht würde. Gemeindebevollmächtigter Abgeordneter Schwarz: Zn diesem Zwecke fei im letzten Landtag ein Zusatz zum Polizeistrafgesetzbuch gemacht worden. Der Magistrat habe soeben auf Grund dieser Bestimmung Vorschriften in Arbett, um den Auswüchsen des Praxerthums zu begegnen.
Türkei.
Dorbereitungen für de» Empfang Kaiser Wilhelms.
X Konstantinopel, 3. Oct. Wir stehen jetzt, ttvtz der wieder aufgerollten krettschen Frage, vollkommen im Zeichen des Kaiserbesuches. Die hoheZmsurbehörde hat nun endlich den hiesigen Zeitungen Freiheit gegeben, hierüber zu berichten, und täglich füllen dieselben lange Spalten mit Mitthettungm über die umfangreichen in Ausführung begriffenen Vorbereitung«. Aber selbst wenn dem nicht so wäre, müßte man an der äußeren Physiognomie der Stadt erkennen, daß etwas Außerordentliches im Anzuge ist. Ueberall wird niedergeriff« und aufgebaut, und Tag und Nacht sind tausende von Menschenhänden beschäftigt, um die Königin der Städte dem deutschen Kaiserpaare in bester Gewandung zu zeigen. Ob die Zeit ausreichen wird, die beabsichtigt« Verbesserungen dnrchzuführen, ist fraglich, da die jahrelangen Versäumnisse der Verwaltung zu arge gewesm sind. Die großen, mehrere Kilometer langen Straßenzüge vom Wdiz-Kiosk nach Stambul in ihrem geradezu entsetzlichen und aller Beschreibung spottenden Zustande werden n« in Stand gesetzt, dürften aber kaum gänzlich fertig werd«, da die Arbeiten wenigstens ein« Monat zu spät begonnen wurden. Der Ober-Zeremonienmeister Munir Pascha äußerte sich heute, daß er mindestens noch fünf Wochen be- nöthige, während das Kaiserpaar schon in vierzehn Tagen ein- triffsi Man wird die Sttaßenlückm mit Sand ausfüllen müssen, damit eine ungehinderte Passage möglich ist. Fertig bis auf die Elekttizität ist hingegen ber Merass im-Kiosk, der zur
