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Feuilleton

diesem Falle sicherlich andem Tags Reue mtb Scham m dem Beleidiger erwacht wären. Und die falscheRittÄlich- leit", die den Respekt vor der Ehre der Andern nm auf Gewaltthaten basirt, schlägt dann bei dem Oberleutnant zu der höchst unritterlichen Idee um, er müsse den Gegner seines Bruders durch eine schwere Körperverletzung zweikampf­unfähig machen. Der Tod eines Wehrlosen ist die Folge, gleich schrecklich, ob der Vorsatz sich soweit erstreckte, oder ob das blinde Ungesähr weiterging.

Freilich, der Thäter war nicht bei klaren Sinnen. Die T r i n k s i t t e n, die im Ofsizierskasino herrschen, habe» sein und seines Opfers Unglück mitverschuldet. Das ist der zweite dunkle Punkt, der in Betracht kommt. DaS Quantum geistiger Getränke, das auf Regimentsunkosten zu dem LiebeS- mahl geliefert wurde, war sicherlich noch nicht unmäßig nach dem Kasinomaßstabe. Eintrinkfester" Mann geht darüber hinaus, und schließlich besitzt der Eine nicht mehr den rechten Takt, und der Andre verliert die Selbstbestimmung seiner Entschlüsse und kann sich von einem krankhaften Gedanken­gange nicht befreien. Es ist nicht der Offizierstand allein, bei dem in Deutschland Trinkunsitten herrschen; unsere aka­demischen Kreise haben ebenfalls allen Grund, die Mannes­würde nicht nach der Kapazität des Trinkers zu schätzen. Aber das Kasinowesen könnte durch Machtwort und Beispiel von oben gebessert werden. Namentlich der Brauch der Repartition der Kosten bei gemeinschaftlichen Festen führt leicht, halb int Scherz, zu unmäßigem Trinken und sollte endgiltig abgestellt werden.

Die rechte Kameradschaftlichkeit würde darunter nicht leiden. Die Offiziere in kleinen Garnisonen, und damit kommen wir an den dritten bemerkenswerthen Punkt, sind mehr aufeinander angewiesen als in den größeren Städten, sie müssen umsomehr alles vermeiden, was zu Reib­ungen Anlaß gibt. Es ist wahr, der deutsche Offizier in den lothringischen oder polnischen Grenzorten hat nicht die angenehmsten Lebensbedingungen. Mörchingen ist kein Capua der Geister. Anregungen der Großstadt und des Ver­kehrs fehlen völlig, die Existenz dreht sich einförmig in einem und demselben Kreise, und des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr schlägt manchmal mißmuthige und trostlose Stunden. Die Abhilfe liegt in erster Linie darin, daß man dieTruppen- theile nicht zu lange auf diesen exponirten Posten läßt. Daneben muß der Kommandeur darauf bedacht sein, seine Offiziere geistig und auch gesellig anzuregen, er muß auf Pflege aller Leibesübungen halten und erträgliche gesellschaft­liche Beziehungen anbahnew Den Alkohol als einzigen Sorgenbrecher anzurufen, das heißt den Teufel der Lang- weile mit dem bösesten Beelzebub austreiben. Wenn in allen diesen Dingen der Mörchinger Fall zu erneutem Bemühen nach großen und kleinen Verbesserungen führt, so könnte wenigstens zum Theil die Reizbarkeit geheilt werden, die andernfalls fortwährende Gefahren im Offiziersleben in sich trägt. ____

Tages-Rundschau.

DerKaiser ist beim Empfang desHerrenhanspräsidiums nochmalsaus seine srüherenAnsprachen zurückgekommen und hat sich dahin geäußerhdaß man irre, wenn man glaube, daß er seine frühere Sinnesart geändert habe, er verfolge seine Ziele unentwegt. Mit diesen Worten wollte der Kaiser wohl sagen, daß seine An- sprachen nicht etwa, wie vielfach angenommen wurde, auf eine Verstimmung infolge der Bremer Affaire zmückzuführen, son- dem ein Ausdruck seiner Sinnesart überhaupt sei. Aber es bleibt auch hierbei im Unklaren, welche besonderen Anlässe und Vorstellungen denn nun eigentlich den Kaiser bei seinen Ausführungen geleitet haben, sowohl bei seinen Klagen über das Schwinden der Autorität als auch bei seinem Appell an die Bajonnette. Er weist besonders daraus hin, daß er genau wisse, was über ihn geschrieben sei und gesprochen werde. Will er nun mit dem Festhalten an seiner Sinnesart sagen, daß er sich durch die darin zum Ausdruck gekommenen Meinungen nicht beeinflussen lasse? Und wenn dem so ist, welche von diesen Meinungen hat er dabei besonders im Auge und welche Ziele verfolgt er unentwegt? Hält er fest an seiner früheren Anschauung über den Brodwucher und die Nothwendig­keit von Handelsverträgen, und will er die Kanalpolitik trotz des agrarischen Widerstandes zur Durchführung bringen? Oder beziehen sich seine Aeußerungen auf die zum Ausdruck gekommene Mißstimmung über das Verhalten zu Eng­land und Transvaal und auf die Beurtheilung der ostasiatischen Politik? Oder sollen die Auslassungen,

wie die Scharfmacher möchten, und worauf sie mit allen Mitteln hinarbeiten, wirklich speziell gegen die Sozialdemokratie hin­zielen und auch der Bremer .Vorfall', wie ihn der Kaiser selbst zum Unterschiede von den Landtagspräsidenten nannte, in diesem Sinne deuten? Anscheinend würden die nicht mitgetheilten Stellen seiner Ausführungen darüber AusklärMg bieten. So ist es müßig, darüber Kombinationen anzustellen, und man hat sich an die früherm Ansprachen selbst zu halten, deren Beur­theilung ja zeigt, wie die im Volke herrschende Stimmung ist. Der peinliche Eindruck der Ansprache an das Alexanderregiment zeigt sich ja am bestm in dem unliebsamm Aufsehen, das sie nicht nur in der inländisch», sondern auch in der aus­ländischen Presse hervorgerufen hat. Am allercharakteristischsten aber ist die Ausbeutung der Rede durch die Sch arfm a ch er­bt ä t t e r, die wieder eine lustige Hetze gegm die Sozial­demokratietreiben. Die .Post'ist der Ansicht, daß die fragliche Rede des Kaisers gegm die .Umsturzpartei' gerichtet gewesen sei, und die .Hamburger Nachrichten' hoffen sehr, daß es so war. Nach ihrer Ansicht ist es die höchste Zeit, .daß die gegen den Bestand der geltenden Staats- und Gesellschafts­ordnung gerichteten und deshalb gemeingefährlichen Be­strebungen der Sozialdemokratie wieder durch Gesetz verboten und dem öffentlichen Volksbewußtsein als strafbar kenntlich gemacht werden, sodaß Jeder, der an ihnm theilnimmt oder sie auch nur begünstigt, weiß, daß er damit nicht nur gegen die Wohlfahrt und Sicherheit des Staates, sondern auch gegen die Landesgesetze verstößt und zur Verantwortung gewgen werden kann.' Nach unserer Ansicht aber ist es die höchste Zeit, daß die gegen eine vernünftige Entwicklung gerichteten und deshalb ge­meingefährlichen Bestrebungen derartiger Blätter vom öffentlichen Volksbewußtsein in ihrem innersten Wesen erkannt werden. Dem Hamburger Blatt gibt übrigens die Münchener .Allgemeine Zeitung' wenig nach. Diese schreibt u.A. über die Ansprache an das Alexander-Regiment:

Wenn die Worte des Kaisers auf die öffentliche Meinung etwa die Wirkung hätten, daß man wieder begänne, über jene Gefahren ernsthafter nachzudenken, wo bliebe dann die f-öhliche Sorglosig­keit, in der weite Kreise sich jetzt mit der llmsturzpartei auf Du und Du stellen und ihre guten Dienste zu allerlei Parteizwecken in An­spruch nehmen? Darum beeilt man sich, die kaiserliche Ansprache, begünstigt Lurch den Umstand, daß dieselbe nicht authen­tisch bekannt gegeben ist, mit Hülfe von allerlei Spitz­findigkeiten, zu zerpflücken und zu verflüchtigen, und, wenn man damit kein Glück haben sollte, gleichzeitig durch Klagen über ungerechte Vorwürfe gegen die Stadt Berlin die Be­völkerung der Reichshauptstadt gegen eine sachgemäße Würdigung der kaiserlichen Worte einzunehmen. Der Sozialdemokratie für eine mehr oder weniaer entfernte Zukunft die Abficht einer Revo­lution zuzutrauen, ist in den Augen der Mauserungsgläubigen natürlich eine Donqniroierie, wenn nicht ein Verbrechen. In den­jenigen Kreisen indeß, wo man noch unbefangen und unabhängig zu urtheilen vermag, werden die kaiserlichen Kundgebungen hoffentlich doch zu ernstem Nachdenken Anlaß geben.'

Zu ernstem Nachdenken haben die kaiserlichen Kundgebungen allerdings Anlaß gegeben, wenn auch in anderem Sinne, als dies Blatt meint, aber daß dir .Mauserungsgläubigen' Recht behalten werden, wenn nicht das schwerste Unglück, da? Deutsch­land treffen kann wenn nicht ein neues Sozialistengesetz o. dgl. kommt, das ist absolut sicher, und daran wird auch ein langer Artikel der .Schlesischen Zeitung' nichts ändern, der schildert, wie die Revolution vor der Thüre sei. Wenn man's nicht schwarz auf weiß hätte möchte man es nicht glauben, was für krauses Zeug in diesen Organen zusammengeschrieben wird. Aber es muß doch noch die Zeit kommen, wo die Scharfmacher­musik an ihrer eigenen Langeweile zugrunde geht.

Die A g r a r i e r müssen augenblicklich ein großes Interesse daran haben, ihr unerschüttertes Vertrauen zur Regierung zu zeigen. Aus diesem Grunde erklären sie sich von der Rede Bülows im Herrenhaufe entzückt und die eigentlichen konser­vativen Organe klopfen sogar der .Dtsch. Tagesztg.' recht kräftig auf die ungeschickten Tatzen, weil dieses Organ des Bundes der Landwirthe in der letzten Zeit sehr aufgeregte Artikel gegen die Regierung veröffentlicht hat. Bemerkenswerth dabei ist, daß die konservativen Blätter jetzt thun, als ob ihnen an einer Beschleunigung des Zolltarifes gar nicht so viel läge. So schreibt die .Schles. Ztg.':

Wir setzen selbstverständlich voraus, daß man auch mit bet Ver- ösfentlichung solcher besorgter Auseinandersetzungen nur die beste Absicht verfolgt hat. Vermuthlich hat man gemeint, dadurch auf die Beschleunigung der Zolltarifvorlage hinzuwirkm; wir fürchten aber, daß mit derartigen taktischen Finessen das Gegentheil von dem, was man gewollt, erreicht werden wird. Der preußischen Staatsregierung ist durch wuchtige Mehrheiten im Abgeordneten­hause und im Herrenhauie der nachdrückliche Wunsch ausgesprochen worden, daß Alles geschehen möge, um die Zolltarifangelegenheit zu fördern, der Ministerpäsideni hat sich persönlich dafür engagirt, daß dieser Wunsch, soweit es überhaupt möglich ist, erfüllt werden soll: demgegenüber nehmen sich doch Blarmrufe in Zeitungen nicht sehr imposant aus. Ist es dem Grafen Bülow möglich, die Vorlage des Zolltarifentwurfs zu beschleunigen, so dürfen wir davon über­zeugt sein, daß er es thun wird. Ist eS ihm nicht möglich, so

Vevlinev THeaker

(Ludwig JacobowskiSM". - Sota Bandet .Im Schatten". Dom.Ueberirettl-. Sienigleiten.)

Das nachgelassene Werk eines Lyrikers und die ältere drama­tische Arbeit einer Romanschriftstellerin führte das Berliner Theater am Freitag zum ersten Male auf. Einen Akt in äJetfen nennt Ludwig Jacobowski seinen Dialog .Glück'; der Akt ist zugleich das letzte Gedicht des früh Verstorbenen. Dora D U n ck e r betitelt ihr knappes Schauspiel ,J m S ch a 11 e n*, eine Episode. Dem Hang zum Theater haben beide Autoren nicht glücklich nachgegeben. Der äußere Erfolg war wohl respek­tabel. Man ehrte gewissermaßen Verbimste aufand-ren Gebieten. Die kurzaihmigen Dramen selber werden eindringlichere Spuren nicht hinterlassen. , i

.Es war wie Sterben, al» ich's lebte, es warmir Tröstung, als ich's schrieb', sagt Jacobowski zum Eingang seines .Glück'. Wenns ein Erlebniß war, so reichte das Vermögen Jacobowski's zu einer Spekulation über das Erlebniß, nicht zur finnkräftigm poetischen Gestaltung; und die Spekulation selbst ist am Ende, so schwer und bange sie fich anstellt, ebmfallS nicht von allzugroßem Gewicht. Nur ganz von ferne erinnert sie an schmerzhafte Ge­dankendichttwgen. Vom bitterechten Pessiwismuseines L e op ard i etwa ist die empfindsame Elegie Jacobowski's durch eine Welt ge­trennt. Jacobowski bleibt ein kleiner, guter Tröster. Kannst Du daS großeGlück hiuiedm nicht erjagen,bescheide Dich, danu fiudst Du schon ei» Stück'. So spricht derMchter Lux Tröste zu seiner einstigen Geliebten, als er sie in die Einsamkeit entläßt. Und Lux Tröste toitt ein Höhendichter sein und hat mit dem Riesen Schmerz grauenhaft gerungen. Wenigstens in poeiifirenden Worten. Den Riese» Schmerz hat ihm ebe» seine Geliebte ausgeladm, als sie vor zehn Jahrm seine ManneSehre mit Füßm trat «ud ihm da- vonlies. Sie hatte fich durch das Mittel der Liebe durchgesetzt und endlich war sie an einen reiche» Baron gerathen, der die Lebens- mb Liebeskünstleriu zu seiner Frau machte. Als junge'Wiiiwe war sie wiedergekommen. Aber das Glück hat ihr, der innerlich verarmten, nicht geblüht. Noch versucht sie, in die alte Asche zu blasen, und das Gedenken an die Liebe ihres Dichters zu beleben; aber eS glimmt keinFuuke mehr hervor. Verloren ist verloren. Aber ein paar nette Verse nimmt die Varonin mit auf den Weg. Ihr Dichter beifit ßur Tröste.

Wenn DoraDuucker ihr Schauspiel alS Episodebezeichnet, so ist da, wie eine Beschönigung. Die Romanschriftstellerin wollte um jeden Preis Alles vermeiden, was ihr bett Vorwurf hätte zu» ziehen «»neu, sie liebe die epische Weite. . M GMMSWk

Frankfurt, 1. April.

Im Mörchinger Offiziersprozeß hat das Metzer Oberkriegsgericht als zweite Instanz die Strafe deS Oberieutnants Rüger von zwölf Jahrm auf sechs Jahre Zuchthaus herabgesetzt. Das Ergebniß der neuen Verhand­lung ist von der ersten Feststellung des Thatbestandes nicht wesentlich abgewichen. Der Vorgang hat sich so abgespielt, wie er am 10. Februar in einem ausführlichen Bericht der Straßburger Post" über die kriegsgerichtliche Verhand­lung, den auch wir Wiedergaben, geschildert wurde. Haupt­mann Adams hat am Geburtstage des Kaisers im Kasino angefangen, die Gläser umzuwerfm. Berauschte verfallen ja auf allerlei täppische Scherze. Die beibett Rüger, der Regimentsarzt und der Leutnant, halten ihm die Hände fest, Adams versetzt, sobald man ihn losläßt, dem Arzt zwei Schläge ins Gesicht, und nun nehmen die bösen Ereignisse ihren Lauf. Ein Duell scheint nach dm Offiziersbegriffen unvermeidlich, Oberleutnant Rüger fürchtet für das Leben seines verheirathetm Bruders, holt eilends seinen Revolver, begibt sich in die Wohnung des Hauptmanns unb' schießt ihn nieder.

DaS Kriegsgericht, das schon zwei Wochen nach dem ver- hängnißvollen Tage seinen Spruch fällte, stand offenbar noch unter dem frischen Eindruck der That und griff daher zu einem Strafmaß, das auch von denen, die an der Vernicht­ung eines Wehrlosen nichts zu beschönigen finden, als scharf und streng bezeichnet wurde. Die Berufungsinstanz hat zwar die entehrende Strafart beibehalten, aber die Strafdauer um die Hälfte verkürzt. Auf Zuchthaus ist von den militärischen Richtern wohl hauptsächlich um deswillen erkannt worden, weil eS sich um die Tödtung eines Vorgesetzten handelt, und erst in zweiter Linie mag die Erwägung mitbestimmt haben, daß der Todtschlag in dieser Form, trotz der Sorge um das Leben des Bruders, die als Triebfeder mitwirkte, und trotz der. sonstigen mildernden Umstände im Grunde an Meuchel­mord grmzt. Nm ein Mommt könnte den Thäter in Wahr­heit entlasten: die geistige Unzurechnungsfähigkeit. Hier hat denn auch die Vertheidigung eingesetzt. Ihre ärztlichen Gutachter haben erklärt, Rüger sei in einem epilepsieartigen Dämmerzustände gewesen, als er zum Verbrecher wurde. Auch die AuSiagm des Oberstabsarztes Rüger, daß sein Bruder als nachgeborener Sohn des an Neurasthenie ge­storbenen Vaters erblich belastet erscheine, und daß ein jüngerer Bruder in Geistesstörung Hand an sich gelegt habe, . bewegten sich in dieser Richtung. Das Gericht hat dem An­trag, den Angeklagten auf seine geistige Verfassung beobach- ten zu lassen, keine Folge gegeben. Wir glauben, daß die Richter mit dem modernen Rechtsempfinden in größerer Uebereinstimmung gewesen wären, wenn sie die Forderung der Aeitzte nicht kurzerhand abgelehnt hätten. Man braucht nicht auf der Seite des Angeklagten zu stehen, um den Wunsch zu habm, daß nichts unberücksichtigt bleibt, was zu seiner Vertheidigung irgendwie dienlich erscheint. Es bleibt abzuwarten, wie sich das Neichsmilitärgericht als letzte In­stanz zu diesem Punkte der Revision stellen wird.

Wichtiger als das endgiltige Strafmaß des Oberleut­nants Rüger ist für die Allgemeinheit die Frage, was ge­schehen kann, um solchen Ausschreitungen wie dem Mörchinger Fall in Zukunst vorzubeugen. Insofern es sich dabei um die Handlung eines Jähzornigen handelt, wird man die Wiederkehr ähnlicher Gewaltthaten nie verhindern können, solange Leidenschaften in Menschenherzen wohnen. Wohl aber ist zu untersuchen, ob nicht in den sozialen Zuständen, die den Sonderfall beeinflußten, Reformnothwendigkeiten und Reformmöglichkeiten vorhanden sind. Eine solche Untersuchung führt nothgedrungen zu drei schwachen Punkten deS deuffchen Offizierswesens. Das ernsteste dieser Uebel ist bet Zweikampfzwang. Unter dem Dmck des militärischenEhrenkodex' hat ein Poffenstreit eine Tragödie heraufbeschwören können. Die Handgreiflich­keiten im Gefolge eines nicht sonderlich geistreichen, aber doch nicht bösartigen Spaffes müssen ja nach der Duellanten­moral bewaffnet fortgesetzt werden. Der quälende Gedanke, daß der geliebte Bruder thätlich beschimpft ist und oben­drein hinterher von dem Beleidiger, dem besseren Schützen, niedergeschossen werden kann, beherrschte den Leutnant Rüger unentrinnbar, weil sich der Offizier eben in die militärische Denkweise dermaßen verbohrt hat, daß er einen schiedlich- friMchen Ausgleich gar nicht mehr begreift, obwohl in

energischer betrieben worden. Dies ist wohl ans ba8 erst jetzt btt kanntgeworbene GutachtendesObermebizinalraths Dr. Grashey ans München über das k. JulinStpital zurückzuführeu. Dieses Spital wurde in den Jahren 1576-1580 von dem Fürst­bischof Julius Echter von Mespelbrunn erbaut unb ist iw den vier Jahrhunderten seiner Bestehens durch allerlei Anbantere unb Verbesserungen der Zeit entsprechend erhalten worden. Dtt letzte Anbau erfolgte im Jahre 1876, allein man konnte sich nicht verhehlen, daß es sowohl in hygienischer wie räumlicher Bezieh»»« den Anforderungen der Neuzeit nicht mehr entspricht, mtb vielfach wird der Rückgang der medizinischen Fakultät unserer üniver« sität damit in Verbindung gebracht. Obermebizinalrath DH Grashey hat nun sein Gutachten bahin sormulirt, baß» neues Krankenhaus zu erbauen sei, in welchem alle StistnngS« kranke unb bte drei Kliniken untergebracht werbe» solle«. Die Details des Gutachtens finb berartig. daß die städtische» Kollegien fich bereit erklärten, mit allen Kräften an der Errichtung eines neuen Krankenhauses zu arbeiten. Gegenwärtig bestehen drei Projekte dafür, ein Hauptgegner ist aber die Verwaltung bei Juliusspitals, die angibt, die Auflassung des Spftals widerspreche dem Stistungsbrief. Dies ist aber unrichtig und auch die Ver- waltuna wirb sich dem Gralhey'schen Gutachten fügen müssen:,

Ck iAlics Silbergeschirr s Aus London wird berichtete Eine interessante Versteigerung wurde am Mittwoch bei Christie vorgenommen. Es handelte sich um Silbergeschirr aus der Zeit der Königin Elisabeth, Jakob'S L und der Königin Anna. Eine große Menge von Kunstliebhaber» feite sich zu der Auktio» eingesunden. Der Verkauf begann erst ruhig, aber später entwickelte fich um die seltensten und kostbarste» Stücks ein überaus zäher Kampf und es wurden ganz außerordentliche Preise erzielt.Ein merkwürdigesS a l zf a ß,das etwas überSvilnzett wiegt und aus drei Abtheilungen besteht, brachte de» enormen Preis von 27,600 Die beiden unteren glockensörmige» Abiheil* uugen finb reich mit Ornamentwerk verziert, bas rundeFelber mit Tudorrosen, Vierblatt unb Laubwerk auf schön mattirtem Grunde einichließt. Die obere Abtheilung ist kuppelsörmig unb bildet ehe Pfefferbüchse. Das Ganze ruht aus drei zwölf Zoll hohe» runde» Füßen. Das Salzfaß trägt den Stempel der Goldfchmledemnuttg- aus dem Jahr 1595. Vielleicht noch interessanter war ehe seltene, ganz vollständige Garnitur Apostel . Löffel Jakobs L, mit Christus mtb de» zwölf Aposteln. Jeder Löffel trägt dm Stempel von 1617. Da eS nur »och zwei andere vollständige Garnituren dieser Art gibt, wurde» dre Löffel schließlich sür 21,200 »Ä verkauft, während sie 1897 nur 13,000 gekostet hatten. Ehe große, 265 Unzen schwere Silberschals ä la Louis XIV., die 19% Zoll im Durchmesser undl3Z°ll hoch ist und einen Stempel von 1722 trägt, brachte 19,000\JL Der Deckel ist reich mit Masken, Arabeskenlaubund Fruchtkörben i» Basrelief unb ovalen Felder» mit Thier- nnb Wog-ljuM ge­trieben und wirb von einem vasenförmigen Schmuckstück überragt. Em schön« Stand bechr« n»d Dkckl ans temJahre 1616

los, wie irgenb ein italienischer Verist, bet ein Libretto, wie aus der Pistole geschossen, bereithat. Das führte sie in die Irre. Ihre Episode ist ein künstlerischer Mißgriff. Sie will naturalistisch bibundtragisch rauh erscheinen, unb trotzdem blickt man durch öic flüchtig hingcworfene Skizze auf den sentimentalischen Hinter- gründ. Von ihm hebt sich zunächst die Hauptgestalt der Episode ab; ein junges Fräulein, genialische Malerin, bis über die Ohren in einen toinbbeuttigen Künstler, Herrn Schaffinger aus Wien (oder aus München?) verliebt. Aber Frl. Elma verbnat ihr Gefühl in Sprödigkeit. Denn Schasfinger ist reich und er soll za nicht meinen, um seines Geldes willen angle sie. Zudem ist ihre Familie da, ein Bruder, Literat in fezefsionistischer Kravaite und Lump in Folio; eine Mutter, schwere Kupplerin aus Sachsen. Kurz, eine feine Familie, in die ein Engel gerathen ist. Eines Tags aber bricht das Eis bei Frl. Elma doch und sie he, rathet ihren Schaffinger. Der freilich ist arg wetterwendisch. Es geht der atmen Elma, wie neulich einer armen Käthe in einemßflnfilet» stück. Sie hat eine Schwester Felicitas, nnb die ist noch schöner und sie flicht nach ein paar flüchtigen Ehewochen schon dem Schaf- finger in die Augen; .Fee', so wirb das süße Kind genannt, h nun gar nicht spröde, ganz das Gegentheil ihrer Schwester. Elma überrascht ihren Mann mit Fee, sie stöhnt auf, gewiß, ihr ferneres Leben »im Schatten' verbringen zu müssen. Wenn sie nun aber doch ein Genie ist, sollte sie die Episode mit bem Wmd- beutel nicht verschmerzen können, ja hätte ihr selber ber Flachkops auf die Dauer ein Kamerad sein können? Das Berliner Theater hatte sich angestrengt. Das Versdrama, tote der ScheinverismuS wurden wirksam dargestellt.

Im Lesfingtheater gab es gestern eine Matinse. Ste brachte eine neue Produktion von Wolzogen's »lleber- bret tl', da« demnächst aufWanderfahrten gezeigt werben soll: unb bazu eine Wiederholung von Cavalotti's Witzsptel »Jephta's Tochter' mit Frau Sorma. Das Allerneueste vorn Brettl, eine Wolzogen'sche Pantomime »Galgensrist', gefiel den Leuten nicht. Sie war ihnen zu schaurig-traurig. Wir haben ein Seitenstück zur Galgenfrist im »Kleiderhänbler'kennengelernt, den Herr Ssverin aus Paris vor zwei Jahren mttbrachte. I» der franzöfischen Pantomime wirb Pierrot, bet fich im Elend erhängte, von eher schön« Tänzerin zum Lebe» erweckt; bet Retterin zu Siebe erschlägt unb betäubt er einen Kleiderhändler, um bei bet Tänzerin sei» Glück zu ftnben. Aber das Gewissen schreckt ihn, wo immer et genieße» will. Also die Pantomime als Gewlssens- tragöbie. Bei Wolzogen wirb bet Erhängte ebenfalls abge» schnitten »ttb hinterher wird et zum Mörder. Sehe Geliebte be­trügt ihn nnb bet Betrogene hängt fich wieder auf. Galgenfrist! Eine Sondervorstellung bedeutsamer Fragmente bereitet da» Berliner Theater für Samstag vor. »Elpenot', »SaiytoS' und Kleiste»'« »Robert Guiscarb' werbeu aufgeführt. Am Dienstag bringtdaS Deutsche Theater dieneueinstuditieKomödie »Lumpengesindel' von Wolzogen. L, Seb.

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New-York uns. Agentur (Gesellschaft m» b.

149 World Building. .

Kleines Feuilleton.

Frankfurt, 1. April.

li Wiesbadener Brief.j AusWiesbaden vom 31. März schreibt man uns: Im Hoftheater wurde gestern, anscheinend zur Jllustrirung der Repertoire-Verhältnisse, zum erstenmal »Tristan u n d I s o l d e" gegeben. (Um ganz korrekt zu sein: beinahe zum erstenmal, denn das Werk ist vor etwa fünf Jah­ren einmal anläßlich einer Festaufführung in Scene gegangen.) Gegen so seltenen Besuch ist man freundlich gestimmt und sieht ihm Manches nach. Frau Les fler-Burkard's Isolde war eine recht brave Leistung; die Künstlerin hat große Vorbilder mit Erfolg studirt. Herr Kalisch (Tristan) war nicht zum besten disponirt. Die musikalische Leitung durch Herr» Schlat ermangelte der tragischen Würde; die Tempi standen bisweilen im umgekehrten Verhältnisse zur Länge der Vorbereitungszeit. Da man hier hören kann, daß ernsthafte Musik »nicht zieht, so ser konstatirt, daß das Haus bis auf einige Gallerieplätze besetzt und sehr dankbar gestimmt war. JnBanger's Kunstsalon verdient und findet gegenwärtig eine Kollektivausstellung von A. Zorn - Stockholm und V. Kalkreuth-München besondere Beachtung; die beiden Künstler nehmen sich gut in einem Raume aus. Die Ungunst des Wetters hat den Fremdensirom bisher noch nicht so recht in Bewegung kommen lassen. Täuschen die Anzeichen nicht, so wird sich die F t ü h j a h r s - S a i s o « durch Lebhaftigkeit für den verspäteten Beginn schadlos halten. Gegen Uebersüllung bietet die Zahl der ünterkunstsgelegenhelte» Gewähr.

-- (Der König «nd der Wind.j Im heutigen »Simpli. cissimus' singt Hugo Salus- Prag das folgende .Einfältige Lied':

K ö n i g ist spazieren gangen,

Blos wie ein Mensch spazieren gangen. Ohne Scepter und ohne Kron', Wie ein gewöhnlicher Menschenfohn.

Ist ein starker Wind gekommen, Ganz gewöhnlicher Wind gekommen, -v. * Ohne Ahnung, wer das wär', Fällt er über de« König her.

Hat ihm bett Hut vom Kops gerissen, Hat ihn übers Dach geschmissen; Hat ihn nie mehr wiedergesehn! Seht ihr's! Da habt ihris l Das sag ich px: Treiben gleich Allotria.

Es kann kein König ohne Kron' Wie ein gewöhnlicher Menschensohn 4 Unter die dumme» Leute gehn!

v [®om Jttlittsspttal in Würzburg.) Man berichtet uns aus Würzburg: Die Verhandlungen über de» Bau eines »ensn Krankenhauses find ta lchtr» Zeit etwas

können daran auch fulminante Zeitungsartikel nichts ändern. In« dessen haben solche Arttkel, wie gesagt, die bedauerliche Wirkung, auf dem Lande aus's neue zu beunruhigen und Mißtraum gegen unsere Regierung zu verbreüen. Das ist aber eine Wirkung, bin am letzten Ende nur der radikale« Linken zustatten kommt.

Also nur keine Beunruhigung! Darin tritt wieder einmal der Gegensatz zwischen der rein konservativen unb der rem agrarischen Taktik hervor, da z. B. die »Dtsche Tgsztg.' erst it| letzter Zett wieder alles versucht hach um durch Mahnungen unb Drohungen zu beunruhigen. Erfahrungsgemäß gibt aber ins olchen Füllen der agrarische Bruder dem konservativen nach mtb o wird wohl mich das Bundesorgan so bald fernen Alarmariikel mehr bringen. Die konservative .Krz.-Ztg.' scheint die un­ruhigen Geister ebenfalls zur Geduld mahnen zu wolle«, indem ie in ihrer Wochenrundschau bemerkt:

Die baldige Einbringung der Zolliarif-Vorlage ist gewiß-fehtt wünschenswerih; wenn der Reichskanzler aber sagt, daß au» Gründen formaler Natur eine bestimmte Frist zur Zett »och nicht angegeben werden könne, so hat niemauo eh Rechch fich darüber zu beklagen. Nur ein gründlich vorbereiteter Entwurf Hecks Aussicht, die schwere Feuerprobe der Kritik des Reichstages trab sodann die der Verhandlungen mit dem Auslande siegreich $ überstehen. Jedes unüberlegte Verfahren würde fich durch Her- vorrufnng weitgehender Meinungsverschiedenheiten und härtst Interessengegensätze rächen unb so unabsehbare Schwierigkeiten! nach sich ziehen, die, zum Theil wenigstens, vermiede« werd« könnten.

Deshalb warte sie ruhig ab, aber steilich nur, weil sie an den guten Willen der maßgebenden Kreise glaube. Dies« Glauben schöpft sie aus der Bülow'schen Herrenhausrede, veil in ihr die Bezugnahme auf die Handelsverträge fehlte, Das, so meint sie, sei in der That der springende Punkt; beim diese Auslassung könne nur so gedeutet werden, daß die leitende« Kreise den besseren Schutz der deutschen Landwirthschaft für mindestens so wichtig ansehen, tote den Abschluß von Handelsverträgen. Die .Krz.»Ztg.' fährt fort :

Daß so etwas überhaupt noch hervorgehoben werden muß, ist traurig genug. Ein Land, das keine selbständige Landwirthschafk besitzt, büßt seine Unabhängigkeit im politischen wie im Wirth- schaftspolitischen Sinn ein, und muß dadurch, wenn ihm nichts tote bei England, besondere Umstände zu Hülfe komme», auch an feiner Würde und seinem Nationalgefühl, sowie an seinem Ansehen; im Auslande Einbuße erleiden. Damit verglichen, ist der Abschluß von Handelsverträge«, so wünschenswerih er an fich seh mag, jedenfalls nur ein Moment zweite» Range», denn eine lange Erfahrung lehrt, daß wir, wenn eS fein muß, auch ohne Handelsverträge fertig werden können. Dm Mau« aber möchte« wir sehen, der uns beweist, daß es auch ohne Land« wirthschaft ginge. 1

Man kann hieraus recht schön ersehen, wohin die Junker! zielen. Sie wollen den Grafen Bülow unter allen Umstände« festnageln und sie kümmern sich feinen Deut darum, ob über ihr agrarisches Programm die Vertragspolitik in die Brüche geht oder nicht. Daß es der reine Unsinn ist, die Existenz der SaniU wirthschaft von einer Mark Zoll mehr oder weniger abhängig zu machen, sei nur nebenher bemerkt in solchen sinnlosen Uebertreibungen sind ja die Agrarier groß. Aber hervorzuheben ist, wie es mit dem Bündniß zwischen Industrie und Landwirth- schäft stehen muß, wenn ein führendes Organ der Agrarier di» Handelsverträge so wegwerfend als Mommt zweiten Ranger bezeichnen kann. Der Centtalverband deutscher Industrieller! macht da an seinen Waffenbrüdern recht eigenartige Er» fahrungen. £

Teutsches Reich.

* Jena, 31. März. Die Firma CarkZeiß hier hak am 1. April v. I. versuchsweise den Achtstundentag ehtt geführt. Wie der Leiter der Firma, Professor Abbk, ire- ehern vor der Arbeiterschaft der Firma gehaltenen Vortrag mittheilte, find die in dem Jahr gemachten Erfahrungen sch günstige, daß derAchtstundentag von der Firma dauern« beibehalten werden wird. Professor Abbe theilte bei dieser Gelegenheit noch mit, daß am 1. Mai um 11 Uhv Vormittags der ganze Betrieb geschloffm, dem Personal abe der ganze Tag ausbezahlt wird.

Mainz, 31. März. Gestern Abend hatte der Vereh für Feuerbestattung unter dem Vorsitz deS Justizraths Wolf seine Hauptversammlung. Der Bau des Krematorium Ni auf dem Friedhof soll «och in diesem Jahre erfolgen. Die Aus­arbeitung des preisgekrönten Plaues von Vetter & Müller ire; Baden-Baden wurde dem Architekten Albert Wolf in Wiesbaden übertragen. Durch freie Beiträge wurden für den Ban JL 30,000; aufgebracht, der Wiesbadener Verein hat ein unverzinsliches Dar­lehen von JL 30,000 gegeben. Der Toleranz bet hiesige« Behörde und Bevölkerung wurde Anerkennung gezollt. Im Gegensatz zu- Vreuße«, wo den Feuerbestattungsvereinen politische und religiöse, Tendenzen unterschoben werden, geschah hier die Einttaguug btS Vereins ins amtsgerichtliche Register ohne jede Schwierigkeit.

Frankreich.

Der Klerikalismus und die Luge.

* In einem bemerkenswerthen Artikel derPetita Republ." behandelt Gustav Rou a n e t den Umstands