Drittes Morgenblatt der Krankfurter Jettung..
SL Sette. Dr. LV».__
Punktes wurde die Tagung sogar um einen vollen Monat früher abgehalteu, alS ursprünglich angesetzt war. Bekanntlich hatten die Ausständigen von Montceau-les-Mines durch ihren Bezirksverband an den Ausschuß der nationalen Föderation die Auf- forderung ergehen lassen, die Arbeitseinstellung aller sranzöstschen Bergleute zu verfügen, um die streikenden Kameraden zu unterstützen. Vor einigen Wochen trat denn auch der ständige Ausschuß in St. Etienne zusammen, um den Antrag zu berathen. Das Ergebniß dieser Berathungen war ein sehr unbestimmtes. Mau faßte nur sehr diplomatische Beschlüsse. Das Prinzip des «llgemrtnen Ausstandes wurde anerkannt, aber gleichzeitig entsandte man auS dilatorischen Absichten eine Delegation an die Regierung, um von ihr baldige Einbringung von Gefahrs- Vorlagen über die wichtigsten von den Bergarbeitern geforderten Reformen zu verlangen, also über die Erhöhung der Alters- pensionen aus den Knappschaftskassen und den Achtstundmiag. Da die Regierung freundliche Antworten gab, haben diese Fragen ihr momentanes Interesse verloren, und der Schwerpunkt der Verhandlungen des Kongresses von Lens liegt in der Frage des Generalstreiks. Wie es scheint, fürchtet man sich halb, einen klaren und unzweideutigen Beschluß zu fasten. In den früheren Jahren hat der Kongreß den gleichzeitigen Ausstand aller Bergarbeiter wie dm Generalstreik als Mittel zur Durchsetzung der Arbeiterforderungen stets einmüthig anerkannt. Es handelte sich da freilich nur um prinzipielle Beschlüste ohne unmittelbar praktische Bedeutung. Heute liegt die Sache anders. In Montceau-les-Mines hält Maxence R old es 9000 Streiker mit der Hoffnung aufrecht, daß der Landeskongreß ihnen zu Hilfe kommen werde. Roldes ist bekanntlich so weit gegangen, mit dem »Zug nach Paris' zu drohen, wenn der Kongreß ihm nicht den Willen thut. In Wirklichkeit kommen in diesen anscheinend sachlichen Debatten die Gegensätze zwischen den gemäßigten und den extremen Sozialisten in starkem Maße zum Ausdruck. Die Kongrestisten von LmS haben nun in ihren Nöthen ein für Außenstehende schwer begreifliches Auskunfts- miltel gesunden. Sie nehmen eine Stimmenvertheilung vor, welche der Bergarbeiterschast des Nordbastins 1 Stimme pro 500 Arbeiter zugefleht. Alle übrigen Bassins erhallen eine Stimme pro 1000 vertretene Arbeiter. Damit ist der Einfluß der überwiegenden Majorität des Nordens, die sich immer als das ruhigste, besonnenste Element gezeigt hat und sich auch jetzt gegen den Generalstreik aussprach, stark bedroht. Von den 229 Stimmen fallen ihr nur 104 zu. Das Bassin der Loire hat 44, Saöne et Loire 26, Südfrankreich 41, Mittelsrankreich 14. Immerhin scheint den besonnenen Elementen eine Mehrheit sicher. Der kühle Empfang, den der Kongreß den Delegirten des Pariser Comitis für die Propaganda des Generalstreiks bereitete, spricht deutlich genug. Man ließ sich nur herbei, die Delegation außerhalb der offiziellen Sitzungen zu empfangen. Inzwischen hat man das normale Arbellsprozramm erledigt. Man faßte Resolutionen, nach welchen die Revisionm der Arbellerdelegirten zur Berginspektion auf ein Mindestmaß von 24 Besuchen pro Monat festgesetzt werden, bestätigte die früheren Beschlüffe über den Achtstundentag, den Minimallohn, die Einrichtung von Gewerbegerichten im Bergbau, Ueberlastung der verlassenen Gruben an den „Verband der Bergarbeiter" zur genostenfchastlichen Ausbeutung mit staatlicher Subvention.
Rußland.
* Mr russischen Zeitungen stimmen mit dem Zaren darin überein, daß das ruffische Schulwesen höchst mangelhaft ist und einer radikalen Reform bedarf, aber in Betreff der Heilmittel sind auch diejenigen Blätter, welche bestimmte Vorschläge zu machen wagen, noch sehr unsicher. So brachte vor einigen Tagxn die „Petersburgskija Wjedomosti" einen Artikel über die S t u d e n 1 e n f r a g e und empfahl dabei die Einführung von Korporationen als das beste Mittel gegenseitiger Controle und Unterstützung. Es wmde dabei auf einige studentische Korporationen hingewiesen, die zwischen 1887 und 1857 in Petersburg nach dem Muster der deutschen Dorpater Korporationen gegründet worden waren und denen später berühmt gewordene Ruffen wie Kawelin, Filippon, zwei Grasen Bobrinski. Fürst Lobanow-Rostowski und Rennenkampf angehört hatten. Mit einem gewissen Respekt verzeichnete der Artikel- schreiber die Thatsache, daß die am wenigsten zahlreiche, noch jetzt in Petersburg bestehende „Nevania" zn ihren Philistern ■„einige Geheimrathe und Wirkliche Geheimräche und außerdem einige Dutzend Wirkliche Staatsräthe zählt." Kaum waren diese Betrachtungen in der .Petersburgskija Wjedomosti" veröffentlicht, so erschien in demselben Blatte alsbald ein Artikel, in dem her Verfasser, ein P r o f e s s o r, sich entschieden gegen dir Einführung von Korporationen ausspricht, da schon das Wort geeignet sei, „Viele in Schrecken zu setzen und bei Anderen Zweifel ibervorzmufen, da sie vor Allem an die Korporationen unserer Nachbarn, der D r u t s ch e n, mit ihren kuriosen äußeren Erscheinungen denken, die doch dem Ruffen stets fremd fein würden und einer Entlehnung nicht werth seien". Dagegen erscheint dem Profeffor wünschenswerth, die Errichtung studentischer Speise- und Lesehallen, gegenseitiger Unterstützungskaffen, kameradschaftlicher Ehrengerichte, studentischer, wissenschaftlicher und literarischer Vereine und die Abhaltung' studentischer Berathungen — natürlich alles unter hoher obrigkeitlicher Controle. Es ist sehr zweifelhaft, ob die gegenwärtigen Machthaber auch «ur so viel den Studenten zugestehen werden.
«Aus Petersburg wird dem „Hamb. Corr.' geschrieben, daß seit geraumer Zeit die Paßoorschriften mit ganz besonderer Strenge gegen dierussifchenLand- arbeitet ausgeübt werden. Es soll dies eine Warnung für die deutschen Agrarier sein, denen klar gemacht werden soll, rpie unangenehm die Russen ihnen im Falle eines Zollkrieges werden könnten, indem sie ihnen die billigen Arbetter vor» «Hallen.
Südsee.
K Sydney, 1. März. Dr. Sols, der Gouverneur don Samoa, verbringt zur Zeit seinen Urlaub in Neu-See»
, land. Er hat sich dem Vertreter einer Anckländer Zeitung I gegenüber dahin geäußert, daß im Schutzgebiet vollständige Ruhe herrsche. Alle Gewehre und Patron« seien, von unbebeutenben Ausnahmen abgesehen, an das Gouvernement abgeliefert worden. In Strettsachen zwischen ben Eingeborenen würde deren hergebracht« Anschauung« nach Möglichkett Rechnung getragen. Mataafa wäre gern König geworden, habe jedoch auf sein (Dr. Sols's) Zureden nachgegeben und sei zum Lohn dafür mit dem von Dr. Sols erfundenen Titel Alii Süi, d. L oberster Häuptling, bekleidet worb«. Tamasese sei mit seinem ehemaligen Gegner vollständig auSge- söhnt, was sich auch von ihrem Anhang sagen kaffe. Der jugmd» liche Malietoa, der sich schon seit längerer Zett .erziehungshalber" bei ben Engländern auf ben Fidschi-Inseln aushält, soll ebenfalls eine, seinem Range entsprechende Stelle bei der Eingeborenenverwaltung erhalten, falls er nach Samoa zurück» kehren sollte. Schließlich hat der Gouverneur, welcher sich bezüglich der Frage, ob die Eingeborenen Willens sein werd«, die vorgeschriebenm Taxen zu entricht«, ebenfalls sehr zuversichtlich ausgesprochen hat, auf eine Frage seines Interviewers betont, daß die Stimmung zwischen Deutsch« und Engländern neuerdings eine sehr freundschaftliche geworden sei. Intriguen sei« nicht mehr zu besorg«. Er habe sogar im Gouvewementsrath zwei Engländer, die Herren Dean Und Carruthers. Es gebe in Samoa keine Differentialzölle, und vor dem Gesetz seien Deutsche, Engländer und Amerikaner vollständig gleichgestellt. Eine Schwierigkeit sei lediglich in der Mischlingsfrage vorhanden. Denn diese von Europäern und Samoanerinnen ab» stammenden Mischlinge seien jeder ständigen Regierung abhold und bildeten das Element, das die Eingeborenen zu Ruhestörungen aufreize.
Afrika.
Dahomey.
* Wie man bet .Pol. Corr." aus Paris schreibt, ist die wirthschaftlicheLagevonDahomey eine ungemein befriedigende und übertrifft alle an die Gründung dieser Kolonie geknüpften Erwartungen. Der Handel, durch ben im Jahre 1899 ein Betrog von 25 Millionen Francs in Verkehr gesetzt wurde, belief sich im Jahre 1900 auf 28 Millionen Francs und Frankreichs Antheil an demselben ist von 6.882,000Francs auf 8,388,000 Francs gestiegen. Im Jahre 1897 hatte die Handels» bewegnng einen Werth von nicht mehr als 14.021 815 Francs und sie flieg im Jahre 1898 nur um 3 Millionen Francs. Fast die gesummte Vermehrung ist auf Rechnung der Einfuhr zu stellen, deren hauptsächlichste Ziffern im Jahre 1900 folgendermaßen sestgeflellt wurden: Getränke, 4,328,000 Francs. Tabak 1.058,363 Francs, Stoffe 3.299,798 Francs, Salz 361,208 Francs, Maschinen und Werkzeuge 308,000 Francs. Was die Herkunft der Waaren ans anderen Ländern als Frankreich betrifft, nimmt Deutschland den ersten Rang ein mit einem Werthe von 5,076,824 Francs. Der direkte Verkehr Eng» l a nd s mit der Kolonie erhebt sich nicht über 2,726,830 Francs, aber daneben erscheint Lagos in ben statistischen Ausweisen mit 3,899,611 Francs. Die Ausfuhr hot nur ein« Werth von 36,705 graues gehabt. Die Zollcinnahmm weisen ein Mehrerirägniß von 330,822 Francs übet das Ergebniß des Jahres 1899 auf. Im Seeverkehr wurden 415 Dampfer mit 393,401 Tonnengehalt im Einkauf und 416 Dampfer mit 393,426 Tonnengehalt im Auslauf gezählt.
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England und Transvaal.
Die „Magdeb. Z." veröffentlicht den Brief eines im Dienste der Berliner Mission I stehenden Missionars, der von den Engländern beiLydeuburg gefangen genommen wurde, weil er zu ein paar Kaffer» gesagt habe: „Nach dem Kriege und Friedensschlüsse würden die gefangenen Bauern wieder nach Hanse kommen auf ihre Farmen." Es fei ihm gesagt worden. Niemand solle Über den Krieg sprechen oder besten eitoaige Folgen, das sei jetzt ein Verbrechen. Der Miffionar wird in Pretoria gesungen gehalten; der Briet ist vom 31. Januar datirt. Auch seine Frau und die sechs jüngsten Kinder seien am 6. Januar durch militärische Eskorte gefangen genommen und in das Dors uv6 Stadt Lydenbnrg und in die Kaffernkirche gebracht worden, wo sie für sich ’elbft wrgen, d. h. selbst beköstigen wüßten und unter polizeilicher Aussicht stehen. In Pretoria traf Der Briefschreiber ote Missionare Düring, PenShorn und Lehi ens; etwa ein Dutzend andere Mistionare, auch von der Hermannsburger Mission. Pre. diger Der Bauern waren früher schon fortgeschickt in Gefangenschaft »ach Kapstadt und St. Helena, andere nach Ceylon. Der alte Mistionar Keifer von der Hermannsburger Mission. 74 Jahre alt. und seine drei Söhne seien ebensalls gefangen genommen und nach Kapstadt gebracht worden, weil sie mit den Buren sympathifiren. Die Lage der Frauen und Kinder sei eine trostlose.
Herichtszeitnng.
S Frankfurt, 13. April. (Schöffengericht.) In Rödelheim p,flute es einer alten Frau, daß ein betrunkener Mensch, der Wilhelm Kraushaar zu ihr ins Haus kam und, um seinen Rausch ausznschlasen, sich in ihr Bet! legte. Der Hausfriedensbruch kostet den Zecher 1 Woche. — Der Wirth Georg ft o d, gab in der Nacht vom 16. März in der Metzgergaste verschiedene Revoloerschüffe ab aus Leute, mit den« er in der Trunkenheit Streit bekam. Urtheil JL 20.
Vermischtes.
X gingen, 13. April. Der wegen bedenlender Unterschlagungen steckbrieflich verfolgte Kaffirer der Spar- und DarlehenS- kaste von Gensingen, der Postagent Schertet, wurde vor einigen Tagen in der Nähe von Wtndecken in der Ridder als Leiche gelänget. Schertet hatte, wie s. Zt. in der „Franks Zig." gemeldet, in einem Schreiben seinen Angehörigen mitgetheilt, daß er sich das Leben nehmen werbe.
-st- Mainz, 13. April. Der Provinzialtag wählte Her« ftommerzienrath M. M. M a y e r, an Stelle bei erkrankt« Siadtv. Bömper, zum Mitglied des ProvinzialauSschuffeS.
Frankfurter Angelegenheiten.
»raaffurt. 13. April, Der Landtag und die Lex RdickeS.
" Landtagsabgeordneter Sänger nahm die parlammtarische Osterpanse wahr, nm im Frankfurter demokratischen Beretn heute Abend einen Vortrag über die bisherige und zukünftige Thätigkeit des Landtags zn halt«, der insbesondere auch die L e x Adickes, diese für die Frankfurter Entwicklung und für die gesummte Wohnfrage zur Zeit wichtigst« gesetzgeberische Ausgabe, berührte. Der Redner ging zunächst auf die Kanaldorlage ein, die „wafferwirthschastliche Vorlage", die in der Kanalkommisston dilatorisch behandelt wird und trübe Aussichten hat. Am liebsten möchten die ostelbischen Agrarier sicherlich nur die Rosinen au8 dem Kuchen herauspicken: die Verbesserung« der Wasserwege im Osten, unter Ablehnung deS Mittellandkanals. Ihre Beharrlichkeit und Geschicklichkeit bei der Verschleppung der ftaualfrage ist beinahe bewundernswerlh. Die Haltung der Regierung macht ihnen wenig Sorge. Nene Maßregelungen bet Landräthe find kaum zu erwarten, würden auch von keinem liberalen Manne gebilligt werde». Aber fordern muß man, daß die Regierung diese hochwichtige Vortage mit einem Aufwand von säst 400 Millionen Mark. daS wichtigste WirthschaftSgesttz feit der Verstaatlichung der Eisenbahnen, mit wirklicher Energie vertrete. Nun ist Graf Bütow zwar ein sehr eleganter, gebildeter, liebenswürdiger und entgegenkommender Redner, nicht aber eine Persönlichkeit von durchgreifender Willenskraft, wie sie noththäie. Neben ihm steht Herr v. M i q u e t, von dem man immer noch nicht recht weiß, ist er ein Anhänger oder ein Gegner des Kanals, trotz der gefüllten preußischen Staatskaffm, die keine finanziellen Bedmken aufkommen laffen. Auch der Einwand, daß die Kanäle den Eisenbahnen eine drückende Konkurrenz bereiten könnten, ist hinfällig, wie der Vortragende mit verkehrSpolitischen und statistischen Beweis« barthut. Dabei zeigt sich aber, daß die Verquickung unsere» gesummten Staatsfinanzwesens mit den Etsenbahnüberschüssen all« VerkehrSerleichter- nngen feindlich ist. Man sollte darnach trachten, baß nur ein bestimmter Prozentsatz, etwa die Hälft» der Äahnüberschüffe, direkt in die Staatskaffe stießt. Daß bann neue Steuern nöthig wären, kann nichts Schreckhaftes haben, weil ja bie Eisenbahnüberschüsse, die aus zu hohen Tarifen herrühren, ebenfalls eine Steuer sind, eine indirekte Besteuerung oeter, die auf der Eisenbahn fahren, also nur eines Theiles bet Steuerzahler.
Trotz des günstigen Standes des preußischen Etats mit sein« mehr als 2600 Millionen Mark find für manche dringende Aufgaben b.'i uns keine Mittel verfügbar. Die M i q u e l' s ch e Sparsamkeit hat nicht titel übrig für bieVerbesserung bet Gehälter ber unteren Beamten und der L e h r e r, obwohl die zunehmende Theuerung der Lebenshaltung nicht in Abrede gestellt werden kann. Hat doch der Fmanzminister einen Ausgabeposten in bet geringfügigen Höhe von »< 30,000, der zur Fürsorge für entlasseneGefangene bestimmt war, gestrichen.
Man klagt über bie Abnahme bet „Autorität". Wir meinen, eS ist heute leichter als früher. Autorität zu erwerben. Denn das Volk hat mehr Äeistäudniß für ba8 öffentliche Leben. Es würde gern Autorität allen Staatsmännern zuerkennen, von denen man überzeugt ist, daß sie ehrlich und treu den Fortschritt ter Allgemeinheit anstreben. Aber wie steht es damit? Der Justlzminrstet weigert sich, im Reichstag als „Äugelfang der Sozialdemokratie" zu dienen, und der Minister des Innern handelt ähnlich. Sie scheuen sich, in der deutschen Volksvertretung Rede und Antwort zu geben. Woher soll da dem Volke dieAutorität |üt solche Staatsmänner lommm ? ^err ti. Rheinbaben will keine (Semeinbebeamte bestätig«, bie mit Sozialdemokraten verkehren. Ein wahres Glück, baßz.B. der Groß Herzog von Hessen nicht der Bestätigung des preußischen MimsteriumS untersteht. (Heiterkeit.) Der Justizminister erklärt rund heraus, daß die anderen ReffortS keinenjüdischenBewerber anstelle», weil sie die Verfassung »ach ber „herrschenden Volk-stimmung" aus le gen Auf welche abschüssige Bahn gerathen wir da, wenn jeweils der Minister tue Verfassung nur soweit inne» hält, als sie ihm im Eintlang mit ferner Auffassung von der Volks» stimmung steht? Und wo soll dabei die Autorität Herkommen? (Zustimmung.)
JnberSchulresormfrogebedauertberRedner,daß bie Gleichberechtigung aller nennklasfigen Anstalten immer noch nicht völlig dura,gedrungen ist. In bet Volksschule wirb ber geistliche Einfluß wieder stark begünstigt. Es ist nicht unmöglich, daß wir vor einem neuen reaktionären Schulgesetz stehen. Die Regierung findet leider im Landtag für alle reaktionären Tendenzen eine gefügige Mehrheit. Das wirk sich nicht eher bessern, als vis das Volk bei den Wahlen ein« Umschwung herbeiführt.
Eine frankfurter Versammlung hat fängst bie Zustimmung Mr Kanalvorlage davon abhängig machen wollen, daß die Stockheimer Bahn von Btlvel zum Frankfurter Ostbahnhof durchgeführt werde. (Heiterkeit.) Darauf kann ich mich freilich nicht teftlegen. Die Koniervattven haben einmal ge agt: Kein Kanitz seine Kähne. Aber wir dürfen doch nicht sag«: Kein Bähnchen, kein Kanälchen. (Heiterkeit.) Dazu ist die Kanatvorlage zu ernst nnd zu schwerwiegend.
- Sie Lex A vickes, deren Borgeschi-üte der Redner rekapi- fuhtt ist kein völliges Novum mehr, da mittlerweile in Hessen, in Hamburg und anderswo AehnttcyrS gelassen wurde. Aber die preußische Vorlage ist sehr sorgfältig gearbeitet, sie hat drei Ministen« durchlaufen und besitzt fast zuviel Einzelheiten, die aus Franksuri keine direkte Anwendung stnben können Bedenklich könnte vielleicht scheinen, baß die E i g e n • ihümer bie Zusammenlegung von Grundstücken auch gegen die Absicht der städtischen Behörde beantragen können. Aber die Kautel« ist doch, daß dabei ein öffentliches Jntereffe vorlieg« muß, daS von den übergeordnet« A-rwaltungtbehörden zu prüfen ist, und daß in diesem Fall der privaten Initiative die privaten Umleg« auch die ganzen Kosten bet Umlegung trag« müssen. Auch ein Mangel an Sachverst L n d i g e n für bie teoeSmaligen Vorarbeiten ist kaum zu befürchten. Set BertheilungS-Plan wird natürlich immer Schwierigkeiten bereiten, aber sie müssen sich überwinden laffen. Er find Bedenk« dagegen erhoben, daß die Gemeinde daS Gelände sür Straßen nndP lätzeaus dem zusammgelegtenBlock herausnehmen darf. Man lagt, die Stadt könne bann übertrieben breite Straßenzüge und Ptatzanlagen schaffen woll«. Aber daS bisherige Enteignungsverfahren enthält vielleicht gröbere Last« für bie Grundbefitzer als bie neue Vorlage. Grundsätzlich sieht die Lex Adickes ben Austausch von geeignet« gegen ungeeignete Giunbstücke vor; soweit nebenher Geldentschädig- nngen statthaft find, beruhen ste entweder auf der zur Bebauung ungeeigneten Kleinheit b« Grundantheile ober auf schon
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bestehende» Bant« ob« ans besondere» natürlichen Vorzügen der Grundstück«. Dagegm wird kaum etwa» einzuwendm sei». Dasselbe gilt auch von dem Vetorecht d« Gemeinde in 8 41, das dem Risiko bet Stabt eine Grenze ziehen will. Dagegm ist ber § 47, b« bie „sinngemäße* Ueber tragbarleit beS Gesetzes auf andere Gemeinden durch königliche Verordnung vorfieht, nicht ungefährlich, weil doch da» Gesetz sehr tief in daS Privateigen thum einschneidet. Im Ganzen enthält da» Gesetz ein« gut« Ansatz, ber WohnnugSuoth zu steuern, und barnm wird die Stadt das damit verbundene Risiko wohl lauf« m üffe». Ein Allheilmittel in der Wohnfrage ist die Lex Adickes nicht. DerneneErlaß derMinisterien zur Wohnungs- Politik zeigt aber, daß noch andere Momente berücksichtigt werden müffm. Jmmerbin wird bas Gesetz im allgemeine» legens, reich auf die Wohnverhältnisse unserer Stadt wirken. (Lebhafter Beifall)
An ben anderthalbstünbigen Vortrag knüpfte sich eine ebensolange Debatte. Lehr« Martell »ahm sich n. A. der „kleinen Leute" an, bie durch bie Gratishergabe des Stroßenge- länbeS geschädigt würden. Stadtverordneter Koch ettoioeite, daß die breiten Straßenzüge des Bornheimer Fluchtlinienplans vor- wiegend durch städtisches und ©tiftmtgSgelänoe führen. Herr Harnischseger ist mit der ganzen Tendenz der Lex Adickes unzufrieden; bie ärmeren Quartiere braucht« die breiten Straßen nicht, und die Wohnungsnoth könne nur durch Erleichterung ber privat« Bauthätigkeit behoben werd«. Landtagsabg. Sänger hat diesem Standpunkt mit schlagenden Gründen entgegen. Um Mitternacht schloß der Vorsitzende, Redakteur Oes er, die gut- besuchte und anregende Versammlung.
----- Stadterwettcrmtg» Bureau. Der Tiefbau-Ausschuß hat der Errichtung eines StadterweiternngS- Bureaus zugestimmt unter Berücksichtigung des Umstandes, daß die Schaffung einer weiteren Bauinspektton besteht.
--- Schwurgericht. Vor dem in ber nächsten Woche tagend« Schwurgericht »erben folgende Fälle zur Verhandlung kommen: 16. April gegen Setzer, Wilhelm, Korbmacher von Kirchzell, wegen versuchter räuberischer Erpreffnng. 17. April gegen 1 Hügel, Karl Augufl, Koch und Konditor von Saig in Baden; 2. Hügel. Arthur, Spengler von da; 3. Gust, Rudolf, Fabrikarbeiter von Schneidemühl, wegen Münzverbrechens. 18. April gegen Schlichting, Johann Leonhard, Schreiner von Hanau, wegen Entführung. 19. April gegen Gaab, Joses, Arbeiter von Aurach, wegen versucht« Todtschlags. 20. April gegen Steinbach, Wilhclm Theodor, wegen versuchter Nothzucht.
— Frühjahrsrennen. Für bie Frühjahrs-Renne», womit bie Süddeutsche Campagne am 2l. April am Forsthaus eröffnet und am Sonntag daraus fortgesetzt wird, sind die Nennungen, wie schon berichtet wurde, ganz hervorragend ausgefallen, wozu fieber bie vielen prächtige» Ehrenpreise, bie von einigen Frankmrier Damen für bie verschieben« Jagdrennen (-teeplechases- genistet wurden, das ihrige beigetragen habe». Am ersten Tage komm n folgende Rennen zur Entscheidung: 1) E-öffnnngs-Ftachrennen 13, 2} Offizier-Jagdrennen 25, 3) Preis von St. Georgen 8, 4) Golo- stein-Hürden 14. 5) Feldberg.Jagdrennen 12, 6) Grüneburg- Jagdrennen 26 Nennungen. Da sich tznier den Anmeldungen Die Nam« der Pferde der Herren Suermondt, Eynard, Weinberg, Herzog Siegfried von Bayern, von Heyden-Linden, Fürst Wrede, v. Kayser, Graf Stauffenberg u.s.w. befinde», läßt sich heute schon vorzüglicher Sport Voraussage».
---- Guberroveschttle. Vertreter ber städtische» Behörden und Gäste tonnten heule Nachmittag wiederum eine neue Schule und zwar die Günderrodeschule einer Besichtigung unter» kiehen. Der ausgedehnte Bau hat seinen Platz rechts hinter der Mamzer Warte gefunden. Im Sommer 1899 ist mit dem Ban begonnen worden. Die Grunddispofiiiou ber Anlage weicht von der hier üblich« int Allgemeinen nicht ab. Schulgebäude, Dienflwohngebäude und Turnhalle, sowie ein geräumiger Tummelplatz bilden bie Baute». Das Schulgebäude enthält freundliche, gut belichtete unb luftige Räume und Gänge. Im Keller befindet sich ein Douchebad, ausreichend für eine ganze Klaffe. Die Baukosten beziffern sich auf JL 420,000.
---- Verkehrs« otiz Von zuständiger Seite wird »ns mitgetheilt. daß der Schnellzug 13 der Main-Ncckar-Bahn — Frankfurt ab 810 - in Karlsruhe bis zu 10 Minuten vom Ortentexpreßzug nach Parts erwartet wird. Der Anichluß in Karlsruhe wird mich n auch dann noch erreicht, wenn ber Matn-N,ckar-e>ahti,Schnellzug mit 15 Minuten V r- ipätung in Karlsruhe eintrifft, jm kommenden Sommerdienst wird tn bieten Zügen ein Schlafwagen von Frankfurt nach Paris burch lausen.
= Vom Tage Die Königin von England ist heute Abens 12 3t> llhr nach England abqeteifL
= Lagesauzeiger für Sonntag, 14., April' Deutsch» katholiiche (trete religiöse) Gemeinde, gr. Kornmartt 15, Prediget Sänger, Sm. 10. — Maltose zu Gunsten der Pensionskasse bet Palmengartenkapelle im großen Saal des Palmengartens, Bm. 1L — Feier der Er- össnung bet Gymnastalkurse für Mädchen in der An a bet Eliiabethichule, Vm. 11%.
■ Wöchentlichen Wegweiser durch di« unentgeltlich geöffnet« Sammlungen,Lesesäle unb Ausstellungen. Historisches Museum Um Archiv und Leinwand Haus, am Weckmatkth So. und 'Mi. 10— 1; am erst« und dritten So. jedes Jtonati auch Nut. 2 bis 4. — St äbel sches ftunstinflitul (Schaumainkai631 Gemälde und Skulpturen Di., Do, Fr. unb Sa. 10—1, Mi. 11—4, So. 11—1 (am erst« So. jedes 'Monats bis Nm. 3); Bücher und Kupferstiche Di. u. Fr. 11—1 u. 5—7, Mi, Do. u. Sa. 11 -L — Kunstgewerbemuseum (Neue 'Mainzerstr. 49); So. Sm. 10 bis 1%, Mi. Am. 10—5. — ftunstgewetbe-Biblio thek unb Borlagensammlung (Neue Maittzersitaße 49) Di. bis Sa. Bm. 10— 1 unb Nm. 6—9, Sonntags Vm. 10—1. — Stadt» Bibliothek (SchöneAussicht 21 Ausleihe Mo.bis Ft. 10-1 unb 4—5, Sa. 10—1; Lefesaal Mo. bis Ft. 10—1 und 4— Sa. 10—1. — Ka tier jaal (im Römers, Mo. u. Mi. 10—1. — Natuthistortfches Museum (Bleichstraße 591 So. und Fr. 11—1, jJit. 2—4, am ersten Sonntag jedes 'Monats auch Nm. 2—4. — Bethmann-Museum laut Friedberger Thor;, mit Dannecker's Ariadne, täglich 10—1 u. Nm. 3—5. — Rothschild-Bibliothek, werktägl. 11—1 n.4—8,So. 10 btSl. — Freibtbltothekunb Lesehallen (Brömwrstr. 8/10 und Bocken he im Frankfurterstr. 7, Lj, So. Bm. 9—12, werktägl. 12 bis 8 unb 6—9>i. — Lesezimmer bet Volksb idl io thek, Zeil 53, werktäglich Vm. 9 bis Nm. Ich So. 10—1; Burgstr. 83, werktäglichNrn.0—Ich So. 10—L — Rechtsschutzstelle für (stau« unb Mädchen (Brönnerstraße 8H Mo. unb Mi. Nm. 8—5, Sa. Nm. 7—9. — Gewerbeschul-Mu i^nm für Gewerbe» unb Fachschulwesen: So. Vm. 11—12, Di. 10—12, Fr. 10—12.
Ich Begriff jetzt vollkommen, daß Miranda für ihn schwärmte, ja, daß sie ihn liebte. Wie unbedeutend mußte ihr Algernon Guney neben diesem stattlichen, bildhübschen Krieger erscheinen! Afich beschlich fast ein Gefühl des Neides. Hätte ich doch an seiner Stelle sein können, das Schwert an der Seite, die Brust erfüllt von Sieges- Hoffnung und von den Segenswünschen Feinsliebchens heglestet!
। Harrick grüßte uns, wechselte flüsternd einige Worte Mit Miranda und nahm dann Mschied. Ein letzter Händedruck — ein letzter Blick! Wer konnte sagen, ob hiese zwei sich jemals wieder sehen würden?
Sobald die Einschiffung der Truppen beendet war, wurde das Signal zur Zlbfahrt gegeben. Schwarzer Mauch stieg au? den Schloten auf, die Maschinen und sSchiffspfeifen machten einen gewaltigen Lärm und unter dem Jubel der Menge setzten sich die Dampser- holosse langsam in Bewegung. Eitl letztes Lebewohl den Söhnen Albions! Nun, Kriegsglück, hefte dich an ihre Fahnen, verleihe ihnen Siegesruhm!
' Wir blieben am Quai, so lange wir Harricks Gestalt noch erkennen konnten. Dann fuhren wir nach London zurück.
. „Das nächste Mal kommt Archie's Regiment an die Reihe," bemerkte Tante Maria, als wir am Abend die Apolitischen Ereignisse besprachen.
„Er muß seine Pflicht thun wie alle UeBrigen," entgegnete Sir John, der starken Patriotismus an den Tag legte, „aber er kämpft unter einer ehrenvollen Flagge, denn wir Briten siegen stets!"
xv.
I Durch seine langjährigen Erfolge auf allen Ge- Bieten hat sich John Bull so daran gewöhnt, hochnäsig einherzuschreiten, seine Politik für die beste und seine Staatseinrichtungen für die vollkommensten zu halten, haß ihn eine unerwartete Niederlage mehr in Erstaunen Hetzt als demüthigt.
i Wenn die Sonne eines Tags ihren Lauf änderte und im Osten statt im Westen unterginge, so würde die englische Gesellschaft höchstens ausrufen: „Wie merk- würdig!" sich aber nicht bemühen, die Ursache zu ergründen. Sie ist eben zu sorglos und unbekümmeM und tröstet sich damit, daß am nääjften oder übernächsten Tag Alles wieder in Ordnung sein wird.
Bei solcher Charakteranlage der Engländer ist es begreiflich, daß die ersten Nachrichten über Mißerfolge in Süd-Afrika mehr Verwunderung als Unruhe erzeugten.
Auch in unserer Sphäre faßte man die Lage nicht so ernst auf, daß die politischen Vorgänge das Interesse für Privatangelegenheiten erstickt hatten. Mirandas Verhältniß zu Algernon Guney beschäftigte mich noch immer lebhaft, um so mehr als sie mir eingestanden, daß sie sich heimlich mit Harrick verlobt habe. Welche Komplikationen konnten entstehen, wenn Onkel John davon Kenntniß erhielt! Ich machte ihr deshalb Vorstellungen und drang in sie, den armen Menschen nicht länger mit falschen Hoffnungen zu nähren. Sie scheute jedoch vor einer persönlichen Auseinandersetzung zurück und so erbot ich mich tn einer Anwandlung von Groß- muth, den Vermittler zu spielen und Guney einen Wink zu geben. Er war ein gutherziger Mensch, das wußte ich, und wenn es ihm auch schwer fallen würde; das Mädchen, das er nach feiner Weise liebte, aufzugeben, so ließ sich doch ounehmen, daß er unter diesen Umständen sofort zurücktreten würde. Miranda war mir dankbar für mein Anerbieten und sobald sich die Gelegenheit bot, klärte ich Gimey über den Stand der Dinge auf. Ich hatte mich in dec Beurtheilung feines Charakters- nicht geirrt. Er war anfangs sehr betroffen, benahm sich aber überaus taktvoll und schonend gegen Miranda. Er hatte eine kurze Unterredung mit ihr, die damit endete, daß er. endgiltig zurücktrat. Sir John gegenüber motivirte er dies mit der Erklärung, er habe eingesehen, daß Miranda nicht die Gefühle für ihn hege, die er zu einer glücklichen Ehe unerläßlich halte.
Der in seinen Wünschen enttäuschte Baronet war zwar sehr ungehalten über seine unvernünsttge Tochter, die Angelegenheit wurde jedoch in den Hintergrund gedrängt, als Archie die Nachricht heimbrachte, daß sein Regiment an die „Front" beordert sei.
Bei seiner Einschiffung waren wir Alle zugegen. Tante Maria nahm sich den Abschied am meisten zu Herzen. Sie vergötterte diesen ihren einzigen Sohn und der Gedanke an die lange Trennung, an die Gefahren, denen er entgegenging, drückte sie völlig zu Boden. Onkel John bewahrte größere Fassung; er verbarg seine Gefühle unter dem Deckmantel des Patriottsmus und des stolzen Bewußtseins, gleich den ©freisten im Lande
den Erben feines Namens in den Dienst des Vaterlandes gestellt zu haben. Archie selbst war voll Begeisterung und Zuversicht; die Hiobsposten vom Kriegsschauplatz mit den langen Verlustlisten machten durchaus keinen enttnuthigenden Eindruck auf ihn. Trotzdem rechnete er mit der Möglichkeit, von einer feindlichen Kugel getroffen zu werden, denn wenige Tage vor seiner Abfahrt gestand er mir, sein gegebenes Versprechen, Delia Delcme betreffend, nicht gehallen zu haben. „Wenn mir etwas zustoßen sollte, Rupert," fügte er hinzu, „so thue für sie, was Du kannst. Willst Du es mir versprechen?"
So unangenehm es mich berührte, daß er mit Frau Delane in Verkehr geblieben war, angesichts der nahen Scheidestunde konnte ich ihm die Bitte nicht abschlagen.
„Gut, ich werde es thun," versprach ich ihm, „aber ich denke, wenn Du mit Ruhm bedeckt zurückkehrst, wirst Du sie vergessen haben."
„Wir werden sehen," entgegnete er ausweichend. Nach seiner Abreise begann eine Zell der Sorge und ängstlichen Spannung für seine Familie, die entgegen ihrer Gewohnheit nicht nach Pentavon Hall übersiedelte, sondern in der Stadt blieb, um rascher über die Vorgänge in Süd-Afrika unterrichtet zu sein. Wie eine finstere Wolke hing es über unserem Haufe. Onkel John war ernst und schweigsam; zu der Sorge um den Sohn gesellte sich bei ihm das Gefühl des verwundeten Stolzes über die Niederlagen der brittschen Armee, die in so demüthigender Weise von dem kleinen Burenvolk zurück- geschlagen wurde. Lvnte Maria folgte dem Beispiele so mancher Dame der Gesellschaft: sie suchte Trost in der Religion und gehörte bald zu den eifrigsten Kirchen- gängerinnen. Miranda hielt sich am tapfersten; sie ließ es sich nicht anmerken, wie sehr sie um das Schicksal des Geliebten bangte, von dem sie in langen zwei Monaten nur einmal Nachricht erhiell. _
Die Physionomie des Westends hatte sich seit Beginn des Krieges langsam verändert. An Stelle der stolzen Zuversicht, des Hochmuthes und der sorglosen Leichtfertigkeit trat Bestürzung, Verstimmung und Niedergeschlagenhell. Die großen Verstärkungen, die nach ber Front geschickt werden mußten, entrissen fast jeder Farnllie ein theueres Glied, sei es Gatte, Sohn oder Bruder und nicht Wenige von frenen, die noch vor Kurzem die Salons des vornehmen Westend geziert und ihr
Leben in vollen Zügen genossen hatten, lagen jetzt, eine Beute des Todes, in fremder Erde gebettet.
Ueber allen Familien hing das Schwert des Damo- kles! Und auch uns traf der Keulenschlag des unerbittlichen Schicksals.
Nach mehreren trüben, regnerischen Tagen war es zum ersten Mal wieder hell und trocken. Ich benutzte dies zu einem Spaziergang und schlenderte gemächlich durch Picafrilly. Man sah weniger Equipagen und elegante Damen wie sonst, aber der mächttge Verkehr dieser Pas-, sage, die den Westen mit dem Osten Londons verbindet, war unvermindert. Der riesige Mechanismus unserer Metropole wird selbst durch die Weltgeschichte nicht gestört. Ununterbrochen arbeitet der gleichmäßige Pendel- schlag des Lebens, empfindungslos gegen die An'türme von Außen, das Interesse von Millionen in sich 'am- menfassend.
Während ich einen Augenblick sichen blich und das wechselrciche Straßenbild betrachtete, kam ein Zeitungsjunge angelaufen, ber mit schriller Stimme rief: „Neueste Depeschen! Furchtbare Niederlage ber Engländer!" In groteskem Gegensatz zu feinen Worten schwang er die Extrablätter wie eine Siegesfahne, während er in Voraussicht eines guten Verdienstes ber» gniigt mit der Zunge schnalzte. Hastig entriß ich ihm ein Blatt und durchflog bie Verlustliste. Archie's Regiment war stark engagirt gewesen unb da — großer G-tti sein Name stand unter ben Getödteten! Mir schwankte ber Boden unter den Füßen — ich konnte es uichl fassen, nicht glauben! Endlich raffte ich mich auf, winkte einen Wagen herbei unb fuhr heim. Wie im Traum schritt ich durch das imposante Portal des Trea- doway'schen Palastes. Lux und Dux — sie waren immer die Zielscheibe für Archie's Spott gewesen — schauten unbewegt von ihren Postamenten herab. Was wußten sie davon, daß der Erbe des stolzen Gebäudes, das sie bewachten, ein todter Mann war, datz«er nie wieder ins Vaterhaus.zurückkehren würde?
Als ber Diener mir bie Thüre öffnete und mein verstörtes Gesicht sah, fragte er theilnehmend: „Bringen Sie schlechte Nachrichten?"
(Fortsetzung folgt.)-
