3fr. sog Abendblatt. MDMiWstr A-Wq. Morrkag, so. Juli 1901

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die Annoncen-Bureartx.

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Frauksmt, 29. Mi.

Schoa viele Jahre, bevor Deutschland eine amtliche Streikstatistik erhielt, hat die Generalkommisfion der Gewerkschaften Deutschlands alljährlich mtb zwar fett dem Jahre 1890 eine solche Statistik ausgenommen. Sie konnte bkMerflicherweise, namenüich anfangs, nur unvollständig und lückenhaft sein, viele Jahre bildete sie indeß die einzigen Anhaltspunkte für die in Deutschland stattgefundenen Streiks, beten Ursachen und Erfolge. Aber auch nach Ein- führnng bet amtlichen Streikstatistik führten bie deutschen Gaverkschafteu ihre eigene Statistik fort. Mit Beginn dieses Jah«S verbefferten sie ihre Erhebungsmethoden wesentlich. Währmd die GewerkschaftSvorstäude früher über die Streiks in ihren G^erbenderGenacalkommiffion nur summarisch be­richteten, tote jetzt über jeden einzelnm Ausstand besonders Bericht erstattet. Alles Zählmaterial (Wochen-Fragedogen, bchmdere Fragebogen für Angriffs- und Abwehrstreiks, so­wie über die Verfolgungen und Bestrafungen der Streik­vergehen, auf Grund des § 153 G. O. ist einheitlich und wird den Gewerkschaftsvorständen von der Gmeralkommission geliefert. Damals, als die amtliche Streikstatistik eingeführt wmde, schrieb das.Correspondenzblatt" der Generalkom­misfion, daß die Erhebungen der Gewerkschaften trotz der amtlichen weiter zu führen seien, weil bie letztere nach rein polizeilichen Gesichtspunkten und zu innerpolitischen Zwecken geführt werde, und weil die durch untere Polizeiyrgane zu- sammengetragmen Ergebnisse einer Kontrolle wohl sehr be­dürfen würden, welche Annahme in der That nicht ganz unberechtigt war.

DasCorrespondenzblatt" veröffentlicht nunmehr die Resultate der Erhebungen vom Jahre 1900 auf Grund der Berichte derGewerkschaftsvorstände an die Generalkommission. Danach haben im Jahre 1900 852 Streiks stattgefunden, an dmen insgesammt 115,711, darunter 4270 weibliche, Personen betheiligt waren. Die Dauer der Streiks betrug einschließlich der Sonn- und Festtage 22,988 Tage, sodaß auf jede» ©tieit durchschnittlich 27 Tage fallen. Von den Streiks waren 375 oder 44,1 pCt. erfolgreich, 215 oder 25,3 pCt. theilweise erfolgreich und 217 oder 25,5 pCt. erfolglos, während für 21 der Ausgang nicht bekannt ist und 19 am 1. Januar 1901 noch nicht beendigt waren. Gegenüber dem Vorjahre hat sich das Verhältniß zu Un- gursstm der Arbeiter verändert. Im Jahre 1899 waren 53,7 pCt. der Streiks erfolgreich und nur 21,8 pCt. er­folglos. Da die OrganisationSverhältniffe, so heißt eS int Bericht, im letzten Jahre nicht ungünstiger geworden sind, so dürste der geringere Erfolg bereits als eine Wirkung der sich verschlechternden wirthschaftlichen Konjunktur anzusehen sein. Im Jahre 1900 wurden 444 Streiks geführt, um eine Lohnerhöhung oder Verkürzung der Arbeitszeit und Lohuechöhung durchzusetzen; an diesen Streiks waren 80,331 Personen betheiligt. Von den um Lohuechöhung und Arbeitszeitverkürzung Streikenden hatten 24,734 vollen und 32,611 theilweisen Erfolg. Die größte Zahl der Streiks mtfällt auf bie Maurer; in diesem Gewerbe wurden 157 Streiks gezählt. Dann folgen die Holzarbeiter mit 111 und die Metallarbeiter mit 100 Streiks. Die größte Zahl der bethelligten Personen hatten die Holzarbeiter mit 17,435; dann folgen die Bergarbeiter mit 16,620, die Maurer mit 15,264, die Handels-, Transport- und Der- kehrsarbeiter mit 12,468, die Metallarbeiter mit 10,622 und die Schneider mit 5054 Betheiligten. In allen anderen Gewerben wurden weniger als 5000 Streikende gqählt. Die geringste Zahl mit 9 Streikendm hatten die Graveure. Die Streiks sind nach Angriffs- und Abwehr- Streiks geordnet; 514 oder 60,3 pCt. sind aufgeführt als AngriffSstteikS und 338 oder 39,7 pCt. als Ab­wehr-Streiks. An dm Angriffsstreiks warm 86,786 Personen oder 75 pCt. aller Streikenden betheiligt. Diese Streiks dauerten insgesammt 1474 Tage und erfor­derten 1,946,823 Mk. Ausgabe. Die Abwehrstreiks um- faßtm 28,925 Personen oder 25 pCt. der an Streiks Be- thelligtm; die Dauer betrug 8914 Tage und verursachte eine Ausgabe von 975,841 Mk. Von den um Verkürzung bet Arbeitszeit geführten Streiks warm 68,7 pCt. erfolg-

Feuilleton.

Berliner Momentbilder.

Ei» Regeusouutag.

Ecke Linkstraße und Potsdamerplatz halten die Elektrische», die hinaus »ach den westlichen Vororten fahren. Und heute werden sie gestürmt. Souutagnachmittag im Juli! Nach Steg­litz, Wilmersdorf und Schmargendorf, in den Grünewald, »ach der Roseneck und de« Handekehle führen bie Linien, und überall drauße« ist Militärcoucert oder zum mindesten großer Ball. Von Weitem wche» die weiße» und rosa, die blauen und grünen Fähnchen der kleinen Mädchen aus dem Volke, weithi» über de» am Sonntagnachmittage ein wenig stilleren Platz am Ende der Leipzigerstraße vor dem monumentalen Baue des Potsdamer Bahnhofes. ... Ein dumpfes Grollen hoch in den Lüfte»... ferner Donner, aber die kleinen Mädchen in ben Hellen Fähnchen halten fich die Ohre» zu, sie wollen den Donner nicht hören, und die Herren sprecheu ihnen Muth zu. eS ist ja heute Sonntag und es dauert sechs ganze, lange Wochentage, bis es wieder einen gibt. Also wüthig vorau und nicht gezagt, deuu im Grünewald, im Grünewald ist Holzauktion «. s. w.

Aber schon au der Lutherkirche bricht es los, el gießt in Strömen. Gott sei Dank, daß man tu der Trambahn sitzt uud gegen seinen Wunsch in die Geschloffene kam, denn im offene» Wage«wäre das absärbende Fähnchen schon jetzt getauft.... Am Großgörschen-Bahuhof steht das Waffe«, ei» Kanal ist ver­stopft, einige Vorsichtige steigen auS... Sie suchen Schutz in der Halle, um, wenn es zu regnen aushört, betrübt »ach Haute zu wandern und geduldig auf den nächsten Sonntag zu warte». Aber die Muthigen, die, denen die Welt gehört, fahren weiter. Ei» bischeu Regm kau» ihnen ihre» Sonntag nicht nehme« und Wetter geht's.

SchloßparkSteglitz... Endstation. Die alten Bäume deS Parks gleichen weinenden Riese«, Trovfen am Tropfen fällt von ihren grünen Blättern herab. Die Tische und Stühle im Garten find umgelegt, aber die Muthigen, Vene« die Welt gehört, geübt das nicht. Kein Mensch ist im Saale, sogar den Klavier­spieler hat der vorsichtige Wirth, da ihm der Himmel gar zu schwarz auSsah, abtelephouirt .... Aber Grethelchen im hell- blauen Fähnchen weiß Rath. Als sei sie zu Hause, schreitet sie sckbst onS Klavier uud mit einem unverfälscht«: »Jott Willem, hab dich man »ich so !* zieht sie ihren Herr« Hera«, und der muß nun dran glauben und Orchester, Kapellmeister^ Tauzordner und Kavalier, AlleS in einer Person sein. Warum ist er auch so kühn gewesen, mit Grethelchen und deren drei Freundinnen an eisern Regeasonntage »ach Steglitz zu fahren, während die Muthigen doch »och an der Kaiser-Eiche zurückgefahren sind. Uud wirklich, nicht lange dauert es uud noch ein paar Kühne finde« sich ei«. Wilk« der Musikalische muß sich opfern, draußen intet Lärme«

reich; voudeu nur Lohnerhöhung geführten 46,6 PCt. Ins­gesammt hatten von ben 86,786 an den Angriffsstreiks Be­theiligten 27,356 ober 31,5 pCt. vollen unb 33,088 ober 38 pCt. theilweism Erfolg zu verzeichnen. Unter ben Ab­wehrstreiks waren nicht weniger als 46 Aussperrungen mit 14,630 Bethelligten. In 15 Fällen wmde von ben Arbei- tern Austrllt aus bet Organisation gefordert und 78 Streiks wurden durch Maßreglungen hervorgerufen. Von bett Aus­sperrungen erfolgten 4 wegen Feierns am 1. Mai; an diesen ArbeitSverhinberungen waren nicht weniger als 21,569Per- fonett betheiligt, baS ftttb 74,5 pCt. aller an Abwehrstreiks Bethelligten. Don ben Abwehrstreiks waren 138 ober 40,8 pCt. erfolgreich, 54 ober 16 pCt. theilweise erfolgreich mtb 120 ober 35,5 pCt. erfolglos.

An Versuchen der Arbeiter, bie Unternehmer zur Aner­kennung ber Forderungen zu bringen, ohne es zum Streik kommen zu lassen, hat eS nach dem Bericht nicht gefehlt. Bei den Angriffsstreiks haben in allen Fällen die Arbeiter vor der Arbeitseinstellung versucht, Unterhandlungen herbeizu­führen, und auch bei ber größten Zahl ber Abwehrstreiks sei dies geschehen. Auch nach der Arbeitseinstellung haben die Arbeiter 855 Mal (in dieser Zahl fehlen die Angaben für die 157 Streiks der Maurer) versucht, eine Einigung herbeizuführen, doch lehnten in 158 Fällen die Unter­nehmer jede Unterhandlung ab. Der Bericht wendet fich auch gegen die Beschuldigung, bie Organisationen betrachten den Streik als Organisationszweck. Der Umstanb, daß 132 Streiks durch Vermittelung des Vorstandes der Organisationen beigelegt wurden, straft diese Auffassung Lügen. Der Einfluß, ben die Organisationen auf die Bei­legung der Streiks auSgeübt haben, geht übrigens aus dieser Ziffer nicht vollständig hervor, weil sie nur angibt, in wie viel Fällen der Centralvorstand deS bethelligten Verbandes vermittelnd eingegriffen hat. Nicht inbegriffen sind aber die Fälle, in welchen andere Verwaltung? - Körperschaften der Organisationen (OrtS - Verwaltungen u. s w.) die StrellS durch Vermittelung beilegten. Ein Tcheil dieser Fälle dürste unter den 351 Fällen, in welchen bie Streiks direkt durch Vergleich zwischen den Parteien beendet wurden, eingerechnet sein. Die Ausgaben, welche zur Streikführung erforderlich waren, wurden im letzten Jahre von den Gewerkschaften zum größten Theile aus ihren eigenen Kassen gedeckt. Von der Gesammt - Ausgabe, die 2,936,030 Mk. beträgt, kamen 2,487,853 Mk. aus den VerbandSkassm. 232,932 Mk. wurden durch fteiwillige Beiträge ber Mitglieder, 150,036 Mark durch Sammlung und 59,607 Mk. durch andere Ge­werkschaften aufgebracht; nur 5800 Mk. kamen aus dem Auslande. Es wurden demnach 84,4 PCt. der Ausgaben aus ben Verbandskassen gedeckt, waS auf eine gestärkte finan­zielle Leistungsfähigkeit der Gewerkschaften schließen läßt.

Das durch die Erhebung gewonnene Material über bie Vergehen und Uebertretungen, bie bei ben Streiks vorkamen, ist in der Veröffentlichung nicht mit verarbettet worden. Diese Angaben, so sagt ber Berichterstatter Legiert richtig, gchören in bie Kriminal-Statistik, nicht in bie Streik- Statistik. Die Materialien darüber werden jedoch auch ferner gesammelt, um bei einem etwaigen neuen Versuch eines Ausnahme-Gesetzes für Streiks und Streikende zur Hand zu sein. Woran bie Gewerkschaftskommission jeden­falls gut thut, obzwar die Gefahr eines Gesetzes nach Att der Zuchthausvorlage gering erscheint.

Äon der amtlichen Statistik weicht die der Generalkom­mission in vielen Punkten ab. Da in der amtlichen Statistik die Streiks nach Verwaltungs-Bezirken gezählt werden, so­daß eilt Streik leicht mehrmals aufgeführt wird, der in der Gewerkschafts-Statistik nur einmal auftritt, wird die Zahl der amtlichen Statistik immer höher sein. Die Zahl der Betheiligten kann in den beiden Stattstiken nicht überein- stimmen, weil in der amtlichen Statistik nach einer .Höchst­zahl' der gleichzellig Streikenden gefragt wird. Diese Höchstzahl kann aber unter Umständen nur die Hälfte der­jenigen darstellen, die an einem Streik beteiligt sind, der auf eine größere Zahl von Betrieben fich erstreckt. DaS wird z. B. der Fall sein, wenn an der Arbeitseinstellung nicht sofort alle in den Betrieben Beschäftigten sich be­theiligen, sondern später eine größere Zahl hinzutritt.

während gleichzeitig in anderen Betrieben infolge Bewillig­ung der Forderungen die Arbell wieder ausgenommen wird. Diese ZählungSmethode der amtlichen Statistik scheint uns daher falsch zu sein, und es ist bedauerlich, daß das Stattstische Amt an ihr festhält. In der Gewerkschastsstattstik dagegen wird jeder Einzttne gezählt, der an dem Streik betheiligt ist. Im Uebrigm werden dieuntergeorbneten Polizeiorgane", welche ihre Angaben fast ausschließlich von den Unternehmern erhalten, bie Ursache der Streiks anders beurtheilen, als die Arbeiter; dasselbe trifft zu auf die Resultate ber Streiks. Daraus erklärt eS sich wohl, baß nach ber amtlichen Statistik von ben 1433 beendeten Streiks 1127 ober 79 pCt. An­griffsstreiks und 306 ober 21 pCt. Abwehrstreiks waren, währenb bie Gewerkschaftsstatistik 60 pCt. der Streiks den ersteren unb 40 pCt. den letzteren zuzählt. Gerade diese Differenz der Angabm ist sehr interessant und bezeichnend.

Der Bericht schließt mit Rathschlägen an die Arbeiter, und im Ganzen ist er ein schönes Zeugniß für die Entwick­lung des materiellen und geistigen Niveaus der deutschen Gewerkschaften.

Tages-Rundschau.

Derbei der Reichstagsersatzwahl in Memel- Heydekrug im ersten Wahlgang erzielte Erfolg ist in der Stichwahl leider nicht festgehalten worden, nicht etwa, well die Stimmung der Wählerschaft umgeschlagen wäre, sondern ledig­lich, weil das Pflichtbewußtsein eines großen Theils ber frei­sinnigen Wähler nicht stark genug war, um das allgemeine Interesse Über Neinliche persönliche Rücksichten zu stellen. Der erste Wahlgang hatte in runden Ziffern 7000 konservativ- lithauische, 5000 sozialdemokratische und 3000 freisinnige Stimmen ergeben, was für die antiagrarischen Parteien ein Plus von 2000 Stimmen gegen bie frühere Wahl bedeutete, unb dieser Stimmenzuwachs war in allererster Linie unter bet Wahlparole .für Handelsverträge und gegen Zollkriege", das heißt also durch den schärfsten Protest gegen eine agrarische Zollpolitik erreicht worden. Auch die konservativen Blätter mußten die ihnen recht unbequeme Bedeutung dieses Ausgangs anerkennen. Angesichts dessen war bie Stellungnahme für bie Stichwahl ganz von selbst gegeben. Die aus­gefallene freisinnige Partei konnte garnicht im Zweifel fein, sowohl aus allgemein politischen Gründen, als besonders im Hinblick auf die gegenwärtige wirthschastspolittsche Konstellation. Wie in Grimmen-Greifswald war die Bekämpf­ung des Agrarierthums als des gemeinsamen schlimmsten ©egnerS, dessen Endziele unserem ganzen Wirthschaftsleben die fdjtoetften Wunden schlagen und Deutschlands ganze handels- pollltfche Stellung in ber Welt gefährden würden, ein Gebot >er politischen Pflicht, hinter der alle anderen Rücksichten zurück- pcheit mußten. Was haben wir ober statt dessen erlebt? Die liberalen Vertrauensmänner des Wahlkreises ließen sich lediglich von ihrer persönlichen Empfindlichkeit leiten und zeigten für die großen Gesichtspunkte gar keinen Sinn: statt einer Aufforder­ung g» bie freisinnige Wählerschaft, Mann für Mann dem sozialdemokratischen Gegner hoher Lebensmiltelzölle die Stimme zu gebyt, statt der Verstärkung der Wahlarbeih um den Protest gegen die Brodwucherpolitik zum enbgtltigen Siege zu führen, entschlossen sich diese freisinnigen Mannen für Stimm­enthaltung uud überließen es dem Einzelnen, zu thun und zu lassen, was er für gut hatte. Das war ein Verrath an ber guten Sache, wie er nicht schmählicher gedacht werden tonn, und dieser Verrath konnte nicht schlimmer gebrandmartt werden, al? durch das Lob, das er im agrarischen Lager fand. Dieser angeblich entschiedene Freisinn hat schnöde die Fahne im Stich gelassen, die er vorher aufgepflanzt hatte. Bezeichnenderweise hatte die Berliner Parteileitung nicht ein Wort des Tadels für diese Fahnenflucht; das offizielle Partei­organ wußte nur von der persönlichen gehässigen Kampfesweise der Sozialdemokralen zu berichten, also das Trennende bervor- zuheben, fand aber nicht em Wort, um die freisinnigen Wähler auf ihre Pflicht hinzuweisen, und auch die freisinnigen Blätter Ostpreußens sind mit einer einzigen Ausnahme nicht über Ver- legenhellsredeu hiuausgekommen. Die Folgen dieser Politik sind denn auch nicht ausgeblieben: in der Stichwahl hat nicht der Sozialdemokrat Braun, sondern der konservativ-lithauische Kandidat Matschull gesiegt, der rund 9000 Stimmen gegen 7000 des Gegenkandidaten erhielt. Aus diesem Resultat ergibt sich, daß bie Freisinnigen zwar zu einem Theil bem Sozial­demokraten ihre Stimme gegeben haben, ein großer Theil aber auch ben Konservativen gewählt haben muß, dessen Sieg nur durch diese Unterstützung möglich geworden ist Die persönliche

Rachlust hat also zu dem schimpflichsten polittschen Verrath ge­führt, und dafür trifft alle Diejenigen die schwerste Mitverantwort­ung, welche es unterlassen haben, ihren Einfluß aufzMeten, um die freisinnige Wählerschaft auf ihre politische Pflicht hinzu» weisen, nicht zum wenigsten die Parteileitung selbst. Das ist auch von einigen Organen bet freisinnigen Volkspartei im er­freulichen Gegensatz zum Berliner O«im der Parteileitung noch vor der Wahl scharf ausgesprochen worden. So schriw-die .Brest. Morgenztg.^:

»Die Position de« Freisiunigm in bem Wahlkampf ist so-klar, bie Pflichten, die sich aus dieser ihrer Position ergeben, find so deutlich vorgezeichnet, daß es nicht mehr «ttb nicht weniger als de« politische» Bankerott M Freisinns bedeutet, wenn er fich der Erfüllung dieser P f l i ch t e n e n t z i e h t. Und der Bankerott ist, daß » leibe** gesagt werde«, nicht einmal ein fahrlässtger. sondern trift eta betrügerischer, ben« bet Freisinn entäußert fich nicht bloSselbev aller Ansprüche auf politischen Krebit, sondern er betrügt auch das Volk, dem er zu bienen vorgiebt, nm feiwe allerwichtigflen Interessen/

Düse scharfe Verurtheilmig trifft jetzt mit verdopvelterWuchk die Ueberläufer des Memeler Wahlkreises, die sich znTrvß- knecht« der Agrarier hergegeben haben zu einer Zett, wodurch die Veröffentlichung des Zolltarisentwurfs klargestellt ist, wie außerordentlich ernst die agrarische Gefahr zu nehmen ist. Darms freilidj muß auch jetzt wieder gegenüber falschen Auslegungs­versuchen hingewtesen werden, daß die Stimmung der Wähl«- schäft in Bezug auf die Zollpolitik nicht durch den Ausgang dek Stichwahl, sondern durch die Gruppmmg im ersten Wahlgang' repräsentirt worden ist. Es ist aber nur um so schlimmer, daß der Freisinn fich trotzdem bei der Schlußentscheiduug so fämäfj- lich feiner politischen Pflicht entschlageu hat, während sogar nationalliberale Blätter bie Konsequenzen bet politischen besser zu würdigen wußten.

Die gegen die Ernennung Köller*- zum reichSLdK-j schm Staatssekretär geplante parlamentarische Akttou ist im Sande verlaufen. Beide in Betracht kommenden Faktoren der Landesausschuß und die elsaß- lothringisch« Mttglicker de» Reichstags, hab« versagt. In dm Kreisen der LandeSauSschuß- Mitglieder scheint man sich mit einer Sympathie-Adresse für den scheidenden Chef des reichSländifchm Ministeriums begnüge» zu wollen und erachtet ein Eingreifen in die Köllofftage füti unzulässig. Auch bei ber am Samstag in Straßburg abgehaltenea vertraulich« Besprechung elsaß-lothringischer ReichStagSabge- otbneter, an der sich der Nationalliberale Schlumberger-Mül» Hause», der Freisinnige Dr. Riff-Straßburg-Stadt, der Frei» konservative Dr. Höffel-Zabern, ber Konservative be Schmid- Saargemünd, sowie die Klerikalen Deffor-Erstein, Wettertb» Rappottsweiler und Hauß-Straßburg-Land beteiligten, war man einstimmig der Meinung, daß eine Stellungnahme zur Köllerfrage außerhalb ber Zuständigkeit der ReichstagSabge-i ordneten liege, da die Ernennung eines Staatssekretärs aus­schließliches Recht der Krone fei. Falls in der Angelegenheit etwas geschehm solle, sei dies Sache des Landesausschuffes. Das Verhall« der parlamentarischen Vertreter Elsaß-LothrtngenS erinnert an die bekannte Geschichte von jenem spcmischen ling, welcher dm brennenden König nicht zu berühr« wagte, weil dies »ach der Hofetiquette einem Anderen zukomme. Außer dem Kompetmz»Einwande war«, wie uns geschrieben.' wird, für den Beschluß der elsaß-lothringischen Reichs- tagSrchgeord«eten'»Dch Gründe polttisch-materieller Natur maß» gebend. Zunächst erachtete man es nicht für angängig, eine Köllerfurcht zur Schau zu trag«. Weiter trug man Bedenk«. Herrn von Köller in contumaciam zu verurtheilen unb hielt eSi für gerathen, eine abwartende Stellung einzunehmen, bis miß­liebige Regierungsakte des zukünftigen reichsländifchm Staats­sekretärs vorliegen würden. Auch ber für die elsaß-lothringische« Verhältnisse bezeichnende Pessimismus, daß eine solche De­monstration doch nichts helfe, sowie daß man erst vom Regm in die Traufe kommen müsse, ehe eine durchgreifende Besserung der reichsländifchm Zustände erfolge, mag für die Entschließung des einen oder anderen der Devutis beflimmmd gewesen fein. Did ursprünglich beabsichtigte Entsendung einer Deputation, die iw Berlin an maßgebender Stelle vorstellig werden sollte, wäre zweifellos eine ungewöhnliche Maßnahme. Seit 1871 ist eiw ähulicherVorgang in Elsaß-Lothringen nicht mehr zu verzeichnen. Aber eine außergewöhnliche Situation würde ein solches Vor­gehen wohl rechtfertigen. Es stände dm parlamentarisch« Ver­tretern Elsaß-LolhringenS wohl an, in Berlin authentischer Weise klar zu stellen, daß man in Elsaß-Lothringen von der Wiederkehr! des Herrn von Köller nichts miss« mag. Gewiß ist die Er» uennung des Staatssekretärs eine Sache der Krone, das hindert' aber nicht, daß die vom Volk gewählt« Abgeordneten inBerli» die Wünsche ihrer Wähl« mündlich und gründlich vortragen.;

klatscht be« Stegen mtb btinn« im Saale ertönt bie »Washington 'Post' unermüdlich, la, la, la... Jetauzt muß »erb«.....

Friedrichstraße, Ecke Französische.

.Neuestes Witzblatt, Pikanterie«, meine Herr«, man blos einen Iroschen, hochinteressant, so lauge Borrath reicht!*

Der Alt- hat sich fast heiser geschrieen, und gleichgiltig fluthet ber riesige Menschenstrom, ber fich hier des Nachts zwischen 11 «nb 12 Uhr durch die Hauptverkehrsader Berlins ergießt, an ihm vorüber. Kein Men ich achtet seiner unb seiner Pikanterie«, mtb e« schreit «nermüdlich wie ein Phonograph, ben man eben aufge­zogen hat. Ein Meer elektrischen Lichtes fluthet hernieder auf bie silbernen Haare deS Alte«, auf die eleganten Herren, bie hier zwischen Linden und Leipziger des Nachts auf. und abflaniren, auf die geputzten Dämchen, der« Gesicht für die Fülle des Lichtes ein wenig zu sehr qeschmintt ist.

»Pikanterie«, Pikanterien", schreit der Alte immer aufs neue, mit immer heiserer werdender Stimme.

Eine auffallende Gestalt, im hell«, eleganten Kleide» Weiße Schuhe an den Füßen, am Arme eines Gigerl mit hohem steifem Krage« will eben a« ihm vorüberhusche», der Alte sieht sie flehmt- lich an, seine Lippe« bewegen fich »Pikanterien*.... Der Elegant

zieht da« Dämchen Wetter....

.Nur »ich so jeschwolleu mit dm hohe» Kragen , sagt da der Alte, ,mau muß ooch noch ee»eu in der Lad e habe», der eene thuts man »ich... .*

Das Dämchen flüstert: »Joit, Oskar, koof ihm eene ab/ ...

Oskar langt in die Tasche und gibt bem Alten einen Groschen und das Dämchen flüstert: »Baier, man zu Hause Mutter uuescht plapper«... /

Der Alte schüttelt den weiße« Kopf.;.. Samt be« Groschen eiusteckeud zu »en« Passant«: »Pikanterie«, Pikanterien 1 ...* Bei Aosth und Eo.

.Abendblatt, Abendblatt!' . ..WieeinJagdhuud kommt ein« gerannt, als ob die Verbündet« ganz China in bie Lust gesprengt hätte«... Ei« paar Dutzend Hände lang« nach fein« Seitmigra, im Handumdrehen hat er den ganzen Pack der- kaust und schmun^lnd berechnet et; daß er, der flinkste Camelot der ganz« Reichshauptstadt, mm im Handumdrehen dreißig Pfennige verdimt hat... Er hat sie fich sauer werd« lassen, die dreißig Pfennige... Von der Jerusalemer ging es tat Galopp »ach der nächst« Trambahn, einen Nickel von gestern geopfert, das jehört mit zu den JeschSftsspesen, und dann im Trabe über ben Potsdamer und wirklich, er war der Erste. Seine Blätter find alle... Da komm« die Anderen, ben« ber Nickel zu schade war ... die zu Fuß gegangen find... die habe« nun das Nachsehen ... er schmunzelt... Aber der wohlbeleibte Kellner schmunzelt auch... Vierzig Pfennige in einer Sekunde, er hat diesmal den Rekord... er hat dem Camelot daS erste Blatt aus den HSnd« gerissen, und ber Herr in der Ecke, ber jeden Abend das Kursblatt zuerst baten muß. hat ihm heute aus Verseh« und in ber Eile einen Fünfter Triukgrtd gegebn ... er hals bequemer al8 der Camelot... ja...

»Abendblatt, Abendblatt !* schreitS nun draußen aus alten Ecken auf ter Straße... der Chor Derer, die irn Leb« immer z u spät komme«.

Kleines Feuilleton.

Frankfurt, 29. Juli.

of.Ha, das Gold ist«urChimäre!') Aus Paris wird berichtet: Ser Gri de Paris erzählt folgende Geschichte: Unter den Souveränen und sonstigen Fürsten Nordeuropas wird gegenwärtig für die W i 11 w e eines mediatifirten Fürsten gesammelt, de« nur Schulten hinterlassen hatte. De« König von Sachse« nahm fich be« armen Fürstin an unb setzte fich mit 20,000 Mark an bie Spitze ber Subscripiionsliste. De« sächsische Gesandte in Wie« setzte die Sammlung mit großem Erfolge fort unbkam auch z« dem Herzog von Cumberland «ach Penzing. Set Herzog hörte den Gesandten an, zeigte fich tief erschüttert von bem Unglück ber Fürstin, eitle zu seiner Kassette und überreichte bem Gesandten zwei 8 Gulden-Goldstücke. Der Gesandte konnte seine Peinliche Ueberraschung nicht verbergen unb ber Herzog, bieS wahrnehmeud, zeigte fich recht ungehalten, als ber Gesandte fich der Thatsache erinnerte, daß der Herzog nie selbst seine Ausgaben bestreitet unb überhaupt ben Werth des Geldes nicht kennt. Mit Rücksicht darauf glaubte be« Gesandte bem Herzog Aufklärungen über bie Kaufkraft ber 16 Goldgulden geben zu dürfen, worauf der Herzog seist Versehe« entschuldigte und 15,000 Gulden zeichnete.

» sGegen die Alpenrosen.) Ma« schreibt uns aus bet Schweiz: Edelweiß und Aipemose sind es vornehmlich, um berettoiUen ber Rus erhoben wirb: »Schutz de« Alpen» Pflanzen 1* Ueber bie Schutzbedürstigkeit ber Alpenrose indeß find Diejenigen, bie auf ben Alpmatten lieber einen schönen GraswuchS zur Viehweide als einen Alpenrose« »Teppich sehe«, anderer Meinung, unb man kann oft aus ihrem Munde Urtheile hören wie: Die Alpenrose sei das reinste Unkraut. In einem Blatte des St. Galier Oberlandes, dem »Sarg aase«, tauber*, wird dieser Ansicht offen Ausdruck gegeben. »Diese Alpenpflanze*, so heißt es dort von de« Alpenrose, »ist so massenhaft verbreitet, daß an ein Zurückgehen kaum gedacht werben kann. Eine Alpenrose gilt vielmehr als Schmarotzerpflanze und in den meisten Alpen würbe man es gerne sehen, wenn man sie auf ein tescheibeneS Plätzchen rebuziren könnte. Die schönsten Alven würben werthlos, wenn diesem Schmarotzer nicht von Zeit zu Zeit mit gründlicher Auslegung aus den Leib gerückt würbe. Hmgegen mit voller Ueberzeugung : »Schützet das Edelweiß!'

r sMn Mond-Regendogen.j Aus E b e r n bei Bamberg wird uns geschrieben: Am 26. Juli Nachts 10 Uhr beobachtete ich bei Ebern einen sogenannten Mond-Regenbogen; er unterschied fich von einem gewöhnlichen Regenbogen nur dadurch, daß seine Farbe lediglich ans einem lichten Weißgrau bestand. Der Himmel innerhalb des Bogens war helle« als außer­halb desselben, wodurch be« äußere Rand des Bogens schärfer begrenzt erschien. De« Bionb, ber am 24. L Mts. in daS erste Viertel getreten war, staub an bem völlig klare« Himmel, nachdem kurz vorher ein Gewitter mit Regen niedergegangen war. Die eigenartige Erscheinung dauerte fast eine halte Stunde.

---- jDer nette Edison-Accnmnlator.s Die Chemiker. Zeitung berichtet »ach Electrical World and Engineers über tet wwu Akkumulator Edisons; Die positive Platte

besteht aus einem Nickelperoxyd von der FormelöstOa, bie negattae aus schwammigem Eiseu. Beite werten i« besonderer Weik» hergestellt. Der Elektrolyt ist eine Lösung mit 1040, am besten 20 Gew.-Proz. Kaliumhydroxyd, bie bei30° 6. gefriert. DieanfL»« litte Entlade-Spannung ist 1,5 V., bie aber halb auf bie mittlere Spannung von 1,1 V. herabgeht. Die normale Strornu dichte bei ber Entlabung ist 0,93 A. auf Iqdm. Die C apaci tüt beträgt 30,85 W.rStb. auf 1 kg Sammlergewicht, so daß 32,4kg auf die Kilowattstunde zu rechnen find. Die normale Entlade- Periode ist 3)4 Std., die Latezett etenso groß. Ob Edif oM seine beabsichtigten Zwecke, große Danerhaftigkett mtb CapacttA»' -. Möglichkeit einer raschen Ladung und Entladung, llnempsindlrch- keit gegen mmchsame Behandlung und BMgkett erreich! hahi muß dahingestellt bleiben. ,

= (Karlsruher Architektur.) Man schreibt uuS auS Karlsruhe vom 26. Juli: DaS Bild unserer Hauptstraßo istabermals um ein Bauwerk von eigenartigstem künstleri­schem Reiz unb Leben bereichert Worten: eS ist beä von Architekt Hermann Billiug in Karlsruhe ge­schaffene Neubau ber Ströwe'scheu Hofapockheke^ ber biefer Tage vollendet und feiner Bestimmung über­gebne morten ist. WaS biefen Bau als künstlerische Leistung fo- tebeutenb über bas -allgemeine Niveau heutiger DurchschntttS» architektur htaaushebl und ihn ben hervorragendsten Werte« be«! in den letzten Jahre« an interessanten Schöpfungen so reichem Privatbauthättgkeit unserer Stabt alS ein echtes Kunstwerk an­reibt, bas ist auch hier ber starke persönliche Geist, der e® versteht, dem Stein Seele einzuhauchen. Ein solche» Werk lebt und spricht zu «ns. Es ist ein Schaffe« ans dem Volle« und au» bem Inner« heraus, ei« persönliches Durchdring« und schöpferi­sches Verarbeiten ber z« Grunde gelegten historisch« Forme», kein trockenes und theoretisches Abschreiben. Dabei ist eine imposante Wirkung mit verhälinißmäßig einfachen Mitteln erreicht Word«; eine eigentliche Verschwendung mit Raum «ul» Material war nicht gestattet. Die Details mög« da und dort Anlaß zur Kritik geb«: sie drängen sich aber nicht auf und störe» ben Gesammt eindruck in keiner Weife ausgezeichnet find übri­gens die beiden groß und frisch stillsirte« und vortrefflich au$ ihrer dekorativ« Funktion entwickelten Konsotenfigur«, die Bildhauer Professor D i e t s ch e modellirt hat. Diese Einfachheit und künstlerische Beschränkung ist eine der wesentlichste« Errungenschaften deS modern« Kunstempfindens. Wir schätzen heutzutage an einem Kunstwerk, welcher Art es fei, nichts höher, als Klarheit und Schlichtheit. Wir wollen Ge­danken, keine Phrasen mehr. Der dekorative Schnörkel hat abgewirthschaftet. Gerade dieser Einfachheit verdankt der Bil- liug'jche tzieubau sein« wahrhaft monumentalen Charakter. Wenn man damit vergleicht, was bei den groß« unb für uns« Künstlerleben noch in ganz andermMaße wichtig« Staats­bauten in letzter Zeit tünstlerisch geleistet wird, so sann man ein Gefühl des tiefsten Bedauerns darüber nicht unterdrück«, daß die staatlichen Anfttä^.e nach altem Brauch noch immer als eine Domäne ber großherzoglichen Baudirektiou betrachtet werten. WaS gescheh« ist, ist geschehen. Daß Millionen ausgegebe« würd«, die für bie künstlerische Entwicklung unserer Archttektu. so gut wie verloren sind, ist nicht mehr gutzumachen.. Es fragt