Sonntag, 14. Oktober 1928

Erstes Morgenblatt der Frankfurter Zeitung

Numurer 770 Seite 2

Deutschland und auch von dem Völkerbünde die größte Aus- merksamkcit.

In England muß es aber klar verstanden werden, daß ebensowenig wie eine gewaltsame Aneignung eine Ersitzung (im juristischen Sinne) Deutsch-Ostafrikas als britische Kolo­nie möglich ist. Deutschland als Mitglied des Völker­bundes, trotzdem es im Friedensvertrag auf seine Kolonien verzichten mußte, hat das Recht, die Innehaltung der Sta­tuten des Völkerbundes auch von England zu verlangen. Diese? Recht hätte Deutschland auch, wenn es sich nicht um seine früheren Kolonien handeln würde.

Lansing hat schon frühzeitig den Verdacht ausgesprochen, daß das Mandatsshstem von den jetzigen Mandatar^aaten deshalb angenommen worden ist, um eine imperialistische Ex­pansion zu erreichen, ohne daß der Gegenwert dieser Kolonien, der nach den Ausführungen Ormsby-Gores in dem East

Taganyika, trotzdem es nur Mandatsgebiet ist, in dies neue britische Dominion einbezogen wird, erachtet man als selbst-

Parls, 13. Okt. (United Preß.) Der Ozeanflieger Chamber- lin, der mit einem Flugzeug zum Besuch der Jla nach Berlin kommen will, ist heute vormittag 11.25 Uhr M. E. Z. vom Flug­platz Le Bour^et über Köln nach Berlin aufgestiegen. In seiner Begleitung befinden sich seine Gattin sowie vier andere Paffagiere.

Die Tagrmg der deutschen OmzeLhanÄrLsgememschafL (Privattelegramm der „Frankfurter Zeitung".)

Africa Report ja ein außerordentlich hoher sein must, Deutsch­land auf Reparationskonto gutgeschrieben wurde.

Mit Gewalt aber oder auf Umwegen, die scheinbar den Vorschriften des VölkerbundSslatuts und des Mandats ent­sprechen, wird England sein Ziel, Deutsch-Ostafrika „british for ever" zu machen, kaum erreichen. Juristisch« Spitzfindig­keiten oder Gewalt anstatt Recht dürften heute kaum noch zu dauernder Regelung strittiger Fragen geeignet sein.

Die in Ostafrika von der Konservativen Partei verfolgte Politik der Gewalt, des bewußten Hinwegsehens über feierlich übernommene Verpflichtungen kann vielleicht für England zu einem lokalen Erfolg in Deutsch-Ostafrtka führen, wird dann aber in vielen anderen Beziehungen schädliche Folgen haben.

England muß seine Haltung in kolonialen Fragen revi­dieren; vielleicht entschließt eS sich zunächst dazu, die Giraffe auf den Briefmarken Deutsch-Ostafrikas wieder erscheinen zu lassen — in Deutschland würde man freudig die Giraffe als Friedenstaube ansehen.

verständlich, irgendein« Begründung für di« Berechtigung hierzu zu geben, für völlig überflüssig.

Die von diesen Territorien im August 1927 zur „Ostafci- kanischen inoffiziellen Konferenz" Delegierten der einzelnen Territorien kamen unter dein Vorsitz von Lord Delamere zu dem Beschluß, zuerst den Zusammenschluß der nördlichen Territorien (Kenya, Uganda, Tanganyika) ins Auge zu faffen. Tanganyika war auf dieser Konferenz nur durch briti­sche Delegierte vertreten, da ja auch der für Tanganyika ein­gesetzte „Gesetzgebende Rat" nur aus Briten besieht; darauf, daß die Mehrheit der weißen Farmer in Tanganyika deutsch ist, wurde ebensowenig Rücksicht genommen wie aus die Frage, ob rechtlich der Vormund das Vermundschaftsgut mit seinem Gut verbinden darf.

Es handelt sich aber auch hier nicht um private Pläne Lord Telameres. Wie die Unterhausdebatte vom 8. Februar 1928 ergibt, steht das Britische Kabinett hinter ihm und das Parlament scheint sie in seiner konservativen Majorität durch­aus zu billigen.

Im Juli 1927 beschloß das englische Unterhaus, «ine Kommission nach Afrika zu entsenden, deren Ausgabe in einer Regierungsvorlage umschrieben ist:

„Vorschläge zu machen, ob, sei es durch Zusammenschluß zu einem Staatenbund (federation) oder eine andere Form engerer Vereinigung (closer union), eine engere Zusammen­arbeit zwischen den verschiedenen Regierungen in Zentral- und Ost-Afrika gesichert werden könne,........."

Die englische Presse drückte sich aber nicht so vorsichtig in der Beschreibung der Ziel« dieser Kommission aus, ebenso­wenig legten sich di« hinter dieser Regierungsvorlage stehen­den Persönlichkeiten Zurückhaltung auf; die „Times" vom 10. August 1927 erklärt in einem „An East African

Dominion* betitelten Artikel ganz offen, daß Schaffung

eines neuen Domimums das Ideal einer Föderation sei;

Lord Delamere spricht in seiner Rede auf der Ostafrikanischen inoffiziellen Konferenz im August 1927 ganz offen aus:

„Die Zukunft Tanganyikas kann nur gesichert werden, wenn das Gebiet durch ein unzerreißbares Band mit den anderen englischen Staaten (British States) verbunden würde."

Anstatt Mandat also britische Kolonie!

Die eigentliche Unterhausdebatte über diese nur aus Kon­servativen bestehende Kommission, die im Sommer 1927 unter der Führung des konservativen Abgeordneten Sir Hilton Doung ausreiste, fand am 20. Februar 1928 statt. Die Opposi­tionsparteien waren sich, wie aus dem Protokoll über diese Sitzung hervorgeht, durchaus klar darüber, daß der Zweck der Entsendung dieser Kommission nur die Vorbereitung der Annexion Deutsch-Ostafrikas fein konnte; die Regierung und Regierungsparteien gaben sich kaum noch Mühe, dies zu ver­bergen.

Die Debatte ergab klar, daß die konservative Regierung bei ihrem Vorgehen von den Farmern in Kenya oder, um es noch präziser auszudrücken, von Lord Delamere getrieben ist, der däs Bestreben hat, solange die Konservative Partei am Ruder ist, durch die Regierung Deutsch-Ostafrika mit britischem Gebiet zu vereinigen. Der konservative Unterstaatssekretär für Kolonien, Ormsby-Gore, der die Entsendung der Kommission zu rechtfertigen versuchte, hat dabei offenbar vergessen, daß er selbst als Vorsitzender einer Ostaftika-Kommission, begleitet nicht von Konservativen, sondern von einem Liberalen und einem sozialdemokratischen Mitglied, zu ganz anderen Schluß­folgerungen gelangt war, als sie seiner Haltung in der Unter­hausdebatte vom 20. Februar 1928 entsprechen.

Diese Kommission hat im April 1925 dem Unterhaus ihren Bericht erstattet. Dieser Bericht sagt unumwunden, daß die Kommission in Ostafrika wenig oder gar keine Neigung für eine Föderation fand, viel eher in manchen Kreisen eine aus­gesprochene feindselige Haltung gegenüber dieser.

Wie mächtig ist in England der Einfluß einzelner Persön­lichkeiten, wenn auf Betreiben Lord Delameres trotzdem zwei Jahre später — unter dem gleichen Ormsby-Gore als Kolo- nial-UnterstaatSsekretär — die Regierung veranlaßt werden kann, eine nunmehr nur noch aus Konservativen bestehende Kommission zu entsenden, die prüfen soll, wie die von der ersten Ostafrika-Kommission abgelehnten Bestrebungen doch verwirklicht werden können!

Das Urteil, das die erste Kommission Mer den wirtschaft­lichen Wert Ostafrikas abgegeben hat, läßt die zähen Be­strebungen, aus dem Mandat eine Annexion zu machen, schon verstehen. Ter Bericht sagt: „Die unerschlossenen Reichtümer (potential rieh es) Ostafrikas beruhen in der Boden-Kultur. Es gibt dort ein ungeheures Gebiet von wundervollstem Land, hinreichend mit Wasser versorgt und geeignet, säst alle tropi­schen, subtropischen und in den gemäßigten Zonen gedeihenden Kulturen hervorzubringen. Großbritannien besitzt ein reiches unentwickeltes Erbe im tropischen Afrika. Aus ihm kann es bei weiser Kapitalsaufwendung erwarten, in immer wachsen­den Mengen Lieferungen derjenigen Rohmaterialien und Nahrungsmittel zu erlangen, für deren Bezug es jetzt so ab­hängig von fremden Ländern ist. Ostafrika bietet einzigartige Gelegenheiten für di« künftige Hervorbringung von Baum­wolle, Kaffee, Tabak, Erdnüssen, Sisal und Mais. In dem Maße, wie diese Produktion, sei es, daß die Europäer oder die Eingeborenen sich mit ihr befassen, mit der Schaffung von Verkehrserleichterungen wächst, wird Ostafrika auch eine wachsende Kauflraft für englische Fabrikate bleiben."

Bei diesen Ausführungen ist sich der Verfasser offenbar gar nicht mehr dessen bewußt gewesen, daß das Mandatsgebiet nicht im Interesse Englands, sondern uneigennützig verwaltet wer­den soll. Mandat ist keine „Erbschaft"!

Es ist zu befürchten, daß die Kommission, deren Bericht in den nächsten Wochen erwartet wird, Maßnahmen Vorschlägen

Wenn von diesen 59 Prozent, die zum größten Teil nicht die Berechtigung hätten, sich wirklich Kaufleute zu nennen, einige von der Bildfläche verschwänden, so fei dies naiurnoiwendig. Der gutgeführte Spezialbetrieb im Einzelhandel werde dagegen neben dem Warenhaus nach wie vor feine selbständige Existenzberechtigung haben und das Warenhaus aufs Beste ergänzen.

Das Schlußreferat des Vormittags, das von Dr. Tiburtius, dem gefchäftsführenden Vorstandsmitglied der Hauptgemeinschaft erstattet wurde, behandelte

die Stellung des Einzelhandels in Volkswirtschaft und Wirtschaftspolitik.

Der Vortrag, der sich durch bemerkenswerten Freimut und un- zünftlerische Vorurteilslosigkeit auszeichnete, darf auch außerhalb der eigentlichen Fachkreise starkes Interesse beanspruchen. Dr. Tiburtius schilderte zunächst bett Anteil des Einzelhandels am Konjunkturverlauf feit dem Herbst 1927. Die Verkaufspreise hätten feit dem letzten Herbst int Gesamtdurchfchnitt eine ziemliche Stetigkeit bewahrt, dieselbe vorsichtige Disposition habe auch die Lagerbildung des Einzelhandels gekennzeichnet. Wenn im letzten Jahre bis in den Sommer hinein die Umsätze wertmäßig gestiegen seien, so liege das nicht nur an einzelnen Preissteigerungen, son­dern auch an der wachsenden Kauflrast weiter Kreise der Bevölke­rung. Das Bemühen des Einzelhandels auf Steigerung seiner Wirtschaftlichkeit richte sich auf eine

planmäßige Verbesserung des Verhältnisses zwischen Unkosten und Umsatz.

Da im Einzelhandel die fixen Kosten zwischen 60 und 70 Prozent der Gesamtunkosten darstelllen, müsse in erster Linie dahin gewirkt werden, die personellen und betrieblichen Mittel des Einzelhandels starker auszunutzen, den Verkauf der Waren durch Betriebsdispo­sitionen in den verkaufsstillen Zeiten vorzubereiten und zu be­schleunigen. Der Einzelhandel wolle alle Möglichkeiten sachgemäßer Ausnutzung der gesetzlichen Arbeitszeiten anwenden, um für Ladeninhaber wie Angestellte innerhalb einer möglichst kurzen Zeit das Optimum an Leistungen zu erreichen. Der Einzelhandel habe gerade in der

Tarif- und SchlichtungsPolitik

in der letzten Zeit eine durchaus positive Stellung zu den For­derungen seiner Angestellten eingenommen und diese auch praktisch durch progressive Steigerung der Gehälter von den unteren zu den oberen Gehaltsstufen zum Ausdruck gebracht, an dieser positiven praktischen Sozialpolitik wolle er festhalten und sie auch auf anderen Gebieten, wie in der Lehrlingsfrage und in der Schulung des Verkaufspersonals zur Geltung bringen. Der Einzelhandel habe zwar mit einem hohen Anteil fixer Kosten zu rechnen, sei aber in der Lage, ihr Verhältnis zum Umsatz durch Steigerung des Wirkungsgrades feiner Arbeitsleistungen erheblich zu beein- K. In dieser Funktion des Betriebsführers liege im Gegen- i dem konstitutionellen Pessimismus, den Schmalenbach ent­wickele, ein ergiebiges Feld für die persönliche Betätigung des einzelnen Unternehmers. Die geschäftlichen Vorgänge im Einzel­handel stellten für Preiskartelle keine geeigneten Voraus­setzungen dar schon der Mangel an Homogenität der Ware stehe hier im Wege. Anders seien Versuche zur Beseitigung von Wett­bewerbsunsitten und zu Verständigungen über Form und Termin der Saisonverkäufe und ähnlicher Maßnahmen zu beurteilen, denen keine kartellmäßige Tendenz zu zwangsmäßiger monopolistischer Marktbeherrschung innewohne. Die Entwicklung der nächsten, Zeit werde noch schwere Auseinandersetzungen zwischen den Tendenzen einer freiwilligen Zwangswirtschaft im Zeichen von Kartellen unb Zünften auf ber einen Seite und einer freien Konkurrenz auf der anderen Seite hervorbringen. Die Konkurrenz zwischen den einzelnen Unternehmungen unb Betriebsformen beS Einzelhanbels, namentlich zwischen Waren­häusern unb Spezialgeschäften werbe in nächster Zeit durch bie Zunahme mancher moberner Hanbelsformen, wie ber Einheitspreisläben, an Schärfe gewinnen, der kleine unb mittlere Betrieb habe unter ber Führung seiner Ver­bände aber erklärt, daß die Gegensätze auf diesem Gebiet durchaus nicht in dem Maße weltanschaulich unb wirtschaftsethisch begründet seien, wie es ihnen eine politische Betrachtungsweise oft nahe zu legen suche, -sonbern baß es sich hierbei in starkem Maße um Unterschiebe ber Kalkulation zwischen Gemischt- warenbelrieben unb Spezialgeschäften handele. Neuere Zahlen, bie auch im statistischen Reichsamt anerkannt würben, ließen er­kennen, baß eine Uebersetzung bes Einzelhandels gegen 1907 burchaus nicht zu beweisen sei, baß Gruppen wie ber Lebens- mittelhanbel, sogar zahlenmäßig zurückgegangen seien. Zuge­nommen habe in erster Linie der Handel mit technischen Artikeln sowie mit Chemikalien und Tabakwaren, worin sich zum Teil auch ungesunde Auswirkungen bes Markenartikelwesens äußerten.

Berlin, 13. Okt. In der öffentlichen Mitgliederversamm- Ikmg der Hauptgemeinschaft des Deutschen Einzelhandels, die heute vormittag im ReichswirtschaftZrat begann, nahm zunächst Reichsernährungsminister Dietrich- Baden zu einer Begrüßungsansprache das Wort.

Er bemerkte, ber Einzelhandel sei immer noch ein kräftiger und leistungsfähiger Bestandteil des Mittelstandes. An Hand der Statistik fei ein abschließendes Urteil über bi« zahlenmäßig fest­stehende Vermehrung ber Einzelhänbler und der im Einzelhandel beschäftigten Personen noch nicht möglich. Auch die Tatsache, daß ber U m s a tz pro Verteilungsstelle 1926 kleiner gewesen sei als 1914, beweise noch nichts. Ti« Konkurrenz ber Kon­sumvereine falle trotz ihrer starken Entwicklung immer noch nicht stark ins Gewicht, weil auch sie nur bestehen könnten, wenn sie kausmännisch kalkulierten. Die vom Hanbel beanstandete Aktion zur Nationalisierung des Genossenschafts­wesens sei notwendig, vor allem im Interesse des land­wirtschaftlichen Absatzes, dessen Ausgestaltung heute die Kernfrage der landwirtschaftlichen Produktlou bilde. Es handle sich nicht darum, dem Einzelhandel Konkurrenz zu machen, sondern die Landwirte zu dem Zweck« in Genossenschaften zu- sammenzufafsen, damit sie Qualitätsware herstellten. Die katastrophale Lage ber Landwirtschaft sei nicht zuletzt dadurch ent­standen, baß ber Index für bas, was ber Lanbwirt kaufen müsse, viel stärker gestiegen sei als ber Eroßhanbelsibnex für bie Waren, bi« ber Lanbwirt absetze. Die ganz« deutsche Wirtschaft hab« In­teresse baran, baß bet größte Erwerbszweig, bie Lanbwirtschaft, nicht völlig verarme ober zugrunbegehe.

Nach Branchenvorträgen von Direktor Dr. Hering über die Lage des Einzelhandels mit Haus- und Küchen­geräten und des Herrn L e w e n t über di« Lage des deut­schen Möbelhandels sprach Alfred Tietz (Köln) über den

Einzelhandel in Form des Warenhauses.

Er teilt« interessante Vergleichszahlen über bie Umsätze in ben Jahren 1913 unb 1927 aus dem von ihm geleiteten Konzern mit. Es handelt sich hierbei um Betriebe, bei denen gegenüber 1913 keine größeren baulichen Veränderungen vorge­nommen und wo auch keine Strukturveränderungen ber örtlichen Wirtschaft sestzustellen sinb. In biesen Betrieben hat sich

der Umsatz im Jahre 1927 gegenüber 1913 fast genau verdoppelt, was bei einem allgemeinen GeldentwertungSindex von 50 Prozent eine mengenmäßige Steigerung um ein Drittel bebeutet. Im ein­zelnen ist bet Umsatz in Meterwaren (in Reichsmark) um 136 Prozent gestiegen, der Umsatz an fertiger Herrenwar« um 94 Prozent, ber an fertiger Damenware um 54 Prozent, ber an fer­tiger Dextilware um 119 Prozent. Bei Hausrat unb Möbeln beträgt bie Steigerung 85 Prozent, bei Schuhen 110 Prozent, bei Geschenkartikeln 64 Prozent, bei Lebensmitteln charakteristischcr- weise 233 Prozent. Der relative Rückgang bes Konsums an Ge­schenkartikeln unb Luruswarcn sowie an fertigen Damenwaren ist zugleich mit dem Anwachsen des Lebensmittelkonsums ein Gradmesser für di« Umschichtung ber Einkommen unb bie durch- schnittlich« Verarmung. Auch der Einfluß der Mod« macht sich hierbei natürlich geltend. Der Rückgang der Kaufkraft wird auch bei einem Vergleich des Wertes des einzelnen Kauf, bons im Jahre 1927 gegenüber 1913 sichtbar. In Dtark ist dieser Wert um 27 Prozent gestiegen, da aber ber Preis der Ware im Durchschnitt um 50 Prozent gestiegen ist, ist bie Kundschaft ge­zwungen, mangels ausreichender Einküfte um 15 Prozent geringer, wertige Waren zu kaufen als in ber Vorkriegszeit. Die Umsatz­steigerung von 100 Prozent ist baburch erzielt worben, daß bie Kiiuferzahl um etwa 50 Prozent gestiegen ist. Was bie

Entwicklung der Unkosten

betrifft, so sind über bas Normalmaß hinausgewachsen bie Aus­gaben für Sozialversicherung um 25 Prozent, bie für Reklame um 33 Prozent unb die für Steuern um 200 Prozent, d- h. bie Steuern betragen prozentual statt zwischen 1 unb 1.4 Prozent, heute 3 bis 4 Prozent vorn Umsatz. Diesen Umsatz selbst schätzte ber Vortragende für 1927 übereinstimmend mit Professor Hirsch für bie deutschen Warenhäuser auf etwa 1.6 Milliarben Reichsmark, für 1913 auf etwa 800 Millionen Reichsmark. Heute sei bie

Macht der Warenhauskonzerne durch Ausbau der alten Betriebe und durch Fusionen park angewachsen,

neue Unternehmungen feien aber nur in verschwindend kleinem Umfange hinzugetreten. Der Zuwachs an neuen Unternehmungen entspreche auch nicht annähernd dem Zuwachs der Detailbetriebe. Nach ber Zählung von 1925 seien die Einzel- handelsbetriebe gegenüber der Vorkriegszeit um rund 59 Prozent gestiegen. Der

Hanptkonkurrent des deutschen Einzelhandels sei die ungesund große Anzahl von Dctailbetrieben,

bie in der Nachkriegszeit wie Pilze aus der Erde geschossen seien, nicht aber, wie ost fälschlich behauptet werde, das böse Warenhaus.

zu diesem Dominion zusammengeschlossen werden Daß dabei | will, die für alle Zeiten England diese Reichtümer sichern Taganyika, trotzdem «s nur Mandatsgebiet ist, in dies neue sollen. Der Bericht dieser Kommission verdient daher in

Iwristentag und Kartell arrfficht.

Mas w-Ute der Keschlrch?

An di« Redaktion der „Frankfurter Zeitung".

Sie haben in Ihrem Leitartikel vom 5. Oktober zu den Beschlüssen des Deutschen Juristentages in der Kartellsrage Stellung genommen. Ihre dort geübte Kritik richtete sich auch dagegen, daß der Deutsche Juristentag das von ihm ange­nommene Prinzip der Staatsaufsicht über bie Kartelle selbst entwertet habe, indem er dem Reichswirtschafts- minister wohl das Recht zu unmittelbaren Eingriffen in das Kartellwesen eingeräumt, gleichzeitig aber auch ein Reichsverwaltungsgericht dazu berufen hab«, die Maßnahmen des Ministers einer Kontrolle zu unterwerfen und sie eventuell wieder aufzuheben. Sie sprechen di« Meinung aus, daß eine solche Kontrolle des Reichswirtschaftsministers feinen kartellpolitischen Maßnahmen gegenüber jede Staatsaufsicht auf dem Gebiete des Kartellwesens unfruchtbar machen müsse.

Ich gestatte mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß der Beschluß des Deutschen Juristentags nach dem Gange der Verhandlungen nicht so ausgelegt werden darf. Allerdings war ursprünglich der Versuch gemacht worden, ein« Aussicht des Gerichts über die Aussichtstätigkeit des Ministers einzuführen, und man ging sogar so weit, diese Aufsicht des Gerichts wiederum unter eine weitere Aufsicht einer Sach­verständigenkommission zu stellen, deren Gutachten für die Entscheidung des Gerichts bindend fein sollte. Indessen scheiterte dieser Versuch völlig, nachdem er in der Ver­sammlung auf nachdrücklichsten Widerstand gestoßen war. Die ursprünglichen Vorschläge wurden zurückgezogen und es kam der maßgebende Beschluß zustande, der die Maßnahmen des Ministers ausschließlich einer verwaltungsrecht­lichen, nicht aber auch einer kartellpolitischen Kontrolle unterwirft. Die verwaltungsrechtliche Kontrolle entspricht der rechtsstaatlichen Auffassung, wonach jeder staatliche Akt nur gültig sein soll, wenn er rechtmäßig ist. Die Frage der Zweck- in ä ß i g k e i t des staatlichen Aktes scheidet bei einer solchen Prüfung völlig aus. Ihre Beantwortung unterliegt aus­schließlich dem freien Ermessen des zur Vornahme des Staats­aktes berufenen Organs. Man denke z. B. an die VerbinL- licherklärung von Schiedssprüchen. Sie darf der Schlich­ter oder der Minister nur aussprechen, wenn die in ihnen getroffen« Regelung bei gerechter Abwägung der Interessen beider Teile der Billigkeit entspricht und ihre Durchführung aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen erforderlich ist. Jedes Gericht, das über einen einschlägigen Streitfall zu entscheiden hat, kann nachprüfen, ob die rechtsformellen Vor­aussetzungen für eine solche Verbindlicherklärung vorhan­den waren, es kann aber nicht nachprüfen, ob die Verbind- licherklärung sozialpolitisch gerechtfertigt war oder nicht. Denn diese Prüfling unterliegt allein dem Schlichter ober Minister. Dasselbe gilt für die kartellpolitischen Maßnahmen des Reichswirtschastsministers, wenn man sich auf ben Boden des Juristentag-Beschlusses stellt. Sie sind in ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung jeder richterlichen Nachprüfung völlig entzogen. Für diese Bedeutung besteht nur di« Ver­antwortlichkeit des Ministers dem Reichstag gegenüber. Die Richtigkeit dieser Auffassung, die vielleicht in dem Wortlaut des Beschlusses nicht mit der wünschenswerten Deutlichkeit hervortritt, wurde von dem Leiter der Abteilung, Herm Prof. Dr. Geiler, ausdtticklich unter Zustimmung des Referenten festgestellt, sodaß kein Zweifel daran möglich ist, daß die Aus­sicht des Ministers über die Kartelle nach den Beschlüssen des Juristentags kartellpolitisch eine völlig freie und keineswegs durch irgendwelche richterlichen Instanzen gebundene fein soll. Der Fortschritt, der in diesen Vorschlägen dem geltenden Recht gegenüber gemacht ist, ist unverkennbar. Nach den §§ 4 und 10 der Kartellverordnung muß der Reichswirtschafts­minister in wichtigen Fällen, in denen er einschreiten will, das Kartellgericht anrufen, damit dieses eine Entscheidung in seinem Sinne fällt. Nach den Beschlüssen des Deutschen Juristenbags fällt dieses inbirette Verfahren der Aussicht weg und der Minister kann unmittelbar, nur dem Reichstag verantwortlich, seine Maßnahmen treffen. Der Deutsche Juristentag hat deswegen nicht nur das Prinzip der Staats- aufl'cht anerkannt, sondern auch, soweit diese Seite feiner Beschlüsse in Frage kommt, verschärft.

Frankfurt a. M. u Pros. Dr. H. Sinzheimer.

Kola Groß ans der Haft entlasse«. ^Privattelegramm ber „Frankfurter Zeitung"^

Berlin, 13. Okt. Der vor etwa einem Monat in Wien ver­haftete tschechoslowakische Finanzmann Bela Groß, der nach Berlin auggeliefert worden War, ist heute mittag aus der Haft entlassen wordem

Die dentfch-palnksche« Besprechungen.

(Privattelegramm der „Frankfurter Zeitung'.)

Berlin, 13. Oft. Die Besprechungen der hiesigen Ressorts über die deutsch-polnischen Handelsvertrags frag en, um derentwillen der Delegationsführer Dr. Hermes nach Berlin gekommen war, dürsten im Lause dieses Tages abgeschlossen werben. Dr. Hermes wird voraussichtlich morgen wieder nach Warschau zurückkehren, so daß dort die Verhandlungen wieder ausgenommen werden können.

Schlichtnngsverhandlmrge« im M.-Gladbacher OertilbezlrK.

M.-Gladbach, 13. Okt. Der staatliche Schlichter in Rheydt hat nunmehr bie Vertreter ber Arbeitgeberverbände und ber Gewerschaften ber Textilinbustrie auf Dienstag, ben 16. Oktober zu Schlichtun gsverhanblungen eingelaben.

auf Griechisch; so waren wir bei ihm im Griechischen brin; möge ihn Zeus in seinen Schoß genommen haben!)

Karlsruhe ist eine antikische, eine humauiore Stabt, bie ein wahrhaftiges Forum besitzt, eine wahre Agora. Wie viele wissen ganz unb gar, baß eS sich lohnt, dies Forum zu entbecken, bas für bie Beredsamkeit eines Alten nicht zu schlecht wäre? Welch ein Gefüge ber Plätze unb Verbinbungen, ber Einzüge unb Aus­breitungen! Dieser Weinbrenner war ein Biebermeier, ber gigan­tisch buchte. Die mächtigen Säulenstellungen an seinem evange­lischen Turmtempel; unter ben schweren korinthischen Häuptern das Graphitgrau bes glatten Anstrichs; inwenbig gewichtige Säulenbasilika mit Galerien unb mit Grisaillen broben, bie auS- feljen wie Reliefs aus ber Antike bes Webgwoobstils; bie Einheit bes Sparsamen und des Vollkommenen, des Wuchtigen, Würdigen und Behaglichen: dies alles macht glücklich. Sehet aber den großen Geist des Baumeisters auch da, wo die groß« bauliche Darstellung kaum noch möglich war: an ber Rückseite, Turmseite, gegen bie schmale Gaffe hin! Ein t.taerer Aufriß ist mir auch in Italien nicht begegnet.

Die Stiegenhäuser des Rathauses, bes markgräflichen Palastes, der dem Rondell eingebogen ist, sind genaue und schwerwiegende Urkunden ber besten Klassik bes Empire: ideale Beispiele der klassi­zistischen Bedeutung in bet klassizistischen Enthaltsamkeit, in ber klassizistischen „Tugend"! Aber sie hätten bas Rathaus niemals abblättern sollen; bas Rathaus müßte grau gestrichen sein — grau wie ber Grunb auf einem Silbe bes Jacques-Louis Davib ober bes Eberhard Wächter. Unb baß man bie gräßlich nachgeborenen Portal- figuren fortnähme!

Man hätt« auch bie katholische Stabtkirche in ihrer vermalten Gestalt sollen stehn lassen, trotz bes guten roten Hausteins, aus bem sie gemacht ist. Karlsruhe muß grau sein, grau in Grau; bies ist ber Stil... Innen trägt bie katholische Kirche bie schönsten Kassetten unb Rosetten an einer ber ebelften klassizistischen Flach- kuppeln. Das Oberlicht ist angenehm; mit den schweren Säulen zusammen vollenbet cs ben Charakter bes Tempelhaften. Ein Pantheon in Karlsruhe; ein Runbtempel. Es ist eine merkwürdige Stadt. Wie heroisch bie Gebanken zumal ihrer zweiten Epoche, ber klassischen!

Ich mache begeistert bie Runbe ber Kirchen, ob es auch nur drei sind. Das evangelisch gemäßigte Barock ber „kleinen Kirche" an ber Kreuzstraße ruht tonlos unb ohne Tabel in seiner stillen Abseitigkeit. So begann bie Stabt; bies waren ihre Maße! Die

klassische Einfachheit der Häuser hinter dieser Kirche deutet schon größere Verhältnisse an. Der kleinen Kirche entsprechen die ein­stöckigen, allenfalls zweistöckigen Häuschen des Winkelquartiers, das der Karlsruher „das Dörfle" nennt. Nach so langer Entfer­nung begreife ich bie Verhältnisse; das Gefühl faßt sich im Be­griff — und dies darf wohl auch einmal sein, ohne Schaden für die Liebe.

Aber «8 sind ja vier Kirchen! Denn noch fehlt die Schloß­kirche. Von ber kleinen Kirche, in ber ich bie Christenlehre empfing, hinüber zur Schloßkirche; es ist nicht weit. Dort saß, als ich elf Jahre hatte, bie blutjunge blonbe Witwe, ber man durch ihren schwarzen Crepeschleier bis an bie blauen Augen sehen konnte, die vorn Weinen entzündet waren. Die Kirche ist nicht offen. Ich versuche das Schloßportal. Nun erst ist mir eingefallen, daß man dar Schloß betreten kann! Ich durchschreite den Abstand, vollziehe eine Revolution, als ein Täter, gegen das Kind in mir; es ist ein dunkler, mörderischer Augenblick. Der Thronsaal ber Groß­herzoge; ber golbene Stuhl, ben Napoleon geschenkt hat: es ist bas Märchen selbst unb ist zugleich bas Ende beS Märchens, burch mich, burch meine Schulb... Der alte Diener leitet mich fteund- lich in bie Kirchenloge ber „Herrschaften". Da stehe ich nun. Früher, mit vierzehn, wagte man kaum ben Blick hinaufzuheben Zum Bart bes Großherzogs, zu seinem etwas schiefen Kopf mit dem freunblichen Ausbruck, zum Manschettenaufschlag, ber feuerrot an ben himmelblauen Uniformärmeln lag. Jetzt aber stehe ich, Ivo er betete unb hörte, unb ich sehe hinaus in bi«5 besonnene Wcijje Rokoko und auf bie weinrotsamtenen Brüstungen, unb ich sehe hinab zu dem Altar, an bem ich, erstickend vor Angst, kniete, um bas erste Abenbmahl zu empfangen, fast unmittelbar nach ber tlonben Irma unb nach bet stolzen Hertha, bie schon ihren eigenen Wagen kutschiert«... Ich kann ben Sprung von 1895 bis 1928 nicht machen, nicht im Gefühl, nur im Verstand — er ist zu weit, ber Abstand ist zu unvermittelt, ich bin ein Kind.

Karlsruhe streift den Rhein; ich fahre an ben Rhein hinaus, in bie wässerigen Gründe, wo wir botanisierten, streunten, Kaul­quappen suchten. Da ist es lichtgrün, dicht-weißgrün; ba stehen Weiben unb Pappeln; ber heiße Wind kehrt bie Silberseiten nach oben. Da sinb Eichen; ich habe lange keine Eichen gesehen. Da sinb Sümpfe; in ben Altwassern liegen schwimmerhaft ausgespreizt, boch unbewegt bie Frösche massenhaft unter ber heizenben Sonne; bas Maiwajser ist laue Brühe. Sonne unb Altwasser, Weiben, Pappeln

unb Eichen unb ein versponnenes Himmelblau... Ich verlaufe mich; ber Weg führt an ein Altwasser, unb das Boot liegt drüben. Die Wege im Altwasserland des Rheins sind wirr; es ist wie ein verwachsenes Delta; es ist ein Dschungel. Gelbe Schwertlilien wild im Wald; gelbe Seerosen gedeihen in Fülle über ihren stillen, fauligen Waffergründen, unb ihr üppiges Wachstum ist eine infame Vollenbung. Endlich ein Wiesendamm. Die Frösche lärmen. Libellen fliegen ruckweise, schießen, bremsen, schießen wieder. Jetzt ber Rhein, ber georbnete, gefaßte Rhein; er hat ein breites, festes Strömen. Ein schwarzes, eisernes Schiff scheint englische Farben zu tragen; über ber linken Hälfte bes Stroms fliegt ein französischer Avion. Um 1895 ist bies nicht gewesen; ba gab es in Maxau ein­mal Torpeboboote, bie uns für bie Marine begeistern sollten. Ein­mal gab es auch einen Besuch des Kaisers auf dem Schloßplatz; wir mußten Spalier stehen, unb mir scheint, wir konnten ihn nicht leiben, beim er nahm sich anmaßend ans auf unserem Schloßplatz.

Ich habe noch allerlei gesehen, gesucht, gefunden: ben ungeheuren CrucifixuS bes Grünewalb; bas letzte ber klassischen Tore ber Stabt, bas Mühlburger Tor von 1820, besten Kleinheit ben großen Atem Weinbrenners, seinen großen Blick boch wunberbar verwahrt; bie Hebelhäuser; bie gewölbten Scheiben bet Hirschstraße; unsere heim­liche Kneipe; die kleinen und doch so großen, grauen Häuser ber Stephanienstraße, ber Karlstraße, bes Zirkels, ber Erbprinzen-, Ritter-, Herren- und Walbstraße, ber Walbstraße, in ber es immer nach Weißwein unb frischen Wasserwecken roch; bie schöne, oh, so schöne Münzstätte; bas fürstenbergische Palais, bas Ständehaus — Paläste, bie nichts sinb als zweistöckige Herrenhäuser von ber schlichtesten und wohltätigsten Provinzialgestalt. Im vornehmen Villenviertel bes Westens, nahe bem Harbtwalb mit den Schnaken, fand ich das Haus, in dem Mathilde wohnte: blaffen, ein wenig olivenen Teints, mit schwarzen Haaren unb beerenschwarzen Augen...

Aber zur Sache. Man hat noch lange gut gebaut in dieser Stabt. Das Polytechnikum, bas Theater, bie Silbergalerie, bet Friebrichs-Platz: lauter maßvoll«, gescheite, lauter saubere, sympa­thische, ins Verhältnis bes Ganzen gut gefügte Architektur. Der Friebrichs-Platz könnte in Brüssel sein, in ber vornehmen Ober­stabt, und würbe sich nicht übel ausnehmen.

Was habe ich noch gesucht und noch gefimben? Die Nymphen­gruppe im Park an der Kriegsstraße: bie Bronzefrauen, an deren Nacktheit ich auf langsame unb immer heftiger ängftigenbe Weise bie Frau begriff. Sie sinb wahre entblößt« Frauen ber achtziger

Jahre mit viel zeitgeschichtlicher Wirklichkeit unb Beziehung, von sicherer unb unbefangener Kunst geformt und vollkommen sinnlich; Makart.

Der Stabtgarten mit den berühmten Rosen hat sich gemacht, o ja! Ueberhaupt ist Karlsruhe eine Stadt, die ihre Zukunft zeichnet, draußen auf ben Gekänben, bie um ben Bahnhof liegen. Wegrückend von ihrem badischen Duodez-Roi-Soleil, wegrückend von seinem barocken Plan einer Sonnen- ober Strahlen- oder Fächerstabt, von biesem komischen unb reizenden unb trefflichen Plan, entwickelt bie Stadt schon heute bie Slnbeutungen einer künftigen City, beten Sinn bie Schienen sind. Man fühlt bie Perspektive, spürt ben Generalplan. Wohlan! Das Planen gehört zu dieser Stabt.

Ich nun, ich habe mit bem Kommenden nicht mehr viel zu tun. Ich geh« an bem Obelisken mit bem Greifen vorüber unb halte bei ber Pyramibe auf bem Forum, bei ber roten Pyramide aus Sandstein, die das Herz des Markgrafen-Gründers birgt, ein üppiges Herz, ein sündhaftes Herz, ein geiles Herz, und lese die Inschriften:

Markgraf Carl Wilhelm legte den ersten Grundstein zu seinem neuen Wohnsitz und dieser Stadt am 17. Juny 1715.

(Ich erschrecke: das Tagesdatum ist mein Geburtstag. Sodann:)

Hier wo Markgraf Carl einst im Schatten des Hardt- waldes Ruhe suchte und die Stadt sich erbaute die seinen Namen bewahrt auf der Stätte wo er die letzte Ruhe fand weiht ihm dies Denkmal das seine Asche um­schließt in dankbarer Erinnerung Ludwig Wilhelm August Großherzog 1823.

Pies war eine Landschaft, die den Namen kaum tragen konnte. Eben deshalb reizte sie den Sautrieb des barocken kleinen Pharaonen. So war man um 1700. Ans Wüsten Schlösser und Städte zaubern! Die Gegend begünstigte auch einen „Plan" in des Wortes unmittelbarstem Sinne: einen Grundriß auf der Fläche. Die Fläche War den Barocken teuer; sie liebten bie ebene Mathe­matik. Die Berge waren ben großen unb kleinen Pharaonen bes Barocks ohnehin verhaßt: Höhe zu fein War nur ben Potentaten und ben Schlössern erlaubt.

Ich stehe an ber Pyramibe und richte ben Blick an ber Achse des Forums hin. Ich gehe langsam, gehe — bis ich im Süden die ersten Vorhöhen des heimatlicheren Schwarzwaldes sich wunder­bar natürlich aufziehen und hinziehen sehe. ■