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linne’ö Krchche pir perlen;jlchtMg.
^ad) den Millionen-Erfolgen der rationellen Bewirtschaf, tuns ter Perlenbänke bei Ceylon im ersten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts, beginnt sich allgemeineres Interesse einem Geheimnis des achtzehnten wieder zuzuwenden. In einem Beitrage zur Frage der Perlbildung in Nr. 8 der „Allgemeinen Fischerei-Zeitung" 1811 erwähnte Dr. Walter Hein das Linnesche Rezept der künstlichen Perlerzeugung als verloren. Das ist nicht der Fall. Der ursprüngliche Wortlaut dürste noch im Privatbesitz der Erben des Gothenburger Kaufmanns Peter B a g g e sein, der im September 1762 das Geheimnis für 6000 Daler (etwa 10 000 Mark) dem Ge- neralarzt (Archiater) Karl Sinne abkaufte und am 7. September 1762 vom König Adolph Frederick ein Patent für Schweden erhielt zur alleinigen Verwertung des Verfahrens. Jedenfalls ließ der Enkel dieses Kaufmanns, Jakob P..Bagge, am 27. Februar 1822 jenes Patent erneuern. Auch -besitzt die Linnean Society in London in zwei Aktenbänden handschriftliche, besonders briefliche Materialien, die in der Sitzungsperiode 1904 auf 1905 dem damaligen Präsidenten dieser Gesellschaft, keinem anderen als dem Molluskenforscher und Liverpooler Profeffor W. A. H erd man, dem Retter und Schöpfer jener Ceylon-Perlen-Jndustrie, die Möglichkeit boten, zu bestimmten Schlüssen über die von Sinne vorgeschlagene u"d durch die Herstellung von mindestens neun tadellosen Unio-Perlen praktisch erprobte Methode zu gelangen.
. Danach wurden winzige Kalkkörnchen am Ende fernster, elastischer Silberdrähte befestigt. Mit ihrer Hilfe wurden sie durch ein kleines Loch der Schale in die lebende Muschel eingeführt und so befestigt, datz sie weder die Schalen von innen berührten, noch lebenswichtige Organe des Tieres allzusehr belästigten. Tas toeitere besorgte der Stoffwechsel der Muschel, der die Kalkkörnchen mit der ebenfalls ouS kohlensaurem Kalk bestehenden Perlmutter in vielen zarten Schichten überzog. Tie ,sc> entstandenen Perlen leiden nicht, wie die bekannten chinesischen Kunsterzeugnisse, daran, datz sie an den Schatenwanden hasten und, losgelöst, mehr oder weniger flache Formen zeigen. Sie enthalten auch nicht, wie man wohl gemeint hat, sichtliche Fremdkörper in ihrem Innern, da die Kaltkörnchen mit der verwandten Perlmutter sich innig assimi. lieren. Sie haben nur den Nachteil, daß sie von vorn herein gestielte Perlen sind, da es kein Mittel gibt, den Silbcrdraht zu entfernen, ohne datz die Perle beschädigt wird.
Entweder müpen solche Perlen ausgebohrt und deshalb zu Perlenichnüren verwandt werden, oder sie müssen, in Scbmuck- stücken, mit ihrem natürlichen Silberstiel befestigt werden. 'Einige solcher Perlen, auch Muschelschalen, mit denen Sinne Persuche gemacht hatte, sowie Manuskripte darüber, befinden .,.,Cd) in der von dem Londoner Sinneforscher Sir James E. Smith hinterlaffencn Sammlung. An ihn wandte sich im Lahre 1820 der Erbe des Patentes I. P. Bagge mit dem Vor
Deutscher Aeichstag.
(Trlegraphischer SprstaldienS der »^frankfurter Iritung.") Reu« Gebräuche in ber Geschäftsordnung. — Delbrück gegen di« Teilung seines RefsortS. — Sozialpolitisches. — Nachlese zur Generaldebatte. — Landwirtschaft u«d Rentnertum. — Die Elsaß • Lothringer und das Reich.
> r rpi ;.-t—-1.vr-.'TT; — e Berlin, 29. Februar.
Kaum hat die Beratung des Etats des Reichsamts des Innern begonnen, so stellen sich auch die dazu gehörigen Resolutionen ein. Es war immer üblich, mit der Beratung des Etats Anträge zu verbinden, in denen der Wunsch nach einer Aenderung der Gesetzgebung oder Verwaltung auf einem bestimmten Gebiete ausgesprochen wird, und kein Etat bietet der Initiative der Parteien soviel Spielraum, wie der des Reichsamts des Innern. Seit einigen Jahren ist es jedoch Brauch geworden — ein Brauch, mit dem man eher brechen sollte, als ihn zu befolgen — einen Teil der Initiativanträge in Etatsresolutionen umzuwandeln, um ihnen auf diese Weise einen Vorrang vor den Initiativanträgen zu sichern, die ja meist unerledigt bleiben. Zur Abstimmung kommen sie freilich meist, erst am Schluß der 3. Lesung, wenn Wochen und Monate seit der Beratung vergangen sind. Das ist auch eine der Unbegreiflichkeiten, mit denen eine Reform der Gesch äftsordnung aufräumen sollte.
Den Anfang mit der Umwandlung von Initiativanträgen in Resolutionen hat diesmal die Sozialdemokratie gemacht, und die anderen Parteien werden folgen. Aber was diese Resolutionen verlangen, erschöpft nicht entfernt das, was die Redner in der Debatte an allgemeinen Forderungen und Sonderwünschen vortragen. Es wird ' dabei in diesem Jahre mehr als in früheren der Versuch einer Arbeitsteilung innerhalb der Fraktion gemacht. Notgedrungen fügt sich der Staatssekretär Delbrück dieser Erscheinung, aber nicht ohne eine Verwahrung gegen den Verdacht, als ob er damit einer Teilun g des von ihm verwalteten Amtes, das Wort reden möchte, wie sie heute auch der Abg. Basserrnann wieder vorschlug, als er die Errichtung eines Reichszollamtes befürwortete.
Herr Delbrück ist ein Gegner s o l ch e r T e il un g, denn er beurteilt die Größe und den Umfang seiner Amtstätigkeit nicht nach der Masse der Anregungen und Forderungen, die alljährlich bei der Etatsbcratung an ihn herantreten, ihn aber zum Teil nichts angehen. Noch weniger aber hält er aus inneren Gründen eine Teilung seiner Tätigkeit für gut; denn alle die großen Fragen, die fein Ressort beschäftigen, vor allem die Sozialpolitik und die Wirtschaftspolitik, sind, wie er lehrreich auseinandersetzte, alle auf demselben Boden gewachsen und müssen daher auch einheitlich behandelt werden. Die Maschinen und der Großbetrieb haben unsere moderne Entwicklung mit all ihren guten und schlechten Begleiterscheinungen hervorgerufen, und wenn man ein neues Amt schafft, so mag der Ressortchef entlastet werden. Aber die Reibungen mehren sich und die Möglichkeit von Stockungen im Betriebe wird vergrößert. Dazu kommt, daß der Zusammenhang der Sozialpolitik mit anderen wirtschaftlichen Fragen die Sache nicht erschöpft, sondern daß mit diesen auch ethische Fragen von Bedeutung zusammenhängen, die keine Paiieifra- g e n sind, sondern das ganze Volk beschäftigen. Was verschafft denn dem jetzt in Berlin tagenden Frauen kongreß feine Bedeutung? Doch vor allem die Tatsache, daß hier auch sittliche Fragen mit Ernst behandelt werden, die die Tochter des Ministers ebenso interessieren wie die Tochter des Arbeiters,^ und bie, sich loslösen von Stand und Beruf. Wenn man diesen Zusammenhang überblickt, so entfällt ganz von selbst auch die Behauptung, daß die Sozialpolitik erst durch die Sozialdemokratie geschossen sei. Was auf diesem Gebiet erreicht ist, ist nicht das Ergebnis der Arbeit einer einzelnen Klasse, sondern des gesamten Volkes und seiner Ge- samtvertretung im Reichstage. Die Sozialdemokratie als die Vertreterin extremer Forderungen, die das Augenmaß für das Erreichbare völlig eingebüßt hat, hat nur Bedeutung a l s Ein treibendes Moment bei der Lösung wichtiger Zeitfragen. Aber die erste Lösung dieser sozialpolitischen Fragen ist doch von den Parteien gefunden und versucht worden, welche Gegner der Sozialdemokratie sind. Die bürgerlichen Parteien haben unter großen inneren Schwierigkeiten und Kämpfen mit ihren Wählern die Festigkeit und den Willen gehabt, das, was die Entwicklung fordert, zu geben, unter Umständen zu ihrem eigenen Schaden. Ihnen gebührt der Dank für die Erfolge der deutschen Sozialpolitik und mit ihnen den verbündeten Regierungen, die unbeirrt um Haß und Gunst sich für sie eingesetzt haben unter sorgsamer Scheidung des Erreichbaren von dem Unerreichbaren. Das müsse er
sagen, bekannte der Staatssekretär, und zwar, wie er gegenüber einem auf äußeren Zwang hinweisenden spöttischen Zuruf von sozialdemokratischer Seite hinzusetzte, weil es seine Pflicht sei, Zeugnis abzulegen für das, was er für richtig halte.
Diese Ausführungen, die der gestrige sozialdemokratische Redner dadurch heiausgefordert barte, daß er gleich zu Beginn seiner Ausführungen alles Verdienst um die Entwicklung der deutschen Sozialpolitik für die Sozialdemokratie in Anspruch nahm, sanden bei den bürgerlichen Parteien lebhaften Beifall. Sie hindern natürlich nicht, daß die einzelnen Redner aus dem Hause die sozialdemokratischen Ansprüche auch für sich zurückweisen.
Das tat auch der Abg. Bassermann, der, beim Etat des Innern, ist das ja möglich, in einer groß angelegten Rede die allgemeinen politischen Ausführungen nachzuholen suchte, die er dem Reichstage bei der ersten Lesung des Etats unter dem Eindruck der Vorkommnisse bei der Präsidentenwahl schuldig geblieben war.,Die Sozialpolitik ist eine Staatsnotwendigkeit geworden, von der sich keine Partei mehr ausschließen kann, mögen auch die Gesetze vielfach zum Tadel Anlaß geben. Was in der letzten Legislaturperiode erreicht worden ist, bedeutet auf alle Fälle einen Fortschritt, den man nicht verkleinern soll. Das gilt vom Vereinsg^setz, dessen Handhabung nur zu wünschen übrig läßt, weil der Reichskanzler sich nicht aufraffen kann, denen in die Parade zu fahren, die es zu Gunsten der konservativen Partei auszulegen suchen und dadurch die allgemeine Unzusricdenheit steigern. Das gilt von der Reichsversicherungsordnung, deren, Hauptmängel, die Nichtausdehnung "ber Altersgrenze für die invaliben Arbeiter unb bie Art ber Wöchnerinnenfürsorge, sobald als möglich beseitigt werden müßten. Das gilt endlich von der Privatbeamten - Versicherung. Die Not ber Zeit hat bie Einzelnen in allen Berufszweigen zu Organisationen zusammengeschlossen unb bamit ganz natürlich dem Rabikalismus im öffentlichen Leben Vorschub geleistet. Es ist Sache ber politischen Parteien, hier bie mittlere Linie zu ziehen. Auch bie Frauen müssen ihren Anteil am öfsentlichen Leben erhalten. Die Fürsorge für das Handwerk muß in der bisherigen Weise fortgesetzt, ein Privatbeamtenrecht geschaffen werden, wie überhaupt bie Beamtenfrage bie dringlichste ist, bie sich neben den 4% Millionen sozmlbemokratijch-r Stimmen aus ber Wahlbewegung heraushebt. Die Sozialdemokratie mit Gewalt nicberzuschlagen, wäre ein f r i v o l e § Spiel. Auch das Koalitionsrccht darf nicht angetastet werben, wenn man nicht bas Vertrauen ber Arbeiterschaft bauernb verlieren will. Die Industrialisierung macht immer mehr bie großen Städte zu einer Domäne der Sozialdemokratie, gegen die bie Minber- heiten nicht mehr aufkommen können. Hier muß die Pro - p o r t i o na l w a h l- zu Hilfe kommen."
Damit war Herr Bassermann bei der allgemeinen Gtatsbc batte angelangt unb konnte seine nächsten Ausführungen einer Rückschau auf bie Wahlbew egung wib- men. Wenn man sich im Volke über die neuen Steuern empört hat, so ist das nicht die Folge einer betriebsamen Agitation, sondern der Tatsache, daß man sich verletzt fühlte durch bie Ablehnung einer sozial gerechten Besitz steuer, unb die Regierung könnte keinen größeren Fehler begehen; ml» wenn sie bei ber Deckung neuer Wchrvorlagen auf eine solche Steuer verzichten wollte. Aber bie Steuern sind nicht bie alleinige Ursache ber Unzufriedenheit. Man will auch keine b u re a kr a tisch e Verwaltung, wie sie sich auf Schritt unb Tritt bemerkbar macht. Wer ber Unzufriedenheit über solche Zustänbe Ausbruck gibt, entwickelt sich nicht nach links, wie der Reichskanzler den Nationalliberalen voigswor- fen hat. _ Zeugt etwa die Stellung der Nationalliberalen zur Wirtschaftspolitik von einer Linksentwicklung? Kann man bei der Fortschrittlichen Volkspartei in Bezug auf bie Stellung zu Heeres- unb Marinesragen, zur Kolonialpolitik nicht eher von einer Rechtsentwicklung sprechen? Der Reichskanzler spricht von ber Sehnsucht des Volkes nach größeren Aufgaben. Aber wo sind sie? Die Negierung soll stark unb monarchisch sein, aber auch stark genug, um trotz starker Widerstände, wie sie in der Steuerpolitik bestehen, Reformen durchzusetzen und Vorurteile zu überwinden. Das ist auch der beste Weg, um ber -Sozialbemokratie Herr zu werben.
. Auch bei fortschrittliche Abgeordnete Doormann hielt sich für verpflichtet, der Verkleinerung entgegenzutreten, bie der sozialbemokratische Rebner Gesetzen, wie bie Reichsver- sicherungsorbnung, zuteil werben ließ. Er bekannte freimütig, daß feine Partei nur zögernd an die Sozialpolitik des staatlichen Zwanges herangetreten ist, aber eingesehen hat, daß sie sich geirrt hat. Sie wünscht mit dem Abgeordneten Bassermann einen stetigen, aber maßvollen Fortschritt auf diesem Gebiete, der mit dem Möglichen rechnet und
das Unerreichbare, wie es in vielen sozialdemokratischen p-or- berungen verkörpert ist, abweist. Und bamit kam der fortschrittliche Rebner auf einzelne Forderungen seiner Partei. Tas Koalitionsrecht muß ausgebaut und von fernen Auswüchsen befreit, die Tarifverträge gefördert werden. Das Handwerk hat sich trotz aller Schwierigkeiten neben der In- dustrie gehalten, und es bedarf bejonders künstlicher Mittel n'cht, um es weiter zu fördern.
Der Staatssekretär des Reichsamts des Innern läßt nach alter Gewohnheit die großen Parteien zu Worte kommen, ehe er selber sich äußert. Für ihn handelt es sich ]a darum, Anregungen entgegen zu nehmen und auf H-ragen -u antworten. Was er im allgemeinen zur Verteidigung der Sozialpolitik zu sagen hatte, ist bereits eben erwähnt worden. Er ergänzte es bann noch durch Ausführungen irn einzelnen. Wie kann man von einem Stillstanb der Sozialpolitik iprechen, nachbern erst vor wenigen Monaten bie Krankenversicherung ausgedehnt ist, die Anfänge einer Hinterbliebenenverpcherung geschaffen worden sind, nachdem das Privatbeamtengesetz verabschiedet worden ist unb ein Versuch zur Lösung ber H etm- arbeitsfrage gemacht ist. Die Ausführung dieses Gesetzes erfordert aber soviel Arbeit, daß es beim besten Willen unmöglich ist, jetzt schon mit neuen gesetzgeberischen Aufgaben vor den Reichstag zu treten, die wenigstens zur Zeit der Reichstag gar- nicht lösen könnte. Was auf dem Gebiete der ^ersicherung^- gefetzgebung noch aussteht, das ist die Versicherungder Feuerwehrleute, der Krankenpfleger und, der Lebensretter, eine Materie, die aber bereits zu einem Gesetzentwurf gediehen ist. Man ruft nach beii Arbeitslosen Versicherung, aber ine läßt sich besi er auf k o m- munalcm Wege lösen. Auch auf eine Aenberung ber Reichsversicherungsorbnung wird sich die Regierung jetzt nicht einlaffen. Das Gesetz soll sich erst einleben.
Dann zählte der Staatssekretär einzeln auf, was auf dem Wege der Verordnung zur Mehrung des Arbeiter- s ch u tz e s in der letzten Zeit geschehen ist. Bei vielen .Fvtra- gen handelt es sich um Forderungen, die einer einheitlichen Regelung widerstreben, und bei denen der Bundesrat nur a gemeine Normen für bie Ausführung im einzelnen auf) e en kann. Auf diesem Wege ist manches erreicht worden Auch d,e Wohnungsfrage entzieht sich einer reichsgesetzlichen Regelung, aber wenn die Bundesstaaten, die auf sie gesetzten. TT' nungen nicht erfüllen, wird bas Reich allerdings eine-osung versuchen müssen. Es wird sich da vor allem um die Regelung des Erbbaurechts handeln, ein Problem, des,en Schwierigkeit in der BeleihungSftage liegt. Aber es ist möglich, daß sie durch die Uebernahnie einer Zinsgarantie aus öffentlichen Mitteln überwunden wird. Nur soll man in bieser Beziehung vom Reiche allein nicht alles erwarten. An eine Aenderung der Bestimmungen über bie Koalitionsf r e i h e i t t er Arbeiter denkt bie Regierung nicht. Sie würde bei dem Wiber- streit ber Interessen vielleicht eher mit einer Beschränkung als mit einer Befreiung für beide Teile enben. ®aju rammt, daß die Judikatur des Reichsgerichts.über manche Schwierigkeiten allmählich hinweghilft. Tarifverträge halt der Staatssekretär nicht für ein Mittel, gewerbliche Streitigkeiten zu verhindern. Solange bie Kontrahenten auch nicht die unbeschränkte Rechtsfähigkeit besitzen, also auch mit ihrem Vermögen haftbar werden, hat die gesetzliche Regelung auch keinen ' Zweck?' Wir roärcn'rin gutes Stück weiter, wenn der Reichstag nicht bie Gelegenheit zur Regelung bei Rechtsfähigkeit bei Berufsvereine verpaßt hätte. Gesetzliche Einrichtungen zur Schlichtung von Streitigkeiten zwischen,Arbeitgebern und Arbeitnehmern hält ber Staatssekretär nicht für angebracht, solange nicht Veihandlungszwaiig unb barieit bes Urteils bestehen. Aber er will die freiwillige Bildung von Einigungsämtern gern fördern. Eines besonderen Gesetzes zum Schutz der Arbeitswilligen bedarf es nach der Meinung ber Regierung nicht. Es kommt in ber Praxis nur darauf an, daß der Uebeltäter auch gefaßt wird. Aber freilich, die Beeinträchtigung _ber persönlichen Freiheit durch bie großen Organisationen bars nicht anders behandelt werden, als ihre Einschränkung durch den Staat, und wenn die Entwicklung, wie sie sich herausgebildet hat, fortschreitet, so wird allerdings zu überlegen fein, ob die bestehenden Gesetze zum Schutze der persönlichen Freiheit gegen lieber- griffe des Staates auch ausreichen, gegen Ucbcrgtiffe durch die Organisationen, mag es sich nun um Arbeiter ober Arbeitgeber hanbeln.
Der freikonservative Abg. Frhr. v. G am p, ber nach bem Staatssekretär sprach, hielt bie Gelegenheit für günstig, um ein wenig scharf zu machen, unb zwar gegen den Reichskanzler, weil ber geäußert hat, baß bie Beamten sich einer Einmischung in bie Wahlen enthalten sollen. Nein, sie sollen für bie Politik bes Reiches eintreten unb in erster Linie bie Sozialdemokratie bekämpfen; denn dafür werden sie bezahlt. Herr v. Gamp tat sehr entrüstet, als
«r ob dieser wunderlichen Auffassung von den Pflichten eines Beamten mit zahlreichen Zwischenrufen von der Linken bedacht wurde, und er zog sich eine Rüge zu, als er mit verständlicher Anspielung auf die politische Parteistellung des amtierenden Herrn D o v e sich noch beschwerte,, daß der Präsident khn nicht wirksam gegen solche Zwischenrufe schütze. Dann regte sich in Herrn v. Gamp die besondere Art von Großgrundbesitzer, die imstande ist, Vergleiche zwischen Erträgen aus der Land- wirtschaft und guten Re n te n p a p i er e n zu ziehen. Es geht der Landwirtschaft nach seiner Behauptung nicht entfernt so gut, wie es bargestellt wirb, unb wer heute in der Zeit ber Rentengutsgesetzgebung noch vom Bauernlegen spricht, bei beweist nur, baß er nichts von ben Dingen versteht. Bei der Fortsührung der Sozialpolitik, wie sie in Anträgen auf Herabsetzung der Arbeitszeit zum Ausdruck kommt, gebietet die Rücksicht auf das konkurrierende Ausland Vorsicht. Durch die Sozialpolitik wird man auch der Sozialdemokratie nicht beikommen. Dazu bedarf es einer Bekämpfung des Terrors, also auch eines energischen Schutzes der Arbeitswilligen, weiter einer Seßhastmachung der Arbeiter und einer Kräftigung der Kleingewerbetreibenden. Mit einer Ermahnung an den Reichs- vankpräsidenten, in seinem Drängen nach Liquidität der Banken nicht locker zu lassen, schloß der reichsparteiliche Redner seine Aussührungen.
Den Reigen der heutigen Redner beschloß der elsässische Abg. Will, der die vom Grasen PosadowSky gestern getadelten Beschlüsse der Budgetkommission des elsaß - lothringischen Landtages in Bezug auf Gnadenfonds unb Dispositionsfonds bes Kaisers verteidigte unb bei Regierung ben Rat gab, bie Elsaß-Lothringer gut zu bebanbcln, wenn sie auch eine anbete politische Haltung 'bet- selben gegen bie Regieiung wünsche.
Dann wuibe bie SBeiteibciatung auf .Morgen veitagt.
Freiherr v. Soden gegen Professor Brentano. '
W München, 29. Febi. Prof. Lujo Brentano hielt gestern Abend auf Veranlassung der Münchnet VolkSwirtschast- lichen Gesellschaft unb des Sozialwissenschaftlichen Vereins der Münchner Universität einen Vortrag über „D a s ewige Problem der Arbeitswilligen". Als Gäste hatten sich auch Prinz Ludwig und ber neue Minister bes In- nein, Frhr. v. Soben, eingehmben. Brentano gab ein Bilb vom Wesen unb von ber Entwicklung bes Arbeitsvertrages. Der Gesetzgeber habe, als er bas Koalitionsverbot aushob, nur halbe Arbeit gemacht. Der Absatz 2 bes § 152 ber Gewerbeorbnung mache bie im Absatz 1 gewährleistete Koalitionsfreiheit unwirksam. Dieser Absatz Lsowie § 153 seien juristische Anomalien. Zum Schutz bei Arbeitswilligen reichten bie Bestimmungen des Reichsstrafgesetzbuchs völlig aus. Die Kreise, bie nach einem Sondergesetz schreien, seien bie- feiben, bie ben Schutz bei nationalen Aibeit fotbem, abei gleichzeitig durch den Import ausländischer Arbeitskräfte — sie verlangen sogar Einführung chinesischer Kulis — bie nationale Arbeit gefährden. Der Staat solle, wie er, Brentano, es seit 40 Jahren fordere, ben Kollektivarbeitsverträgen für alle Arbeiter eines Betriebes ober Angehörige eines Gewerbes zwingende Rechtskraft verleiben. Dann sei auf bem Gebiet des ÄrbeitsvertpaAeä-cine Rechsordnung üMpffen, bie baS wirtschaftliche Leben wirksam vor schweren Erschütterungen' bewahre.
In ber Diskussio n, bie stellenweise einen sehr "lebhaften Charakter annaljm, ergriff auch ber Minister bes Innern Frhr. v. Sob en bas Wort. Er geftanb, als Landin irb von ben Verhältnissen in Hanbel unb Gewerbe, bie ja auch nicht seinem Amtsressort unterständen, keine besonderen Kenntnisse zu besitzen. Er bedauere die Abwesenheit des Ministerpräsidenten v. Hertling, der auf diesen Gebieten besser berufen fei. Immerhin fühlte sich Herr v. Soden veranlaßt, Pros. Brentanos volkswirtschaftlichen Anschauungen im allgemeinen entgegenzutreten, weil sie sich auf Theorien aufbauten, bie mit ber Praxis bes Lebens nicht in Einklang zu bringen seien. Der Minister nahm bas Zentrum gegen bie Kritik, bie Brentano an ber wirtschaftspolitischen ’ Haltung dieser Partei geübt hatte, in Schutz unb vertrat ben Standpunkt des „Vereins für exakte Wirtschaftsforschung", der sich die Bekämpfung ber Brentanoschen Theorien zur Aufgabe macht. Die Ausführungen des Freiherrn v. Soden, bei denen die parteipolitische Abneigung des Ministers gegen Brentano nut' allzudeutlich zum Ausdruck kam, begegneten in der Versammlung offenkundigem Mißbehagen, bas sich auch teilweise in lebhaftem Widerspruch äußerte. Als aber Pros. Brentano ben Ministerpräsidenten v. Hertling in mancher Beziehung als einen wirtschaftspolitischen Gesinnungsgenossen und wissenschaftlichen Verteidiger gegenüber bem Minister bes Innern in Anspruch nahm, weckte er bamit allgemeine Heiterkeit, in die
schlage, ihm für 10 000 Mark noch einige genauere Anweisungen zu verschaffen. Er erhielt aber Von I. Smith die briefliche Antwort, daß dieser sich bei feiner Sinneforschung mir für „Perlen ber Wissenschaft" interessiere. Ebenso Vergeblich hatte Bagge um dieselbe Zeit das Patent der schwedischen Regierung zum Kaufe angeboten.
Bei diesen Gelegenheiten Verfaßte er ein noch Vorhandenes Schriftstück, laut dem fein Grohvater, anderweit beanfprucht, die Dokumente des Lmnefchen Geheimnisses verlegt hatte. Sie galten lange für verloren und erst er, der Enkel, habe sie beim Durchsuchen alter Papiere wieder aufgefunden.
Doch lieferte diese Erklärung sicherlich nicht die volle Lösung für die damals schon mehr als ein halbes Jahrhundert lange Verschollenheit des Linneschen Rezeptes. Wahrscheinlicher ist, datz eS anfänglich sehr bald enttäuschte, sei es wegen der erwähnten Eigenschaften der erzeugten Perlen, sei cS wegen der langen Zeit, die ihre Bildung beanspruchte. Tenn Sinne selbst gab in einem Briefe an Albrecht v. Haller die Grütze einer fünf bis sechs Jahre alten Perle mit der eines Wickensamens an. Sicher ist, datz er sein Geheimnis erst an den Kaufmann Bagge verkaufte, als fein, dem schwedischen Staate gemachtes Anerbieten, es gegen eine entsprechende Belohnung zum allgemeinen Besten zu veröffentlichen, nicht die erwartete Folge hatte. Zlvar wurde ein „Geheim-Komitee" ernannt, das am 27. Juli 1761 feine Vorschläge und die erzeugten neun Perlen entgegennahm. Diese wurden vom Kronjuwelier Berg genau untersucht und vollkommen gleich natürlichen Perlen gesunden. Das Komitee sprach dem Erfinder auch eine Belohnung von 12 000 ©ilberbaler (etwa 20 000 Mark) zu. Aber Sinne wurde von der Krone blotz geadelt, im gleichen Jahre 1761. Das Geheimnis feiner Erfindung wurde zum Geschäftsgeheimnis des Hauses Bagge, blieb es aber nicht.
An praktischem Werk hat es darum nicht gewonnen. Es besitzt nur ncch geschichtliche Bedeutung. Die Margarösis, welche die vollwertigen, rasch zu erheblicher Größe Heranwachsenden Perlen liefert, ist seitdem als eine durch Eingeweidewürmer, Verwandte des Bandwurmes bei indischen und australischen, Verwandte des SebercgelS bei europäischen Perlmuscheln, erkannt. Der biologische Versuch, Perlen zu erzeugen. wird sich in Zukunft auf der dadurch vorgezeichneten Linie bewegen. w. K.
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Kleines Feuilleton.
= LTte „letzte Grisette des Theaters".) Im neueften Heft der „Revue Bleue" veröffentlicht, wie wir dem „Neuen Wiener Tagblatt" entnehmen, Jules C l a r e t i c, der Direktor des Theatre Frangais, interessante Erinnerungen an Virginia De jazet, die genialste Soubrette in der Zeit detz zweiten Kaiserreiches, die noch als hohe Scchzigjährige das Publikum durch ihren Humor und Witz entzückte. Mit ihr ist, wie er sagt, (1875) nicht bloß eine große Künstlerin, sondern eine
. ganze Raffe gestorben: sie war die letzte „Grisette bes, Thea- tcrS". Ms ihr der jüngere Dumas die Marguerite ©autier - in seine „Kameliendame" zu spielen antrug, lehnte sie die Rolle mit den sie am besten kennzeichnenden Worten ab: „Diese Frau mißfällt mir, weil sie sich verkauft. Schreiben Sie mir die Rolle eines Weibes, das sich der f ch e n k t." Sie verschwendete ihr Sehen, aber sie konnte lieben.. Hinter dem schlüpfrigen Refrain, den sie sang, Verbargjid) häufig Wehmut. Tapfer hatte sie zu ihrer Devise den Satz gewählt:, „Gut handeln und die Leut« reden lassen." In Sille hatte! sich ein armer Orcheftermusiker aus Siebe zu ihr das Serben genommen. Als sie eS erfuhr, wurde sie ganz bleich und fagte wehmutig lächelnd: „Armer Kerl! Warum hat er denn nichts gesag-?" Und fo oft sie nach Sille kam, legte sie einen Blumenstrauß aus sein Grab. Aber sie war sehr viel besser als ihr Rus. Nicht der hundertste Teil von dem, ivas man ihr angedichtet bat, ist wahr. Sie war eine gute Frau und vor allem eine gute Mutter. AIS sie (1868) von der Seitnng des nach ihr benannten Theütre Dejazet zurücktrat, nm ihren Sohn darin schalten zn lassen, hatte dieser immerfort Zank mit den Zeitungen. Ta griff sie wiederholt vermittelnd ein, und die damals schon Siebzigjährige hatte noch immer Charme genug, um durch einen Besuch selbst die stacheligsten Gegner milde zu stimmen. Ihr persönlich stand aber jedes Reklame- bedürfnis ganz fern. Als sich ihr ein Schriftsteller dazu erbot, ihr als Sekretär bei der Abfassung von Memoiren zu menen, schrieb sie ihm: „Es wäre Torheit, eine Lebensgeschichte zu schreiben, die nur dann Erfolg hätte, wenn sie die Erwartungen des Pubjikums auf mehr oder weniger skandalöse Einzelheiten befriedigte. Aber mein Leben verlief sehr viel einfacher, als man glaubt; wenn ich es freimütig erzählte, böte es ntebra Merkwürdiges, denn ich habe nicht Laster genug um die Jieu- gier zu reizen, und auch nicht genug Tugenden, nm auf Bewunderung Anspruch zu erheben." Und in der Tat hat Virginia Dejazet keine Memoiren hinterlassen, ;o lia'cr man ans sie rechnen mochte, und Jules Claretie schöpft sein scstelndes Porträt der Künstlerin zum Teil ans der eigenen Erinnerung an sie, zum Teil aus ihren Briefen, die sie sehr fchön schrieb und deren er viele mitteilt. Wie sehr sie der Reklame auSwich, bezeugt u. a. ihr Bei halten beim Leichenbegängnis eines verunglückten Brunnenmachers, den sie mit ihrem eigenen kostbaren Mantel zudecken lietz, als er ans Tageslicht geholt worden war; sie nahm daran in strengstem ^nkcgnito teil, um nicht die Aufmerksamkeit des Volkes,auf ihre bekannte Ge- ftalt abzulenken. Von ihrem Humor, sagt Claretie, er hatte dem Sternes geglichen: auch der ihrige hätte die Trane im Wappen getragen.
r sAuöstettung alter Meister in-Wiesbaden.) Man schreibt uns aus Wiesbaden: Kunstliebhaber und Kenner finden im Kunstsalon Aktuaryus eine interessante Ausstellung, eine rheinische Privatsammlung alter Meister vlamischer uno holländischer Schule. Das wertvollste Gemälde ist van Dyas „Heilige Cäcilie", dies tounberjetne Bild, das erst vor zwei Jahren in einer alten Kirche in Wejtflandern zusammengerout
über der Orgel gefunden wurde. Der Meister hat die Heilige Batz spielend dargestellt, auf den feierlichen Ton der Musik lauschen in Andacht ein paar dralle Engel. Die Farben sind noch prächtig erhalten. Aus der Mitte des 16. Jahrhunderts stammt das wundervolle Porträt einer alten Dame in Schwarz von Du Jardin. Von den Porträts dieses Meisters — eS soll deren nur drei geben — ist dieses nach Prof. Bodes Bewertung das Beste. Himmlische Ruhe liegt über der Alten, deren Augen über die Bibel schauend schon den verklärten^ Blick überirdischer Seligkeit angenommen haben. Ruben» ist mit dem Bilde „La Madone" vertreten (Maria spritzt ihre Milch in den Mund des JesuSknaben) und mit einer Studie zweier Männerköpfe zu dem Bilde „Der ungläubige Thomas".s Die R e m b r a n d t sche Skizze eines Königs zu feiner „An- bctung" macht in ihrer Wirkung den Eindruck eines fertigen, Bildes, und vom Meister mit dem Papagei findet sich' das „Lesende Mädchen", meisterlich in seiner Feinheit des' Tones und der Klarheit der Farben. Von der zarten Manieri des Pieter Clas gibt sein „Nautilus" auf dem Stilleben Kunde, auf dessen schillernder Schale die damals bekannte' Welt eingeritzt erscheint. Als Seltenheit fei ein Bild des Rubens-Schülers van Herp „Fischerfamilie bei der Mahl- zeit" erwähnt (1604). An Rnysdaels Landschaften erinnert ein Acmarell von Kockkock, porzellanartig wirkt van der Wer s f s Schäferszene, und bei Rosa bi Tivolis belebter Tiergruppe zeigt sich bas Nachbunkeln ber Farbe so stark, datzi bie Wirkung zu schwinden droht. Lebensvolle Porträts von SB c I (1680), Lely („Nelly Gwinn"), Maas (1650), eine belebte Flutzlandschaft von Gohn, Wittes ftgurenreicheS Kircheninterieur (1607) und Teniers feines Genrebild «Die schlafende Köchin" (1610), ein Werk des bekannten Blu- mcnmalers Fijt (1609) vervollständigen die der Qualität noch ungemein hoch stehende Sammlung, bie 42 Nummern zahlt.
= >Ter „GevatterSman»"1 Ein Mitarbeiter schreibt uns: Von 1845 bis 1848 gab Berthold Auerbach, den wir in diesen Tagen feiern, einen „Neuen Kalender für Stabt» unb Landbürger, den ®eüatterSmann“ heraus. (Verlag von Fr. Guisch und Rupp in Karlsruhe.) Der „Rheinisch- Hausfreund" Johann Peter Hebels war Vorbild. Jndesfen gelang es Auerbach weder in ber Zusammenstellung und Gliederung des Gesamtinhaltes, bie Reichhaltigkeit unb Frische bet Hebelschen Schöpfungen zu erreichen, noch in ber Einzeldarstellung Ton und xxarbe der Volkssprache und -Schilderung mit ber Sicherheit zu treffen, mit welcher ber alemannische Dichter seine Stoffe meisterte. Immerhin, ber „Gevattersmann" — Gevatter stehen bedeutet: Pate fein, unb vom Paten, bem Gevattersmann, erwartet man neben feinen Eigenschaften als Pate, haß er allzeiten etwas Neues, Unterhaltsam es zu berichten toiffe — gehört zu ben guten Volkskalenbern, unb e$ verlohnt sich wohl in enter stillen Sesestunde ben einen ober anderen feiner vier Jahrgänge zu durchblättern. Da unb dort gibt Auerbach einer Anekdote ober Erzählung eine politische Färbung, inbem er auf die Geschehnisse uud baS Wünscheq

