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Anstakt znr MMrsrsZ

(Drahtberichte unseres Sonderberichterstatters für die Weltreise,

Letzter Kutz- rmd Parrrdsiag.

Cr-r Friedrichshafen, 31. Juli. Wieder liegt der großeZeppelin" in der viel zu engen Halle startbereit. Ich feiere Wiedersehen mit ihm. So ungefähr stand ich auch kurz nach der Landung in Cuers vor ihm. Nur war es damals etwas dunkler, und Eckener sauste um die Gondel herum, um nachzusehen, ob auch alles heil geblieben sei. Zehn Wochen sind inzwischen vergangen. Nun soll das Luftschiff zum ersten Male wieder in die Weite fahren. Heute, Mittwoch, ist letzter Putz- und Paradetag. Zuschauer dürfen nicht mehr in die Halle. Sie müssen bis Donnerstag oder Freitag früh warten. Dann werden sich die Tore öffnen, und das Luftschiff wird als Auftakt für die Weltfahrt nach Amerika fliegen. (An dieser Fahrt werde ich, da sie nur der Abholung der amerikanischen Gäste gilt, nicht tetlnehmen.) Es ist merkwürdig, wie schnell stch das Zu­gehörigkeitsgefühl zumZeppelin" einstellt. Man ist einmal mit­geflogen, hat das große Abenteuer von Cuers miterlebt, und nun ist man auf dem Gelände und in der Werft, in den Büros und auf den Treppen wie zu Hause. Da, an einer Tür, hängt ein Bild: Kapitän Flemming. Ich klopfe an, und da ist er auch schon. Ich frage ihn sofort nach der Weltfahrt. Denn sie ist ja das eigent­liche Ereignis, in dessen Schatten die jetzige kurze Amerikafahrt steht. Er erzählt zunächst von den Aenderungen, die am Graf Zeppelin" vorgenommen worden sind. Auf der letzten Amerikafahrk hätten wir auf dem Wasser nicht landen können, auch roenn es notwendig gewesen wäre. Jetzt ist eS mög­lich. Der große Gondelpuffer hat gewaltige Gummiluft­kissen erhalten, die aufgeblasen werden können, wenn das Luft­schiff auf das Wasser hinuntergehen muß. Sonst ist alles unver­ändert geblieben. Die Motoren haben bei den Probefahrten ihr Examen gut bestanden.

Welchen Weg wird mm die Wettfahrt nehmen?

Da das Luftschiff stets vom Wetter abhängig ist, so läßt sich, wie Kapitän Lehmann erklärt, eine genaue Route nicht an­nehmen. Daher ist es sowohl möglich, daß die Fahrt über das nörd­liche Deutschland geht, wie auch mit der Möglichkeit gerechnet werden muß, daß der Weg über Polen gewählt wird. Kann die Route über Warschau geflogen werden, so würde die Fahrt über Moskau an der Sibirischen Bahn entlang über Omsk, Irkutsk

desGraf Zeppelin".

Max Geisenheyner.)

durch die nördliche Mandschurei nach Wladiwostok gehen, sodann

über das taifunreiche japanische Meer nach Tokio. Das sind un­gefähr 10 500 Kilometer. Diese Strecke hofft.Eckener in 100 Stunden zu überfliegen. In Tokio wird es drei Tage Rast geben. Gas wird nachgefüllt werden, und die Passagiere werden nach vierein­halbtägiger Fahrt zum ersten Male wieder den Erdboden berühren.

Bon Tokio aus wird die lange Fahrt über den Stillen Ozean angetreten, die gleichfalls etwa 10000 Kilometer beträgt und unterwegs keinerlei Landungsmöglichkeit aufweist. Diese gibt es dafür in reichem Maße in Nordamerika.Graf Zeppelin" kann an der Küste sowohl in Los Angeles wie in der Marinestation San Diego niedergehen. Bon einer dieser beiden Stationen aus wird nach dreitägiger Pause die Fahrt quer über Nordamerika angetreten werden, die ohne Zweifel von ganz besonders groß­artigem Eindruck sein wird. Wird doch das Luftschiff über Mexiko, die Ausläufer der Rocky Mountains, über Oklahoma mit seinen Heliumgebicten, Tennessee, vielleicht auch über Kentucky nach Los Angeles fliegen. Unterwegs kann er sowohl in St. Louis oder im Fort Worth landen, wo stch Hallen resp. Ankermasten be­finden.

In Friedrichshafen wird fast nur noch von der Weltfahrt ge­sprochen. Jeder, der nicht mitführt, nimmt es als selbstverständlich an, daß die jetzige letzte Probefahrt nach Amerika und zurück nach Friedrichshafen glatt vonstatten gehen wird. Wir aber wollen ruhig bescheiden sein und sagen: wir hoffen. Denn die verantwort­lichen Männer von Friedrichshafen sagen auch nichts anderes.

Start Mr Amerikafahrt am IsrwsrstaS mach rmgswiß.

«-r Friedrichshafen, 31. Juli. 12.45 Uhr. Wie ich soeben höre, ist eS sehr wahrscheinlich, daß die Fahrt nach Amerika am Donnerstag früh noch nicht vorgenommen werden kann, da äußerst ungünstige Wettermeldungen von Irland her vorliegen. Die Wirbelstürme, deren Ausläufer sich bis nach Süddeutschland erstrecken, dürften es dem Luftschiff schwer machen, aus der Halle herauszukommen, die bekanntlich viel zu eng ist und demZeppelin" nur einen Spielraum von etwa 50 Zentimeter nach oben läßt. Sollten die Wettermeldungen am Spätnachmittag sich günstiger ge­stalten, so wird eventuell doch versucht werden, die Fahrt am Donnerstag früh oder vormittag anzutreten.

Das Kahmett Krimrd mrd die Kammer»

MshlmsA-mSs Uerrteatttlit derUadlkalsopaUstsir (Drahtmeldung unseres Korrespondenten.)

Paris, 31. Juli. Der Ministerrat, der zum ersten Male das neue Kabinett Briand unter dem Vorsitz des Präsidenten der Republik vereinigt hat, genehmigte den Wortlam der kurzen Regierungserklärung, die heute nachmittag in den beiden Häusern des Parlaments verlesen wird. Nach der Verlesung der Erklärung wird stch in der K a m m er die übliche Debatte ent­spinnen, die durch eine Abstimmung über die Vertrauensfrage ab- geschlosten werden muß. Ueber den Ausgang dieser Abstimmung sind nunmehr keine Zweifel mehr gestattet. Die Regierung wird die

erforderliche Mehrheit erhalten. Die radikalsozialistische Kammergruppe hat nämlich in der heute abgehaltenen Sitzung in Abänderung ihrer früheren Enffchließung den Entschluß gefaßt, sich bei der Abstimmung über die Vertrauensfrage der Stimme zu enthalten.

Die Entscheidung der Radikalsozialisten ist durch den Wunsch hervorgerufen, Herrn Briand am Vorabend der Regierungs­konferenz keine Schwierigkeiten zu bereiten- Gleichzeitig hat die Gruppe beschloßen, die von ihr eingebrachten Jnterpellations- gesuche zurückzuziehen. Das neue Kabinett kann also bei der heutigen Sitzung mit der wohlwollenden Neutralität der radikalsozialistischen Gruppe rechnen. Diese Neutralität sowie die bereits gestern zwischen der Regierung und der Finanzkommiffion vereinbarte Einigung über die Frage der Steuererleichterungen

macht es wahrscheinlich, daß die heutige Kammersitzung keinerlei Ueberraschungen bringen wird.

Man rechnet damit, daß die Regierung bei der entscheidenden Abstimmung etwa 300 Stimmen Mehrheit erhalten wird, wob^i gegen die Regierung 150 stimmen würden, während 125 Abge­ordnete sich voraussichtlich der Stimme enthalten dürften.

SrnsMottelle UerhafÄMS m Ksmns.

(Drahtmeldung unseres Korrespondenten.)

C? Kowno, 31. Juli. Wie ich aus zuverläsiiger Quelle erfahre, wurde am Samstag abend, als er sich in auffallender Weise eine längere Zeit in der Nähe des Ministerpräsidenten Woldemaras aushielt, ein höherer Beamter des Außenministeriums, Leiter der englischen Abteilung der Litauischen Telegraphenagentur, Karosa, verhaftet. Bei der daraufhin stattgefundenen Durchsuchung in seiner Wohnung wurden zahlreiche -Exemplare der Pletschkaitis- zeitungPirmyn" und anderes belastendes Material gefunden, was darauf schließen läßt, daß Karosa in engen Beziehungen zu den Pl e t s ch k a i t i st e n im Wilnagebiet stand. Es wurde bei ihm ferner ein Artikel gefunden, den er an die Redaktion desPirmyn" schicken wollte.

Die Verhaftung Karosas hat hier ungeheures Auffehen erregt, da Karosa bisher im Außenministerium als ein durchaus einwand­freier Beamter galt. Die Verhaftung Karosas soll wohl den Beweis dafür liefern, daß die sogenannte Pletschkaitis-Bewegung sichere Wurzel gefaßt hatte. Nach dem neuen Gesetz zur Bekämpfung der Pletschkaitisten drohe Karosa die Todesstrafe.

Die UrmMirn der Uolksdildmrg iw Mtßlmrd.

Von A. Amarlchavsk?,

Volkskommissar für Volksbildung der R. S. F. S. R.

G

Die Stunde der Irankfurter Zeitung

Programm für Donnerstag, den 1. August 1929,19.45 Uhr

zielen Fundierung des Bedarfes an Volksbildung gesprochen werden kann. Das wird indes erst nach der weiteren Er­starkung unserer Wirtschaft der Fall sein können.

Berlin, 31. Juli. (Wolff.) Der Herr Reichspräsident hat für die Opfer des Waldenburger Grubenunglücks als erste Hilfe einen Betrag von 6000 RMk. zur Verfügung gestellt.

KommmüMche Ausschreitungen in Kerajswo.

(Drahtmeldung unseres Korrespondenten.?

Belgrad, 31. Juli. Heute, 2 Uhr, haben, tote aus Sera- jewo berichtet wird, die kommunistischen Arbeiter der Staats­eisenbahnwerkstätte die Arbeit niedergelegt und die Werkstät­ten an gezündet. Durch den Brand wurden zwei Gebäude zerstört. In dem zwischen den Kommunisten und der Gendarmerie bei dieser Gelegenheit -entstandenen Konffikt wurden mehrere Ar­beiter verwundet. Ein Kommunist, der verdächtigt wurde, die Kommunisten verraten zu haben, wurde von seinen kommunisti-

Vor uns steht eine doppelte Aufgabe. Zunächst eine, bte auch vor einer bürgerlichen Revolution, etwa vor der Ne­gierung, die bis zum Ausbruch der Oktober-Revolution am Ruder war, stch erheben würde: es ist die Aufgabe der E u ro­st ä is i e r u n g. Lenin pflegte zu sagen, daß die eigentliche Europäisierung Rußlands im Grunde genommen erst nach der Oktober-Revolution eingesetzt habe.

Darüber erteilen uns in erster Linie die guantitativen Quoten Auskunft. Drei Viertel der Bevölkerung, alt und jung gezählt, waren vor 1917 analphabetisch. Die Hälfte der Kinder im schulpflichtigen Alter blieb trostlos hinter der Schule zu­rück. i

Heutzutage ist bereits die Hälfte der Bevölkerung lese- und schreibkundig und drei Viertel der Kinder besuchen die Schule.

Das Dekret betreffend die Liquidierung des Analphabeten­tums betrifft nur die Altersgänge unter 55 Jahren. In diesem Teil der Bevölkerung gibt es bei uns heute noch 11 Millionen Analphabeten. Es werden noch mindestens fünf Jahre ver- gehen müssen, ehe wir dieses Uebel aus der Welt schaffen.

Zu dieser Zeit, d. h. gegen das Jahr 1933/34 wird bei! uns bereits die allgemeine vierjährige Schulpflicht eingeführt werden. Wie wenig mutet es im Vergleich mit Europa an! Aber auch dazu wird ein Aufwand von 1600 300 000 Rubel erforderlich sein. i

In bezug auf die Europäisterung mutz noch zugegeben werden, daß Europa uns nicht nur quantitativ, sondem auch

NANKING HEUTE UND MORGEN

VON AGNES SMEDLEY SPRECHER: E.C.

Zu Pfingsten veröffentlichten wir einen Artikel von dem italienischen Unterrichtsminister Belluzzo über die Schulpolitik der saszistischen Regierung und einen Artikel von dem preußischen Unterrichtsminister Becker über Erziehungsideale der Deutschen Republik. Beab­sichtigt war, eine Darstellung von dem Vertreter des russischen Volksbildungswcsens anzuschließen, um so ein Gesamtbild von den großen Umwälzungen auf dem Ge­biete der stattlichen Erziehung zu geben. Der Artikel oes Volksbeauftragten Lunatscharski traf damals nicht reckitzeitig ein, wird aber heute nicht minder inte­ressieren. Red.

Besonders tragisch ist bei dem Unglück das folgende Einzel­schicksal eines Bergmannes: Mit der Mittagsschicht, die zum Un­glücksort einfuhr, begab stch auch ein älterer Bergmann unter Tage, der stch nach dieser Schicht in den Ruhestand begeben wollte. Er fand bei der letzten Fahrt in die Grube den Bergmannstod.

Viele Leichen waren so unkenntlich, daß die Feststellung ihrer Personalien kaum möglich war. Die im Knappschaftslazarett untergebrachten Schwerverletzten konnten bisher über das Unglück nicht befragt werden. Die Leichen sind inzwischen von der Staats­anwaltschaft sämtlich zur Bestattung fretgegeben worden und wer­den gemeinsam beigesetzt werden. Die Hinterbliebenen be­finden stch fast ausnahmslos in schwer bedrängter Lage. Es wird allgemein erwartet, daß ihrer schweren Not durch eine besondere Hilfsaktion abgeholfen werden wird.

I.

Im zaristischen Rußland befand stch die Kultur der breiten Massen auf einem äußerst niedrigen Niveau. Rußland stand in dieser Beziehung an einer der letzten ©teilen in Europa.

Bei einem Teil unsererFreunde des Fortschritts" wur­zelte tief die Vorstellung, daß die Arbeiter und Bauern Ruß­lands zu wenig Kultur für die Freiheit besäßen und daß daher jeder ernsten politischen Wandlung zunächst eine tun­lichst allmähliche Steigerung des Kulturlebens dieser Bevöl­kerungsteile vorangehen müsse.

Die Kommunistische Partei vertrat einen entgegengesetzten Standpunkt. Wir betrachteten die Revolution als die am ehesten geeignete Vorbedingung für einen wirklichen Aufstieg des Kulturniveaus.

Aber nachdem die Revolution die Arbeiterklasse zur Macht emporgebracht hat, ist es erforderlich, daß die Arbeiterklasse erkennt, daß (wie Lenin uns lehrte) die politische Festigung der Macht und die Sicherung des wirtschaftlichen Gedeihens im Ausblick aus den Sozialismus erst dadurch möglich wird, daß die politische Revolution durch eine Kulturrevolu­tion ergänzt wird.

Der Etat für Volksbildung beträgt in unserem Lande (wenn wir nicht die nominalen, sondern die realen Werte ins Auge fassen) 150 Prozent des ehemaligen zaristischen Kostenaufwandes für diesen Zweck. Freilich reicht auch diese erhöhte Summe noch lange nicht, wenn man ben enormen Bedarf des Landes an Kultur und die verschiedenen neu aufgetauchten Aufgaben in Betracht zieht, die im Budget des zaristischen Rußland gar nicht einbezogen waren (der Unterhalt von 200 000 armen Kindern, die Gewährung von Staatsstipendien an rund 60 000 proletarische und dem Bauern­tum entstammende Studierende, politische Belehrung usw). Der von unserem Etat bewilligte Betrag von 800 000 000 Goldrubel muß verdreifacht werden, bevor von einer finan-

Z«m Waldenburger Dergwerksunglnck.

Eine Hilfsaktion.

Breslau, 31. Juli. (Wolff.) Der Regierungspräsident wird heute einen Aufruf veröffentlichen, der zur Gründung eines Fonds für das Waldenburger Bergrevicr auffordern wird, aus dessen Zinserträgen den von solchen Unglücksfällen Be­troffenen sofort geholfen werden kann.

2l" der Unfallstelle sind gestern nachmittag auch Vertreter der Stadt Breslau, die durch ihre Kapitalbeteiligung bei den Linke- Hofmann-Werken zu neun Zehnteln Besitzerin der Grube ist, ein­getroffen. Die Ursache der Katastrophe liegt noch immer im Dunklen. Die Wetterführung war gut in Ordnung. Das Auftreten des Schlagwetters wird gerade im Waldenburger Gebite durch die Gebirgsstörungen sehr begünstigt. Während die Arbeiter im all­gemeinen mit elektrischen Lampen ausgerüstet sind, tragen die Auf­seher sogenannte Benzin-Sicherheitslampen, die am besten geeignet sind, drohende Schlagwetter anzuzeigen. Enthält die Luft 8 bis 13 Prozent schlagende Wetter, so ist die Explosivkraft am größten, und die etwa 15 Millimeter hohen Benzinflämmchen bilden infolge des Eintritts der Gase einen höheren Lichtkegel, während bei den elektrischen Lampen Anzeichen von Schlagwettern sich nicht be­merkbar machen.

Wie die Morgenblätter melden, wird mit der Möglichkeit ge­

rechnet, daß ein mit einer Benzin-Sicherheitslampe ausgerüsteter Bergmann die Lampe einen Augenblick beiseite gestellt hat und das Anwachsen der Flamme, das sich in ganz kurzer Zeit vollzog, nicht bemerkt hat. Infolge der großen Flamme geriet wahrscheinlich der die Benzin-Sicherheitslampe umgebende Korb ins Glühen, wo­durch die Explosion herbeigeführt wurde. Die Stichflamme breitete sich mit der größten Geschwindigkeit aus und führte die furchtbaren Brandwunden herbei.

Ueber die Ursache der Katastrophe weiß derBote aus dem Riesengebirge" zu melden: In der Grube befand sich seit Jahren ein brennendes Flöz, das durch Mauern abgeschlossen war. Wie es heißt ist eine Mauer plötzlich gebrochen, und durch die scheu Genossen aus dem Hinterhalt erschossen. Polizei und herausbrechenden Stichflammen wurden die im Schacht befindlichen Gendarmerie besetzten die Eisenbahnwerkstätten und den Bahnhof. Gast entzündet, die mit furchtbarer Gewalt explodierten.

nachträglich eine Art politische Existenz er- z bestimmt weitgehend den Charakter jenes

Henerak Marez.

' Ark unserem im Zw eiten Morgenblatt be­ginnenden Roman »General Barcz" von Julius- Kaden-Bandrowski.

Kaden-Bandrowski gehört zur jungen Generation polni­scher Schriftsteller, zur Generation, die die eigentümliche und saft unverhoffte Wiedergeburt eines polnischen Staates noch als Ausgangspunkt einer Lebensarbeit betrachten darf. Er steht jenseits der politischen Phrase. Er spürt die Problematik eines Vorgangs, der wesenflich mit einer weltpolitischen Kon­stellation verknüpft ist, zu der Polen nur wenig beigetragen hat.

Die Vorgeschichte dieses modernen polnischen Staates ver­liert stch in einem romantischen Nebel von Verschwörung und Bünden, die erst nachträglich eine Art politische Existenz er­halten haben. Das bestimmt weitgehend ben Charakter jenes Führertums, das durch die Zwangskonstitution zur Herr­schaft kam. Wie man weiß, befanden sich auch Künstler darunter. An Militärs fehlt es bei solchen Gelegenheiten nie. Aber was für Militärs! Auch ihre Uniform war häufig durch eigenes Dekret erworben und bedurfte einer nachträg­lichen Legitimierung durch dieGeschichte", der dadurch schon eine mythische Rolle aufgebürdet wird.

Bonaparte war Revolutionär, Eroberer und Legitimist in klarer Stufenfolge. DerMarschall" einer Republik, mit sozialistischer Vergangenheit und weniger eindeutigem Werde­gang, kann solche Scheidung nicht vornehmen. Er bezieht das Werk desStaates" in immer neu verschleierter Form aus seine Person. Sein Anspruch auf Legitimität kann stch von der Phrase nie ganz befreien, weil er ihr und nicht einer klar umriffenen politischen Aktion seine Position verdankt. Seme ganze politische Existenz ist zweideutig. Darum ist er auch als Privatmann schon für die Mitlebenden historisch unin­teressant. Die Unsstände, das Drum und Dban, spielen bei diesem Leben eine schlechthin gleichgültige Rolle.

Umso interessanter und moderner das Problem, das übrig Mibt. Die Legitimierung eines Staates, der ohne ^ntlichen politischen Lebenswillen fast per Zufall von °Mßen" geschaffen wird, nachdem ferne Errichtung durch die Eeleuropäischen Mächte in dem Abgrund des Weltkrieges ^funken ist. Die Legitimierung eines Staates, der Weber in einer bestimmten Person, noch in einer bestimmten Dartei ein Kraftzentrum besitzt, das ihn stutzt, tragt und vo - GÜrts treibt. Die Legitimierung eines Staates ohne jede umfassende und historisch aktualisierbare Idee, auße jenem historischen Anspruch, der kaum die Literatur zu be­wässern vermochte. Die Legitimierung eines Stmrtes ohnenatürliche" Grenzen, ohne eine eindeutige nationale,

soziale und wirtschaftliche Struktur. Die Legitimierung einer Republik, die trotz Rousseauscher Idealisierung nie ein Berfassungsleben besessen hat.

Umso interessanter, daß stch trotzdem dieses Chaos ano­nymer Kräfte nur um eine Person zum Staate kristalli­sieren läßt. Eine Person ober, die mit jenem historischen Marschall" nur noch eine entfernte Ähnlichkeit hat. Eine Person, bereit private Umstände bereits frei erfunden werden dürfen, obwohl derhistorische" Akteur noch lebt. Eine Person von so weiten Dimensionen, so beträchtlichen Hintergründen und von so unwahrscheinlicher souveräner Menschlichkeit, daß sie das ganze Chaos anonymer Kräfte in sich aufzunehmen vermag. Das Problem der Legitimierung des Staates und der politi­schen Zweideutigkeit des Diktators fallen in ihr zusammen. DieserGeneral Barcz" ist letzten Endes Diktator wider Willen, weil er die historische Funktion der Legitimierung legitim übernehmen soll. Er ist Zwischenträger jener ano­nymen Kräfte und daher nichtAkteur" wie jener historische Marschall", der vergeblich um die Palme der Legitimität ringt, sondern selbst einGeschobener". Die beiden sind in keiner Weise miteinander zu verwechseln, so wenig wie die echte Problematik der polnischen Staatslegitimität mit der verdächtigen Problematik des Sejmsressers. DerMarschall" ist die Attrappe desGeneral Barcz", der zufällige Namens­vetter einer Persönlichkeit, die historisch in stärkstem Maße interessiert, weil sie eine legitime Funktion ausübt. Der Marfchall" existiert, weil in der Historie kein anderer auch nur als AttrappeGeneral Barcz" geworden ist.

General Barcz" ist kein Schlüsselroman, sondem aktuelles politisches Geschehen, kein Konterfei, keine Spekulation auf die umschwärmte Szenerie hinter der politischen Kulisse, son- dcm politisches Dokument, weil die wirksamen unterirdischen historischen Kräfte durch ihn ins offene Tageslicht gerückt werden. Der alte Shaw, englischer Sozialist, legitimiert den Diktator, indem er ihn für parlamentsfähig erklärt und die politischen Kräfte verschleiert. (Die Uraufführung war be­kanntlich in Warschau). Der junge Kaden-Bandrowfli, polni­scher Nationalist, erledigt ihn, indem er ihn vermenschlicht und die politischen Kräfte in ihrer Anonymität bloßlegt. Er höhlt feinen Nimbus aus und bürdet ihm gerade dadurch die Last der historischen Aufgabe auf. Der erfolgreiche Dik­tator wird menschlich zum Wrack. Er ist einsam und nackt, wie nur irgend ein Kind. Damit wird erst die Perspektive auf die politische Kulisse frei. Sie wird als das enthüllt, was sie ist: Kulisse, die das historische Drama verbrämt. Dem nackten Menschen gegenüber ist der Staat ein tönerner Götze.

Die moberne politische Problemstellung, die Kaden-Bau- drowfli imGeneral Barcz" entwickelt, erklärt die eigentüm­liche Psychologie dieses polnischen Romans von menschlicher

Gültigkeit. Sie gibt der flämischen Labilität des Ausdrucks und der schwer durchbringbaren Bilbkraft der Sprache Be­rechtigung. Alles geschieht von ungefähr.Barcz" ist plump, mächtig, seine Genialität bumpf, unentschlossen. Die Dinge treiben auf ihn, wie auf alle, zu. Er entwirrt sie, indem er jeweils das historisch zulässige und richtige Arrangement ge­schehen läßt. Er hilft mit Bauern-Schläue und oft mit zweifelhaften Mitteln nach, aber im Grunde teilen sich nur vor ihm die Wogen. Nachträglich erscheint als Entschluß und wie Absicht, was im Geschehen wie Zufall und unterbewußte Möglichkeit abläuft. Eine Psychoanalyse der politischen Seele, der politisch-menschlichen Tatbestände treibt den Roman in kühnen Wendungen vorwärts, aber sie bestimmt, nicht allein den Charakter der verdächtigen Befunde. Es gibt eine im wachen Bewußtsein, in der selbstverständlich - realen Welt wurzelnde wie bare Münze hingenommene Gläubigkeit, die Tradition, Staat, Familie, Gerechtigkeit, Ehre, Kultur, kurz alles, was der historische Strom aufgelöst heranschwemmt, nochmals in seiner festen Form präsentiert. Alles hat ein Doppelgesicht. Spionage verdächtigt schließlich alle Lager und damit sich selbst. Der Spion ist wiederum das notwendige Gegenbild des Helden. Menschliches Tun ist in einem kar- danischen Rahmen von Gemeinheit und Ideal aufgehängt. Seine Dämonie und seine Größe nur von den beiden Angel­punkten aus zu verstehen. Corriger la fortune, Weichen­steller des Schicksals sein, das ist die historische Funktion des Helden. Das Schicksal bleibt dennoch in seiner Anonymität und Vertracktheit allen gemeinen Deutungen ausgesetzt. Der Held ist ein Kärrner, der nach Gloire fahndet und Schutt abgräbt. Der Mensch aber ist nackt. Er hegt manchmal an warmen Frühlingstagen ganz schüchtern und mit einer ge­wissen Resignation die Hoffnung, einenmenschlichen Staat" aufbauen zu können. Einen Staat, der ihn kleidet, ohne sein Herz durch einen Panzer zu erdrosseln. Jede Legitimität wird erst im Menschen sinnvoll.

Copyright by Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart.

Kindheit.

Kriimerungeit.

Von Andr6 Gide.

Und außerdem gibt es eine zweite Wichtigkeit.

Ich werde meine Erinnerungen niederschreiben, wie sie kommen, ohne den Versuch zu machen, sie zu ordnen. Höchstens könnte ich sie um Lokalitäten und Personen gruppieren: mein. Gedächtnis täuscht sich nicht leicht über den Ort der Begeben­heiten; aber es wirft die Jahre durcheinander; ich bin ver­

loren, wenn ich mich zu chronologischer Reihenfolge zu zwingen suche. Beim Ueberblicken der Vergangenheit bin ich wie jemand, dessen Auge die Entfernungen nicht gut abzuschätzen vermag und manchmal etwas für weit entrückt hält, was sich bei ge­nauerer Prüfung als viel nähergelegen erweist. So bin ich, zum Beispiel, lange Zeit der Meinung gewesen, eine Erinnerung an den Einzug der Preußen in Rouen bewahrt zu haben:

Es ist Nacht. Man hört eine militärische Musik, und vom Balkon der Rue de M..., durch die sie gezogen kommt, sicht man, wie die Lichter von Pechfackeln gespenstisch hinzucken über aufgeschreckte Häuserfronten...

Meine Mutter, mit der ich später darüber gesprochen habe, hat mir klar gemacht, erstens, daß ich zu jener Zeit noch viel zu Sein gewesen fei, um eine Erinnerung an irgend etwas, was damals passiert fei, bewahrt haben zu können; und ferner, daß niemals ein Bürger von Rouen, und auf jeden Fall niemals aus unserer Familie, sich auf den Balkon vcgeben haben würde, um, fei es Herrn von Bismarck, sei es den König von Preußen selbst, vorbeifahren zu sehen, und daß, wenn die Deutschen Züge durch die Stadt veranstaltet hätten, sie vor ge­schlossenen Fensterläden hätten defilieren müssen. Sicherlich be­ziehe sich meine Erinnerung auf die Fackelzüge, die sich jeden Samstag abend die Rue de M ... hinaus- oder hinunterbewegt hätten, und zwar lange nachdem die Deutschen die Stadt wieder verlassen gehabt hätten.

Diese Fackelzüge waren eS, die wir dir vom Balkon aus gezeigt haben, und dabei haben wir dir, erinnerst du dich noch?, das Sieb vorgesungen:

Sim lai la! Sim lai la!

Die schönen Grenadiere!"

Und plötzlich erkannte ich die Melodie wieder.

Alles rückte an seinen Platz und gewann die richtige Per­spektive. Gleichwohl fühlte ich mich irgendwie beraubt; es kam mir vor, als sei ich vorher der Wahrheit näher gewesen, und als habe etwas, was auf meine erwachende Phantasie einen so gewaltigen Eindruck gemacht hatte, wohl verdient, ein historisches Ereignis gewesen zu sein. Daher jenes unbe­wußte Bedürfnis, einen solchen Vorgang so weit wie möglich in die Vergangenheit zu rücken, damit die Distanz ihn ü' kläre.

Ebenso verhält es stch mit jenem Ball, Rue de Crr den mein Gedächtnis viele Jahre lang hartnäckig zu feiten meiner Großmutter hat stattfinden lassen too!Ir meine Großmutter ist 1873 gestorben, und ich w noch nicht vier Fahre alt- Es handelte sich eine Soiree, die mein Onkel und meine T Jahre später gaben, zur Feier be?>a Tochter:.