Mittwoch, 1. Februar 1939
SO Pfg.
Abrubblatt
Erstes Morgrnblatt
83. Jahrgang
Ur. 58 Zweimalige Ausgabe
BEZUGSPREIS für zweimalige Ausgabe und Reichs*U8?Ä*>e (einmal täglich, vereinigt Abendblatt* I*un^ II. Morgenblattb in Deutschland monatl. RM 6.— auzügl. ortsübl. Zustellgeld, pottpreis: BM 8.— einachließl. Postzeitungsgebühr bei Zweimalig.Ausgab. 62,4 Pfg., m. Stadt-Blatt 71,24Pfg.,Reichsau8gabe51,3bPfgJuzü?lich Xustellgeld bei zwehnaligerAusgab* 72Pfg., Beichsausgabe 42 Pfg. Im Ausländisch d m Tarif der am Weltpostverein beteiligt- Postanstalten. Unter Streifband Porto*ugcblaK« Einzelpreis : zweimal. Ausgabe : Adcnd- und J.Morgenbldtt;vereinigt;: 20Pfg. 11-Morgenblatt 15 Pfg. Montag-Morgenblatt 2° Pfcnnig Beich saus gäbe: täglich 20Pfg.Sonet-SO Pfg. Beiblätter: Technik und Betrieb, »kiseblatt, Pie Frau, Literaturblatt, Hochschule und Jugend, SportbL, Börsen- u. Wirtschaftskai. ANZEIG E N-PftE IS lt. Preisliste Nr. 10. Millim.-ZeilelßPffri Rubrik. 1t. Sonderpreisliste Nachlasstatfel C. Flatz-n.Datenwünsche ohne Verbindlichkeit Störungen d. höhere Gewalt berechtig- nicht Sn Ersatzansprüch. Anfragen u.unverlangt. Einsendungen ist Rückporto bci-ufNgen.
Verlag und Druck : Frankfurter Sodetäte- Druckerei G. m.
GESCHÄFTSSTELLEN und Generalvertretungen!
Femsprech-Sammel-Nr.: Orts ruf 20202, Fernruf 20301 —Drahtanschrift: Zeitung Frankfurtmain — Postscheck: Frankfurt-M. 4430
Handelsblatt
Frankfurt a. M., Gr. EschenheimerStr.81-87, Schillerstraße 18-24, Orteruf 20202, Fernruf 10901. Berlin W 85. Kurfüratenstraße 149, Fernruf 228981. Hamburg, Anzeigen : Neuer- wall 16-18, Fernruf 346637. Vertrieb : Aister- arkaden 9. Ferur.343731.32. Hannover,Anz.t Alte Geller Heerstr. 27. Fernr. 65181, Vertr.: Windmühlenstr. 1, Fernr.26471. Kölna.Rh., Ana.: Hohenstaufenring74-76, Fernr.219588, Vertr.: Hohjenatanfenriug 18, Fernr. 215690. Leipzig. Ans.: CI, Salomonstr. 18, Fernruf 12870. Vertr,: C 1. Talstr. 2, Fernruf 23926. München.Anz.: München 23. Clemensstr. 38, Fernruf 360647. Vertr.: Mnximiliansplatz 18, Fernruf 12193. Stuttgart, Anz. : Kronprinz- Straße 22, Fernr. 23787. Vertr.: Stuttgärt-N., Frie Irichstraße 23a, Fernr. 29320. Wien 62, Siegmundagasse 15, Fernruf B 3 38 86 Paris 8, 44, Rue de Lisbonne, Fernr. Laborde 24—01. London SW 1.25, Evelyn Mansiona, Carlisle Place, Fernr.Victoria 1196. Amsterdam C, Vertr.: Keizersgracht 851, Tel. 45‘>“5.‘ Zürich, Bahnhofstraße 74 (Eingang Uraniastraße 4), Fernruf 75241.
Weitere Zweigstellen an den größeren Orten«
Kraftvoll und friedlich.
Die Fischereirechte bei Sachalin.
Noch feine Lösung in den Verhandlungen zwischen Tokio und Moskau.
sreiheit keinerlei Schranken auferlegt. Sie habe vielmehr kategorisch erklärt, daß die Grundlage eines neuen Abkommens nur die Versteigerung der bisher von Japan ausgebeuteten Fischgründe bilden könne. (Eine Versteigerung wurde, wie erinnerlich, von den Japa-
Nb Berlin, 31. Januar.
Adolf Hitlers Rede am sechsten Jahrestage der Machtergreifung war Rechenschaftsbericht und Programmrede Zugleich: denn aus bett Erfahrungen, die in der abgelaufenen Zeit gemacht wurden, und aus der Klarstellung der Ursachen des Erfolges ergeben sich die Schlüsse für die weitere Arbeit, die am deutschen Voll und für das deutsche Volk zu leisten ist. Gerade weil er zugleich ein Blick in die Zukunft ist, ist dieser Blick in die Vergangenheit auch eine Besinnung darauf, welch ungeheures Gewicht das Jahr 1938 in der deutschen Geschichte hat. „Sechs Jahre genügten, die Träume von Jahrhunderten zu erfüllen; ein Jahr, unser Volk in den Genuß jener Einheit zu bringen, die die vergeblich angestrebte Sehnsucht zahlreicher Generationen war/ Nir alle oder die meisten von uns haben uns- oft nicht ausreichend klargemacht, was Ereignisse wie der Anschluß Oesterreich? und des Sudetenlandes im Zuge der großen deutschen Geschichte bedeuten. Das liegt daran, daß das Große, wenn man in seiner nächsten Nähe steht und dadurch den Sinn für Verhältnisse verliert, weniger gewaltig erscheint, als es ist; das liegt an der Schnelligkeit, mit der sich die Ereignisse abspielten, an der Nervenanspannung, die ste mit sich brachten und die eine gewisse Reaktion auslöste; das liegt an der Vorstellung einer Dynamik der deutschen Politik, die an sich berechtigt ist, sich jedoch zu sehr von der Vorstellung eines gradlinig Vorwärtsstürmenden Dranges leiten läßt. In welcher Weise sich auch die politische Zukunft entwickelt, die Schaffung des Großdeutschen Reiches stellt einen Abschnitt und für sich selbst eine Erfüllung dar. Nur weil er so tief von der Idee einer solchm Erfüllung durchdrungen war, konnte der Führer mit solcher Sicherheit auf dieses Ziel hinarbeiten, das sich rascher verwirklicht hat, als er selbst es hoffen konnte, und das gerade mit dieser raschen Erfüllung seine Berechtigung Vor der ganzen Welt erwies.
Das Großdeutsch! Reich steht fest gegründet da, es ist durch Zahl und Tüchtigkeit seiner Einwohner und durch ihre wirksame Organisation eine Macht allerersten Ranges, die sich ihren Platz in der Weit unter allen Umständen — so oder so — sichern wird. Das deutsche Volk hat dadurch, daß es nun in einem geschlossenen Kelche zusammenlebt — soweit nicht deutsche Volksgruppen ohne räumliche Verbindung mit dem Reichsgebiet siedeln —, nicht eigentlich an Raum gewonnen. Es ist nach wie vor, ja mehr noch als früher ein „Volk ohne Raum". Adolf Hitler hat in der gestrigen Rede mit aller Deutlichkeit die Folgrungen ausgesprochen, die sich aus dieser Tatsache ergeben; ddse Tatsache ist zugleich eine Grundvoraussetzung der deckschen Außenpolitik. Es ist ein „Kunststück", 135 Menschen pro Quadratkilometer zu ernähren, zu kleiden und mit allen zu versehen, was zu einem gehobenen Lebensstandard gehöck — und dazu gehört, nebenbei bemerkt, auch die Rüstung, di« zur Abwehr fremder Einflüsse und zur Sicherheit notwendigstst. Konzentration aller wirtschaftlichen Kräfte, äußerste Zwechiäßigkeit im Einsatz der Arbeit, größte Arbeitsleistung des enzelnen und der Gesamtheit sind notwendig; sie müssen amcwandt werden, vor allem auch, um den Export aufrechtzuehalten, denn solangt der Lebensraum allzu beschränkt bleist, gilt die Alternative: Stirb oder exportiere! Und an diisem Punkt beginnt von selbst der Blick in die Welt. Er hält Ilmschau nach den Möglichkeiten für die zwangsläufige deutsch, Ausfuhr, er hält aber auch Umschau nach erweitertem Lebmsraum für das deutsche Volk; um so mehr, als dem Expoit allenthalben Schwierigkeiten gemacht werden, um so mehr, ,ls es ja deutsche Kolonien in der Welt schon gibt, die »ns nur durch das Unrecht von Versailles und im Widerspruch zu Wilsons Friedensprogramm entrissen worden sind.Mir brauchen die Argumente, warum Deutschland Kolonien haben will, und vor allem die Gegen-
Oie Rede Adolf Hitlers vor dem Reichstag am 30. Januar, deren Wortlaut bereits in einem Teil der letzten Ausgabe enthalten war, befindet sich im leiern des Blattes,
beweise gegen die Behauptungen derer, die sie uns vorenthalten, nicht zu wiederholen; sie finden sich in schlagender Form in der Rede selbst. Wir wollen nur hoffen, daß diese Argumente mit ihrem ganzen Gewicht in den Ländern, die es angeht, gehört und verstanden werden. Sie stellen einen Appell an die Vernunft der anderen bar, nicht einen Appell an ihre Gefühle, den wir nie unternehmen könnten oder wollten; außer an die Vernunft wird nur an die Moral appelliert ober vielmehr jene falsche Moral enthüllt, bie mit bem Titel des Rechts bas ver- teibigen will, was einst mit Gewalt in Besitz genommen worben ist.
In ber Rebe finbet sich auch ber Sah: „So sehr eine Lösung bieser (ber kolonialen) Frage zur Beruhigung ber Welt beitragen würbe, so wenig hanbelt cs sich babei um Probleme, bie allein eine kriegerische Auscinanbersetzung bebingen könnten." Möge biese Feststellung unb möge auch jener anbere Satz: „Ich glaube an einen langen grieben", ber in bem Weltecho auf bie Rebe befonberS stark beachtet worben ist, niemanb bazu verführen, sich nun gemächlich im Stuhl zurückzulehnen unb aufatmenb zu sagen: bann ist ja alles gut, Hitler macht wegen ben Kolonien keinen Krieg, bann brauchen wir sie ihm ja nicht zurückzugeben. In manchen französischen unb englischen Blättern ist biese Haltung schon wahrnehmbar; in ber „Republique" etwa tauchen bie eben zurückgewiesenen Argumente („bie Kolonien könnten Deutschlanb nicht bie fehlenben Rohstoffe geben") bereits toieber auf. Anbere Blätter, unter benen gerabe ber so befonberS empirebewußte „Daily Expreß" genannt zu werben verbietet, meinen, baß man bem kolonialen Anspruch Deutschlanbs nun ernsthaft näher treten unb auf jeben Fall eine klare Entscheibung für ober gegen bie Rückgabe treffen müsse. Man wird abwarten müssen, wie die Regierungen sich verhalten. Die Forderung ist jedenfalls gestellt, und zwar ohne Drohung und Druck gestellt, was doch stets von der Gegenseite gewünscht wurde, wenn sie sich mit unseren „Methoden" auseinanderfetzte. Die andere Methode hat nun ihre Chance.
(Drahtmeldung unseres Korrespondenten.)
Pz? Moskau, 31. Januar. Zwischen dem sowjetrussischen Außenkommiffar Litwinow und dem japanischen Botschafter in Moskau, Togo, sind in den letzten Wochen mehrere Noten und Denkschriften über die Fifchereifrage gewechselt worden, ohne daß jedoch vorerst eine Lösung erkennbar geworden wäre. Der japanische Botschafter hat zum Ausdruck gebracht, er finde es unrichtig, daß die Sowjetregierung eine Versteigerung der bisher von Japan aus- gebeuteten Fischereigründe angekündigt habe, während noch Verhandlungen zwischen den beiden Regierungen über diese Frage int Gange seien. Tie Versteigerung dieser Fischereigründe verletze außerdem japanische Rechte; Togo wandte sich gegen jede Aenderung der bestehenden Lage und gegen eine Beeinträchtigung der Stabilität. Die von der Sowjetregierung beabsichtigte Ausschließung gewisser Fangstellen, deren Zahl sich im Verlauf der mündlichen Unterhandlungen bereits von 40 auf 30 (bei insgesamt 380) vermindert hatte, sei ungesetzlich und widerspreche dem Geist des Vertrages von Portsmouth. Tie Sowjetregierung habe die rein wirtschaftliche Frage des Fischereiabkommens in eine politische verwandelt, indem sie aus strategischen Gründen Japan bestimmte Fangstellen verweigere. Die japanische Regierung sei zu einem Verzicht auf diese Fangstellen nur bereit, wenn den Japanern an ihrer Stelle eine gleiche Anzahl gleichwertiger anderer Fangstellen zur Ausbeutung überlassen werde unb so die Stabilität erhalten bleibe. Schließlich wies der japanische Botschafter auf die möglichen Verwicklungen hin, die eine Ablehnung der japanischen Ansprüche zur Folge haben könnte.
Der Außenkommiffar Litwinow behauptete, nach einer amtlichen Mitteilung, diese Ansprüche seien unbegründet. Durch die Fortführung i der Besprechungen habe die Sowjetregierung ihrer Handlungs-!
nern abgelehnt, weil sie dabei als Bieter mit halbstaatlichen sowjetrussischen Fischfangorganisationen hätten in Wettbewerb treten müssen, die keine privatwirtschaftlichen Rücksichten zu nehmen brauchen.) Tie Sowjetregierung versuche nickt, so heißt es weiter in einem Memorandum Litwinows, die Fischereifrage in ein politisches Problem zu verwandeln, aber das bedeute nicht, daß sie die Politik.Tokios gegenüber ber Sowjetregierung und die öffentlichen Erklärungen amtlicher Vertreter über bie Ziele bieser Politik unbeachtet lasse.
Peue Erdstöße in Chile.
Der Liaima-Bulkan in Tätigkeit getreten.
Santiago de Chile, 31. Januar. (Uniteb Preß.) Chile scheint vor neuen großen Katastrophen zu stehen; jetzt wirb hier berichtet, daß der große Llaima-Vulkan im Cherguenco-Gebiet plötzlich stark in Tätigkeit getreten sei. Ter Vulkan liegt etwa 50 Kilometer östlich von Temuco, in ber bereits vom ersten Beben schwer mitgenommenen Provinz Cautin in ben süblichen Verbitteren. Noch während diese Nachricht verbreitet wird, treffen weitere Schreckensmeldungen über weitere neue Erdstöß e in verschiedenen chilenischen Gebieten ein, so neuerlich aus Chillan unb aus Concepcion. Nach ber Meldung aus Concepcion ftnb in der Kohlenbergbau- Stadt Coronel sämtliche Häuser und größeren Gebäude durch ein zweites Erdbeben am Sonntagabend 10.45 Uhr (Ortszeit) zerstört worden.
Die Zahl der Todesopfer von der ersten Katastrophe wird jetzt nach einer vorläbfigen Schätzung des Innenministeriums bereit» mit fünfzig tausend angegeben.
London steht verstärkte Friedensgarantien.
„Wir miisten die Kolomalfrage überprüfen."
Das Großdeutsche Reich ist eine in sich selbst ruhende starke Macht. Es hat befriedete Grenzen. Es hat feine' guten politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu verschiedenen Nachbarvölkern durch besondere Abkommen zum Ausdruck gebracht. Es will keinem der Nachbarn Gewalt antun, es will nicht auf ihre Kosten feines Problems, ein übermäßig dicht besiedeltes Land zu fein, Herr werden, sondern zusammen mit ihnen, auch zum gleichzeitigen Vorteil für die Nachbarn selbst, durch Belebung des Güteraustausches an der Ueberwindung der Schwierigkeiten arbeiten. Der kurze Raum, den der außenpolitische Tour d’horizon im Rahmen der Rede einnahm, ist für sich allein kennzeichnend: denn die Probleme des Zusammenlebens ber Völker, die nichts anderes wollen als friedlich ihrer Arbeit nachgehen und sich nach ihren Fähigkeiten entwickeln, sind im Grunde einfach und bedürfen feiner langen Erläuterung, wenn die Beziehungen auf gegenseitiget Achtung unb Anerkennung ber Lebensrechte aufgebaut werben unb auf völligem Verzicht auf Einmischung in bie inneren Angelegenheiten anderer — wie das den Grundsätzen ber nationalsozialistischen Außenpolitik entspricht. Auch bann bleibt freilich bestehen, daß sich im Raume die Sachen stoßen: aber Gerechtigkeit und Vernunft, an ber schließlich alle interessiert sein müssen, auch biejenigen, bie im einzelnen Fall als bie „Gebenden" erscheinen, können einen friedlichen Ausgleich herbeiführen, sie können jene Neuverteilung der Welt, die von Zeit zu Zeit, wie die Geschichte lehrt, stattfindet, wenn nicht ausschließlich bestimmen, so doch beeinflussen unb ber anberen Methode ber Verteilung, berjenigen der Gewalt, den Win> aus den Segeln nehmen. Darauf begründet sich die Zuversicht, die der Führer aussprach: „Ich glaube an einen langen Frieden."
Dieser Satz stand aber in der Rede selbst in einem anderen Zusammenhang: er stand dort, wo von den wirklichen Kriegsgefahren gesprochen wurde. Es gibt Strömungen und Bewegungen, die einen Krieg gegen Deutschland haben wollen. Sie
(Fortsetzung auf Seite 2.)
(Drahtmeldung unfe
WvD Loudon, 31. Januar. Premierminister Chamberlain unb Außenminister Lord Hallfax waren gestern nach bem Abendessen zusammengekommen, um gemeinsam Adolf Hitlers Reichs- tagsrcde zu lesen. Der Wortlaut wird zur Zeit in Whitchatt studiert. Ob Chamberlain sich heute abend in der Lage sehen wird, auf einzelne Punkte der Rede einzugehen, steht noch dahin. Eigentlich beabsichtigte er, in Beantwortung der Redner der Opposition vor allem über die gegenwärtige Lage im spanischen Bürgerkrieg über das italienisch-französische Verhältnis und "über seine Rom- fahrt zu. sprechen. Von der Presse werden besonders die Stetten hervorgehoben, in denen Adolf Hitler erklärte, er glaube an eine lange Periode des Friedens; Deutschland habe keine territorialen ,AnfPkü8>e gegen England und Frankreich, abgesehen von der Kolonialfrage, die allein nicht die Rechtfertigung zu einem Kriege gebe; solange der Lebensraum des deutschen Volkes nickt erweitert werde, müsse Deutschland im Kampf um die Weltmärkte feine Wirtfchaftkwaffen mit um so größerer Tatkraft gebrauchen; ein gegen Italien geführter Krieg werde Deutschland an der Seite Italiens finden. Namentlich die Aeußerung, daß eine lange Periode des Friedens zu erwarten sei, wirkt hier sehr beruhigend. In den Leitartikeln ber Zeitungen heißt es:
Tie „Times": „Wieder einmal werden die Verträge von Versailles angeführt, um Deutschlands Handlungen im vergangenen Jahr zu rechtfertigen. Niemand kann die diplomatische Stärke bestreiten, die das nationalsozialistische Deutschland aus dieser Quelle zieht. Tas große Risiko, bem sich bie anderen Unterzeichner der Versailler Regelung durch Zustimmung zu ihrer Revision ausgesetzt haben, ist, daß ihre Handlung als Schwäche unb Furcht gedeutet werden könnte. Tie große Frage, die jetzt über Europa schwebt, ist, ob die Erfahrungen von 1938 tragisch von denjenigen falsch verstanden wurden, denen sie die gestern gefeierten nationalen Gewinne einbrachten. Tie letzten territorialen Ansprüche Deutschlands betreffen die Rückgabe seiner Kolonien. Sie werden hin- gestellt als erfüllbar durch eine friedliche Regelung. Tie Schuld für
cs Korrespondenten.)
die Kriegshetze wird den Juden und den, ausländischen Zeitungen aufgebürdet. Toch Hitler glaubt an eine lange Periode des Friedens. Wenn der Krieg aufhören soll, ein Instrument der Politik zu fein, dann liegt keine Aufgabe näher als die gemeinsame Entwicklung der bestehenden reichen Hilfsmittel für die Verbesserung des Lebensstandards der Völker aller Rassen und aller Farben. Dieses ist das dringendste Bedürfnis der Welt, unb fein Land wird an ihm williger und entschiedener Mitarbeiten als Großbritannien. Hitler hat die nervösen Propheten Lügen gestraft. Ter Friede muß die Arbeit von Taten, nicht von Worten sein. Aber die gestern abend gehörten Worte enthielten keine Anrufung des Krieges, wie manche vorausgesagt hatten."
Der „Daily Telegraph": „Tie Rede enthielt Sätze, die geeignet sind, eine '-gewisse Beruhigung hcroorzurusen. Adolf Hitler sagte zum Beispiel, daß er an eine lange Periode des Friedens glaube. Er wiederholte noch einmal, daß bie gegenüber England und Frankreich erhobenen Kolonialfocderungen keinen neuen Wäffen- gang rechtfertigten. Diese Bemerkungen können die Friedenshoffnungen stärken, denn wenn Deutschland, oder beffer die Achse, keinen Krieg will, bann hat niemand Grund, einen Krieg zu erwarten. Es ist nicht richtig, daß jedermann gegen Deutschland fei, und daß sich Deutschland Kriegshetzern ausgesetzt finde. Es ist im Gegenteil dec dringende Wunsch unseres Landes und, wie mir glauben, aller führenden Länder, Deutschland in freundschaftliche und fruchtbare Zusammenarbeit zurückzubringen. Jrn ganzen genommen ist es vielleicht nicht überoptimistisch, Hitlers jüngste Aeußerung als das Versprechen einer besseren Zukunft zu deuten."
Ter „Daily Expreß": „Welche Haltung sollen wir gegenüber seinen Kolonialforderungen annehmen? Es ist klar unsere Pflicht, sie s o f o r t z u p r ü f e n, und es ist des Premierministers Aufgabe, dazu bald eine klare Erklärung abzugeben. Wir müssen alle die Umstände prüfen, unter denen Deutschland seine Kolonien verlor. Wir müssen das Versprechen des Präsidenten Wilson in
Alaue Hage.
Aon Ascan Klee Gobert.
Obgleich Ninon ihrem Namen als Kammerkätzchen alle Ehre machte, inbenrfie'mit lautlosen Tritten durchs Zimmer schlüpfte unb geräuschlos bie Läben aufstieß, erwachte ich doch sofort, benn bie Ssnm würbe wie von einem Scheinwerfer durch bie nun wkitzöffnete Balkontür geworfen. Ninon huschte auch gar nicjt, »m meinen Schlaf zu schonen, sondern sic hatte längst begriffen, wie glücklich mich dies Erwachen machte, wenn der Firientag wie eine blaue Welle hereinflutete, vielleicht hatte sie auch ein wenig Spaß an meinem blinzelnden Aufwachgesicht. Ja, wir hatten seit Beginn dieser blauen Tage einen Ritus rrfunben, nach bem sich die Morgenbegrüßung vollzog. Ninon wandte sich nunmehr um, stand wie eine kleine Bronze jtls Schatten in der lickten Füllung unb sagte: „Guten Morcpn, Herr, es ist gutes Wetter!"
Worauf ich antwortete: „Gibt es je schlechtes Wetter bei Euch, Ninon?" Nijon aber, unterstützt burch erschütternd Gesten ihrer kleinen, graziösen Arme beschrieb ein verheeren- bes Unwetter, welckps »or unwahrscheinlich langer Zeil mit Hagel und Schnee he Neben zerstört hatte.
Währenb bieser tut tzielcn Ausrufen geschmückten Schilbe- rung bchnte ich mich noh einmal, streckte bie Arme seitwärts, bis bie Hänbe bie Santen bes breiten Bettes erreichten. Wie schön! Toch im Aügenilick, ba Ninon nach bem Herrichten meiner Hanbtücher und dem Ordnen meiner Schuhe aus ber Tür eilen wollte, hiSt ich ste allmorgcnblich mit ber Frage bcs alten Volksliebes zurück: „Ninon, Ninon, que fais-tu de la vie?“ Dann verhielt Ninon ncch einmal unb zog bie Stirne kraus: „Man ißt, Monsieur, m«n trinkt unb schläft, bazwischen gibt es Arbeit."
„Unb bie Liebe, Ninon?"
Aber nun entschwand Ninon mit silbernem Lachen: „Die Liebe, Monsieur? Ick liebe nur ben Mann im Monb!"
Ich war nicht überzeugt, baß Ninon nicht auch irbischer Liebe zugänglich sei, unb nehme an, baß eines Tages irgendein braver Ehebund zwischen Ninon unb einem Handwerker ober Fischer bes Dorfes eingesegnet warb. Doch habe ich seit-, bem stets, wenn Muße ober nächtliche Fahrt mich versuchten, die schwarzen Umriffe bez Mannes im Mond nackzuzeichncn, daran gedacht: dich liebte Ninon. Ninon, die zierliche Betreuerin meiner Siebensachen im Haus am See, als die blauen Tage kein Ende nahmen.
Jedenfalls dachte ick damals, sie würben fern Ende ftnben. Es war unvorstellbar wie jene Regenfälle, von benen Nmon schauerliche Schilderungen entwarf. So wie ein Bild nicht eines Tages seine Farben ändern kann, um die Landschaft in Schnee ober Nebel zu tauchen, bie bes Malers Pinsel in Sonne gebobet fo tont biefe Zett unter eine Qfci^.’farc Glocke gestellt, die unzerbrechlich schien. Es gab nichts als den
blauen See mit dem blauen Himmel darüber, das weiße Haus, den Garten, bas Babehäuschen, die Boote. Und bann natürlich Anbrea...
Als ich aus ber Tür trat, kam Andrea schon vom Steg herauf. Sie trug ein Netz am Arm, in dem silberne Fische zappelten unb wie bie kleinen Blechstreifen gleißten, bie man frühlings zum Schreck ber Vögel in bie Kirschbäume hängt. Von Jugend auf mit bem See vertraut, liebte sie bas Fischen unb Angeln, während ich nie viel Freude an der Jagd ober bem Fang von Getier empfunden habe. Aber ich sah ihr gern zu wenn sie sachverständig unb mit einer winzigen Falte zwischen ben Brauen einen Köder befestigte ober wie schlafenb, aber mit gespannten Augenschlitzen auf bas Anbeißen wartete. Meist lag ich bann ber Länge nach im Boot, so baß mein Kopf auf einem Kiffen zwischen bie spitz zulaufenben Bug- roänbe gebettet war, bie Finger als Lesezeichen in einem an- gefangenen Buch, längst entglitten, ba ich vom See gefangen war jeglicher Welle bis zum Entsckwinben nachträumte, in ber 'Helle zerfloß unb nur nicht wußte, ob mich bie Sonne verbrannte ober bie Liebe zu Anbrea.
Anbrea kam vom Steg herauf, berührte leicht meine Stirn mit ben Lippen unb fragte nach Schlaf und Erwachen. Wir brachten bie Fische zur Küche, wo Raoul, ber Koch, uns mit breitem Grinsen begrüßte. Ick behauptete immer, baß er vier- unbsechzig Zähne, bie boppelte Anzahl gewöhnlicher Sterblicher, beim Lachen entblöße, auch hatte ich ihn Raoul getauft. Eigentlich hieß er Henri, aber bas war viel zu gewohn- lick für seine Riesenhänbe. Er mußte einen Seeräubernamen haben, auch war ich vielleicht ein wenig stolz, baß ich ben vokalreichen Namen richtig auszusprechen gelernt hatte, ber ber Schrecken eines Uebungsstückes meiner Schulgrammatik gewesen war.
Jetzt kam bie schönste Stunde des Tages, nein, das Ware undankbar, aber vielleicht bie stillste, bie Stunde, bie am meisten vom Luxus ber Ferien in sich barg. Ter Steg zum Babehäuschen war seitlich in eine kleine Frühstücksterrasse ausgebaut. Unter einem riesigen gestreiften Schirm breitete sich eine einlabenbe Fülle für bie erste Tagesmahlzeit aus. So begannen wir fröhlich zu schmausen, sozusagen im See, benn bas Wasser lief unter ben braunen Planken glucksenb ans Ufer. Währenb man ein Ei aufklopfte ober ben golbenen Honig auf bas schneeweiße Brot tropfte, legte man ben andern Arm auf die weiße Brüstung, die bas Plätzchen abschloß, klammerte sich an bie Grenze zwischen Lanb unb Wasser, um auch währenb bes Frühstücks ben See nicht zu verlieren, ben See, ber alles spiegelte, ben Himmel, ben Steg, bie Blumen am Ufer, Andrea, mich unb bie Liebe.
Von jeher habe ich bie Lanbschast bes Binnensees allem anbern vorgezogen. Das Gebirge belastet uns Kinber ber Tiefebene mit seiner unermeßlichen Wucht, bas nahe Meer aber gibt uns nicht frei, obgleich wir immer toieber borthin zurückkehren, von seinen Gefährten, ben ruhelosen Winben unb ben Linien seiner rastlosen Strafe »W bie.
Schiffe arbeitsam ziehen. Der See gibt uns bie Klarheit unb Ruhe bes Gewässers, boch treppt er sich nicht in uferlose Weite hinauf, sonbern wirb von Wälbern unb Bergen abgegrenzt, welche sich spielerisch in die Enge seines Spiegels fügen. Es beglückt, ben See ganz zu kennen, die verschiebenen Buchten seiner Ufer, die Entfernungen für Segel unb Motor, er gönnt uns, selbst ein verträumter Faulpelz, bie sorglose Bequemlichkeit unserer Ferientage. Wir können Boot unb Körper seinen unnützen kleinen Wellen überlassen, er treibt uns im Kreise herum, bis wir uns zum eiskalten Grunbe sinken lassen, vertraut mit seiner burchstchtigen Tiefe. Doch nützt es nichts, baß ich ben See mit feinen Strichen zeichne, mir ober euch vortäuschen möchte, als sei meine alte Liebe zu Seen bet Inhalt jener Tage gewesen, als hätte bas Glück meines Lebens barin bestanden, ben See aller Seen, ben blauen See zu finben. Dann hätte ich ein Blockhaus an seinem Ufer gebaut, am Ostufer, bort, wo heute natürlich eine ganze Reihe solcher Häuschen aufgereiht finb, von benen man an Sonnentagen nur bie blauen, roten unb gelben Schirme auf ben Terrassen sieht, so baß bas Ganze wie eine Karussellstadt anmutet. Nein, bas Glück bieser Tage war Anbrea, unb wenn ich es verschweigen wollte, so würbe es wie Musik alle Worte begleiten, bie ich je über bie blauen Tage sagen ober gar schreiben werbe, ja, ich werde sie nicht einmal hinter Ninons zwitscherndem Lachen ober bem blanken Zahngehege des Koches Raoul verstecken können.
Ich habe immer Dichtern mißtraut, bie ihre Frauengestalten allzu genau beschreiben, mißtraut, baß sie einen Wunschtraum für bas Auge bes Lesers filmartig vervielfältigen, anstatt mit ber Feber bas Mäbchen ihrer Geschichte für bas Herz zu umreifeen. Ich weiß nicht, ob Anbrea schön war, schon beshalb nicht, weil leicht slawische Backenknochen als Erbteil einer russischen Großmutter ihr Antlitz etwas ins Dreieckige verzeichneten. Sie war gerabe unb schlank gewachsen, hatte glatte braune Arme unb Beine, Hänbe, bie man gern liebkost, unb aussallenb kleine Ohren. Auch später, als bei ihrer Heirat ihr Bilb burch manche bebilberte Zeitschrift ging, habe ich niemals Urteile gehört, bie über bas hinausgingen, was man von einer anmutigen Frau sagt. Wesentlich für mich waren ihre Augen, weil ich schon nach wenigen Stauben ber Trennung nicht genau wußte, welche Farbe sie hatten. Sie waren auch bas, was ich zuerst an Anbrea bemerkt hatte, als ich sie fennlernte, weil sie mir bei einem übrigens ungefährlichen Schiffszusammenstoß in bie Arme flog. Heute noch banke ich ber Vorsehung mit gefalteten Händen für dieses für die Reederei betrübliche Unglück, denn nie hätte ich Andrea unb bie blauen Tage am See kennengelernt, wenn sie mir nicht in bie Arme geflogen märe.
Nach bem Frühstück schlenberten wir bie geharkten Wege bes Gartens entlang, blieben stehen, um bas Aufblühen ber mannigfachen Stauben unb Rosen zu betrachten. Anbrea schnitt bie Sträuße für bas Haus, bann gab sie Slnorbnungen für die Küche, während ich schon die Segel setzte ober, da
meist keine Brise war, ben Motor anwarf. Denn ber Vormittag gehörte bem See. Es scheint mir oft wie ein einziger, ewiger Morgen, baß wir im Boot trieben, eine Hand über Bord gehängt, an ber bas warme Oberflächenwasser vorbeistrich. Man spürte bie Sonne in ben Falten ber Haut, man schmeckte ben See auf ber Zunge, man roch bie Hitze aus ben geteerten Planken bes Bootes unb lauschte auf bas Gurgeln unterm Kiel, unb bie im Alltag abgestumpften Sinne erwachten unter biesen unerhörten Genüssen bes Feiertages unb lullten bie ftampfenbe Maschine bes Verstanbes ein, baß sie entschlief im seligen Vergessen um Vergangenheit unb Zukmiit. Erst Anbrea unterbrach dieses Dämmern durch ein Wort ober eine Bewegung, wenn sie bas Ruber roanbte ober eine Angel auswarf ober schließlich gegen Mittag, wenn Wachen und Schlafen unmerklich ineinander überfließen wollten, mit einem mächtigen Kopfsprung ins Wasser stürzte. Diese Bewegung ist wie ein Lichtbild in meiner Erinnerung heimisch, ja ein Lichtbild im Sinne des Wortes: Andrea auf dem Heck des Bootes hochaufgerichtet, bie Arme zum Himmel erhoben wie eine Statue, in bie bas Licht ber Götter fließt, um ihr Leben und Wärme einer Frau zu verleihen. Damals habe ich die regen« bogenartigen Linien ihren Körper umfließen fetzen, um derentwillen man so manchen impressionistischen Maler zu unrecht geschmäht hat.
Tas frische Bad verdrängte die Schwüle des Mittags. Wir schwammen um die Wette, zogen uns gegenseitig hinter dem Boot her, welches wir in rasender Fahrt unerwartete Kurven in bie Stahlplatte bes Sees schneiben ließen. Oft blieben wir auch auf ben Brettern ber Babehütte liegen, sprangen von dort ins Waffer unb versuchten lange Strecken zu schwimmen, bis wir schnell atmenb auf ben Rasen am Ufer zurückfielen. Arn weißen Hause waren inzwischen alle Läben wieder geschlossen. Fast noch beglückender als der Sprung ins Bad ist ber Schritt aus ber Gluthitze bes Lanbes in bie Kühle eines gepflegten Hauses. Ter gewürfelte Steinboben atmet eine Kälte aus, bie im ersten Augenblick fast schaubern macht, bas fonnenüberblenbete Auge vermag bie Umrisse ber Möbel kaum zu erkennen. Dann setzt man sich zu ben schlichten Speisen, bie bem Sommertage angemessen finb, unb während bie Hand verkostend die eiskalten Tropfen am tönernen Kruge abstrei- chclt, fällt wie von einem unsichtbaren Bogen abgeschoffen staubzitternber Sonnenstrahl durch eine Ritze im Lade- und verkündet den ewigen Sommer, der draußen brütet
Nach Ruhe und Tee lagen mir unter den.Lfattigcn Linden auf Liegestühlen, lasen ober führten Gspräche von Gott unb ber Welt Andrea war durch ihren Alter gut in bie Geschichte unb Politik ihres Lanbes eingewstht, besfen Geschicke er einige Jahre mit betreut hatte, so konnten wir unsere Erlebnisse währenb bes Krieges vergleichenb nebeneinanberstellen. Auch waren wir nicht immer einsam. Frembe tarnen aus. ber nahen Stabt ober von ben Gütern am a< >ern Ufer bes Sees. Ein Picknick wurde veranstalte;, welches in MannigsaltiLkeU
