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Seite 3

^ieujahrZ-Außgasie der Frankfurter Zeitung

Hotels im Kriege

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kennen und seine Landsleute daran zu erinnern, daß England, ehe es von der Kriegspartei Churchills überrannt wurde, sogar einmal die Chance hatte, sein Weltreich durch einen friedlichen Ausgleich mit Deutschland zu sichern. Die Toten freilich können nicht mehr reden. Und überdies, Chamberlains Zwischen­ruf käme zu spät. Er könnte nur noch die englische Jahres­bilanz in ein erbarmungsloses Licht setzen. Europa verloren und im günstigsten Falle dem Bolschewismus ausgeliefert, die Stellung in Ostasien schwer erschüttert und täglich ernster be­droht, das britische Weltreich unter amerikanischer Kontrolle, und dann erst Hoffnungen auf das Jahr 1943 — das ist ein bestürzend schlechter Abschluß. Er hat zudem noch eine gefähr­liche Lücke. Das ist das Jahr 1942. An seiner Schwelle kann niemand hinter den Vorhang sehen. Aber so gewiß, wie Deutsch­land und seine Verbündeten bisher alle Kriegspläne der anderen durch ihre Initiative und ihre Erfolge über den Haufen geworfen haben, so gewiß werden sie auch im kommen-

Die kleine Erinnerung wird hier nicht um ihrer selbst willen wiedergegeben; das zweite Paar Handschuhe hat sich inzwischen an den harten Teilen der Skier zerrieben — um das, somit letzte Paar, und um die Skier selbst geht es jetzt. Wir kennen, weil wir sie erfahren haben, allzu genau die Gewalt der Kälte, und, sagen wir es nur rund heraus, wir trennen uns schwer von den treuen Beschützern und von den Brettern. Der Mensch nimmt gern das Maß von sich selbst ab und meint, wenn er der Allgemeinheit in einer erträglichen Weise seinen Beitrag geleistet habe, sei's damit genug.

Aber eben das ist heute nicht genug. Was uns heute zu leisten erlaubt ist, ist eine Gabe im ursprünglicheren Sinne, nicht eine, die aus dem „Uebcr" flidßt, sondern eine freiwillig getragene Entbehrung, die den Träger zum Teilhaber an dem großen Beitrag für den Krieg macht, ihn anders als alle er­zwungenen oder nur billigen Steuern an die gemeinsame Sache wahrhaft einbezieht. Es wird uns in der Heimat nie gelingen können, die Leistungen der Soldaten auszumessen, dazu fehlt die Vorstellung, die Kraft, die Anschauung; uns mag, was wir ertragen, manchmal als schwer erscheinen, was wir spenden, als wichtig: Der Soldat bleibt mit seinem per- önlichen Opfer auch den größten materiellen Gaben gegenüber tets im Vorsprung; die Genügsamkeit, die er hat lernen müssen, macht ihn großzügig gegenüber den Bemühungen der Heimat und dankbar für Nichtigkeiten, die wir uns abgerun­gen haben. Daß wir diesmal geben dürfen, indem wir die Ehre der Entbehrung empfangen, daß wir uns das Skifahren werden versagen müssen, weil wir neben den Handschuhen auch die Skier abgegeben haben, daß einmal auf'der Straße ein scharfer Wind den ungeschützten Hals treffen wird, weil wir den wärmsten Schal hergegeben haben, das ist doch in jedem Sinne ein Geschenk — für uns wie für die andern.

Madrid, im Dezember.

Mit historischen Betrachtungen über die Lotterie, mit Rech­nungen über die meistbegünstigten Nummernserien und mit Rundfragen fängt die Ziehungswoche an. „Was würden Sie machen, wenn Sie die fünfzehn Millionen des ersten Preises gewönnen?" Es steckt ein gut Teil Gefühl für die Nöte der Gegenwart in b#n Antworten, wenn man vernimmt, daß die meisten der befragten Leute, Offiziere und Stierkämpfer, Aerzte, Fußballspieler und andere den größten Teil des Ge­winnes sozialen Zwecken zur Verfügung stellen würden. Nur ein bekannter Boxer erträumt ganz für sich allein ein Mil­lionärdasein ohne Kämpfe im Ring.

Einhundertdreißig Millionen Peseten, für die neunzig Millionen an Gewinnen versprochen wurden, waren bei der diesjährigen spanischen Wcihnachtslotterie im Spiel. Vierzehn Tage vor der Ziehung waren alle Lose ausverkauft. Dabei ist immer nur eine geringe AnZahl der Lose zu zweitausend Peseten in einer Hand; meistens werden sie von Geschäften und Cafes für ihre Kunden, von Werkstätten und Büros für ihre Arbeiter und Angestellten bis zu den kleinsten Beträgen in Anteilscheine aufgeteilt, so daß auch der letzte Spanier noch für wenig Geld an der allgemeinen Illusion teilhaben kann. Wenn zwei Tage vor dem Weihnachtsfest die Ziehung beginnt, stockt überall das Leben. Die Menschen hängen nur noch am Rundfunkgeräts das laufend die Gewinnummern verkündet. Dann mögen Schlachten gewonnen oder verloren werden, die Erde mag beben, nichts ist an diesem Tage so wichtig wie das Ergebnis der Ziehung.

Die Weihnachtslotterie ist nicht die einzige, auf die arm und reich ihre Hoffnungen setzen. Neben zwei, drei großen Sonderlotterien im Jahre laufen die Spielserien mit kleineren Beträgen, die alle zehn Tage ausgelost werden. Vierhundert­dreiunddreißig Millionen Peseten sind 1941 für die staatlichen Lotterien ausgegeben worden. Umgerechnet auf die dreiund­zwanzig Millionen Spanier ergibt dies einen Betrag, der — wie man annehmen könnte — jeder Vorstellung von Not und Arbeitslosigkeit widerspräche; in Wirklichkeit ist es nur ein Beweis mehr für die Hartnäckigkeit, mit der das Volk sein Glück vom Zufall erhofft. r.

Das Hotel liegt in einer deutschen Großstadt. Es steht etwas abseits vom allzu lauten Verkehr, aber doch nicht außer­halb des Stadtkerns. Es wurde zu Beginn dieses Jahrhunderts ; erbaut und wenige Jahre vor diesem Kriege umgebaut und durchgehend neu möbliert. Das Reisehandbuch erwähnt seine „hübsche Lage" (an einem öffentlichen Park), nennt das Haus „vornehm" und mit „feinem Restaurant" ausgestattet; hundert­fünfzig Betten sind zur Verfügung, und 45 Zimmer haben eigenes Bad. Kein Allerweltsgasthof, sondern ein ruhiges Haus, in dem „die Industrie" verkehrt, Militärs wohnen, Männer, deren Tage und Abende mit Arbeit und Besprechungen aus- gefüllt sind. Beim Essen im nicht allzugroßen Speisesaal fällt auf, daß nur wenige weibliche Gäste anwesend sind.

Man muß ziemlich lang auf das Essen warten, auch ist es ratsam, morgens zu sagen, ob man am Mittag oder des Abends im Hause essen werde; der Andrang ist meist groß. Vor dem Kriege hatte das Hotel hundert Angestellte beschäftigt, heute hat es deren nur noch sechzig zur Verfügung, aber in dieser Zahl sind Ersatz- und Hilfskräfte eingeschlossen, da ein Teil des langjährig hier tätigen Personals eingezogen wurde. Sein Fehlen macht sich besonders in der Küche und bei den Kellnern bemerkbar, daher auch das Wartenmüffen. Es wäre unver­nünftig, die Geduld zu verlieren, denn was getan werden kann, den Gast nach Möglichkeit nicht spüren zu lasten, daß Krieg sei, das geschieht. Und doch verliert der eine ober andere Hotelgast manchmal die Geduld. Sehr zum Bedauern des einen langjährigen Oberkellners, dem tvir, bei einem Gespräch über den Nachwuchs, gerade im Zusammenhang mit der Hal­tung der Gäste das Wort verdanken, nicht der Kellner erzieht den Gast, sondern der Gast den Kellner. Die beiden altgedienten Oberkellner, die meist mit ihren Nachnamen angeredet werden, sind für ein Hotel wie dieses „Gold wert"; der eine ist dreißig, der andere fünfzehn Jahre im Hause. Sie haben einen freund­lich-väterlichen Umgangston an sich, der nirgends nach Ser­vilität schmeckt, aber auch nie fraternisiert; sie kennen aus ihrer Perspektive oft drei Generationen einer Familie, die regelmäßig hierher kommen. In der Küche arbeiteten früher unter einem Küchenchef fünfzehn Köche, heute sind es nur noch sieben, darunter einige Ausländer, auch ein Serbe ist dort tätig, mit dem manjiffgemein zufrieden ist. Schon weil in dem Hotel ständig Sitzungen und Tagungen der Industrie abgehalten werden, an die sich den Zeiten entsprechend ein­fache gemeinsame Essen anschließen, muß die Leitung der Küche ihre besondere Aufmerksamkeit schenken. Sie muß sich aufs „zaubern" verstehen und all die alten, vielfältigen Beziehungen zu Lieferfirmen lebendig erhalten; diese Lieferanten sitzen nicht allein am Orte selbst, sie müssen in Süddeutschland, in Ham­burg, Bremen, in Berlin immer wieder ausgesucht werden. „Stammkunde" ist auch hier der entscheidende Begriff.

Das Hotel hat während der letzten Kriegsjahre schwere Zeiten erlebt. Dadurch, daß die Stadt in einem luftgefährdeten Bezirk liegt, sank die Belegung der Zimmer Monate hindurch bis auf zwanzig Prozent; fünfzig bis zu sechzig. Prozent aber sind die Norm, die in der letzten Zeit langsam wieder erreicht wird. Es ist natürlich unsinnig anzunehmen, daß ein Hotel wie dieses feinen Gästen mit besonderen Leckereien aufwarten, daß man hier noch „schlemmen" könne. Derartiges ist hier völlig ausgeschlossen (wie wohl überall anderswo auch). Daß der Gast gut verpflegt wird, dankt er dem Geschick der Leitung, ihrer Umsicht, ihrem Weitblick; das ist auch in kleineren, einfacheren Betrieben nicht anders, eben eine Frage der führenden Per­sönlichkeit, sei sie nun ein Hotelgeneraldirektor oder ein schlichter Wirt. Aber nicht allein auf das Esten kommt es an. Auch das Wohnen und Uebernachten soll angenehm für den Gast sein. Die Zimmermädchen mit guter Schulung sind fast alle geblieben, nur haben sie mehr Arbeit, da sie zum Beispiel auch die Obliegenheiten des Etagenkellners übernehmen und allabendlich die sehr umständliche und genau gehandhabte Ver­dunkelung ausführen müssen. Denkt der Gast, der hier für eine Nacht einkehrt, daran, daß ein riesiger Bestand an Weißzeug vorhanden sein muß, nicht nur Bettwäsche, auch Handtücher, Bett- und Waschtischvorlagen? Früher wurde dieser Wäsche- trousseau alljährlich fast vollkommen erneuert und für die Auffüllung einer entsprechenden Reserve gesorgt — mit etwa achtzigtausend Mark schätzt man den Weißzeugbestand eines größeren Hotels — heute ist die Abnutzung allein schon durch die weniger differenzierten Waschmittel außerordentlich groß, größer als die Möglichkeit (die an sich in kleinem Umfang ge­geben ist), Neuanschaffungen vorzunehmen.

Ein Hotel im Kriege — das bedeutet täglich neu auf­tretende Fragen, die alle auf irgendeine Weise beantwortet ein wollen; es bedeutet Mühe und Sorgen tagaus und tag- ein. Auch hier geht es um die Existenz und um viele Existenzen. Es geht darum, tausend Klippen zu umschiffen, um den guten Ruf des alten Hauses ohne Makel in die nahe ober ferne Friebenszeit hinüberzuretten. Auch das ist eine Aufgabe, die zu bewältigen sich lohnt. epb.

besonders Holz aus dem Allgäu verfrachtet; aufwärts brachten die Neckarschiffe besonders Kolonialwaren, auf- und abwärts blühte die Beförderung von Salz. Nach dem Wiener Kongreß kam noch einmal ein Aufschwung. Aber eine Großstadt war Cannstatt trotz allem nicht geworden, 1800 betrug seine Ein­wohnerschaft 2722 und ein halbes Jahrhundert später auch nur 5200. Und um dieselbe Zeit, gerade vor hundert Jahren, als das erste Dampfboot wenigstens bis Heilbronn heraufkam und man einen neuen Aufschwung erwartete, kam das Unheil: der Dampfzug mit der nahen Hauptstadt Stuttgart als Ausgangs­punkt setzte allmählich, aber unentrinnbar, der Neckarschiffahrt und der Stellung Cannstatts als Stapelplatz ein Ende. 1871 beförderten die Neckarschiffe noch ganze 3580 Zentner, im fol­genden Jahre überhaupt nichts mehr, die Schiffer waren Loko­motivführer oder Schaffner bei der Eisenbahn geworden, ober »sie hatten sich sonst einen neuen Beruf gesucht.

Trotzdem: Heute erhofft Cannstatt, seit 1905 ein Stadtteil von Stuttgart mit dem Gebiet des ausdehnungsfähigen Jn- dustriegeländes im Neckartal, wieder Aufschwung von einer neuerweckten Neckarschiffahrt. Der Kran ist verschwunden, aber der Neckarkanal, diesmal leistungsfähiger, nähert sich der Mitte des Landes. Er wird mit seinen Staustufen eine genügende Wasserführung für das ganze Jahr sichern, und das 1200-Ton- nenschiff wird die Eisenbahn glücklich ergänzen. So hat sich in diesen Tagen schon eine erste Reederei gebildet, deren Motorboote die Bezeichnung „Heimathafen Stuttgart" tragen. Ein Kran, eine Stadt, eine Reederei — man denkt in Bad Cannstatt, wie heute die amtliche Bezeichnung heißt, nicht daran, nun den Wettlauf mit der Entwicklung Ludwigshafens aufzunehmen, aber man hat das Gefühl, daß diesmal für die

Zu den drei landwirtschaftlichen Versuchsgütern, über die die Reichsuniversität Posen bisher verfügte, ist nun ein viertes hin- zugekommen. Alle vier befinden sich am Rande der Hauptstadt des Warthelandes und umfassen zusammen 1111 Hektar. Einige dieser Versuchsanlagen sind die ersten ihrer Art an einer landwirtschaft- lidjen Fakultät. Ihre besondere Aufgabe liegt darin, in naher Ver­bindung mit dem Verband zur Förderung der Landwirtschaft und des Gartenbaues im Wartheland die gesamte Landwirtschaft im deutschen Osten theoretisch und praktisch zu entwickeln.

Atem raubte. „Schau doch wie der Himmel flammt!" rief sie „Rot und Gold, nichts als Rot und Gold!"

„Rot und Gold!" seufzte er und starrte mit großen Augen das Schauspiel an. „Nur dies, ein winziges Stück davon, ich muß es einfangen!"

Es klang wie ein Stöhnen, sie wandte befremdet den Kopf nach ihm. „Was ist dir, deine Augen blicken so merkwürdig?"

„Komm, es wird Zeit, wenn du noch vor Anbruch der Nacht zu Hause sein willst!" wehrte er ihre teilnehmenden Fragen ab und schritt voraus nach Hangersdorf hinunter Sie gesellte sich zu ihm und musterte ihn scheu von der Seite. Be­sonders nachdenklich sah er jetzt nicht aus, bis auf die Falte zwischen den Augenbrauen, doch die verließ ihn eigentlich nie.

Hätte sie aber seine Gedanken lesen können, bann wäre sie vielleicht nie baheim angelangt. Von Scham getrieben wäre sie von seiner Seite weg zurück in bie Berge.geflücbtet zum nächsten Abgrund hin vielleicht.

Denn er wunderte sich darüber, daß sie es war, die neben ihm herging und nicht Hanna. Immer wieder brauste es ihm durch den Kopf, dies sei der ärgste Verrat, der kaum jemals gutzumachen sei; weder an Hanna noch an Dorothee. Es wehte ihn kalt an, und bie Knie würben ihm weich. So will es benn der Teufel, unb darum muß cs wohl zu etwas gut sein! dachte er und straffte sich wieder in Gedanken.

Er schritt rascher aus, denn bie Dunkelheit brach jetzt mit Macht herein. Der Monb schob im Süben bie Stirn über bie Berge hinauf; auf einmal war bas gelbe Gesicht ba. Er war im Abnehmen unb zeigte ein schiefes fast hämisch lächelndes Antlitz. Hangersdorf kam nahe, eine fremde Gegend, so schien es Friedrich in dem ungewissen Licht. Hänge, Schluchten unb Waldstreifen sah er, an die er sich nicht erinnern konnte. Ja, gewiß, tagsüber mag alles hier anders aussehen, aber was geht mich das eigentlich an? dachte er ungeduldig. Es soll mich bmite nicht mehr kümmern als an irgend einem anderen Tag. Ich bin diesen Weg gegangen und bereue nichts, nichts bereue ich!

JSm Dorfeingang wollte sich Dorothee von ihm trennen. „Warum, ^ch scheue bie Gemeinbe nicht?" sagte er unb blieb an ihrer^Seite. Sie begegneten aber weiter keinen Menschen.

Im E^utz des Hauses hängte sie sich schwer an seinen Hals. „Ich hörte dich auf bem Wege etwas sagen unb »er­taub es nicht recht. Ich will nicht danach fragen, aber ich werde dir überallhin folgen, selbst in das Unglück!" sagte sic Sie küßte ihn rasch und eilte bann ins L>aus.

Die Mutter sah sofort, als Dorothee'hereinkam, baß ihr irgenb etwas widerfahren sei. „Du bist lange ausgeblichen?" wrschte sie besorgt.

„Ja, aber nicht in Hermannsthal, Mutter. Den Gedanken an den jungen Frege schlag dir aus bem Kopf."

Die Mutter machte große Augen. Dorothee begegnete ihnen trotzig unb ehrlich, wie sie es gewohnt war. „Ich war mit

neue Entwicklung „bie Zeit erfüllt war".

Das -roße Kos»

vor dem amerikanischen Kongreß mitgeteilt: „Vorausgesetzt, baß von der ganzen Menschenkraft, Willenskraft, Elasttzität, Tapferkeit unb der ganzen Seelenstärke der englisch sprechenden Welt jede Anstrengung gemacht wird, glaube ich hoffen zu dürfen, daß das Ende des Jahres 1942 uns in einer unbe­dingt besseren Stellung antreffen wird als jetzt unb daß das Jahr 1943 es uns ermöglichen wird, die Initiative auf einer groß angelegten Basis zu ergreifen." An dieser Stelle der Rede Churchills hätte sich eigentlich ein Mann aus dem Grabe zu einem Zwischenruf melden müssen — der alte Neville Cham­berlain. Wenn du jetzt im dritten Kriegsjahr — hätte er Churchill zurufen können —, jetzt, nachdem du endlich die Ver­einigten Staaten und Sowjetrußland auf die Seite Englands gebracht hast, wenn du auch jetzt erst so weit bist, daß du deine Hoffnungen auf das fünfte Kriegsjahr setzen mußt — warum in aller Welt hast du bann mit deinen Freunden meine Taktik gestört, dem Kriege auszuweichen und zu warten, bis England besser gerüstet war? Vielleicht hätte der tote Chamberlain jetzt

: Winter war gern einverstanden. Wentzel arbeitete genau fo

gut mit Gottfried Spiller zusammen.

1 „Ja, unb noch eins, verzeih mir die Frage," fragte Rückers 1 und ärgerte sich über sich selbst: „Hast du nichts von Hanna Tesch gehört?"

„Nein, nichts mehr!" antwortete Winter unb sah dem Alten voll ins Gesicht.

„Es geht mich nichts an," meinte Rückers erleichtert; „aber meine Frau fragt dauernd nach Hanna, als hätte sie ihr Wichtiges mitzuteilen. Die Frauen zu Hause kommen mir etwas merkwürdig vor, doch mir fehlt die Zeit, darüber nach­zudenken. Wozu auch?"

Damit empfahl sich Rückers, um sich gleich ins Schloß zu begeben. Der Graf war aber bereits fort und hatte Bescheid hinterlassen, daß er morgen über Benkwitz nach Lekscha kom­men werde. Sicherlich nimmt ihn die Mutter wegen der Tän­zerin ins^Gebet, dachte Rückers, als er zufällig Ernestine be­gegnete. Sie kam aus bem Park unb schritt geradeswegs auf ibn zu. „Böser Mann!" rief sie unb drohte ihm mit aufgehobe­nem Finger. „Was haben Sie so viel in Lekscha zu tun? Geht es nicht ohne den Herrn Grafen?"

Er schüttelte bedächtig den Kopf. „Nein, es geht nicht ohne ihn. Er ist der Herr und bestimmt, was getan werden muß."

„Ob nein!" lächelte sie; „das bestimmt euer Hexenmeister der Graf tut alles, was der will."

„Sie sollten so etwas um der Freundschaft willen nicht lagen," tadelte Rückers.

„Freundschaft? Er läßt sich im Schloß überhaupt nicht mehr sehen unb folgt keiner Einlabung."

„Er hat viel zu tun, gnädigstes Fräulein, unb arbeitet oft die Nacht hindurch."

„Ja, das bemerkte ich zuweilen. Seine Fenster leuchten bis zu uns herüber. Ob er heute nacht auch arbeitet?"

„Ganz bestimmt, wie meistens am Sonntag. Er liebt die stille, die er nur den Sonntag über bis Montag früh findet dann ist nur der Schürwächter in der Hütte auf."

„Sie fahren schon heute nach Lekscha,' Meister?"

„Muß ich wohl, gnädiges Fräulein, der Herr Graf er­wartet mich morgen früh dort. Soll ich bem Herrn Grafen etwas auftragen?" fragte er, ba Ernestine ihn unsicher ansah.

„Gut benn, tragen Sie ihm auf: Wenn er sich nicht be­eilt, könnte er vielleicht eine Ueberraschung erl-ben. Ja, bas sagen Sie ihm nur!" forderte sie nachdrücklich und reichte ihm zum Abschied die Hand.

Ich werde mich hüten, dachte Rückers bei sich, als er zum Park hinausschritt. Ter Graf wird nicht bei bester Laune sein, wenn er aus Benkwitz kommt. Aber der Zorn stand ihr gut. So lacht eine Frau, bie eine Teufelei im Sinn hat!

(Fortsetzung folgt.)

Die Gabe.

Nach zweistündiger Autobusfahrt erreichten wir damals das Dors, wo der Anstieg zur Skihütte begann. Glasig ange­wehter Schnee saß in den Fugen der Holzhäuser, ein Gebirgs­bach starrte leblos, bie Schuhnägel schrien bei der Berührung mit dem Boden auf. Wir waren von der Fahrt so aus- gefroren, daß wir am liebsten jfein Glied gerührt hätten; jede Bewegung schien der eisigen Kälte eine Blöße unserer Klei­dung zu offenbaren. Wir waren glücklich, von daheim nach dem üblichen Zögern, das zweite Paar Wollfäustlinge mit­genommen zu haben. Wie hätten wir ohne sie durchkommen können? Endlich hatten wir uns so weit ermuntert, daß wir den Marsch begannen; die Stahlteile der geschulterten Skier rasselten im regelmäßigen Takt, der Gipfel wurde gewonnen.

Meister Friedrich in Heidau, unb bann sinb wir bie Berge hinaufgewandert."

Die Augen der Mutter reizten sie. „Was starrst du mich so an?" fragte sie. „Ich bin ganz heil zurückgekommen, wie du siehst!"

Die Mutter faßte sich allmählich. „Daß du aber auch gar nicht daran denkst, was die Leute sagen!" klagte sie.

Dorothee lächelte vieldeutig. „Das tue ich ja gerade, Mutter. Ich will keinem Menschen über den Weg laufen und mich aushorchen lassen, unb ich weiß, warum."

„Was soll ich dem Vater sagen?" jammerte die Mutter weiter.

„Sage ihm, was du willst, ich werbe vor ihm nicht bie Augen niederschlagen!"

„Der Vater ist nicht im Haus," gestand die Mutter auf- atmenb. „Der Gras hat ihn nach Lekscha mitgenommen, es sollen auch dort neue Cefen ausgestellt werden. Aber willst du nicht etwas zu Abend essen?"

„Nein, Mutter, es ist ja schon Nacht!" lachte Dorothee. Sie umhalste die Mutter und wünschte Gute Nacht. „Und denke nicht schlecht von mir, da ich doch sehr, sehr glücklich war," schloß sie vertraulich.

11.

Meister Rückers ließ sich jetzt selten in Hangersdorf unb Reisern sehen, der Umbau der Lekschahütte nahm seine Zeit in Anspruch. Es wurden gleich mehrere Oefen ausgestellt, nur für Spiegel- unb Flachglas. In der Reisernhütte begann allmäh­lich der Platz für die Spiegelmacher zu fehlen; sie hatte auch nur eine einzige Ziehbahn.

, Winter hatte dem Grafen bereits angebeutet, baß er bie Ziehbahn für eigene Sachen brauchen werbe. Rückers war neugierig und fragte wieder einmal nach den neuen Absichten.

„Kannst du denn nicht abwarten?" beantwortete Winter die drängenden Fragen und lächelte. „Ich habe in manchen Kirchrn herrliche Fenster gesehen unb bitte mir ein, baß ich sie auch schassen kann, in einem Glas etwa, bas bie Abenbsonne widerstrahlt."

„Sieben Farben sind dir wohl zu wenig, wie?" spottete Rückers.

„Was glaubst du, die Abendsonne strahlt in tausend Farben!" begeisterte sich Winter.

Rückers musterte ihn zweifelnd: „Dieses Wunder möchte 1 ich gern erleben. Hoffentlich bin ich in der Zeit nicht gerade abwesend."

„So nahe dran bin ich noch nicht," gestand Winter, „du kommst bestimmt zurecht."

„Ich muß wohl glauben, benn bei bir ist nicht viel un­möglich. In vier Wochen will ich in Lekscha fertig sein. Wenn i du Flemming entbehren kannst, schaffe ich es vielleicht schon ] früher."

Gin Kran und ein Kanal.

Stuttgart, im Dezember.

Mit einem 1822 am Rhein errichteten Ladekran — fo konnte man kürzlich lesen — hat die Entwicklung der Stadt Ludwigshafen aus dem Nichts zur heutigen Großstadt ange= fangen. Immerhin, der Kran allein tut's nicht, Wasser ist auch vonnöten; mit einem schon fast ein Jahrhundert früher, 1743, am Neckar erbauten Ladekran hat in der Stadt Cannstatt die erhoffte große Entwicklung trotzdem nicht angefangen. Da­bei war der Ladekran nicht einmal das erste, schon 1713 war in Cannstatt, wie die alten Chroniken erzählen, bie Schiffahrt „mit vielen Solennitäten auf- unb eingerichtet" worden. Aber obschon die wenig verkehrsgünstige Lage des württem- bergischen Landes damals nach einem befahrbaren Flußlauf ZU schreien schien, ging es auch nach 1713 und auch nach bet Errichtung bes Krons trotz aller herzoglichen Förderung unb trotz der Verbesserung bes Neckarlaufs bis nach Heilbronn nicht recht vorwärts.

Die Ware hätte nicht gefehlt, ba ja Cannstatt seit alter Zeit ein wichtiger Verkehrs- unb Stapelplatz war. Einige Jahrzehnte, besonders zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts, wo sich ein paar tüchtige Cannstatter Handelsleute zur Grün­dung einer Speditionsfirma und einer Reederei zusammen- schlossen, blühte auch die Schiffahrt auf. Flußabwärts wurde

Die Lücke in der Kilanz.

Bei der Echternacher Springprozession geht es immer drei Schritte vorwärts und zwei Schritte rückwärts. Das ist gewiß ein umständliches Verfahren, aber am Ende kommt man doch auch so jedesmal einen Schritt voran. Der Rhythmus, in dem sich bie Engländer auf ihr Kriegsziel hin bewegen, folgt einer anderen Regel. Sooft sie einen Schritt unternahmen, näher an Deutschland heranzukommen, sind sie um viele Schritte zu­rückgeworfen worben. So war das bei allen Versuchen, eine kontinentale Front gegen Deutschland aufzurichten — in Polen unb Frankreich, in Norwegen, Holland und Belgien, im ehe­maligen Jugoslawien unb in Griechenland. Am Ende sind sie bei jeder Bewegung auf dem Kontinent auf eine Mine ge­treten. Das Ergebnis war schließlich von Dünkirchen bis Kreta bie Vertreibung vom Kontinent. Die Echternacher Regel gilt hier in der Umkehrung: einen Schritt vorwärts, drei Schritte rückwärts. In ganz großem Stile war das für Eng­land auch die Regel dieses Jahres. Es wird von zwei Er­eignissen beherrscht, die in einer englischen Jahresbilanz eigentlich auf die Aktivseite gesetzt werden müßten. Auf dem Kontinent hat sich die Sowjetunion als Bundesgenosse Eng­lands in den Kampf geworfen; im Bereich der beiden Ozeane sind bie Vereinigten Staaten in ben Krieg eingetreten. Die Männer, die England regieren, haben beides gewollt und her­beigesehnt. Gleichwohl haben sie am Ende dieses Jahres keinen Anlaß, Fanfaren blasen zu lassen. Wäre alles so gelaufen, wie sie es gehofft hatten, bann hätte jetzt in London das große Hauptquartier der englisch-amerikanisch-sowjetischen Front ein­gerichtet werden müssen. Dann wäre jetzt für die Engländer die Stunde gekommen, das Generalkommando des Krieges zu übernehmen. Statt dessen ist aller Welt demonstriert worden, daß die grundlegenden Entscheidungen gar nicht mehr in Lon­don, sondern anderswo fallen. Statt dessen haben die beiden wichtigsten englischen Kriegsfiguren im letzten Monat dieses Jahres weite Reisen antreten müssen: der Premierminister Winston Churchill nach Washington, der Außenminister Anthony'Eden nach Moskau.

Für beide gilt das Wort: „On revient toujours ä ses

| Premiers amours“. Jeder ist sozusagen zu seiner alten Liebe zurückgekehrt. Aber sie haben längst keine Heimlichkeiten mehr. Sie haben nicht mehr erste Verbindungen anzuknüpfen, sondern , Verpflichtungen zu übernehmen, die ihrem Lande bereits über den Kopf gewachsen sind. Wenn Churchill es nicht schon vor­her gewußt hätte, so müßte er jetzt in Washington erfahren haben, daß die oberste Führung des englisch-amerikanisch- sowjetischen Krieges an Roosevelt übergegangen ist. Im L Falle Moskaus mag es noch im Dunkeln bleiben, wer eigentlich mehr zu leisten oder zu empfangen habe, die Eng­länder ober die Sowjets. In dem wichtigsteil Punkte aber gibt | kS keinen Zweifel mehr darüber, was Eden tatsächlich aus- j gerichtet hat. Die „Times" in London unb die „Jswestija" \ in Moskau haben sich mit unverkennbarer Uebereinftimmung | sehr deutlich darüber ausgesprochen. Derselbe Anthony Eden, I der in England als politische Hoffnung der konservativen f Jugend aufgeftiegen ist, hat die Zukunft Europas den keines­wegs unbekannten Ansprüchen der Sowjets ausgeliefert. Was das zu bedeuten hätte, wenn England jemals in die Sage : käme, diesen Wechsel einzulösen, mag vielleicht bie Engländer heute noch nicht beunruhigen. Den Völkern des Kontinents aber, auch denen, die nur mit schwacher Phantasie begabt toären, müßte es den Schlaf der Nächte rauben.

Als Ergebnis bet Besprechungen in Washington unb Moskau — unb übrigens auch der Besprechungen in Tschung- : king, wo bem britischen «General Wavell unb bem amerika­nischen General Brett bie Aufgabe zugefallen ist, dem Mar­schall Tschiang Kai-schek klarzumachen, warum und wie er den Befreiungskampf der ostasiatischen Völker gegen die Ein­mischung raumfremder Großmächte auf der falschen Seite der I Front mitkämpfen soll —, als Ergebnis dieser Besprechungen ; wird man der Welt die Aufstellung eines gemeinsamen Kriegs- I blaues präsentieren. Einzelheiten werden gewiß nicht verraten. Das wichtigste aber hat Churchill selbst schon in seiner Rede

Copyright 1941 by Hans von Hugo Verlag, Berlin.

Zwischen Hag und Traum.

Roman.

Von Josef Wieffalla.

(30. Fortsetzung.)

; „So bald als möglich!" stimmte ich der guten Frau bei. • „Und die Hochzeitsreise wird nicht ewig dauern, ich fange an, mich mit Arnsdorf zu befreunden."

„Na, ob's wahr ist?" zweifelte sie. „Dichter sind unsichere Leute unb fühlen sich stets fortgetrieben. Entschuldigen Sie diesen klugen Satz!" lachte sie. „Ich hörte ihn bei meiner : Geburtstagsfeier — aus Ihrem Munde. Die Malerin könnte es bezeugen, der Sie im Streit noch andere Wahrheiten ge­sagt haben."

„Es ist kein Vergnügen, mit eigenen Worten geschlagen zu i werden!" sagte ich lachend und lobte ihr gutes Gedächtnis. ;„Sie sind eine fabelhafte Frau, Christa kann wirklich beruhigt sein. Ich will es ihr gleich schreiben unb auch sonst noch große, ! große Post erledigen," bemerkte ich und eilte auf mein Zimmer.

Ich sah die neuen Seiten durch unb vergaß mich dabei, cd) schrieb und schrieb, bie ganze Nacht hindurch unb ruhte nicht eher, bis ich zu einer neuen Entscheidung Borgebrungen toar. Die alte Fabel sollte doch recht behalten.

Man kann der Liebe nicht befehlen, nein! Die Liebenden leben gefährlich am Abgrund und wissen es nicht. Aber ich zeichnete doch nur tausendfaches Schicksal auf. „So stand es geschrieben," hätte ich nach alten Zeugnissen anfangen können. Und wieder ein anderes Mal: So habe ich es gehört. Und mir bezeugte sich dieses Geschehen:

Aus Georg Kösters Erzählung:

» Akelei und Goldrubin.

Sie durchwanderten das Sadebuschtal, es blühte gelb unb ■5t in immer neuen Wellen unb ließ kein Ende ahnen. Nur te Berge standen da, moosbraun und steingrau und lächelten der die ganze Gegend bis zum Qderinsee hinüber. Es war 1 schön zum Gehen.

7 . „Man müßte sich eigentlich hinsetzen und sich feiertäglich hig verhalten," sagte Friedrich Winter.

i „Wo denkst du hin, ich kann nicht bei Nacht nach Hause mmen?" entgegnete Dorothee ängstlich. „Auf dem Kamm en werde ich ruhiger sein, dann sehe ich Hangershorf vor \ liegen," bemerkte sie entschuldigend, als er sie verwundert ,'lickte. Sie hängte sich in seinen Arm unb schmiegte sich jt an ihn.

(/Nun waren sie auf bem höchsten Punkt angelangt, der trnmel öffnete sich vor ihnen so weit, daß es ihnen fast den

Jahre nicht stille sitzen, nur um zu warten, daß sich die Hoff- ?ogar den Mut, sich zu ben Ansängen seiner Politik zu be-1 nungen ihrer Feinde auf das Jahr 1943 erfüllen können.