Dienstag, 1. November 1938
Neueste Zeitung .illustrierte Tageszeitung, Frankfurt a. ML,
Seite 2
„Un chamberlain.“
In angelsächsischen Ländern gibt es ein untrügliches Zeichen für die Popularität eines Mannes: das Maß nämlich, in dem sich die Oeffentlichkeit für seine persönlichen Eigenheiten interessiert und bereit ist, sie nachzuahmen. Dabei ist wesentlich, daß seine Besonderheiten nicht nur deshalb übernommen werden, wtil man sie etwa praktisch findet, sondern gleichsam als ein Beweis der Sympathie. So wurde Mr. GladstoneS selbst für seine Zeit altmodische Handtasche auch von seinen Anhängern getragen, der steife schwarze Hut, der >,Hornburg-Kat", den Eduard VIl. bevorzugte, war bald große Mode, so verhalf Eduard VIII. dem bereits In Vergessenheit geratenen Strohhut, der „Kreissäge", zu einer Renaissance, und Baldwin hat seiner besonders klobigen Pfeifenform viele Liebhaber verschafft.
Neuerdings erlebt das persönliche Requisit, um nicht zu sagen Attribut eines Mannes, der sonst nicht gerade für einen Ehrgeiz auf dem trügerischen Felde der Mode bekannt ist, eine ähnliche Nachfolgcschaft. Chamberlain hat den Regenschirm wieder zu Ansehen gebracht. Die Vorstellung, der britische Premierminister trenne sich nie von dieser nützlichen Erfindung, ist so weit verbreitet, daß ihn kürzlich sogar eine portugiesische Karikatur darstelltc, wie er, im Frack, im „Internationalen Quartett von München" die Geige spielt, während der Regenschirm friedlich von seinem Arme bau
melt. Es wird jetzt für einest Gentleman als korrekt angesehen, nicht etwa jene gerollte Form zu tragen, die fast schon einem Spazicrstock gleichkommt, sondern die entfaltete und lose herumflappende, wie sie zu dem Bilde von Chamberlain gehört. Die Welle dieser eigenartigen Sympathiebewegung, aus der die Schirmfabrikanten anscheinend nicht geringen Nutzen ziehen, ist über England, wie aus einem Brief an die „Times" h'crvorgeht, auch schon nach Belgien gedrungen. Auch hier führe der Herr, der etwas auf sich halte, einen Regenschirm spazieren, für den sich, so vernimmt man weiter, bereits die Bezeichnung .am oliamdoriain" eingebürgert habe. „Sie werden in den Läden der größeren Städte zu Tausenden gekauft, und der neue Name, der französisch sehr leicht ausgesprochen werden kann, wird allgemein an Stelle von ,,un parapluio." angewandt." So aitgenehm den Engländern die Popularität ihres Premierministers ist, melden sich doch auch schon Stimmen, die davor warnen, seinen Regenschirm etwa zu einem Symbol der britischen Demokratie zu machen.
Wahlerfolg
der portugiesischen Nationalpartei
Lissabon, 81. Oktober.
Am Montag wurde das Ergebnis der Wahlen zur portugiesischen Nationalversammlung bckanntgegebcn. Bon 718 930 Wahlberechtigten gäben 622 313 Wähler Ja-Stimmen sür die Liste der Nationalpartci ab. Somit hat das portugiesische Volk mit 88.6 v. H. der nationalen Negierung das Vertrauen ausgesprochen.
(Hau Sudefenland der NSDAP
Konrad Henlein zum Gauleiter ernannt — Ueberleitung der Sudetendeutschen Partei
Der Führer hat folgende Verfügung erlassen:
„Ich verfüge, daß mit dem heutigen Tage die sudetendeutschen Gebiete nördlich der Further Senke bis zu den Bezirken Troppau- Neutttschein einschließlich den Gau Sudetenland der NSDAP bilden.
Als Sitz der Gauleitung bestimme ich die Stadt Neichenberg.
Zum Gauleiter des Gaues Sudetcnland der NSDAP ernenne ich den Parteigenossen Konrad Henlein, zum Stellvertretenden Gauleiter den Parteigenossen Karl Hermann Frank.
Gauleiter Henlein hat umgehend nach den Weisungen meines Stellvertreters die Ueberleitung ver S8P in die NSDAP sowie den Aufbau der NSDAP, ihrer Gliederungen und angcschlosscncn Verbände in die Wege zu leiten.
Ucbergabe der an die Gaue Bayerische Ostmark, Ober-Donau, Nieder-Donau und Schlesien fallenden sudetcndeutschen Gebiete durch Gauleiter Konrad Henlein zu melden ist, bestimme ich den 11. Dezember 1938. sgez.) Rudolf Heß."
Der Stellvertreter des Führers hat an Gauleiter Konrad Hcn- lein folgendes Telegramm gesandt:
„Zu Ihrer Ernennung zum Gauleiter der NSDAP durch den Führer beglückwünsche ich Sie herzlich.
Mit besonderer Freude begrüße ich Sie und Ihre Mitarbeiter, die so hervorragenden Einsatz im Befreiungskampf für ihre Heimat leisteten, als nunmehrige Angehörige des Führerkorps der NSDAP Im jahrelangen Kampf um die Erhaltung der deutschen Stellung im Südostcn hat nationalsozialistischer Geist 'und
Deutsche Soldaten marschieren aus Rußland nach Hause
Auf Napoleons Spuren
Abschied von Mohilew — Der Uebergang über die Beresina
Von Karl Brammer
Merieka
Aut unserer Karte bedeuten: Dünner LSLngsstrlrh --- Gau Bayerische Ostmark; fetter Lüngsstrich « Gau Oberdonau; Schrägstrich «= Gau Niederdonou; Querstrich = Gau Schlesien. (lloffmann)
Die entsprechenden Maßnahmen in den an die Gaue Bayerische Ostmark, Ober- und Nieder-Donau und Schlesien fallenden sudetendeutschen Gebieten sind in engster Fühlungnahme mit den zuständigen Gauleitern durchzuführcn.
Den einzelnen Gauen werden laut anliegender Karte folgende Bezirke beziehungsweise Restbezirkc zugewicsen: a) dem Gau Bayerische O st mark:
TauS, Ncugedein, Neuern, Hartmanitz, Schüttcnhofen, Bergreichenstein, Winterbcrg, Wallern, Prachatitz. d) dem Gau Ober-Donau:
Kalsching, Oberplan, Böhmisch-Krumau, Hohenfurth, Kaplitz.
c) dem Gau Niederdonau:
Gratzen, Schweinitz, Wittingau, Neuhau, Neu-Vistr.tz, Zlabings, Jamnitz, Frain, Znaim, Joslowih, Mährisch- Kromau, Pohrlitz, Auspitz, Nikolsburg, Lundenburg und Engerau.
d) dem Gau Schlesien: das Hultschincr Ländchcn.
Den Zeitpunkt der Uebcrgabe bestimmt mein Stellvertreter.
Zur Zeit Obersalzberg, den 30. Oktober 1938.
sgez.) A d o l f H i t l c r."
Anschließend an diese Verfügung des Führers hat der Stellvertreter des Führers folgende Anordnung erlassen:
„Gemäß der Verfügung des Führers vom 30. Oktober 1938 werde ich die SdP am 5. November 1938 in die NSDAP übernehmen. Als Zeitpunkt, an dem mir der organisatorische und personelle Aufbau der NSDAP im Gau Sudetenland und die
Wille von Anfang an den siegreichen Volkstumskampf bestimmt. Die von Ihnen geführte sudetendeutsche Volksbewegung hat die deutsche Volksgruppe Ihrer Heimat geeint, sie entschlossen eingesetzt !m Kamps sür das größere Deutschland und damit eine wesentliche Voraussetzung geschaffen für die herrliche Bcfreiungötat des Führers.
Sie haben am denkwürdigen 1. Oktober 1933 die Führung des völkischen Sudetendeutschtums übernommen. Nach fünfjährigem Ringen stehen Sie mit dem ganzen Sudetendeutschtum am siegreichen Ende des großen Kampfes um Heimat und nationalsozialistische Weltanschauung. Tie sudctendeutschcn Nationalsozialisten haben unter Ihrer Führung durch Opfer und Bewährung sich würdig gezeigt, in die große politiscbe Kampfgemeinschaft des Führers, in die Nationalsozialistische Partei cinzutrctcn. Damit ist zugleich der jahrhundertelange Kampf der Deutschen Ihrer Heimat um daL größere Deutschland siegreich beendet. Mit dem ganzen deutschen Volk, das zu äußerstem Einsatz bereit war, hat der Führer das Werk vollendet, das vor vielen Jahrhunderten mit der ersten Furche einer deutschen Pflugschar auf sudetendeutschem Gebiet begonnen wurde.
Tie Parteigenossen des Gaues Sudetenland werden nun mit Ihnen als Gauleiter unter den Fahnen Adolf Hitlers weiter marschieren mit der gleichen Kampfkraft, die sic im Ringen auf dem Hcimatbodcn und im Freikorps an den Grenzen des Sudetenlandes unter Beweis gestellt haben. Glücklich und stolz grüßen wir groß- deutschen Nationalsozialisten den jüngsten Gau der NSDAP mit alter nationalsozialistischer Tradition.
(gez.) RudolfHeß."
„öm Weltraumschiff gelandet!“
Ein „realistisches" Hörspiel verursacht eine wilde Panik in Amerika
New Jork, 31. Oktober. (TNB.)
Teilnahmslos hörten gestern abend die amerikanischen Nundsunkhörcr ihre Wetternachrichten; gleichgültig ließen sie die abendliche Tanzmusik über sich ergehen — da unterbrach aufgeregt der Ansager daS Programm der Columbia Broadcasting Company, um mit allen Anzeichen der Furcht und dcö Entsetzens eine Mitteilung z» machen, die in den Oststaaten eine beispiellose Panik verursachte:
Ein Weltraumschiff sei auf New Jersey nicdcrgcgangen, Männer, mit Todaästrahlcn bewaffnet, seien ihm entstiegen, die mit den Mitteln modernster Technik einen Angriff aus die friedlichen Vereinigten Staaten begonnen hätte». Der Kommandeur der Nationalgarde gab anschließend der Bevölkerung Verhaltungsmaßregeln gegen Bombenangrisfc, deren furchtbare Verwüstungen er in allen Farben auSmalte, und schließlich ermahnte der Innenminister da« Volk, aus den Städten zu fliehen und sich in Sicherheit zu bringen.
Im Augenblick durchschwirrten die großen Städte der Lststaaten, New Dork, New Jersey, aber auch Chicago und Los Angeles, die wildesten Gerüchte. Besonders im Staate New Jork kam es zu unvorstellbaren Szenen.
Von Panik ergriffene Hausbewohner stürzten in den Mietskasernen von Wohnungstür zu WvhnungStür und alarmierten die Nachbarn Ganze Häuserblocks wurden von den Bewohnern verlasse», die in den Luftschutzkellern Zuflucht suchten In de» Krankenhäusern und Hospitälern kam eS zu panikartiger Aufregung. In New Jersey stürzten fassungslose Menschen in die Kirchen und unterbrach»» dort dir Gottesdienste. Frauen knieten aus. den
Straßen nieder, um zu beten. Tausende liefen In ihrer Angst, den Kopf mit Taschentüchern und Handtüchern gegen vermeintliche Gistgase schützend, durch die Straßen. Aus den Polizeiämtcrn, bei den Zeitungen und bei den Rundsunkstationcn liefen die tclephonischc» Anfragen tausendfach ein. Die AuSsallstraßen der Städte waren in kürzester Zeit von Tausenden von Wagen verstopft, deren Insassen den nahe liegenden Bergen in größter Hast zustrebten. In Jersey rafften Hunderte von Familien ihre notwendigste Habe zusammen und verließen, nur mit dem Notwendigste» ausgerüstet, die Stadt. Unvorstellbar war die Panik im Ncgervicrtel Harle m, dessen Einwohner die Nadioübertragung Wort sür Wort für Wirklichkeit gehalten hatten.
Und der Grund für diese Panik der Bevölkerung- Columbia Broadcasting hatte ein allzu „realistisches" Hörspiel gesendet, daS betitelt war, „Krieg der Welten" und den Angriff der Marö-Bewohner auf die Erde schilderte.
Wem darf man wohl den Erfolg der durchschlagenden Wirkung dieser Scnduckg zuschreibcn: Dem Hörspieldichter oder jenen gewerbsmäßigen Grcuelfabrikantcn, die den Boden vorbereiteten, auf dem eine solche phantastische Sendung die friedliche Psyche der gutgläubigen Amerikaner in Bcrtvirrung sehen konnte?
Nachdem in so drastischer Weise offenbar wurde, zu welch grotesken Situationen diese Psychose, veranlaßt durch eine harmlose^ Nundsunkscildung, führen kann, möge» sich so manche mit dem Wort des Greuels in der amerikanischen Oeffentlichkeit a»S- einandersrtzen.
2 .
An einem hellen Herbsttag, früh um sieben Uhr, verließ die deutsche Infanterie Mohilew. Um diese Zeit wurden die deutschen Posten an der Dnjepr-Brücke durch Husaren abgclöst, von denen eine Schwadron und ein Maschtncngewehrzug noch bi« neun Uhr in der Stadt blieben. Die Miliz erschien an dicsein Morgen überall mit roten Armbinden', rot war überhaupt die Farbe des Tages. Gehorsam hatte man der Aufforderung der Sowjets Folge geleistet, an den meiste» Häusern waren rote Fahnen angebracht, und doch tvaren die Fahnen meist mehr Schutzzeichen als Zeichen der Gesinnung. Das gleiche galt auch von den roten Schleifen, die an diesem Morgen von alt und jung getragen wurden. Die kommunistische Partei hatte noch ein übriges getan und brachte große Revolutionsfahnen mit Begrüßungsworten am Dnjcpr-Prospckt, an der großen Gartenstraße und unten an der Dnjepr-Brücke an. Die Schulkinder versammelten sich mit ihren Lehrern am Thcatcrplah, aber ein Feicrtagsgesicht bemerkte man weder bei den Lehrer» noch bei den Kindern.
An der Dnjcpr-Brückc strömten indessen die Neugierigen zusammen, um den A bzug der Deutschen und den Einzug der Bolschewikt zu sehen. Ein einheimischer yeschästskundigcr Lichtbildner hatte sich auf der Anhöhe einen Platz gesucht, um den geschichtlichen Augenblick auf der Platte festzuhallcn. Auf und vor der Brücke wurde deutsche Ordnung bis znm letzten Augenblick aufrecht erhalten. Wenige Minuten vor neun Uhr rollte dann ein Auto über die Dnjepr-Brücke, dcni der Vorsitzende des Ucbcr- nahmc-Äusschusses, Herr G »r j c w i t s ch, begleitet von drei Kom missarcn, entstieg. Der diensttuende deutsche Offizier verständigte die Kommissare davon, daß nach dem Abrllckcn der deutschen Truppen dem Einzitg der Sowjcttruppcn nichts mehr ini Wege stände.
Als das Auto nach Lupolowo zurückgekchrt war, wurden die deutschen Posten eingezogcn. „An die Pferde", „Aufgcscssen". Tann noch ein letztes Kommando, und die Schwadron der Leibhusaren setzte sich in Marsch, hinterdrein ratterten die Gcwehr- wagen. Schweigend stand die Bevölkerung. Nur hier und da noch ein letztes verstohlenes Grüßen. Ein deutsches Soldatenlied klang durch den frischen Herbstmorgcn. Die Lanzenfahnen flatterten lustig im Winde. Nach Süden zu, den Dnjepr entlang, durch die Byscho- wcr Straße ging der Marsch. Noch einmal grüßten vom Hügel herab die Türme der schönen Stadt Mohilew. Dann schwanden sie in der Ferne, und durch freies Hcrbstland und durch kleine armselige Dörfchen ging'?. Die Sanne stieg hoch, hell und klar wurde der Tag. Hoch oben zogen Wildgänsc in langen Reihen fort in wärmere Gegenden. Gegen Mittag kam Taschkowka in Sicht. Lokomotiven heulten weit ins Land. Deutlich tönte das Rollen der Räder. Die letzten Züge, die um zehn Uhr den Bahnhof, Mohilew verlassen halten, waren eben auf dem neuen Grcnzvahn- hof Daschowka eingctroffen. Bis zum Mittag war das Gebiet von Orscha, Krupki, Bobr und Mohilew geräumt, und das Deutsche Reich hatte damit seine Vertragsvcrpflichtungcn pünktlich erfüllt, die eS nach den Zusatzverträgen zum Frieden von Litauisch-Brest übernommen hatte.
Im November 1812
In der großen Mehrzahl standen an der Demarkationslinie alte Landsturmleutc, die oft selbst länger als Vier Jahre im Felde waren und deren Söhne schon an der Westfront kämpften. Fast waren die Landstllrmcr abgcschnitten vom Geschehen, von der aufgeregten Zeit. Aus den Briefen, die der Postcmpsänger brachte, und aus den Zeitungen sich ein klares Bild zu machen, fiel manchem schtver, ltnd einzelne wähnten schon, sie seien vergessen worden. Sollte es tatsächlich ihr Los sein, noch einen endlos langen Kricgswinter in diesem Lande zuzubringcn?
Für den mittleren Teil der 10. Arincc kamen für den Marsch nach Hause in der Hauptsache zwei Hauptstraßen in Frage, die beide geschichtliche Bedeutung hatten, und zwar die Straßen Borisiow—Shodin—Minsk—Molodctschno und Borissow—Zembin— Wileika—Smorgon. Auf diesen beiden Straße» waren im Juli des Jahres 1812 die französischen Heere ostwärtsgezogen, auf der erstgenannten hatte dann im November des gleichen Jahres der russische Heerführer Vizeadmiral Ts chitschago, der von Litauisch—Brest herangekommen war, Napoleon den Weg verlegt. Der französische General Bronikowski, Gouverneur von Minsk, war durch das schnelle Zugrcifen der russischen Vorhut unter Führung des Grasen Lambert aus Minsk und später aus Borissow geworfen worden. Der Uebergang über die Beresina bei Borissow war durch die Anwesenheit des russischen Heeres unmöglich geworden, so daß Napoleon mit seiner Armee von Borissow nordwestlich in die Gegend von Studicnka und Wesolowo marschierte, sich dann nach den schaurigen Tagen vom 26. bis 28. November westlich wandte und mit dem Rest seiner Truppen die Straße Zembin—Kamen—Pleschtschenizy—Chotajewitschi nach Wileika zog.
ES war ein merkwürdiges Wechselspiel der Ereignisse, daß in den gleichen November-Tagen 1918 wie damals 1812 ein Teil der deutschen 10. Armee zu ihrem Marsch noch Hause die gleiche Rück- zugsstraße benutzen mußte, die Napoleon benutzt hatte, auch der Uebergang über die Beresina spielte sich in den gleichen Tagen ab.
Es erscheint daher natürlich, daß der Rückmarsch der beiden Heere zur Vergleichung anregt. ES erschien die Wiederholung dcr E r e i g n i s s e vrelleicht als ein böscS, unheilkündcndeS Omen. TgS Gespenst der Beresina-Tragödie schien umzugehen, aber glücklicherweise schien das alles nur so, denn der deutsche Soldat fürchtete sich auch jetzt noch nicht vor bösen Zeichen und Gespenstcr- spuk. ES ging ein unbesiegte« Heer nach Hause, jeder trug das Gewehr fest in der Hand. Diesmal gab es kein planloses Zurückjluten, sondern einen vorher sestgelegten, geschlossenen Rückmarsch, der deshalb auch glücklich ausgeführt werden konnte, weil icder Musketier und jeder Trainfahrer wußte, um was eS sich bairdelte. Nicht ein Gespenst, daS Schrecken und Bangigkeit verbreitete, war der Rückzug von 1812 uns gewesen, sondern ein guter Lehrmeister, indem jeder Schritt, den wir aus der alten »apoleonischen Straße gingen, uns verdeutlichte, daß nur festes Zusammenhalten uns unserer Heimat glücklich und gesund näher- brachtc.
Es wird erzählt, daß am 27. November 1812 Major von Werder die Reste eines preußischen UlanenregtmentS in guter Ordnung noch an Napoleon uorübergeführt liabe. Der Korse freute sich über die soldatische Haltung und entließ den Major in wohlwollender Weise. Die Ulanen waren so ziemlich die letzten Truppen, die über die Beresina gingen. Auch diesmal waren cs Ulanen, die als letzte deutsche Soldaten über de» Fluß gingen und den Rückzug der Kameraden deckten. So haben sich die Ereignisse fast bis in einzelne wiederholt, jedoch mit dem Unterschied, daß an Stelle des Jammergestöhns gewaltiger Mengen von Versprengten, Verwundeten nnd Kranken ein unbesiegtes, einiges und freies Heer singend den Marsch nach Hause antrat.
Gefangene marschieren aneinander vorüber
Sonnenglanz und blauer Himmel überall. Auf. dem Bahnhof in Borissow ist ein solches Geschrei, Gerenne, wie man es dieser kleinen Station gar nicht zugctraut hätte. Borissow ander Beresina ist heute geworden, >vas früher Orscha am Dnjpr war, derGrenz- art gegen die Sowjetrepublik. Zur Sicherung der Stadt haben iächstsche Truppen auf dem östlichen Berestna-Ufer einen Brückenkopf besetzt, doch cs besteht keine strenge Abschlicßung mehr, sondern cs findet jetzt ein ge,tcigertcr A n s tausch von Krieg!- gefanaenen statt. Mit den Zügen von Minsk kommt tägli-i c ne große Anzahl von Russen ans alle» Teilen Deutschlands an, die, schwer mit Sack nnd Pack beladen, über die Bcrcsina-Brücke zcehen, um ins Sowjctland,- in die Heimat z» wandern. Und von drüben kommen deutsche Kameraden, oft aus vierjähriger Gefangenschaft, zurück, die nun endlich auch auf dem Marsch nach Hauie sind. Sie sehen äußerlich alle ziemlich „russisch" aus, aber Herz und Sinn sind deutsch geblieben. Man sicht's am Glanz der Augen, man fühlt's am Druck der Hand, wie groß die Freude des Wiedersehens überall ist. Die Milchen Händler im warmen Wintcrpelz tun auch heute, was sie immer taten, was sie bei unserem Kommen taten, was sic bei unserem Gehen tun werden: sie bieten mit dem ganzen Schmelz ihrer Stimmen weißes Brot und Wurst zum Verkauf a». Sie haben sich jeder Lage anzupassen gewußt und haben infolgedessen auch jetzt aus dem Bahnhof eine Börse gemacht. In wenigen Tagen gehen die Deutschen fort, die Boljchewicki kommen, und mit ihnen kommt auch das russische Geld. Nikolai ist tot, aber die Nikailckes leben. Kerenski ist in der Versenkung verschwunden, aber die Kerenskirubel steigen im Kurse. Im ganzen ein merkwürdiges Bild: Uebergangszeiten mit allen ihren Wunderlichkeiten...
ver Schicksalsfluß
, Vis auf eine schiiiale Rinne ist die Beresina schon zugefroren. Wie eine schwarze Schlange läuft die offene Rinne durch das Eis. Im Sonnenlicht schillern da und dort die Schuppen, doch wenn man von der Brücke in das fließende Wasser gerade hineinsieht, ist es schaurig dunkel. Am 25. November, fast zur gleichen Stunde vor 106 Jahren, kam Napoleon in Borrissow an, nachdem O u d i n o t den russischen Grafen P a h l c n, der an Stelle des gefallenen Lambert die russische Vorhut führte, wieder aus dem Orte und über den Fluß getrieben halte. Vielleicht hat Napo» l e o n einige Stunden in einer der Hütten, die in unmittelbarer Nähe des Ostufers liegen, zugebracht; wahrscheinlich ist aber, daß das niedrige Haus nicht mehr steht, sondern während der Kämpfe >» den folgende» Tage» nicdcrbranntc.
Aiis der nordwärts nach Alt-Borissow führenden Straße merkt man, daß in den nächste» Tage» der Marsch nach Haiise forlge- führt wird, denn jetzt sind alle Truppen schon von den alten Linien losgelöst ii»d aus dem östliche» Bcrcsina-Ufer versammelt. Der Landsturm schickt Kolonnen mit Paketen, Gasmasken und. allem überflüssigen Gerät an die Bahn; die Ulanen tun das gleiche und schleppen ihre überflüssigen Lanzcnbcstände ab. Das deutsche Generalkommando, das sommerlang auf dem schönen Gute des ehemaligen Großfürsten Nikolai N i k o- l a j c w i ts ch gelegen hatte, hat schon in Borissow selbst Quartier bezogen. Es ist jetzt sehr still geworden hier draußen, aber das wird wohl nicht lange pauern, denn sicherlich werden bald Sow- jctkommissare die schönen sauberen Räume beziehen. Die alten russischen Stellungen, Gräben und Drahtverhaue an der Beresina-Linie bestehen auch heute noch. Nutzlose Arbeit, die geleistet wurde. Ein Stück mehr oder weniger, was liegt jetzt schon daran?
Blutrot sinkt die Sonne hinter den Wäldern von Stachow. Als ob sie den Schnee färben wollte. Das verleiht der Landschaft etwas Großartiges. Das Sonncnrot hängt hier in den Spitzen der Kiefern: scharf und zackig hebt sich dort der dunkle Wald gegen das Licht ab. DaS Flußtal der Beresina scheint in dieser Beleuchtung größer als cs wirklich ist. Gebüsch, Slräuchcr und Baumstümpfe, die im Frühjahr und im Sommer dem Bilde Farbe gaben und den Blick fesselten, sind jetzt im Schnee-Einerlei fast unscheinbar geworden. Tie Wege, die noch vor Tagen so ausgeweicht ivaren, daß die Wagen bald bis an die Achsen versanken, sind nun vollständig auSgcfroren. Wie glasharte Schnüre liegen die letzten Wagenspuren da. Das Wetter meint cs gut mit unserem Rückmarsch, denn nur selten sind die Straßen in diesem Lande so gut befahrbar wie eben jetzt. Ter Schmutz des Frühjahrs und des Herbstes, der Sand und Staub des Sommers und die Schneewehen des Winters fehlen. Der wolkenlose Himmel und die ooll- tändige Windstille der letzten Tage geben auch die Hoffnung auf die Beständigkeit des Weiteres. Der Himmel hatte ein Einsehen diesmal mit dem Wunsch der Truppen, nach Hause zu kommen.
Sie günstig, wie sich das Wetter uns bewies, so ungünstig hatte es sich der Großen Armee vor 106 Jahren gezeigt. Damals war nach dem scharfen Frost der ungewöhnlich früh eingesetzt halte, ein Rückschlag gekommen. Die bereit» vereiste Beresina war wieder lebendig geworden, und die Eisschollen trieben krachend und donnernd nach Süden zu. Das Sumpfgcbiet, das damals weit größer war als heute, war wieder ungangbar geworden, und beim Flutz- übcrgang fanden eine Reihe Unglücklicher in diesen Schneesümpscn ein überaus klägliches Ende.
Offene Herren - offene Hände
Die ersten WHW-Sammelergebnisse; Steigerung bis zu 45 v. H.
Die NSK meldet: In der Eröffnungsrede zum ersten Winter- hilfswerk Großdcutschlands sagte der Führer: „Ich glaube, wir haben so viel Glück in diesem Jahre erfahren, daß wir alle die Pflicht haben, diesem Glück freiwillig unser Opfer zu bringen."
Diese von dem Führer geforderten Opfer sind gebracht worden mit offenen Herzen und offenen Händen. So erbrachte der erste Eintopssonntag dieses WHW eine Gesamtsumme von 8 289 019.53 Mark, wovon auf das Altreich 7 310 057.41 Mark, auf die Ostmark 978962.12 Mark entsallen. Gegenüber dem ersten Eintopf des ver- flossene» WHW ergibt sich für da» Altreich eine Steigerung um 1 638 851.44 Mark-28.9 Prozent. Auf die Haushaltungen umge- rechnet opserte jede Haushaltung Großdcutschlands durchschnittlich 0.42 Mark zum ersten Eintopfsonutag. Eine noch größere Opfcr- freudigkcit zeigte sich bei der ersten Reick,Sstraßensammlung des WHW 1938/39. Die hübschen Buchabzeichcn erbrachten im Altrcich eine Summe von 8 940 444.66 Mark, in der Ostmark 1 337 439.90 Mark. Aus den Kopf der Bevölkerung Großdcutschlands entfällt mit dem Gesamtbetrag von 10 277 844.56 Mark somit ein Opfer von 14.04 Pfennig, eine erstaunenswerte Zahl, wenn man bedenkt, daß sic Männer und Frauen, Säuglinge, Kinder und Greise, Soldaten und Arbeitsdienst, Erwerbstätige und Invaliden ersaßt. Für das Altrcich errechnet sich eine Steigerung gegenüber dem Buchab- zcichensonntag de« WHW 1937/38 um 2 810 608.11 Mark --- 45.85 Prozent.
Litauische Ausschreitungen
Polizei und Deutsche von bewaffneten Litauern überfallen
Memel, 81. Oktober.
In dem memelländischen Dorfe Petrajahnen kam eS am Samstag anläßlich einer Veranstaltung des Litauischen Arbeiterund Handwerkervereins zu bedauerlichen deutschfeindlichen Ausschreitungen. Im Verlaufe der Versammlung begannen etwa 30 bis 40 bewaffnete Angehörige des Litauischen SchützenveebandeS deutschfeindliche Schmäh- und Hetzruse gegen das Memeldeutschtum auS'zussoßen. Sie beachteten die Ermahnungen der beiden anwesenden Beamten der mcmelländischen Landespolizei nicht und nahmen alsbald gegen diese selbst und den deutschen Wirt deS Verfamm- lungSlbfalS eine drohende Haltung «in. wobei schließlich die beiden Beamtin, der Wirt und seine Familienangehörige überfallen und die Geschäftsräume und die Wohnung des Wirtes zerstört wurden. Er fieien auch mehrere Schüsse. Kurz vor dem Eintreffen de» Ueberfallkommandos ber LandeSpolizei verschwand der
ite Teil der Litauer. ES gelang jedoch der Polizei, eine Anzahl der Rädelsführer in Haft zu nehmen. Die polizeilichen Ermittlungen sind noch im Gange.
Die Nachricht von dem Ucbcrfall hat unter der Bevölkerung des Memelgebietes große Empörung hervorgerufen.
Eine ungewöhnliche Hinrichtung
Aus 15 Meter Entfernung erschossen
Salt Lake City (USA), 31. Oktober.
Eine ungewöhnliche Hinrichtung fand heute früh im hiesigen Gefängnis statt, wo der wegen Mordes zum Tode verurteilte John D e r i n g aus einem Stuhl, scstgcschnallt und dann aus 15 Meter Entfernung erschossen wurde. Bevor Dering die sogenannte TodeS- zclle verließ, wurde ihm eine schwere Haube über den Kopf gestülpt, nnd im Gefängnishof befestigte der GefängniSarzt über dem Herzen de« Mörders eine Platte mit einem Elektroschrcibcr, der die letzten Herztöne genau verzeichnet. Fünf Mann waren zu der Hinrichtung besohlen, aber nur einer der Schützen hatte scharfe Patronen. Nach der Hinrichtung sollen die Augen des Erschossenen der medizinischen Abteilung der Universität Utah zugcstellt werden, wo ihre Hornhaut dazu verwandt werden soll, einem Erblindeten das Augenlicht miedcrzugcben.
Sinn und Ziel des Jugendschutzgesetzes
Am Montagfrüh fanden im ganzen Reich Bctriebsappclle der schaffenden Jugend statt, die einer Erläuterung des am 1. Januar in Kraft tretenden JugendschutzgcsctzeS galten.
520 Tote im Oktober in Palästina
Die Zahl der in den Kämpfen und Zusammenstößen des Oktober ums Leben gekommenen Personen wird von zuständiger Stelle mit 520 angegeben.
Die KdF-Flotte in Palermo eingetroffen
Die KdF-Schifse sind auf ihrer Fahrt um Italien am Montag in Palermo eingetrössen. Den 2500 deutschen Urlaubern wurde von Behörden und Bevölkerung ein überaus herzlicher Empfang zuteil.
bleuer Abteilungsleiter im Reichswirtschaftsministerium Mit btt Leitung der Hauptabteilung I der ReichswirtschaftS- ministeriums hat Rcichswirtschaftsiuinistcr Funk den Leiicr der Hauptabteilung II, Generalmajor von H a n n e k e n, beauftragt, der von jetzt an beide Hauptabteilungen gemeinschaftlich führen wird.

