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ler oder Gelehrter bist oder ein Herr über große Güter, ob du von äußerem Adel bist: sei du ein Teil der großen Kraft, wie du es mit ganzer Seele vermagst! Keiner fei zu niedrig, keiner zu hoch? Wir müssen Teile sein, um das Ganze zu schmieden. Nun, so schmiedet euch aneinander, lebt euch noch mehr zusammen zur herrlichen deutschen Allkraft. Jubelndes Glück ist es, auch nur ihr winzigster Teil zu sein! Dreimal gesegnet, deutsche Kraft!
Reinhold Braun. („Die Seele siegt!")
Ein Tag. im Kloster.
„Ein Tag im Kloster, Bilder -aus dem Benediktinerleben" von P. Sebastian v. Oer (Regensburg 1912, 5.-7. Auslage, 327 S.) — so betitelt sich ein Buch, das mir kürzlich ein junger katholischer Freund zu lesen gab, der selbst daran denkt, Mönch zu werden. Es handelt sich um eine volkstümliche Darstellung des Klosterlebens im Sinne des ehrwürdigen Benediktinerordens. Sie führt uns in ausführlichen Schilderungen von der Kloster- pforte und dem „Klaustrum" zunächst vor die Statue des heiligen Benedikt von Nursia, des Or- densstifters. Sodann wird eine Nacht im Kloster mit dem gemeinsamen „Gotteslob" beschrieben. Es folgen Abschnitte über die Pflichten des Morgens, über die Arbeit, über Hochamt und Klosterkirche, Abt und klösterliche Familie. Besondere Skizzen werden entworfen vom Speisesaal (Refektorium), von der Erholung und Gastlichkeit im Kloster, von der Beschäftigung der „Laienbrüder", d. h. der nicht zu Priestern geweihten Mönche, von der Bibliothek, der Sakristei, der Kunstschule. Mit einer Schilderung der Vesper, der Einkleidung neuaufzunehmen- der Mönche und des erbaulichen Sterbens im Kloster wird das Buch abgeschlossen.
Das Ganze ist eine anmutige und geschickte Darstellung und Verteidigung katholischer Frömmigkeit und eine Werbeschrift für den Eintritt in das klösterliche Leben, — etwas breit und behaglich, aber dafür auch mit einer Fülle und Mannigfaltigkeit des Stoffes ausgestattet, wie sie das Volk liebt, anschaulich und warm. Die vereinzelten gelehrten Notizen wirken nicht schwerfällig, und die eingestreuten Legenden und Anekdoten sind so eingefügt, daß der oberflächliche und gutgläubige Leser die Kritik vergißt. Die Polemik gegen den Protestantismus wird nur an wenigen Stellen und dann in vorsichtiger und nicht unfreundlicher Form geübt. Ich kann mir denken, daß nicht bloß katholische Leser sich an dem Buche erbauen, sondern daß auch nicht sicher durchgebildete Evangelische sich von dieser Darstellung bestechen lassen. Da ist es wohl gerade im Jubeljahr der Reformation zweckmäßig, daran zu erinnern, weshalb wir das Klosterleben ablehnen und ein solches Buch als eine Gefahr für schwache Protestanten betrachten müssen. Man kann den ganzen Ernst und die Aufrichtigkeit und Hingebung mönchischer Frömmigkeit anerkennen und zugestehen, daß das Mönchtum 1000 Jahre hindurch der größte und umfassendste Kulturträger gewesen ist, wie Harnack das in seinem glänzenden Vortrag über das Mönchtum getan hat, und mutz doch als Protestant das Klosterleben selbst als einen verkehrten Weg ablehnen.
Wenn in dem Buche behauptet wird, das Kloster löse die soziale Frage besser als alle andern Einrichtungen, so muß man nur wissen, daß diese Lösung erfolgt aus Kosten der Außenstehenden. Woher kommt es sonst, daß in der Regel die ganze Umgebung großer Klöster, Land und Leute, arm. ausgesogen und unfrei ist? Die ausgenutzte Frömmigkeit der Christen ist der Grund, daß die Klosterleute sorgenlos und der sozialen Frage enthoben sind. Die Behauptung „unsre Klöster sind arm" wird nicht nur durch die Geschichte widerlegt, sondern durch das Buch selbst, welches die überaus reichliche Ausstattung und Verwaltung eines Klosters Zweifellos macht, und insonderheit den kirchlichen Prunk und dke im Kloster 'aufbewahrten Werte nicht bloß rühmend erwähnt, sondern auch ausdrücklich zu rechtfertigen sucht. Ich sehe von dem, was die Klöster durch ihre Reliquien und als Mittelpunkte katholisch-kirchlichen Lebens durch Wallfahrten und dergleichen verdienen, ganz ab. Die Stiftungen und Schenkungen stnd an sich außerordentlich groß. Zumal ein Benediktinerkloster ist nie ein „armes" Kloster. Wenn aber alle Menschen ins Kloster gingen, würde die Sache freilich anders stehen; aber dann würde auch deutlich werden, daß die soziale Frage durch das Klostec- wesen durchaus nicht gelöst wird.
Ueberhaupt wird in dem ganzen Buche das mönchische Leben auf Kosten der Wirklichkeit idealisiert. Daß die Klöster „allezeit und allerorten charitativ tätig gewesen seien", ist nicht richtig. Daß sie Stätten des Friedens und für jeden eine „glückliche Heimat" feien, ist auch nur mit Einschränkungen zuzugeben. Der Vergleich der mönchischen Tätigkeit mit der Wirksamkeit der Parlamentarier wirkt bei einigem Nachdenken höchst merkwürdig. Daß die ältesten Mönche trotz dauernden Gebets keine Müßiggänger gewesen seien, entspricht auch nicht den Tatsachen. Die Geschichte des Mönchtums berichtet- von vielen Fehlern, Sünden, Schattenseiten und Mängeln des Klosterlebens, und zwar auf allen den Gebieten, die auch für die „in der Welt" lebenden Menschen Versuchungen in sich bergen. Gleichwohl gebe ich zu, daß aus den Mißbräuchen allein noch nicht die Verkehrtheit des Klosterlebens folgert, und ich begreife, daß der Verfasser seinen Gegenstand idealisiert, zumal die Katholiken im Allgemeinen nicht so kritisch erzogen sind wie die Protestanten, und deshalb auch nicht so nüchtern und vorsichtig urteilen.
Was wir in erster Linie bestreiten, ist die Verdienstlichkeit des mönchischen Lebens. Daß die Mönche und Nonnen die „Heimatberechtigung für den Himmel" erwerben und „Verdienste", an denen dann andre Christen unter bestimmten Bedingungen teilnehmen können, daß die Mönche durch den Vollzug des gemeinsamen „Gotteslobes" „unter die Kammerherrn Gottes ausgenommen" werden, sind Gedanken, die für einen Protestanten unvollziehbar sind. Vor Gott kann niemand ein „Verdienst" erwerben, niemand mehr tun als feine Pflicht.
In zweiter Linie halten wir dafür, daß ein lebenslängliches Gelübde der Armut, der Keusche heit, bezw. Ehelosigkeit und des Gehorsams, wie es Mönche und Nonnen ablegen, von vornherein höchst bedenklich ist. Wer kennt sich selbst und
