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seine zukünftige Lebensführung fo, baß er in jungen Jahren für immer auf fein Vermögen und auf die Ehe vernichten könnte? Aber mag es immerhin bet jedem Einzelnen stehen, ob er sein Vermögen hingeben und ehelos bleiben will, das eigentlich bedenkliche Gelübde ist das Gelübde des Gehor­sams gegen den Abt, d. h. also gegen einen Men­schen, der an sich gar keine Autorität über uns und gar keinen Anspruch an uns hat. Immer wieder oetonen die Lobredner des Mönchtums, daß in dem Oberen Gott selbst dem Mönche gegenüberstehe, daß die Autorität des Abtes eine göttliche sei. Aber weshalb, inwiefern und mit welchem Rechte das so fei, darüber schweigen sie sich aus; sie könnten auch weder aus der Bibel noch sonst es wirklich begründen und beweisen. Und solch einer willkür­lichen, eigenmächtig erwählten Autorität zu liebe entzieht man sich den gottgegebenen Autoritäten des natürlichen und bürgerlichen Lebens, den El­tern, der Familie, dem Beruf, der Gemeinde, der Obrigkeit und dem Staate! Und was noch mehr ist: ihr zu liebe gibt man die gottgegebene eigne Freiheit, die Ueberzeugung, den Willen hin! Wohl sollen wir das alles Gott unterordnen und, wenn er es fordert, opfern, aber einem beliebigen menschlichen Ordensoberhaupt?

Endlich kann Mönchtum und Klosterleben in keiner Weise aus Jesus oder die Apostel zurückge- sührt werden. Sie haben so weder gedacht noch ge­lehrt noch gelebt. Nicht das Kloster ist , das Vor­bild der Familie, sondern im besten Falle ist die gottgegebene Familie ein Vorbild für ein Kloster. Was von dem Ausdruck der Demut in Gang und Haltung, von dem Werte des Schweigens und Wa­chens, von der Mönchsregel als demKodex der Vollkommenheit und Mahhaltung", von der Stel­lung zu Volk und Vaterland, von dem gemein­samen lauten Gebet als dem höchsten Gottesdienst gesagt wird, bedarf doch sehr der Einschränkung und Berichtigung. Der Wert der öffentlichen Selbst­anklage wird sehr übertrieben, wenn z. B. ein Mönch wegen eines zerbrochenen Tellers mitten während der Mahlzeit knieend vor dem Abt sich demütigen muß. Daß die Handarbeit alsBuße" undDemutsübung" bezeichnet wird, ist auch eine vorchristliche Betrachtungsweise. Daß man durch den Eintritt in ein Klosterwiedergeboren" wird, und daß der Nutzen der Kinder, die ins Kloster eintreten, kraft ihrer Gebete und Verdienste größer für die Ellern fei, als wenn sie zu Haufe und im bürgerlichen Leben geblieben wären, wird uns auch niemand einreden, ebensowenig dies, daß man im Kloster weniger Hindernisse und mehr Gnaden habe als inder Welt". Kurz, wir lehnen auch heutzutage das Evangelium des Klosterlebens ab und bleiben bei dem Evangelium der Reformation.

W. Bornemann.

die Tragödie der deutschen ZNWon.

(Fortsetzung.)

Aber trotz solcher Spannungen und Reibungen ist in den letzten Jahren vor dem Kriege das Ver­hältnis von Kolomalpolitik und Mission bei uns immer enger und herzlicher geworden. Sie gehören zusammen? Der frühere Staatssekretär Dernburg, der bei uns die Kolonialpolitik recht volkstümlich

gemacht hat, und der alle Bestrebungen zur Erhal­tung und Hebung unseres wertvollsten Kolonial­besitzes, nämlich der Eingeborenen, tatkräftig för­derte, hat immer auch die Arbeit der Mission aufs wärmste anerkannt. Der jetzige Staatssekretär Dr. Sols hat die innere Zusammengehörigkeit beider oft und gern in dem von ihm geprägten Schlag­wort ausgesprochen:Kolonisieren heißt missio­nieren", einem Wort, das man auch um­drehen kann: Missionieren heißt kolonisieren. Die einfachen Tatsachen haben uns gezeigt: Es gibt kaum einen stärkeren, wirksameren Bahn­brecher deutschen Kultureinslusses, ja auch deutschen Handels und deutscher Staatsmacht als den deut­schen Missionar. Jede von deutschen Missionaren bediente Missionsstation ist ganz von selbst, ob sie es beabsichtigt oder nicht, ein Mittelpunkt deutscher Kultur.

Diese bedeutsame Tatsache wurde uns in den letzten Jahren immer mehr klar, zugleich mit einer anderen, die ihr Gewicht verstärkte: Wir sahen, wie die englische und überhaupt die angelsächsische Mis­sion in noch viel größerem Umfange der angelsäch­sischen Kultur und dem englischen und amerikani­schen Einfluß in der Welt die Wege ebnete. Wir erfuhren, daß diese englischen Missionen vielfach schon seit Jahrzehnten eine systematische Hetze ge­gen Deutschland und gegen deutsche Art ins Werk gesetzt hatten. Englische Missionszeitschristen schmäh­ten längst vor dem Kriege ganz in den uns jetzt so vertraut gewordenen Tönen den barbarischen deutschen Militarismus, wühlten gegen den deut­schen Kaufmann; Lehrbücher der Erdkunde für Mis­sionsschulen (z. B. in China), von englischen Missio­naren versaßt, ließen mit sehr durchsichtiger Absicht­lichkeit Deutschland ganz aus oder behandelten es in wenigen schnöden Zeilen. Und wenn man dann hörte, wie z. B. in China reichlich 106 000 Schüler in englischen Missionsschulen und nur 5000 in deut­schen ihre Ausbildung erhalten, daß in China über­haupt noch keine 200 deutschen Missionare neben etwa 5000 englisch redenden seien, dann wurde uns mit Schrecken klar, wohin die Entwicklung steuerte: zur kulturellen Englisierung dieses dem abendlän­dischen Einfluß sich öffnenden Riesenvolkes.

Ueberdies mußten wir uns eingestehen, daß es auch ohne eine gehässige Hetze dem deutschen An­sehen nicht gerade förderlich fein konnte, daß die angelsächsischen Völker fast überall in der Welt als die eigentlichen Vertreter der idealen Bestrebungen erschienen. Sie errichteten Schulen und Hochschulen, sie bauten Krankenhäuser und Aussätzigenheime, sie überschwemmten die Welt mit Bibeln und christ­licher Literatur, sie sandten tausende und abertau­sende von Missionaren und Missionarinnen aus, sie veranstalteten geistliche Feldzüge mit Vorträgen und Erweckungsversammlungen, gründeten Iung- münnervereine, bekämpften die Unsittlichkeit, ar­beiteten an der Hebung der Frau; sie gaben durch viele aufrichtig fromme, selbstlose, opferfreudige Männer und Frauen das eindrucksvolle Vorbild einer edlen christlichen Gesinnung. Die Deutschen erschienen daneben durch das, was man von ihnen sah, nur als das stramme, kriegerische Solda­tenvolk, als das geschickte Volk der Waffenschmiede, Ingenieure und Chemiker, als das strebsame Volk fleißiger Kaufleute, als das Volk der reinen Dies-