272

seitigkeit, das für die ideale Seite des Lebens we­nig Sinn hat.

Und nun erwies sich jener angelsächsische Idea­lismus zugleich als eine höchst praktische Sache, die den misiionierenden Völkern selbst auch große irdi­sche Vorteile brachte, und die den in jenen idealen Bestrebungen weniger leistenden deutschen Konkur­renten aus dem Felde schlug. Wir haben es z. B. in Japan erfahren müssen, wo nur eine einzige deutsche Mission, nämlich der Allg. ev.-prot. Mis­sionsverein, mit 3 Missionaren neben einer ganzen Fülle angelsächsischer Missionen mit etwa 800 Mis- sionaren tätig ist. Seit Jahren wurde von großen Firmen, die sonst in Japan großen Absatz gehabt hatten, geklagt, ihr Absatz ginge andauernd zurück. Vom deutschen Generalkonsulat in Japan wurde aus eine dahinzielende Anfrage die Erklärung ge­geben: es Hänge einfach damit zusammen, daß Deutschland den angelsächsischen Völkern die Pflege jener idealen Güter säst ganz allein überlasse. So zöge sich auch das Geschäft dahin. Die Deutschen sollten in ihrem allereigensten Interesse die religiöse Kulturarbeit der Mission und das heißt für Japan die Arbeit des Allg. ev.-prot. Missionsver­eins besser fördern. Das würde auch für die Handelsbeziehungen zwischen beiden Völkern gute Früchte tragen.

Rohrbach hat in seinem vielgelesenen Buch Der deutsche Gedanke in der Welt" versucht, dem deutschen Volk die Augen zu öffnen für diese große praktische Bedeutung solcher moralischer Erobe­rungen, wie sie die Mission zu machen sucht. Und was den frommen Misfionssreunden früherer Jahr­hunderte mit ihrer rein-religiösen Begründung der Missionspflicht nicht möglich gewesen war, das ha­ben jetzt solche nüchternen, geschäftsmäßigen und politischen Erwägungen bewirkt. Die Oessentlich- keit sing an, sich mehr um die Mission zu küm­mern. Man sing an, sie um ihrer kulturellen und nationalen Nebenwirkungen willen mit Beiträgen, zum Teil hohen Beiträgen zu unterstützen. Und auch die Mission selbst wurde sich ihrer nationalen Bedeutung bewußt und suchte durch geflissentliche Betonung dieser deutschen Pionierarbeit neue Freunde zu gewinnen. Man wagte es, das 25 jährige Regierungsjubiläum des Kaisers 1913 zu benutzen, um zu einer großen allgemeinen Volksspende für die deutschen Kolonialmissionen auszusordern, die dem Kaiser zu diesem seinem Jubiläum überreicht werden sollte. Und man erlebte die Ueberraschung, daß 5 Millionen Mark für diesen Zweck zusammen­kamen. Der Missionsgedanke hatte die Enge der kleinen pietistifchen Kreise verlassen, freilich nicht ohne daß diese mit einiger Sorge zuschauten, wie das so überraschend flott gewordene Missionsschiff nun, von dem günstigen Winde der Nützlichkeit getrieben, aus dem breiten nationalen Fahrwasser leicht dahinfuhr. Aber es war doch nicht nur Nütz­lichkeit und kaufmännische Berechnung. Es war ein neues großes Pflichtgefühl. Deutschland, das seinen Weltberus erkannt hatte, erkannte auch die heilige moralische Verpflichtung, die darin liegt: der Welt sein Bestes zu geben; nicht nur Waffen und Waren zu verbreiten, sondern geistige Güter; der Welt ein Führer zu werden zu den Zielen, die einem selbst als die höchsten leuchtend vor der Seele stehen.

L w e k e n .

perlen aus öem Meere öes Krieges.

CXXXVIL

Die nächsten Abschnitte ausKrieg und Sieg 1870 71 sind aus der Zeit zwischen dem Beginn der Kämpfe und den Kämpfen vor Metz entnommen. Sie stammen aus der Feder von Albert Pfister, Hans von Kretschmann und Colmar von der Goltz-Pascha.

7.

Seit den Tagen der großen Revolution und des ersten Kaiserreichs hatte man sich in Frankreich daran gewöhnt, nicht allzulange Zeit aus Nachrichten warten zu müssen, die geeignet waren, die Welt in Staunen zu setzen und die Eigenliebe zu kitzeln. Nck^ als Eitelkeit, nicht als bloße Unterhaltung pflegte man das in Frankreich zu betrachten; man hatte vielmehr gelernt, das wohltuende Gefühl, das den über andere Völker errungenen Erfolgen entströmt, als eine von Zeit zu Zeit notwendige, berech­tigte Forderung anzusehen, um die große Nation bei guter Laune und in der Ausübung ihrer natürlichen Liebens­würdigkeit zu erhalten. Was Algier? Was Mexiko? Was Indochina? Das waren Notbehelfe. Demütigung der Preußen, welche in den letzten Jahren die Welt mit ihrem Ruhme erfüllt, das war es, wonach die verwöhnten Kinder der Gloire sich sehnten, und nebenbei galt es ihrem Kaiser noch besonders, den Thron der Napoleoniden mit fremdem Blute fester zu kitten. Mit zitternder Ungeduld harrte man so der ersten Siegespost entgegen. Zunächst mußten sich die Ungeduldigen begnügen mit endlosen Deklamationen in der Presse, aus der Redner­bühne, im Lager. (Albert Psister).

8 .

Sonntag, der 7. August! Ein Tag des Dankes und des Jubels im ganzen deutschen Land, im Feldlager bei Wörth und Fröschweiler. Nicht ein Ahnen nur, ein sicheres Gefühl zog jetzt durch das Volksgemüt: man wußte, wie der Krieg enden würde, was man zu er­warten hätte von solchen Heldensöhnen, so voll Hinge­bung, so wohl vorbereitet,.wie sie diesmal das Vaterland zu seinem Schutze ausgesandt. Noch am Abend des 6. August hatte König Wilhelm an die Königin telegraphiert: Welches Glück! dieser neue Sieg durch Fritz! Preisen wir Gott für seine Gnade! Es soll Viktoria geschossen werden, Und jede Stunde brachte neue Einzelheiten und ließ die Erfolge noch viel bedeutender erscheinen, nun gar, als sich zu Wörth gleichzeitig Spichern gesellte."

(Albert Pfister).

9.

Unterdessen war General von Woyna mit der 28. Brigade, den Regimentern 63 und 77, an der Eisenbahn und im Stiringer Waldstücke vorgegangen und machte in dem Bestreben, den feindlichen linken Flügel zu umfassen, erkennbare Fortschritte. General von Kameke erließ deshalb erneut den Befehl, den Roten Berg zu nehmen. Sofort führte General von Francois gegen 3 Uhr die fünf Konipagnien (die 9. des 39. und die 9., 10., 11. und 12. des 74. Regiments) persönlich zum Sturm über die steilen, felsigen Bergivände vor. Von Absatz zu Absatz mühsam emporsteigend, näherten sie sich mehr und mehr dem Höhenrande. Nach wenigen Minuten ist der vorderste Schützengraben erreicht, die sichtlich überraschten franzö­sischen Jäger werden nach kurzem Widerstande vertrieben und weichen hinter die nächste Bodenwelle zurück. Von neuem setzt sich der General an die Spitze seiner Leute, mit hochgehobenem Degen führt er die kleine Schar dem Feinde entgegen; da wird er, von fünf Kugeln durchbohrt, zu Boden gerissen und verscheidet mit den Worten:Es ist ein schöner Tod auf dem Schlachtseide; ich sterbe gern, da ich sehe, daß das Gefecht vorwärts ge^." Vorwärts konnten seine braven Füsiliere nicht mehr, und rückwärts wollten sie nicht. Unerschüttert verharrten sie bei ihrem toten Führer. Wer auch iminer am 6. August 1870 oben auf dem Roten Berge war, zwei Bilder wird er nie ver­gessen: den gefallenen preußischen General, in der Hand den gezogenen Degen, und vier französische Schimmel, an dieselbe Protze gespannt, von denselben Granate ge­tötet; sie hatte den Alittelpserden die Hinterteile, den Stangenpferden die Köpfe weggerissen."

* (von Kretschmann).