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Visums der Kämpfer.
Bon JrsnaenÄ.
Kurz vor Bismarcks achtzigstem Geburtstage erbat der Präsident des Reichstages, der liebenswürdige und sehr beliebte konservative Herr v o n L ev e tz o w, die Ermächtigmlg, „dem letzten von den hervorragenden Gründern des Reiches die Glückwünsche des Reichstages darzubringen". Mit der knappen'Mehrheit von 17 Stimmen wurde diese Ermächtigung verweigert. Levetzow, der später einmal von Wilhelm 11. ein „märkischer Dickkops" genannt wurde, undpromptant- 'wortete: „Ick. glaube, Majestät sind auch in der Mark gebaren," — legte sofort nach dieser Abstimmung sein Mäsidentenamt nieder; der nationalliberale Vizepräsident Dr. Bürklin tat tags darauf das gleiche; Freiherr von Bu^ vom Zentrum wurde zum Präsidenten gewühlt, Burklm durch den fortschrittlichen Schmidt-Elberfeld ersetzt. Ueber die Reichstagsmehrheit, die hauptsächlich aus der Fortschrittspartei, dem Zentrum, den Sozialdemokraten uiid kleineren Fraktion en bestand, ging sofort ein Sturm entrüsteter Angriffe und Schmähungen nieder, zu dem des ersten Kanzlers Verehrer aller Grade sich vereinigten, auch mancher, der es für gut hielt, sich bei dieser Gelegenheit als solcher zu gebärden. Der Kaiser, der fünf Jahre zuvor den großm Kanzler entlassen hatte, gab seiner Entrüstung über den undankbaren .Reichstag durch ein Telegramm Ausdruck.
So war es am 23. März 1895! Und jetzt, zwanzig Jahre später, am 20. März dieses Jahres, hat der fortschrittliche Reichstagspräsident Kaempf ohne dm geringsten Widerspruch, unter beifälliger Zustimmung von dien Seiten, die erbetene Ermächtigung erhalten, am 100. Geburtstage „des Mitschöpfers" des neue» Deutschen Reiches an seinem Denkmal einen Lorbeerkrmiz niederzulegen: „Denn darin weiß ich mich einig mit dem ganzen Reichstage, und Millionen unserer Mitbürger, daß wir diesm Tag nicht vorübergehen lassm dürfen, ohne ein Zeugiiis abzulegen, daß wir des großen Mannes cingedeick sind, und daß wir inmitten dieses Weltkrieges für seine Sorgen, seine Gedanken und sein tatenvolleI Erleben ein geschichtliches Verständnis haben." Sorgsam abgewogene, auf alle Seiten des Reichstages berechnete, jedm Ueberschwang vermeidende Worte.
Die Parteien, die dem lebenden Achtzigjährigen den Geburtstagsgruß versagt haben, sind im jetzigen Reichstage viel starker als damals. Es ist nicht, oder doch nur für ganz wenige, ein Ausfluß des für die Dauer des Krieges proklamierten Burgfriedens, daß sie jetzt dem toten Schöpfer des Reiches mit allen anderen Parteim als einmütige Volksvertretung huldigen. Nein, der bittere Ernst des Kampfes, in dem wir stehen, um unsere nationale Existenz, der hat die Männer aller Parteien, das gesamte deutsche Volk, dieses Reich als Grundlage des materiellen und idealen Besitzes jedes einzelnen erst gleichmäßig lieben gelehrt. Wenn es je Reichsfeinde gegeben hätte, in dem Sinne, wie in schnellem Wechsel so ziemlich alle politischen Gegner des ersten Kanzlers geschimpft worden sind, heute gibi's keine mehr. Die jetzt im Felde und daheim erprobte, jedes Opfers fähige, heiße Liebe zum Vaterlands strahlt einen Teil ihrer Wärme dankbar auf den Mann aus, der den allen Traum vom einigen deutschen Reichs verwirklicht hat, wenn auch durch andere Mittel und in anderen Grenzen, als manche der Aelteren ihn geträumt, und der nun allem Kamps des Tages und der Parteien entrückt als des Reiches Vollender vor der Schaufelte des Reichstagsbaues in Erz steht.
Die Mehrheit des Reichstags vor zwanzig Jahren — das muß man heute wie damals zu ihrem Schutze sagen — hat Bismarcks staatsmännische Größe und seine Verdienste um die Erstehung des Reiches nicht verkannt. Wer jene Sitzung mitgemacht hat, der weiß, daß die Redner der Mehrheit sie vielmehr ausdrücklich anerkannt haben. Sie wollten sich nur nicht zu einem Huldigungsakt mißbrauchen lasten, den die Parteigänger des grollen dm Mannes in Friedrichsruh sicher politisch gegen die Parteim ausgebeutet hätten, die mit dem großm Gegner bis vor fünf Jahren noch im offenen Kampfe auf wichtigstm Gebieten der inneren Politik gelegen hatten, und gegen die er selbst in seinem unfreiwilligen und unwillig
ertragmen Ruhestand ruhelos mit' der ganzen Wucht und dem ! ganzen Zauber seiner Persönlichkeit in Wort und Schrift vor wachsenden Mengen begeisterter Anhänger weiter haderte. Dem leidenschaftlichen und schonungslosen Gegner glückwünschend die Hand zu bieten, galt vielen als unklug und eine zu harte Zumutung; dem im Glanze großer Taten verklärt historisch vor uns Stehenden neigt sich dankbar die Ration, die in ihm den Schöpfer des Reiches verehrt.
Wenn Bismarck sich nicht selber für seine Ruhestätte im Sachsmwalde die Grabschrist gewählt hatte, in der er sich einfach, aber doch nicht ohne Nebensinn, als „einen treuen deutschen Diener^ des alten Kaisers bezeichnet, so hätte auf ihn wie nur auf ganz wenige Große der Geschichte das Goethesche: „Mensch sein, heißt Kämpfer sein" gepaßt. Ueber das Wesen und die wechselnden Mittel der Stcratsknnst dieser stärksten politischm Persönlichkeit, die uns Deutschm ^ feit Jahrhunderten geschenkt war, haben die Zeitgenossen gestrit- ten und sind die Geschichtsschreiber nicht einig. Ob der Weg, der ihn zum Begründer der Vorherrschaft Preußens in Deutschland und zum Vollender des Reiches geführt hat, von Anfang an zu diesem Ziele aus gedacht war, oder aus einer Reihe genialer, den wechselndm Umstünden cmgep atzten Improvisationen sich zusammensetzte, das ist schwer zu ergründein Die ganze Persönlichkeit aber, die Grundzüge seines Charakters und seines Wesens, die liegen unbestritten klar zu Tage: Auf Kampf war dieser Mann gestellt sein Leben lang; eine leidmschaftliche, zornige, keinm Widerspruch vertragende Natur, ein großer Haster nicht nur gegm Groß., und Großes, auch unerbittlich gegm Kleine, auch gegen solche, ans deren Gegnerschaft nur der Groll verschmähter Liebe sprach; nie von des Gedankens Bläste angekränkelt, daß auch er einmal Unrecht haben könnte, und daß seine Gegner ernsthafte und kluge Ehrenmänner und Frmnd: des Vaterlandes sein könnten. Wer anderer Meinung war als er, der war gleich sein persönlicher Gegner, fein Feind, und wurde als solcher — und was ihm gleichbedeutend war — al§ Feind des Staates und Reiches behandelt, und mit all den reichen Mitteln bekämpft, mit denen eine verschwenderische Natur diesen Einen durch ragende Gestalt, unbändigen Willen und feinen und scharfen Geist ausgestattet hatte; nicht zu vergesten auch, mit der holden Gabe, Herzen und Liebe zu gewinnen. Seines Mundes Lächeln, seiner Augen Gewalt, haben es manchem nicht mittelmäßigen Manne angetan. „Eine Löwennatur", nannte ihn in der Festrede bei der Enthüllung seines Denkmals in Berlin Bülow — „eine Löwennatur, er stand auf der Erde im Staube des Kampfes, er hat bis zuletzt nicht aufgehört, mit Leidenschaft zu kämpfen, und der Kampf bringt berechtigte Gegnerschaft und unberechtigte Verkennung, ehrliche Feindschaft und blinden Haß.'"
Ein Kämpfer voll Zorn und ohne Mitleid ist er gewesen: in drei Kriegen hat er um Preußens Vergrößerung und Vorherrschaft, um die Einheit und die Macht des Reiches inmitten Europas siegveich gekämpft; mit allen Parteien hat er im Wechsel der eigenen Änsthauurrgen hart und leidenschaftlich gestritten, mit den Erzkonservativm, von denen er ausgegangen war, mit den alten Liberalen der 50er imd 60er Jahre, und mit dem späteren entschiedenen Liberalismus bis ans Ende. Kein Bundesgenosse war ihm dabei zu schlecht. Die beiden auch heute noch zahlreichsten Parteien hat er mit Ausnahmegesetzen bekämpft und verfolgt, erfolglos, denn sie sind in diesem Kampfe erstarkt. In das Königshaus und die Familie seines alten Herm hat er den Kamps getragen: rm Kronprinzen, der 1863 nach den Preßordonnanzen von Bismarcks innerer Politik sich öffentlich losgesagt hatte, hat er dauernd einen Gegner, in der Königin Augusta und der Prinzessin Viktoria, der späteren Kaiserin Friedrich, bis ans Ende Feindinnen gesehen. Die Seiten seiner Gedanken und Erinnerungen sind voll davon, die Seiten dieser Erzählungen des großen Mannes und Hassers, in denen viel Staatsweis- beit steht, die man aber bei Leibe nicht als eine lautere objektive Quelle ansehen darf. Auch mit seinem alten kaiserlichen Herm hat er oft genug gerungen, heiß und hart, bis zu Weinkrämpfen auf beiden Seiten, gerungen mit der Waffe der Entlassungsgesuche und der Klage des körperlichen Zusammenbruches. Ein „treuer deutscher Diener" seines geliebten Herrn, aber kein bequemer Diener; das pflegen auch solche Diener nicht zu sein, die für ihre Herren um Staaten und Kronen gespielt und Reiche gegründet haben; können es auch
gemäß der Grenzen menschlicher Natur nicht sein, denn auf die Dauer identifizieren sie doch ihre Person mit dem, was durch sie geworden ist, und was ohne sie nicht geworden wäre; identifizieren sich umso mehr und überzeugter mit ihm, — das Reich bin ich — je mehr ein starker Teil des Volkes und der Parteien in begeisterter Verehrung diese alles überragende Machtstellung billigen, eine Machtstellung, die schließlich auf alles drückt und sogar die rechtspvechenden Hüter der Gesetze zeitweilig iit ihren Bann schlug, natürlich ihnen selber unbewußt. Am härtesten gerungen hat Bismarck wohl mit seinem König in jenen Julitagen 1866, als es sich darum handelte, ob der Krieg gegen das geschlagene Oesterreich weitergesührt, oder ob angesichts der drohenden, militärisch nicht unüberwindbaren Einmischung Frankreichs Frieden gemacht werden sollte. König Wilhelm verlangte in Nikolsburg noch die Annexion des Königreichs Sachsen und einzelner Teile Oesterreichs. Bismarck, der im siegreichen Kampfe die kühle, staatsmännische Besonnenheit nicht verlor, und schon an die Bewahrung des Gewonnenen und an den Ausbau des vergrößerten Preußens zum Reiche dachte, widersprach; er erhielt vom Kronprinzen, in dein er sonst seinen Gegner sah, und außerdem, was noch benrerkonstverter ist, von den großen Militärs, von Roon und Moltke, Unterstützung der König fügte sich, hat aber die ihm abgezwungene Nachgiebigkeit lange nicht verwunden.
Wie oft hat Bismarck scheinbar kampsesmüde von seinem Ruhebedüqfnis und seiner Sehnsucht nach der beschaulichen Zurückgezogenheit des Landlebens — seiner alten Liebe — gesprochen! Als dann aber am 18. März 1890, der großen Menge des Volkes überraschend, als Ergebnis schon länger dauernder Meinungsverschiedenheiten zwischen dem jungen Kaiser und dem alten großen Kanzler, seine unerbetene Entlassung eintrat, da zeigte sich, daß nicht Ruhebedürfnis,
, sondern alte Kampflust den greisen Helden noch erfüllt hat. Es ist kaum mehr zweifelhaft, daß er den Kampf gegen die Sozialdemokratie und alles, was er freigebig sonst dazu rechnete, nicht abschwächen wollte, wie es der arbeiterfreundlichen Politik des Kaisers entsprochen hätte, sondern daß er auf eine Verschaffung abzielte, sehr wahrscheinlich auch auf eine Beseitigung des allgemeinen gleichen, direkten Wahlrechts, das ihm ja nie Selbstzweck, sondern nur Mittel zum Zweck gewesen I war. ,Auf einen Konflikt wäre es ihm nicht angekommen, ihm, der', schon den Großvater des jetzt regierenden Herm durch den Konflikt in Preußen durchgeführt hatte. Dem hat sich der junge Kaiser versagt, und so kan8s, zum Bruche. Das Unerhörte geschah: der Mannte chif " dessen Worte Europa lauschte, der letzte Mit- Reiches und seiner Macht, sollte nicht in den entlasten wie ein anderer Minister auch und — wie es Reichsrecht und des Kaisers Recht war, das von Bisnmrck selbst geschaffene Recht, von dem er nie geglaubt hatte, daß es sich gegen den Schöpfer wenden könnte. Der menschlichen Tragik dieses Schicksals haben sich damals auch Bismarcks politische Gegner nicht verschlossen, und erst als er selbst nicht schwieg, sondern, auch als Entlassener noch eine Macht, den Kampf gegen sie, gegen seinen Nachfolger unv gegen den Kaiser aufnahm, da haben auch sie weitergekämpft. Denn, wie sein Biograph, Max Lenz, sagt: „Er blieb der Kämpfer, der er gewesen. Er gewann es nicht über sich, zu schweigen. Er trat auch jetzt seinen Feinden gegenüber, so, wie er es gewohnt war, ohne sich zu schonen, mit voller Kraft und dem Stolze, den ein Leben unerhörter Siege rechtfertigte; und er bewies der Welt, wie er stets getan, daß neben der Liebe auch der Haß das Bedürfnis und eine Kraft seines Geistes war".
In diesem Kampfe, in dem er selbst Opposition war, höchst persönliche Opposition, bekannte sich der Mann, der ein Leben lang alles mit Wegwerfung behandelt hatte, was politische Gegnerschaft vorn Standpunkt ihrer Prinzipien ans vortrug, plötzlich zur Freiheit der öffentlichen Kritik der Regierung, „um den Monarchen vor der Gefahr zu beschützen, daß Weiber, Höflinge, Streber und Phantasten ihm Scheuklappen anlegten, die ihn hinderten, seine monarchischen Aufgaben zu übersehen und Mißgriffe zu vermeiden oder zu korrigieren."
Wer jene aufgeregten Tage der Entlassung des ersten Kanzlers politisch tätig miterlebt hat, der weiß, für wie nahe man in manchen Kreisen die Gefahr hielt, daß eine sofort ein- setzende Opposition des Entlassenm zu einer Umgestaltung un-
Ml— I l'.WH MaBMaW*—Baa MiHBU'i.iitiT^MW B—Ba——B——
seres Parteiwesens und zur Bildung einer von ihm geleiteten '
Fronde führen konnte. Ob er daran gedacht und nur die Zeit ! verpaßt hat? Als ec später agitatorisch hervortrat, war's zu , spät. Der Kaiser kannte die Stimmung und manche leiden- > schriftliche Aeußerung des im Zorne Geschiedenen und sprach mit vertrauten Personen feiner Umgebung beim Morgenritt davon. Ich erinnere mich, wie besorgt einer dieser Herren eine Art Gutachten über die Stimmung der Parteien und des Volks einholte, und trotz meiner beruhigenden llluskünft, daß Bismarck jedenfalls die rechte Zeit schon verpaßt habe, doch besorgt schloß: „Wenn mir verhütet wird, daß gegen den großen alten Mann die Staatsgewalt einschreitm muß." Das ist zum Glück nie geschehen, wie heiß es auch in den nächster! Jahren, namentlich in der Zeit des mit der schweren Nachfolge belasteten C a p r i v i, hergegangen ist. Ein Kämpfer mit starkem Willen und ungebundener Zunge biieb Bismarck auch nach der äußerlichen Aussöhnung mit dem Enkel seines, alten Herm bis an das Ende seiner Kräfte, innerlich ein Unversöhnter. Dafi'rr hat er in den Jahren nach seiner Entlassung bis zu seinem Ende die Genugtuung und Freude gehabt, daß die Zahl seiner schwärmerischen Verehrer und Anhänger, ja man kann sagen, seiner Anbeter, von Jahr zu Jahr wuchs; daß Tausende seinen Worten, wcun er reiste, auf Marktplätzen und aus Bahnhöfen jubelnd und gläubig lauschten, und daß Friedrichsruh zu einem Wallfahrtsort wurde, wo man Worte staatsmännischer Weisheit und patriotischer Erhebung suchte. ■ In wachsendem Maße sahen über die Grenzen seiner Verehrer hinaus auch gegen seine Fehler nicht blinde weitere Kreise in dem alten Recken mit der ungebrochenen Streitbarkeit alle, Vorzüge und Tugenden deutschen Heldentums vereinigt: eine Siegsriedsgestalt, an der auch die Rauflust nicht störte, dann einen weisen und gewaltigen Heerkönig aus nordischer Sage. Der Künstler, der ihn in Granit als ragenden Riesen Roland am Hamburger Hafen hingestellt hat, der hat charakterisierend^ das Richtige getroffen. Auch der Rock, die hohen Reitstiefel, Pallasch und Helm der Kürassiere paßten zu dem gewaltigen Manne besser wie jedes andere Kleidi Ein paar Jahrhunderte früher hätte man sich diese Kanipfnatur nur im Harnisch oder tm Koller von Büsfelleder denken können, und dann würde er' irgmdwo im deutschen Lande Gründer einer eigenen Dynastie geworden sein. Es ist kein Zufall, sondern das Ende eines logischen Gedankenganges, daß die wechselnd und aus sehr verschiedenen Motiven laut werdende Sehnsucht nach einem starken Kanzler des Reiches sich häufig in dem Wunsch nach dem gespornten Kürassiersti-efel und dein Attribut einer großen Dogge äußert, die auf den Namen Tyras hört. Wotan mit seinen Raben, Bismarck mit seiner Dogge. Durch die starke Betonung und manche Uebertreibnng des Reckr ften und Aggressiven in dieser Kampfnatur ist übrigens b * u-mn- chern, die ihn nicht gesehen, gehört und gekannt haben, ein falsches Bild des äußeren Menschen und der Ar! seines Auftretens, entstanden. Er war kein sporenklirrender, polternder Riese, sondern männlich und weltmännisch in der leichten und freien Art seines Auftretens, bis ins Alter eine elegante und ritterliche Erscheimmg, die unschwer die Last des hohen starken Kör-, pers tmg. Ich sehe ihn vor mir, wie er bei der-Grundsteinlegung zum Reichstagsgebäude im Freien vor allem Volke sich tief herabneigend dem alten Kaiser die Hand küßte; es war die vornehnre Geste eines auf höfischen! Parkett heimischen Kavaliers in der Galauniform der Seydlitz-Kürassiere.
Und der Kopf! Der verriet bis auf die großen Hellen Augen, wenn sie zornig blickten, nichts von der Kampfnatur, sondern vielmehr durch die schöne Wölbung des kahlen Schädels die geistige Bedeutung der Persönlichkeit. Das Auffälligste aber waren die Farben dieses Kopfes: weiß, wie Seide glänzend der Schnurrbart und die buschigen Brauen, und der schmale Kranz der Kopfhaare; die Gesichtsfarbe ganz hell, im Affekt und bei Anstrengungen leicht gerötet. Es'war ein Kopf in Weiß und Rosa, der, verhülftiismäßig klein, nur prächtig geformt, auf den mächtigen Schultern saß. Und aus diesem Kopfe kam — überraschend — eine sehr hochliegende Stimrne, ein mildes, angenehm klingendes Organ. Er war kein Donnerer, wie man sich ihn nach Charakter und nach der Art seiner Kainpffiihmng wohl vielfach vorgestellt hat. Geistig hat er als Redner geblitzt und gedonnert, rhetorisch sehr selten, und danu war's ein Donnern im Tenor. Dazu kani, daß er nicht ganz fließend oder flüssig sprach, sondern, oft stockend, mit hnnfiaem Räuspern, wie einer, bei dem sich Ge-
Wsinarck und Europa.
Von Bernhard Guttmanu.
„Die Kraft der Staaten", schrieb Friedrich von Preußen, „besteht in den großen Männern, die ihnen die Natur zu rechter Zeit geboren werden läßt." Durch diese Worte schillert der heimliche Zug zur Mystik, dessen sich der philosophierende Herrscher ungeachtet seines eisenharten Rationalismus nicht gänzlich erwehren konnte. Bestimmt eine Vorsehung das Leben? Nein, nicht im hergebrachten Sinne; es ist absurd, eine höhere Gewalt um die Schicksale gewöhnlicher Menschen zu benmhen. Auf der anderen Seite ist fiir die große Geschichte weder mit dem geistlosen Zufall auszukommen noch mit dem Materialismus des Herrn de Holbach. Eine gewaltige Intelligenz ist letzten Endes in der Welt zu spüren, wenn man mu/hoch genug steigt, um frei umzMicken. Friedrichs eigenes Amk, der von chm geschaffene Staat, unmöglich konnte er bloß oaS Produkt eines einmal austretenden Genies sein. Sah ftellich der König das nachgebarene Geschlecht an, so graute ihm vor der Mittelmäßigkeit. Mehr als jeder andere Staat, das wußte er wohl, bedurfte der seine innerlicher Energie und lebendigster Wachsamkeit, um sich nur zu erhalten. Bleibe der Nachfolger so schlaff, prophezeite er ein paar Jahre vor seinem Tode, so werde in dreißig Jahren weder von Preußen noch dem Hause Brandenburg mehr die Rede sein; eine Voraussage, die der Erfüllung nahe genug kommen sollte. Seinen Trost fand der scheidende Heros nicht in den Menschen um den Thron, sondern in jener Ahnung eines geheimen Zusammenhanges der großen Geschehnisse, kraft dessen chm eines 'Tages ein ebenbürtiger Nachfahre erscheinen mußte.
Die Natur ließ sich Zeit, um in Preußen den erwarteten Mann hervorzubringen. Fünfzig Jahre nach dem Tode des Einsiedlers von Sanssouci war-von dem Fortsetzer seines Werkes iwch nichts zu sehen. Damals, im Jahre 1836, verließ der Auscultator Otto von Bismarck aus der Altmark den Justizdienst, um als Referendar bei der Regierung in Aachen einzutreten. Dem jungen Manne gebrach es nicht an gerechter Selbstschätzung und er mochte sich an Friedrich Wilhelm L erinnern, dessen Maxime es gewesM war, einen „guten Kopp" in die Verwaltung zu nehmen und die. „dummen Teu- i fel" der Justiz zu belassen. Vor allem^ lockte die Negierungs- ' laufhahn wegen der möglichen Abzweigung zur Diplomatie.
Der gerade Weg zu dieser war für ihn nicht gangbar, denn der , einheimische Adel erschien den Regierenden noch zu haus- »bocken für den äußeren Dienst; mau mußte die Wkmnmlinge WsttMdeHherrlicher Häuser, Herren ans den deutschen Kleinstaa-
ten und sogar Ausländer herbeiziehen. Es war dies nur eines der Symptome von der Dürftigkeit und Aengstlichkeit, die an Preußen hafteten,seitdem die Begeisterungsflut der Freiheitskriege sich verlausen hatte. Sein europäisches Dasein fristete der Staat als ein eifriges, aber von den erlauchten Genossen nicht sonderlich geachtetes Mitglied der Heiligen Allianz gegen den Zeitgeist. Keine Rede konnte davon sein, daß man in diesem Bunde die gleiche Stellung wie Rußland und Oesterreich eingenommen hätte, sondern man wurde von ihnen bevormundet und fühlte sich selber den Kaiserhöfen in scheuer Vasallität innerlich ungleichwertig. Das Bündnis mit Rußland hatte wegen der Verwandtschaft der Dynastien einen Charakter familiärer Herzlichkeit erreicht., wobei sich nach moskowitischer Auffassung Preußen etwa als eine Roma- now'sche Sekundogenitur mit schuldiger politischer Abhängigkeit von dem zarischen Famllienhaupte darstellte. An Oesterreich band der Respekt vor der kaiserlichen Tradition, den Friedrich der Große niemals gefühlt hatte, und der Schrecken vor der Demokratie. Alles in allem konnte Preußen imr dem Namen nach zu den Großmächten gezählt werden. Canning, der englische Staatsmann, wies ihm unter den Allianzreichen die unterste Rolle zu, die des bloßen Büttels der von anderen geftihrten Reaktion; von Politik habe die Berliner Regierung keine Ahnung, sie sei und bleibe ein Grenadier und ihre Welt von der Trommel und den Spießruten umgrenzt. Diese geschichtliche Proportion gibt den notwendigen Hintergrund zu dem Bilde des Mannes, der seit der Mitte des Jahrhunderts dem geduckten Preußenstaate den Atem seiner Seele einblies.
Im Fahre 1851 wurde Bismarck preußischer Gesandter in Frankfurt. Er war Neuling in der Diplomatie. Würden und Bürden eines Regierungsreserendars hatte er nicht lange getragen, sondern war, verstimmt durch den Amtsbetrieb, auch wohl durch eigene verworrene Erfahnmgen, Landwirt geworden und verwaltete die pommerschen Familiengüter. Als er damals zu Ende der dreißiger Jahre den Staatsdienst zum ersten Male verließ, hatte er seine Byronsche Epoche hinter sich; in den einfachen Verhältnissen, im Verkehr mit der Natur, fern vom „Gestank der Zivilisation", fand er sich selbst, er wurde hart und lernte die Menschen leiten. Seinen Geist erfüllten jetzt statt des „Childe Harold" Shakespeares Ntachtgestalteu, die ihu sein Leben lang bereitet haben. Zwang er nun feine titaniMe Natur Me äußeres Rebellieren im beschArlich - profarschen Geleise eines att- pueußisch-en Äandedelmanns hiuznwandeln, so mußte ihn die U-eberleMiheit seines Geistes dmi erwählten Kreise als Führer empfehlen, sowie die Not kam. Als der Percy Heißsporn des konservativen Preußentums hat er sich; in den Jahren der deutschen Revolution seine Stellung geschaffen, als Partei-
mann ist er emporgekvmmen und von der bei Hofe mächtigen Kamarilla mit dem wichtigen Posten des Gesandten beim Bundestage belohnt worden. Ob selbst daruals Bismarck ganz der reaktionäre Junker war, als der er vor der Welt agierte, mag die Frage sein, denn iu die Geheimgänge der Seele verschaffen alle Dokumente den Zutritt nicht. Jedenfalls kam er nach Frankfurt mit dem wohlerworbenen europäischen Ruse eines Erzfeindes der Volksbeivegung, gerade deshalb auch als unverdächtiger Anhänger der österreichischen Vorherrschaft in Deutschland; in Privatbriesen beklagte er, wie sehr „der deutsche Schwindel und die Wut ans Oesterreich" überhand nehme. Kurz vorher, im Dezeuiber 1850, hatte er im Preußischen Landtage zum ersten Male über auswärtige Politik gesprochen. Er verteidigte damals das Ministerium Otto Man- teusfel, das soeben in Olwütz vor den Drohungen Oesterreichs und Rußlands zurückgeivichen war und die preußischen Bestrebungen zur Union Deutschlands denrütig preisgeben nulßte. Während die öffentliche Ateimmg den Krieg wollte, redete der Abgeordnete Bismarck, weil das Staatstntevefse es gebot, einem gewiß wenig imposanten Frieden das Wort. Dennoch finden sich hier schon Sätze, die den inetallenen Ton der späteren Zeit haben: „Die einzig gesunde Grundlage eines großen Staates ist der staatliche Egoismus und nicht die Roncantik. Es ist leicht ftir einen Staatsmann, mit dem populären Winde in die Kriegstrompete zu stoßen, sich dabei an seinem Kaminfeuer zu wärmen und es dem Musketier, der auf dem Schnee verblutet, zu überlassen, ob sein System Sieg und Ruhm erwirbt oder nicht. Wehe dem Staatsmann, der sich in dieser Zeit nicht nach einem Grunde zum tlriege umsteht, der auch nach dem Kriege noch stichhaltig ist!" Trotz dieser Haltung geftel der allzu energische Schwarz-Weiße den Wiener Herren für die Frankfurter Stellung von Anfang cm nicht besonders. Sie versuchten vergeblich seine Enffenämg zu hintertreiben und es erivies sich bald, daß ihr Geft'chl sie nicht betrogen habe. Schon in der ersten Sitzrmg des Bundestages, an der Bisnunck telluahm, begann da§ große Duell zwifchm ihm und der Wiener Politik, das bestinsnt war- erst fünfzehn Jahre nachher in Rtkolsburg zu enden. Mit Formen- klelnigkeiteu ftng es au. Denn Pi «nt System, mit dem Oesterreich iae deutschen Staaten zu beherrpch«! ß»We, gehörte eine sirMerte VearochlWüwvg d«r äußeLM AAPchte«. Wie der leitende Staatsmann Fufft Schwarzemberg die Mülister schwächerer Poteilladeu durch zur Schau getragene Geringschätzung einschüchterte, so pflegte sein Vertreter in Frarckfurt die übrigen deutschen Gesandten mit einer Unhöflichkeit zu behandeln, die soweit ging, daß er seinen Besuchern keinen Stuhl bot, aber selber die Zigarre rauchend sitzen bsieb. Bei Bismarck
kam er cm den Unrechten. Und wie der Preuße in einem erfolgreichen Kainpfe gegen die „Wiener Morgue" seinem Gegenpart rasch bessere gesellschaftliche Sitten anerzog, so tvandte er sich alsbald als Politiker gegen den .Anspruch, die deut- schen Geschicke im habsburgischen Machtintereffe zu lenken. ■ Die kleineren innerdeutschen Streitigkeiten überragte an Bedeutung weit der Kampf um den Zollverein, die große Angelegenheit von Bismarcks ersten Diploniatenjahren. Oesterreich hatte die Absicht, sich in das von Preußen geschaffene Werk hineinzudrängen, die Führung an sich zu reißen und seine wirtschaftlich zurückgebliebene Ländermaffe auf Köllen der deutschen Staaten zu entwickeln. Indem dies imter starker Mitwirkung Bismarcks vereitelt wurde, erhielt der preußische Staatsmann auch die erste Gelegenheit, in Wien selbst die leitenden Personen Auge in Auge abzuschätzen. Immer ist er ein scharfer Beobachten der Individuen gewesen und seine politischen Entschließungen wurden von der mitleidlosen Ana- lyse mitbedingt, der er die Charaktere der Gegenspieler un-1 terzog.
Aber die Wurzel seines Denkens steckte tief im Boden der: Sachen. Die Frnn kfurter Berichte Ünd Briefe sind - unübertroffene Meisterstücke des realistischen Stils. In einem > natürlich fließenden, immer fesselnden Tone gchalten. ftei I von jeder Pedanterie der Untersuchung, geben sie die Schluß- . solgeruugen einer unbeirrbaren Vernunft wieder, die hart und ! klar die Objekte der Staatenwelt beleuchtet. Diese Berichte enthalten bereits die Kemlehren von Bismarcks späterer Diplomatie. Die Grundtatsache bleibt immer, lme er es nach Königgrätz in einem Briefe cm ferne Frau ausdrückte, „daß ‘ ttric nicht allein in Erwopa leben, sondern mit noch drei Mach- { ten, die uns hassen und weiden". Wenn dieses pessimistische I Urteil über das uns gewährte Wohltvollen richtig ist, so kön- \ neu wir nichts unternehmen, ohne zu ftagen, ob wir damit nicht einem unserer Gegner mehr nützen werden als uns' selbst. Mehr als jede andere Politik hat die deutsche, wie sie sich in Bismarcks Verstände spiegelt, von Negationen auszu-l gehen, inrmer nmß sie eine in schwereul Nachdenken aufgestellte Subtraktionsrechnung sein. Die Ausgabe ist, unter den vielen denkbaren liebeln das kleinste heräuszufrudm; j vder, wie ec 1892 in Jena sagte, „Politik ist die Fähigkeit, i bas cuu rvonigsteil Schädliche zu wählen". Schon iu Frank- I furt litt deshalb MÄriarck an dem HALpdrnck der Blarduisse, ! der ihn so lange geplagt hat. 'Schließen zwel von unseren^ drei großen lllachdaru — an England dachte ec damals uutz-ll bis an fein Lebensende nicht als Feind — eine Allianz, soh sind wir,- die in der AMe liegen,, sofort von einem ZrpU- i frontenkrieg bedroht. Um uns z'u sichern, missseu lvir Eck daun schleunig dem dritten mmähern, dev^daftir-Ertzxessuygü|j
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