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Set Weg bet beulschen WK

Festlands- und WellpoM.

Deutschland im Weltkriege.

Man hört in Gesprächen über den Krieg und wieviele Gespräche gibt es, die sich nicht um den Krieg bewegen häufig die Frage aufwersen, ob dieser Zusammenpraü der Völker eine geschichtliche Notwendigkeit war. In der Form dieser Frage liegt gegenüber den ersten Kriegsmonaten schon ein Fortschreiten zur Objektivierung unserer Urteile. Im Anfang des Krieges, als das ungeheure Erlebnis noch mit erdrückender Wucht auf unserer Seele lastete,. erschien uns seine Entfesselung als ein Frevel, für den wir die Staats­männer der Entente glaubten persönlich haftbar machen zu müssen. . Auch jetzt noch, wo wir die Schrecken der seit sieb­zehn Monaten wütenden Zerstörung um uns sehen und unter ' ihren Wirkungen leiden, ist es uns nicht möglich, ganz ftei und unbeengt von allen persönlichen Schmerzen und Erfah­rungen über das zu urteilen, was eigentlich die schwerste Katastrophe erzeugt hat, die seit dem Untergang der antiken Welt die Völker Europas heimgesucht hat, und mit der vol­len Leidenschaftslosigkeit werden die heutigen. Geschehnisse erst spätere Geschlechter betrachten, denen auch die Fäden des Schicksals .deutlicher sichtbar sein werden, als uns^ Mitleb en­den und Mitstreitenden. Immerhin tritt, in der Frage nach der Notwendigkeit dieses Krieges die subjektive , Betrachtungsweise schon ein Stück zurück und die geschichtliche beginnt sich geltend zu machen. Aber auch diese Frage ist , em Kind jenes - ethischen Gefühls, das es nicht lassen kann, mit dem Weltgeschehen zu rechten und das Urteil der Historie zu schelten. Ueber die eigentlichen Ursachen des Krieges vermag ihre Beantwortung uns keinen befciegenden Ausschluß zu geben. Diesen werden wir viel eher erhalten, wenn wir den Weltkrieg etwa wie ein gewaltiges Natur­ereignis ansehen, entstanden aus Ursachen, die wir zum Teil kennen, und die zwar im Ganzen Ergebnisse des menschlichen Willens sind, die aber in ihrer Vielgestaltigkeit und Wucht zu mächtig waren, als daß sie noch von den Händen hätten gemeistert werden können, die zur Verfügung standen, um dem Weltbrande zu wehren.

Hören wir die Ankläger der Entente über den Krieg spre­chen, so ist Deutschland derWolf im Heiligtum", der frevel­haft den Mieden der Welt gebrochen, sich dreiundvierzig Jahre lang auf den Krieg vorbereitet hat und als er fertig war, wie ein feiger Meuchelmörder mitten in der Nacht die schlafenden Nachbarvölker überfallen hat. Deswegen erklären sie, .daß Deutschland aus der Gemeinschaft der gesitteten Menschheit, deren Sache sie ohne. weiteres der ihrigen gleichsetzen, aius- . geschlossen sei. sie verhängen über uns gewissermaßen die Acht und wollen nicht eher Frieden schließen, als bis das Urteil vollsireckt ist und Deutschland durch seine Vernichtung feine Verbrechen, gebüßt hat. Wie wunderlich nimmt sich diese Anklage gegenüber den Tatsachen aus! Man örcnM' nur die Zahlen der in den Krieg verwickelten Staaten und Völker miteinander zu vergleichen, um das Abgeschmackte der oben angeführten Beschuldigung zu erkennen. Nahezu eine Mil­liarde von den -1600 Millionen Bewohnern des Erdballs sind in diesem'Krieg verwickelt. Von diesen aber stehen-frei­willig oder gezwungen mehr als 800 Millionen auf der Seite Englands und seiner Alliierten, während nur etwa 160 Mil­lionen an der Seite Deutschlands kämpfen. Von den Völ­kern der Mittelmächte und ihrer Verbündeten steht also einer gegen fünf Feinds und beim Beginn des Krieges stand Einer fast gegen Sechs. Dennoch soll der Eine der ruchlose 'Friedensbrecher sein, der die Sechs überfallen hat, damit er seinen Fuß auf ihren Nacken setze. Welches Gericht würde .eine so ungereimte Anklage überhaupt auch nur ernst nehmen!

In der Tat zeigt die dreiundvierzigjährige Friedenszeit ebenso wie das Mißverhältnis der Zahlen schon die Richtung Zn. in der man die wahren Ursachen dieses Krieges zu suchen hat. Wo gibt ^es ein Reich, das bei gleicher Atachtentwicklung so bescheiden, so friedlich und so arbeitsam neben seinen Nach­barn gelebt hat, wie das deutsche? Bismarck hat in einer seiner berühmtesten Reichstagreden die Lage Deutschlands in der Mitte Europas folgendermaßen gekennzeichnet:Wir haben drei Angriffsftonten. Frankreich hat nur seine östliche Grenze, Rußland hat nur seine westliche Grenze, auf der es angegriffen werden kan. Wir sind außerdem der

Gefahr der Koalition nach der ganzen Entwicklung der Weltgeschichte, nach unserer geographiischen Lage und nach dem vielleicht minderen Zusammenhang, den die deutsche Nation bisher in sich gehabt hat im Vergleich mit anderen, mehr ausgesetzt als irgend ein anderes Volk. Gott hat uns in eine Situation gesetzt, in welcher wir durch unsere Nach­barn daran verhindert wurden, irgendwie in Trägheit oder Versumpfung zu geraten. Er hat uns die unruhigste und krie­gerischste Nation, die Franzosen, an die Seite gesetzt, und er hat in Rußland kriegerische Steigungen groß werden lassen, die in früheren Jahrhunderten nicht in dem Maße vorhanden waren. So bekommen wir gewissermaßen von beiden Seiten die Sporen und werden zu einer Anstrengung gezwungen, die wir vielleicht sonst nicht machen würden. Die Hechte im europäischen Karpfenteich hindern uns, Karpfen zu werden, indem sie uns ihre Stacheln in unseren Leiden Flanken fühlen lassen." In den achtundzwanzig Jahren, die seit jener Rede des großen Staatsmannes verflossen sind, hat sich die .Lage für Deutschland noch verschlimmert, und weil , wir durchaus keine Neigung zeigen, wieder Karpfen zu werden, wie in den Zeitläuften, da die Heere ganz Europas auf deutschem Boden ihre Schlachten schlugen und Deutschlands Nachbarn den deutschen Boden unter sich teilten, und weil unsere Feinde die unangenehme Enttäuschung erlebten, daß ihre Kriegs­mathematik, nach der eins gegen fünf oder' sechs gleich null sein müsse, sie betrog, so sind wir vom Militarismus verderbt und Feinde der europäischen Kultur, Freiheit und Zivilisa­tion, als deren Verteidiger Moskowiter, Kalmüken, Gurkhas und Mohren vom Senegal gegen uns ausgeboten werden.

In der angeführten Stelle aus Bismarcks Reden aber liegen in der Tat die Wurzeln angedeutet, aus denen dieser Völker­kampf entstanden ist: Unsere geographische Lage zwi­schen kriegerischen, eitlen, ausdehnungslüsternen Völkern auf dem F e st l a n d, unsere dadurch bedingte, trotz aller Friedfer­tigkeit lebendig erhaltene Wehrhaftigkeit und unser gleichfalls aus unserer Lage erwachsenes Streben, die Nachteile unserer räumlichen Enge auszugleichen, und uns durch Arbeit und friedlichen Erwerb zu verschaffen, was uns der heimatliche Boden versagt hat.

Der Grundier des neuen Deutschen Reiches hat an eine eigentliche Weltpolitik in dem Sinne, wie sie Deutschland nach ihm ausgenommen hat, nicht gedacht. Das Wort von demsaturierten" Deutschland stammt von ihm, und es war ganz aufrichtig gemeint. Der erste Kanzler, der Deutschland in den Sattel gesetzt hatte, lebte ganz in den Gedankengängen, die in den ersten sechzig Jahren seines Lebens in Deutschland als unbestrittene Wahrheiten galten. Das neue Reich sollte als festländischer Staat in den Grenzen, die ihm durch drei große und siegreiche. Kriege gegeben waren, sich zur Geltung bringen, und die Reichspolitik strebte über die Grenzen festländischer Politik im engeren Sinne nicht hinaus. Schon in den Angelegenheiten des Nahen Orients, in denen heute der eine von den Ankern der deut­schen Weltpolitik feschält, wollte er anderen Mächten den Vor­tritt lassen, weil diese Dinge Deutschland nicht unmittelbar angingen. Und doch war die Orientftage diejenige, in der Bismarck die Ursache zum nächsten europäifchLN. Kriege sah. Wie richtig er damit die kommende Entwicklung beurteilt hat, ist durch den letzten Balkankrieg und den jetzigen Weltkrieg bewiesen worden, der ja doch auch im Balkan und in Ruß­lands Balkanwühleveien den Ursprung gehabt hat. Noch weniger dachte er an weitausgreifende Pläne über die S e e h ina u s, und was unter seiner Regierung an kolonia­len Erwerbungen dem Reiche zugewachsen ist, war nicht daS Ergebnis einer auf weite Sicht berechneten Kolonialpolitik, sondern eines zögernden und im Grunde widerwilligen Zu­greifens, wie es die Umstände, der Zufall oder auch die Initiative von Kaufleuten oder wagemutigen und abenteuer­lustigen Forschungsreisenden mit sich brachten.

Aber diese Selbstbescheidung hat es dennoch möglich ge­macht, daß zwei Jahrzehnte hindurch der Schwerpunkt der europäischen Politik in Berlin lag. Deutschland, das außer­halb des europäischen Festlandes keine Reibungsflächen hatte und darum auch Koalitionen, wie die heutige leichter vermei­den konnte, wies den europäischen Geschicken den Weg, und auch England, dessen. Auge noch unverivandt auf das in Asim rücksichtslos weiterschreitende Rußland gerichtet war, hatte gegen dieses Uebergewicht nichts einzuwenden, solange

Deutschlands Weltintevessen über Ansprüche eineskleinen Mannes", dessen innere Kraft und Vorwärtsdrang Englands Staatsmänner und Jndustriekönige unterschätzten, nicht hin- ausgingen. Würde Salisbury sonst, schon an Bismarcks Nachfolger, die Insel Helgoland, gegen Sansibar abgetreten haben? Damals wurde dieser Tausch von den Bismarckver­ehrern und Kolonialfreunden der deutschen Regierung als schwerer Fehler vorgehalten, vor einigen Tagen suchte ein englischer Karikaturist zu zeigen, wie der Gedanke an Hel­goland selbst den Schatten Salisburys im Totenreich noch verfolge.

Deutschlands WeMnleressen.

Freilich bald darauf fing das Gesicht Europas an sich zu verändern. Sachlich allerdings machte zunächst auch der Ab­schluß des Z w e i b u n d e s zwischen Rußland und Frankreich noch nicht viel aus. Im Stande der Bezie­hungen zu Frankreich, in dessen Revanchestimmung und ver­hetztem Nationalstolz seit dem deutsch-französischen Kriege die wichtigste motorische Kraft in den Bewegungen gegen Deutschland und die stärkste Gefahr für den Frieden Euro­pas lag, hatte sich ttotz allen Entgegenkommens von deut­scher Seite nichts geändert. Schon vorher aber war das früher so freundschaftliche Verhältnis Deutschlands zu Ruß­landland bisweilen dem Gefrierpunkt nahe gekommen, und ob es mehr die Friedensliebe Alexanders III. oder die Ach­tung vor den Waffen Deutschlands und des Dreibundes war, die den rasselnden russischen Säbel immer wieder in der Scheide festhielt, das ist eine Frage, die man auf sich beruhen lassen kann. Hätte Deutschland auf dem Boden seiner rein festländischen Politik stehen bleiben können, so hätte wohl auch sein Verhältnis zu England bleiben können wie es war. Wenigstens ist nicht ersichtlich, weshalb England seine lau­warm gönnerhafte Haltung, die es bis in die ersten neunziger Jahre beobachtete, hätte ändern sollen.

Es waren zwei Wahrnehmungen, die in England un­liebsame Wirkungen auslösten. Die eine, nicht im eigentlichen Sinne politischer Art, war das Anwachsen des deutschen überseeischen Handels, das um so empfindlicher berührte, als sein Anfang fast genau mit dem Jahre zusammentraf, in dem die erste größere Vermehrung der deutschen Flotte erfolgte. Während die Ziffern des deutschen Außenhandels bis 1898 nur mäßig gewachsen waren in zehn Jahren kaum um 21/2 Milliarden begann von 1898 zu 99 zum erstenmal eine sprunghafte Steigerung, die nun im ganzen genommen das­selbe Tenrpo beibehielt und bis zum Jahre 1913, dem letzten vor dem Kriege, etwa 13 Milliarden gegenüber 1898 betrug. Es mag richttg sein, daß nicht dieser Fortschritt des deutschen Handels allein die unangenehmen Stimmungen erzeugte, die in Deutschland den eigentlichen Feind sehen und die frühe­ren Gegensätze zu anderen Mächten zurückstellen ließen. Sicherlich hat der Ausbau der deutschen Kriegsflotte, wiewohl er ganz offen und nach einem auf eine lange Reihe von Jahren festgelegten Programm erfolgte, die vorhandene Nervosität sehr gesteigert und den Verdacht genährt, Deutsch­land strebe danach, Britannien die Seeherrschast zu entreißen. Wenigstens vermochten die Jingos sich dieses Arguments immer wieder wirksam zu bedienen. Daß aber der von Jahr zu Jahr fühlbarer werdende Wettbewerb des deutschen Han­dels dabei die Unterstimmung lieferte, in der die Hetzereien einen starken Widerhall fandm, darauf deutet doch die Art hin, in der England den jetzigen Krieg sofort bei feinem Aus­bruch als einen Krieg zur Vernichtung des deutschen Handels und mit all den üblen Krämerkmffen führte, die bisher unerhört in der Kriegsgeschichte anderer Völker waten und ganz besonders dazu beigetragen haben, diesem Kampfe den gehässigen Charakter zu geben, den er angenommen hat.

Der Aufschwung unseres Handels aber war nur eine fteilich sehr wichtige Ausdrucksform der mannigfaltigen Be­ziehungen, die Deutschland mit den jenseits der Meere woh­nenden Völkern verbinden. In den Grenzen der alten Kon- ttnentalpolitik wäre es für Deutschland unmöglich gewesen, eine Bevölkerung von 68 Millionen sestzuhalten, zu ernähren, den Wohlstand zu niehren und die Aufgaben zu erfüllen, welche dieZeit an ein großes Kulturvolk stellt. Der heimische Boden reichte dazu nicht MS. Wir mußten Ms fremden Ländern und Zonen Rohstoffs einführen, um sie vermehrt und gestaltet durch unsere Arbeit wieder über das Meer hinMszuführen

Inichrift auf ein Magek-Standöild.

Von Will Vesper.

dem Holze hier Nagel an Nagel ein.

Wird es zuletzt ein schimmerndes Kleid von Eisen sein.

Sei es ein Gleichnis der größeren Tat und der ganzen

Zeit:

Jeder schafft an des heiligen Reiches schirmendem

Eisenkleid.

Mann an Mann steht gewaffnet rings um das deutsche

Land:

Jeder ein schützender Ring in des Reiches Erzgewand.

Und so schmieden wir drinnen und draußen das eherne

Kleid:

- Siegfrieds hürnene Haut in dem furchtbaren Drachenstreit.

Denkt auch der warnenden Sage, die jeder vernommen hat: 'Sei nur keiner ein schwaches, verderbliches Lindenblatt!

Schleiche der tückische Hagen mit noch so heimlicher List, Findet er keine Stelle, wo Siegfried verwundbar ist.

^ Gine Keröstfaßrt.

Von Ernst Zahn.

Seltsam, wie die Weite sttll war, die Wege verlaffen, die Dörfer schon wie vom Wintertraum umsponnen! Seltsam, «vie friedlich alles lag, mitten in dieser Welt des lautesten, gewaltigsten der Kriege! Kaum, daß tim cm die Wahr­heit dieses tiefen Friedens zu glMben wagte! Kaum, daß nan sich des Rechtes ftoh zu sein getraute, zu wandern, sorglos in den brennenden Herbst zu staunen, müßig zu zehen, wo Hunderttausende um Heimat und Herd, um Leben tnd Eigen rangen!

Wir fuhren eines Morgens den Zürichsee entlang, die Reinen und ich. Wessen man sich freuen will, das soll nan mit lieben Menschen teilen. Nebel lag über dem See, steb-el verdeckte das jenseitige Ufer. Der herrliche Schaüen- flß von Rapperswyl trat nur verschwommen aus grauen Künsten. Aber droben am Oberste drang schon die Sonne jinmal kurz hervor, dort, wo die Hunderte von kleinen, Hwarzen Enten im Uferschilf nisten, wo der See so boot- lerlassen und auf seinem einen Ufer so unbewohnt ist. Noch ?mnal verbarg sie sich, aber wenig über Kaltbrunn, wo piv ausgestiegen waren, kehrte sie wieder, wie ein rüsti-

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ger Wanderer, der vor uns die Höhe erklommen, und lachte uns an. Sie spielte und blitzte im Turmkreuz des Klosters Sion und ließ den fernen, tiefen duftumwobenen See ge­heimnisvoll, gleich flüssigem Golde leuchten.

Wir stiegen die Rickenstraße hinan, eine der vielen, die in unserm Lande durch einen Bahntunnel entvölkert worden sind. Die Häuser standen verstreuter, die Matten gewannen an Weite, die Wälder kamen näher.

O, dieses Hügelland!

Weit und wohlig dehnt es sich hin, Rücken an Rücken, so grün, als hätte der Herbst über sie keine Macht! Der Wald verbrämt sie. Dunlle Tannen bilden diesen, dann und wann eine schwarze Arve, aber dazwischen viel Laub­holz, rot, braun, gelb, bald brennend wie Lohe, bald fahl wie reifes Korn, und die weißen Birken, die schlanken, weißen Birken, die Königinnen der Bäume, Königinnen im gelben Haar. Ein Wind fällt hinein, ein Windlein nur. Sie schütteln die Locken und es wirbelt ein Regen von kleinen, blitzenden Blättem zu Boden. Die Königinnen weinen. Sie weinen das Herbstleid der Erde aus. Ihre Tränen fallen in Schauern, in goldenen Schauern.

Bauerngut stößt an Bauerngut. Man sagt, daß in den Holzhäusern, deren jedes aus Wohnhaus und angebauier Scheune besteht, viel Armut sei. Sie sehen nicht darnach aus. Ein jedes hat sein Umgelände. Auf manchen sitzen die Eigner wie Fürsten. Aus den Gärten, leuchtet und glüht der vorlaute Herbstblust, das Volk der Astern und Dahlien. Roten Beeren hängen an blattlosen Bäumen, und Vogelvolk huscht aus, wenn man sich nähert. Manchmal steht eine Kapelle auf sanfter Höhe. Wenn sie läutet, ist es wie Sing­sang friedsamer Kinder. Ich liebe Glocken in den Bergen, Glocken in der Einsamkeit, und hingen sie nur an den Hälsen weidender Tiere.

Es standen viele Herden auf den Hügeln, während wir unseres Weges zogen, Rindvieh, Ziegen und Schafe. Dem vorwitzigen Klettergeschlecht der Ziegen legen sie dazuland sonderbare, gabelarttge Holzgestelle über, damit sie nicht durch die Wiesenumzäunungen zu schlüpfen vermögen Als ich ein paar solche zu photographieren mich anschickte, kam ein schlankes, braunzopsiges Mädchen gesprungen, wies auf die stattlichste Kuh der Herde, an deren Hals eine Riesen- tteichel birrmrelte, und rief:Das ist die Großschellenkuh", als müßte mir erst Leigebracht werden, welches der würdigste Gegenstand für meinen Apparat sei.

Wie viele Bergübergänge, so hat auch die Rickenstraße ihre Totenkreuze, trotzdem sie kein rauher Hochgebirgsweg ist, an dem die Lawinen lauern. Dreimal blieb ich stehen

und las die Inschrift an solchen Kreuzen, und was ich las, war wie eine Geschichte davon, daß der Tod. keinen spart. Das erste Kreuz nannte einen angesehenen Bürger, der mit seinem Fuhrwett verunglückt war, das zweite einen Händler, den auf einem Berufsgang ein Schlaganfall gefällt, das dritte einen Pilger, der hier, auf einer Wallfahrt nach dem Kloster Maria Einsiedeln begriffen, von einem jähen Ende ereilt worden war.Betet für mich, alle die ihr Pilger seid", stand auf diesem letzten. So macht es die Straße zum Lebens- Pfad, der von Morgen gen Abend führt, und wirbt dem Ab­geschiedenen Völker und Völker zu Beterir.

Im sachten Schein der abendlichen Sonne stiegen wir nach Wattwyl hinunter, dem Dorfe, das, selbst ohne Eigenart, auf zwei Anhöhen zum Schmucke ein Kloster und einen Wartturm, die Ruine Yberg, hat. Ohne Aufenthalt zogen wir vorbei, dem ansehnlichen, wehrhaft von einem Hügel grüßenden Städtchen Lichtensteig zu. Daselbst ging o Schweizerland, mein Festeland ein Turnfest zu Ende, und in den steilen Straßen waren schon die Marktstände aufgeschlagen für eine am nächsten Tage abzuhaltende Messe. Leben und Bewegung herrschte in den Gassen. Trommeln wirbelten, und mit lochendem Banner zog eine Turnergruppe um die andere vorbei.

Als wir, nachdem es längst Nacht geworden, noch einmal unfern Gasthof verließen, um einen Rundgang durch das Städtchen zu tun, fandm wir über einen öffentlichen Platz ein hohes Seil gespannt, und vor vielen Zuschauerbänken eine Bühne errichtet. Seiltänzervolk erwartete sein Publi­kum. Noch tummelte sich ein zierliches, blondlockiges Mädchen vor dem Wohnwagen der Spieler, sein kleiner Bruder stand daneben» und hielt sich mit den Händchen die tuchumwun­dene geschwollene Wange, ein großes Leid im Gesicht. Ein Leid stand auch in dm Zügen der schwarzgekleideten Mutter, die bald nachher mit der Kasse sich an den Eingang zu den Zuschauerbänken setzte und wartete wartete, daß die Gäste kämen. Gaslicht erhellte den Platz. Hier und da erschien wohl ein Zuschauer und löste an der Kaffe eine Eintritts- karte. Weit mehr Leute aber sammelten sich auf der Sttaße, die, den Schauplatz überhöhend, zur Kirche hinauf führte.

Immer dringender klangen aus einem Sonderwagen der Seiltänzer die Melodien einer automatischen Orgel, immer lauter lud der Marktschreier der Tmppe die Leute zur Vorstellung ein, aber die Bänke wollten sich nicht Men, und mit sichtlicher Unlust begannen die Gaukler zu später Stunde ihr Spiel.

Wir erlegten unser Scherflein und schritten hinweg.

Vom Fenster meines Gasthoszimmers schaute ich in ditz

und mit ihnen nicht nur daS zu bezahlen, war wir zum Leben brauchten, sondern auch noch, als Lohn unserer Arbeit,' unseren Besitz an Gütern zu vermehrm. In kleinem Maß­stabe war das freilich auch schon in dem festländisch orientiev- ten Deutschland geschehen. Aber welch ein gewaltiger Unter- schied zwischen den Ziffern jener Periode und den letzten Iah- ren vor dem Kriege! Während die Bevölkerung Deutschlands von 1870 bis 1890 nur um etwa 8% Millionen gewachsen ist, vermehrt sie sich von 1890 bis 1910, also in dem gleichen Zeitraum, um 151/. Millionen; während die Auswande­rungsziffer 1885 noch 171000, 1891 noch 120 000 betrug, ging sie mit dem Jahre 1898, demselben, in dem das An­steigen der Handelsziffern beginnt, auf 22000 herab, und hielt von da ab bis zum Kriege einen Durchschnitt von rund 26 000 fest. Dabei ist das Volksvermögen so angewachsen,' daß im Durchschnitt jeder einzelne Ms dieser größeren Zahl wohlhabender geworden ist als in der früheren Zeit. Es ist wohl so, wie es Fürst Bülow in dem vor einigen Jahren erschienenen Buche über die deutsche Politik unter Wil­helm II. ausdrückt:Der Verzicht auf Weltpolittk wäre gleich­bedeutend gewesen mit einem langsamen sicheren Verkümmern unserer nationalen Lebenskräfte." Deutschland mußte, nach-, dem es einmal auf dem Kontinent feststand, hinaus gehen über den engen Raum, den ihm die Politik des ersten Kanzlers an­gewiesen hatte. Es durfte nicht mehr gleichgültig bei Seiten stehen, wenn draußen über große an Naturprodukten reiche oder für den Absatz fettiger Waren geeignete Gebiete Ab- machungm getroffen wurden oder der Bau von Verkehrs-- wegen, von Werken d-er Jndufttte und Technik in Frage kam. Es kann nicht bestritten werden, daß wir dabei nicht immer behutsam genug Mfgetreten sind, daß wir manchmal allzu geräuschvoll Mgekündigt habm, was wir nachher nicht einmal halten konnten und es ist auch wohl richttg, daß man im Aus-) lande durch solche Gebärden bisweilen unnötig geärgert wer­den ist. Daß wir überhaupt hinausgegMgen sind, wird heute niemand bedmtern und daß der Kaiser schon sehr zeitig auß die Mchtigkeit dieser Politik hingewiesen hat, muß man ihm als Verdienst anvechnen. ;

Die Beziehungen zu England.

Es ergab sich aus den Dingen ganz von selbst, daß Deutschland, sobald es einmal ernstlich darM ging, seine! politische Kraft für Ziele einzusetzen, die über Europa.' hmMsgingen, irgendwo mit den Weltmächten, deren Flüggem draußen bereits seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten über' großen Herrschaftsgebieten wehten, besonders mit der groß-, ten Weltmacht England, zusammentr-gs. Das mußts keineswegs von vornherein in unfteundlichem Simie ge-» schehen. Denn Deutschlands weltpolitisches Ziel ging nicht auf Aneignung oder gar Eroberung großer Ländermaffen.! Dafür fehlten die geschichtlichen Voraussetzungen. Es bv» gehtte nur dott die Tür offen zu halten, wo noch freie mw verteilte Gebiete dem allgemeinen Wettbewerb ossenstandem Tatsächlich war cuidj das Verhältnis zwischen den beiden! großen Völkem trotz gelegentlicher Reibungen und daraus entsprungener gereizter Aeußerungen dieser oder jener Zei-, tung bis in die ersten Jahre des jetzigen Jahrhundetts er- ttäglich. Es gab zeitwellige Verstimmungen, wie nach dem' vielbesprochenen Krügertelegvamm und während des Buren- ktteges, wo die Volkssttmmung in Deutschland, fteilich nicht! heftiger^ als beispielsweise in Frankreich, sich aufbäumte^ Ab-.- die Regiemng beobachtete eine sehr strenge und gegen England fast wohlwollende Neutvalität, und als von Ruß-! land im Verein mit Frankreich ein diplamattscher Schritt! zu Gunsten der Buren Mgeregt wurde, lehnte sie ab. Wie, wenig jene Dersttmmungen polttisch bedeuteten, zeigt die Tatsache, daß in jenen Jahren zweimal, 1893 und 1901) die btttische Regierung Deutschland für ein Bündnis zit gewinnsn suchte. Es handelte sich für England darum) eines Bundesgenossen gegen Rußland zu gewinnen, der dann bei einem etwaigen Zusammenstoß das Schwerge-i wicht der militärischen Last getragen hätte. Die 1 ) 01 ^^ Politik, deren Träger mit Recht fürchteten, durch einen, solchen Bund in einen gefährlichen Gegensatz zum Zwei-! bund hineingezogen zu werden, zog ein freies Verhältnis! vor. Die Verhandlungen, die in dem ersterwähnten Zeit­punkt wenigstens ein, wenn Mch in der Folge bedeutungs-!

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sternklare Nacht hinaus. Zwischen den Schatten zweier Häu-j ser war eine tagähnliche Helle. Auf gespanntem Seil stand und! wiegte sich ein wohlgebauter Jüngling, in seinem schönen Körper' sich eng anschmiegendem Flitterkleid. Die Stimme des Markt--! schreierS klang heiser herüber und ging urÄsr im neu sich! erhebenden Jammer der Orgel. Ich trat hinweg. Der ZMN- gäste standen drüben schon übergenug. Ich sah in Gedanken! ein zattes, kleines Mägdlein im Wagen der Armut zur Ruhe' sich legen. Das Brüderchen weinte und hielt sich die schmerzende« Wange. Und draußen in der Nachtkühle saß di« blasse Frau! an der Kasse. \

Andern Morgens leuchtete die Sonne. Ein kaKer Mnd riß Nebel von Nordm her und die Thur herauf, aber sie er-^ reichten uns nicht, während wir auf dem linken Ufer des' Flusses wieder Wattwyl zuwandetten und uns von dem morgenbeschienenen Frauenkloster den Willkomm zulauten' ließen.'']

In der Eisenbahn, die uns von Wattwyl «ach Reßlau! trug, reisten zwei zehnjährige Zwillmgsbrüder mtt uns, Pracht-^ kerlchen in rauhem Gewand mit krMfem Haar, der eine blond,^ der andere dunkel, und klaren lustigen Augen. Es war wohl! ihre erste Fahrt gewesen, dmn in einem Hause unweit bchi Neßlauer Bahnhofs stand die Mutter wattend unter der Tür,? und als sie auf sie zustürmten, glühten ihre festen Backen urchE es ging an ein sprudelndes Erzählen, wobei die zwei stimmen eine über die andere hinfchlugen wie Ungeduld Wellen eines jungen Baches.

Von Neßlau Ms fühtte uns die Wanderung in «eaej$' Hügelland. Wie ich es liebe, seit die himmelhohen, eig" " sinnigen Berge der Heimat mir so viel Licht aus tnett Tagen genommen habm! Vielfarbig tat es sich auf. N waren auch hier die Matten grün, in ftiedlichem Weiß und! Braun standen die Dörfer dazwischm. Rot leuchtete manche > Dach. Die Steine und Felsen aber trugen «eine Wrbe, %- oft tief war wie Blau von Veilchen.

Wir wänderten hinein und hinauf, und die Wcllken derten mit uns. P..

Aus einer Hütte am Weg schollen Geigenklänge, die ster standen offen, und der ländliche Künsller, wohl eitt jung'^ Lehrerlein, maß den Tannenboden seiner großen SWe nrft unablässigen Schritten, währmd er sein Instrument von zweH felhafter Güte mit ebenso zweifolhaftev FettiMt zum Sin-g^'

brachte. $,

Wenige Wanderer twi kreuzten unfern Weg, und kein Fremdling war unter ihnen. Wer aber von Lcmdleüten uiH begegnete, grüßte mit wohltuend freundlichem Gruß. E

Als wir unS zum Abendbrot in ttm

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