Seite A. Nr. 125

Kleine Presse,

1. Juni 1915.

Wevn alles eben käme.

Wie <m gewollt es hast,

And Gott dir gar nichts nähme And gäb' dir keine Last:

Wie wär's da um dein Sterben» Du Menschenkind, bestellt?

Du mühtest schier verderben.

So lieb wär dir die Delkl

D» l«r Motte FouquS.

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Höher gehi's nimmer.

Zu welchen unglaublichen Beschimpfungen sich die fran­zösische Presse gegen die deutschen Führer versteigt, davon gibt derGaulois", nach derVossischen Zeitung" ein ge­radezu erschreckendes Bild. Es heißt da:

Der deutsche Wolf und seine Wölflein müssen er- tränkt werden, und zwar angesichts der Küste von Calais, damit alle Welt sich an diesem Schauspiele ergötzen kann. In­mitten unserer Flotte in Flaggenparade, auf einem deutschen Unterseeboote müssen sie ertränkt werden, damit ihre Berüh­rung die Planken unserer- Schiffe nicht verunreinigt, alle: der Kaiser und Tirpitz, der Kronprinz und Bissing und Zep­pelin, nebst den Vatersöhnchen; zu zweien müssen sie zu- sammengebunden und dann von vorn und von hin­ten torpediert werden. Alsdann wird sich über den Wogen ein einziger Schrei der erfüllten Rache, des tollen Lachens erheben, das die Welt von einem Ende bis zum an­deren erfüllen wird: das Gelächter des Sieges, der Be­freiung und des Friedens.

Die Beschießung von Wem ddp Genf, 1. Juni. Lyoner Blätter melden: Während der Beschießung von Npern wurden an vier Tagen 20 000 Bomben auf die Stadt geschleudert. Kein Haus blieb unversehrt.

Englische Verluste.

Die neueste englische Verlustliste weist die Namen von 119 Offizieren und 3600 Mann auf. 348 Personen von drei Schissen sind umgekommen.

Die Pressung zum Militärdienst in England.

Der Londoner Straßenbahnerausstand sollte am Samstag enden. Da jedoch der Londoner Grafschaftsrat an dem Beschluß sesthielt, Angestellte im militär- fähigen Alter nicht wieder einzustellen, forderte der Gewerkschastsausschuß die Arbeiter aus, den Ausstand fort zu setzen, bis der Beschluß widerrufen werde. Die ersten vier Straßenbahnwagen, welche das Depot verließen, wurden von den Ausständigen mit Steinen bom­bardiert und die Fahrer und Schaffner bedroht. Verstärkte Polizei zerstreute die Ausständigen mit Knüppeln. Nur der sechste Teil des normalen Straßenbahnverkehrs konnte auf­recht erhalten werden.

Die Arbeitgeber der Weißblechindustrie hoben in einer Versammlung erklärt, die Einführung der allge­meinen Wehrpflicht würde zur Folge haben, daß ste 40 Prozent ihrer Werke schließen müßten.

Grey macht Platz für Lansdowne.

Der Gesundheitszustand Greys, der bereits Ut einigen Wochen leidend ist, gibt Anlaß zu Pesorgnissen. Der Leiter der AuSwärtigm Politik Großbritanniens muß Anraten der Arzte sich auf mehrere Monate von len Staatsgeschäften zurückziehen, wenn er nicht dem Verlust seines Augenlichtes aussetzen will. Der (. iaatssekretär wird deshalb schon im Laufe dieser Woche d?.S Auswärtige Amt verlassen

Sonbo«, 1. Juni. (SB. T. B. Nichtamtlich.) Lord Robert Cecil ist zum Unierstaatsfekretar im Auswäv- ' - g e n A m t ernannt worden, der Arbeiterparteiler B r a c se m Unterstaatssekretär im Ministerium des Innern, Ab­is o n zum UnterstaatSsekretar deS Ministeriums für Mu- . .Jon.

England bezahlt!

ddp. Amsterdam, 1. Juni. DerNieuwe Nottcrdamschs Courant" meldet, daß ein großer Verlag in London ihm eine Druckschrift mit der Rede, die Lord Kitchener vor einigen Tagen im Oberhause über die Verwendung erstickenderGase seitens der Deutschen hielt, zusandte. Die Druckschrift war mit der ebenfalls gedruckten Bitte um Aufnahme begleitet, worin erklärt wurde, daß, wenn die Auf­nahme Kosten für Druck usw. mit sich bringe, der Ver­lag bereit sei, sie zu vergüten. DerNieuwe Rotier- damsche Courant" bemerkt hierzu, daß dieses Anerbieten eine vollkommene Unkenntnis der Gebräuche der holländischen Presse verrate, welche sich das Abdrucken von Artikeln oder Meldungen nicht bezahlen lasse, und ftagt weiter: WaS be­deutet die Hinzufügung »usw."?

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Unsere U-Boote bei der Arbeit.

Havas meldet: Flottillentorpedoboote kehrten nach Brest zurück mit den Besatzungen des bereits erwähnten englischen HandelsschiffesGlenlee" und des portugiesischen Schif­fesSysn e", die sie aus See ausgenommen halten. Die beiden Dampfer, welche nach den Scillh-Jnseln fuhren, waren in der Nähe von Kap Finisterre von einem deutschen Unter­seeboot versenkt worden.

Der russische SeglerMars" ist an der Nordküste von Schottland von einem deutschen Unterseeboot zerstört wor­den. Die Mannschaft bestieg ein Boot, das von dem Unter­seeboot 40 Meilen geschleppt wurde. Sie landete am Sams­tag in Aberdeen.

Schiffsverluste unserer Gegner.

DieB. Z. am Mittag" bringt eine Zusammenstellung von Verlusten uns rer Gegner zur See. Beson­ders stark ist darunter natürlich England vertreten. Die bis­herigen englischen Gesamtverluste betragen:

9 Linienschiffe mit 141150 To.,

7 Panzerkreuzer mit 103 000 To.,

5 Gesch. Kreuzer mit 22 320 To.,

0 Torpedobootszerstörer,

10 Unterseeboote und

5 größere Hilfskreuzer.

.Frankreich beklagt dm Verlust von

1 Linienschiff mit 22100 To., ferner von

2 Panzerkreuzern mit 22100 To.,

i 1 Kanonenboot, einem Torpedobootszerstörer und 2 Un­terseebooten.

Dampferbrand.

London, 31. Mai. (W. T. B. Nichtamtlich.) Meldung des Reuterschen Bureau». Der holländische Dampfer Triton" wurde bei Deal brennend auf Strand gesetzt, '«chlrpver sind von Dover au?gefahren, um dem Schiffe brizustehen.

Abgeschlagene Angriffe.

Korrstarrtirropel, 1. Juni. (W. T. B. NichtamÜich.) Be­richt des Großen Hauptquartiers: An der Dardanellenfront griff der Feind gestern bei Ari Burnu unseren rechten Flügel an und wurde mit Verlusten, die auf Hunderte von Toten geschätzt werden, zurückgeschlagen. Andere Leichen vom Feinde wurden in den Tälern bemerft. Der Feind wollte gestern Abend einen Teil der von ihm gestem verlorenen Schützengräben im Zentrum durch einen über­laschenden Angriff wiedernehmen. Er wurde aber in seine attew Stellungen zurückgedrangt. Er ließ vor den genannten Schützengräben viele Tote, Waffen und Bomben zurück. Im Abschnitt von Sedd-ül-Bahr wurde Infanterie- und Artillerie- feuer gewechselt. Auf den übrigen Fronten ereignete sich rüchis Wichtigere-, ^ 'x.

Die vearbeikuug der Neutrale«.

Verhetzrmg Bulgariens.

ddp Köln, 1. Juni. DerKölnischen Zeitung" wird aus Sofia berichtet: In Bulgarien wird gegenwärtig eifrig Stimmung dafür gemacht, von der Türkei die Herstel­lung der auf dem Londoner Vorfrieden fest­gesetzten Grenzen zu verlangen. In Kreisen der Regierung ist die Auffassung vertreten, daß die Türkei in Wertung der bulgarischen Neutralität in diesem Kriege Opfer bringen werde, auch in Rücksicht daraus, daß es der Regierung gelungen sei, die Agitation, wie ste von den Gesandten der Drerverbandsmächte geführt werde, erfolgreich zu bekämpfen. Bisher sind tatsächliche Schritte in dieser Richtung noch nicht gemacht und scheinen auch nicht bevorzustehen.

Die Stimmung in Rumänien.

ddp Bukarest, 1. Juni. In hiesigen «ingeweihten Kreisen beurteilt man die Stimmung in Rumänien, auf die die fort­dauernden Erfolgs bei Przemyst und Stryj ihren Eindruck nicht verfehlt haben, als für Deutschland und Oesterreich-Ungarn eher günstig. Es wird viel bemerkt, daß der Herausgeber und Eigentümer des unter franco-russischer Kontrolle stehendenAdeverul", Mile, sich vom interventionistischen Klub mit der Motivierung öffentlich losgesagt hat, daß ihm die abwartende Haltung des Klubs nicht passe. Daraus, daß das Königspaar die Gesandten Deutschlands und Oesterreich-Ungarns in einem unfern Bukarest liegenden, der Königin gehörenden Park zum Tee eingeladen hat, folgert Mile, daß sich Dinge zu Gunsten der Zentralmächte vorbereiten. Allmählich bricht sich hier die Ueberzeugung Dahn, daß die russischen Vorschläge nicht ernst zu nehmen sind. Man wolle die Ent­scheidung vor Przemysl abwarten, ehe man die Stellungnahme Rumäniens endgültig festlegt.

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Gegen die allgemeine Wehrpflicht.

Lonvon, 1. Juni. (W. T. B. Nichtamtlich.) DieDaily Mail' schreibt: Das Land ist für die Annahme der allgemeinen Wehrpflicht noch nicht reif. Nur wenige macken sich ttar. daß die breiten Volls'ch'chten diese Maß­regel zweifellos fürchten und mißbilligen. Das Blatt erhielt zahl­reiche Briefe, die sich gegen dre Wehrpflicht aussprechen, besonders viele aus Irland. DieDaily Mail' sagt weiter: Der schlimmste Feind der Wehrpflicht find die optimistischen Kritgsbcrichte. Der Verlust von .Tn«mph" undMajestic' in den amltichen Berichten wird in wenigen Zeiten abgetan; gute Nachrichten werden ausführ­lich. schlechte kurz behandelt. Das Ergebnis ist. daß die Ocffent» lichkeit schlechte Nachrichten übersieht, da die nächsten Tage durch die üblichen Berichte über den deutschen Rückzug in Rußland und das englische Vorrücken bei La Basste usw. in Vergessenheit gebracht werden. Die schwerwiegende Tatsache, daß deutsche Unterseeboote die Dardanellen erreichen und dort in zwei Tagen zwei vorzügliche Kriegsschiffe vernichten konnten, machte auf das Publikum daher keinen Eindruck. Die Gegner der allgemeinen Wehrpflicht sind dann scheinbar berechtigt, zu sagen, daß alles gut geht und keine Notwendigkeit für eine io tiefgehende Maßregel vortiegt. DaS Parteiblatt der irischen NationalistenFreemansJournal" in Dublin schreibt: Es kann in diesem Augenblick nichts Ver­hängnisvolleres geben, als dies Geschrei nach der allgemeinen Wehr­pflicht. Es droht mit einem Schlage die Einheit des Vo.kcs und den Burgfrieden der Parteien zu vernichten. Die Wehrpflicht könnte nur nach bitteren Kämpfen mit den unglücklichsten Folgen eingeführt werden. DerEconomist' schreibt: Der preußische Mirttairsmus soll um jeden Preis vernichret werden. Was wird aus diesem hohen moralischen Ziele, wenn wir daS System selbst ««nehmen, dessen Zerstörung wir Hunderttausende von Menschen und Hunderte von Millionen an Geld bereits ge­opfert haben? Die Koalition hüte sich, Zeitungsartikel für die öffentliche Meinung zu hatten.

dom Wsvereiu deuischer Zuöeu.

Den Hilfsverein deutscher Juden hielt dieser Tage in Berlin seine Generalversammlung ab. Den Ueber- blick über die Tätigkeit des Hilfsvereins gab Dr. Nathan, dessen Schulwerk im großen und ganzen weiter geführt wer­den 'tonnte. Besonders in der europäischen Türkei blüht das Schulwerk des HilfSveveinS gerade jetzt neu auf. Im ganzen unterhielt und unterstützte der Hilfsverein auch in diesem Kriegsjahr 35 Anstalten in Osteuropa und im Orient mit rund 5000 Zöglingen, Kindergärten, Knaben- und Mädchen­schulen usw. Die Aufwendungen für diese kulturelle Tätig­keit betrugen rund 270 000 Mark. Für die Auswandererfür­sorge, die während des Krieges tvegfallen mutz, bis zum Aus­bruch des Krieges wurden 144 000 Mark augegeben. Der Krieg brachte dem Hilfsverein eine Reihe neuer Aufgaben. In erster Linie galt es in Uebereinstimmung mit den Zivil- und Militärbehörden eine umfassende Hilfstätigkeit ins Werk zu setzen für die in Deutschland befindlichen 60 bis 80 000 Angehörige des russischen Reiches, die der Kriegsausbruch hier überraschte. In einem Erlaß hat der Reichskanzler darauf allen Behörden des Reiches denHilfsverein der deutschen Juden' als die offizielle Fürsorgestelle für diese Aufgaben be­zeichnet. Insgesamt belief sich der Abtransport auf etwa 25 000 Personen, davon war die Hälfte mittellos. Es sind für die Abreisenden und für die Unterstützung derjenigen, die in Deutschland und Berlin geblieben sind, bisher 2H Millionen ausgegeben worden, und zwar in rund 60 000 Einzelfällen. Das Wirken des Hilfsvereins wandte sich auch denjenigen Glaubensgenossen zu, die durch die Schrecken des Krieges ganz unmittelbar betroffen worden sind, in den von deutschen Truppen besetzten Teilen Polens, in Galizien und in den Ländern der Türkei, besonders in Palästina. Es erließ der Hilfsverein gemeinsam mit der Großloge für Deutschland U. O. B. B. und dem Frankfurter Komitee für die osteuropäischen Juden einen Aufruf, der einen erfreulichen Erfolg hatte. Eine Kommission wurde in die erreichbaren Ge­biete Polens entsandt, mit dem Auftrags, an Ort und Stelle die Verhältnisse zu prüfen. Das jüdische Hilfskomitee arbeitet harmonisch zusammen mit dem interkonfessionellen Komitee für Polen und auch mit dem speziell polnischen Komitee.

*

Wien, 31. Mai. (W. T. B Nichtamtlich.) Aus dem Kriegs- pressequartrer wird gemeldet: Wegen angeblichen Verrate? haben die Russen 70 der ältesten Juden von Sadagora nach Rußland weg geschleppt. Die Veranlassung zu dieser Gewalttat hat die Auffindung eines Fernsprechers und das erfolg­reiche Feuer unserer Artillerie geboten. In Schipenitza wur­den wegen angeblicher Begünstigung und Benachrichtigung unserer Truppen 132 Häuser niedergebrannt; der Ort ist furchtbar gep lündert worden. ^ .

Internationale Friedensbestrebungen.

Am Freitag und Samstag hat in Bern auf Einladung des Bundes zur Organisrerung deö menschlichen Fortschritts eine internationale Konferenz für die Zukunftsintsressen der Menschheit statbgesunden. Aus Deutschland waren u. a. anwesend: Reichstagsabgeord­neter V o g t h e r r-Dresden, Pfarrer U m f r i e d-Stuttgart, der Vizepräsident der deutschen Friedensgesellschaft; aus Frankreich nur der Abgeordnete H u b b a r d, außerdem Vertreter Hollands, Italiens. Rußlands, Ame­rikas uns der Schweiz. Die Konferenz nahm mehrere Entschließungen an, u. a. g e g e n die Verbreitung des Völker­hasses durch G r e u e l b e r i ch t e. U m a n o, der Präsident der Friedensgesellschaft in Rom, erklärte, daß daS italienische Volk gegen den Willen der großen Mehrheit von der Regie­rung in den Krieg gestürzt wurde, H u b o a r d drückte den leidenschaftlichen Wunsch aus, daß eine Verständigung zwischen den kriegführenden Nationen angebahrt werde, wofür die Schweiz als dreisprachiges Land gute Dienste leisten könne. Die Konferenz beschloß die Schaffung einer ständigen Kom­mission mit dem Sitze in der Schweiz zur Vorbereitung einer W'erderannäheruug der feindlichen Nationen nach dem Kmege._ _

vermischtes.

Der neue Oberbürgermeister von Dresden.

Stadtrat und Stadtverordnete von Dresden wühlten in ge­meinsamer Sitzung den Oberverwaltungsgerichtsrat Dr. B l u e h e r mit 71 von 120 abgegebenen Stimmen zum Ober­bürgermeister.

Die Befreiung Galiziens.

ddp. Wien, 1. Juni. DemCzas" zufolge wurden in den letzten zehn Tagen 80 galizische Gemeinden und Ort­schaften vom Feinde befreit. Seit dem Beginn der Mai- off-enstve sind insgesamt nicht weniger als 868 Gemein­den wieder von den Oesterreichern besetzt - worden. _ f - .v a,. J s ;>v^

Der schlechte Kamerad.

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Ich halt' einen Kameraden,

Einen schlechtern findst du nit.

Die Trommel schlug zum Streite,

Er schlich von meiner Seite Und sprach:Ich tu nicht mit l"

Eine Kugel kommt geflogen,

Aha, die ist von dir l Erhabener Gedanke,

Er fällt mir in die Flanke Und will ein Stück von mir!

Kann dir das Stück nicht geben,

Es ist für dich zu schab,

Und kommst du, es zu holen,

Ich will dich gut versohlen

Du schlechter Kamerad! LI. 8t.

(Aus den Leipziger Neuesten Nachrichten.)

Eine LzeanÄersahrt anno 1815.

, Kammersängerin Elisabeth van Endert, die nach erfolg­reicher Tournee und einer recht ungewöhnlichen Rückfahrt aus Amerika zurückgekehrt ist, schreibt dem BerlinerLok.- Anz." hierüber:

Der dänische DampferUnited States", der New Dort am 22. April mit 25 Passagieren erster Kajüte, 70 Passagieren zweiter Kajüte und 245 Russen in dritter Kajüte verlassen hatte, hat eine an Ereignissen reiche Ueberfahrt glücklich be­endet. Schon sechs Stunden nach dem Verlassen des New 'Iorker Häsens wurde der Dampfer durch einen blinden Ka­nonenschuß eines britischen Kreuzers angehalten. Durch Flaggensignale wurde die Auslieferung eines deutschen männ­lichen Passagiers verlangt, der da ohne Paß sofort aus- geliesert und von einem Boot des Kreuzers in Empfang ge­nommen wurde. Am sechsten Tage der sehr stürmischen Fahrt entdeckten die Matrosen, unter dem Segeltuch eines Rettungs­bootes versteckt, einen blinden Passagier. Halb Zerfroren wurde ein 17jähriger, schmächtiger, kleiner Oesterreicher aus seinem Versteck heraus gezogen, wo er in dem fürchterlichen Sturm allen Unbilden des Wetters ausgesetzt war und sich nur von Schiffsbiskuit und dem Wasser ernährt hatte, das diese Ret­tungsboote als eiserne Ration mit sich führen. Der Arzt und die Offiziere des Dampfers nahmen sich des Passagiers an, der nun eine volle Stunde ununterbrochen futterte. Nachdem er seinen Heißhunger gestillt, gab er die Auskunft, daß der Tod des Vaters, den er aus der Verlustliste erfahren hatte, ihm den Mut gegeben hätte, als blinder Passagier sich einzu- schmuggcln, um auf diesem Wege zu seiner vereinsamten Mut­ter za kommen. Der wütende Sturm war die Veranlassung zu seiner Entdeckung und zerstörte dadurch alle seine Hoff­nungen Am achten Tage, um 12 Uhr mittags, wurden wir von einem britischen Hilfskreuzer der früher der White Star Line gehört hatte, angehalten. Fünf englische Offiziere mit zehn Mann stiegen an Bord, luden ihre Revolver und Gewehre vor unseren Augen und übernahmen die Führung des Dampfers, der nach den Oaknyinseln abgeschleppt wurde und erst am anderen Tage um 11 Uhr vormittags in Kirkwall einlief. 18 aögeschleppte Dampfer verschiedener Nationalität lagen bereits vor Anker und teilten unser Schicksal. Kaum hatten wir Anker geworfen, so wurden die Passagiere einzeln einem strengen Verhör von den englischen Offizieren unter­zogen, von denen einer fließend Französisch, Holländisch, Dänisch und Deutsch sprach. Zwei deutsche Männer, die einen falschen Paß hatten und der arme, kleine Oesterreicher wur­den kriegsgosangen. Als ich aus die Frage, warum ich nach Deutschland gehe, antwortete, um nach meiner Heimat zurück­zukehren und dort zu singen, erklärte man mir lachend, ich wäre viel sicherer in Amerika, und in Deutschland seien die Opern geschlossen. Strahlend erwiderte ich, daß ste falsch unterrichtet seien, weil der Krieg ohne Einfluß auf unser Theaterleöen geblieben sei. so daß alle Theater offen sind. Da meine Pa­piere in Ordnung befunden wurden, so daß gegen meine Weiterreise kein Einspruch erhoben werden konnte, verlangte der englische Offizier das Versprechen von mir, daß ich ver­bieten sollte, in meiner Gegenwart das LiedGott strafe England" zu singen. Ich fand dieses Ersuchen so komisch, daß ich dem Herrn Engländer ins Gesicht lachte, mit dem Be­merken:Ich kenne nur: Its a Iong way to Tipperary." Jetzt hatte ich die Lacher auf meiner Seite und ich wurde in Gnaden entlassen. Inzwischen hatte der Sturm sich gelegt; die Sonne gab sich alle Mühe, uns den unfreiwilligen Auf­enthalt zu verschönen. Der Kapitän gab abends ein Bordfest und forderte mich üttd meine Kollegin Elena Gerhardt aus, ein Lied zu singen. Nach einigen deutschen Liedern stimmte ich im Beisein der englischen Offiziere,Es braust ein Ruf wie Dormerhall" an; die fünf deutschen Frauen, die an Bord waren, fielen mutig ein. Wir mußten drei Tage in Kirkwall zubringen, bis aus die telegraphisch nach London ausgegebe­nen Einzelheiten über die Schiffsladung die Erlaubnis zur Weiterreise erteilt wurde. Inzwischen hatten wir Muße, neun englische Torpedoboote, die fortwährend um uns hemm kreuz­ten, zu beobachten, während wir das Schießen der englischen Nordseeflotte hörten, die ln einer Nebenbucht lag. Das wonnige Gefühl, das mich erfreute, als ich nach 5y 2 Monaten zum ersten Male in Warnemünde auf deutschem Boden. war, entschädigte für alle Strapazen und Sorgen der Ueberfahrt."

Bon der Ausstellung in San Francisco.

C K. Alle neueren internationalen Ausstellungen haben als besonderes Anlockungsmittel irgendeine neue Art der Beförde­rung herangezogen. In der letzten Pariser Ausstellung war es z. B. das berühmtetrattoir roulant", die verschiedenen Plattformen, die mit steigender Geschwindigkeit in ständiger Bewegung nebeneinander herliefen und so eine ununter­brochene bequeme Beförderung ermöglichten. In England führte man die erste Einschienenbahn vor, bei der Ausstellung in Gent wurden kleine Züge durch komprimierte Luft betrie­ben. Bei allen diesen Beförderungsmitteln war die Anlage von Schienen nötig, sodaß man durch sie nicht in alle Teile der Ausstellung, die die Besucher zu sehen wünschten, gelangen konnte. San Francisco hat daher, um diesem Uebelstand ab. zuhelfen, ein schienenloses Beförderungssystem für seine Welr- auSstellung gewählt. Dabei sind 17 kleine Motorzüge in Be­trieb, die überallhin in der Ausstellung fahren können, wo Wege von über 3 Fuß Breite vorhanden sind. Jeder Zug wird von einem Triebwagen von 20 Pferdekräften Stärke ge­zogen. Mit Hilfe einer Steuerverbindüng folgen alle Wagen des Zuges genau in den Radspuren des führenden Wagens. Die Züge lahren mit einer TurcksschnittZgeschwindi^keit von 16 Kilometern in der Stunde durch das ganze Gelände der Ausstellung, und sie sind mit völliger Sicherheit zu leiten, ob­wohl daS Bremssystem anscheinend sehr einfach ist. Das letztere besieht aus Hemmschuhen, die nicht aut die Räder oder einen Teil des Triebwerkes wirken, sondern direkt gegen den Boden. Die 25 Zoll Durchmesser messenden Räder mrt Gummireifen sind vollständig in Kasten eingeschlossen und daher unsichtbar; machen die Züge den Eindruck, als ob sie über den Boden nicht hinrollten, sondern fortglitten. Die Wagen sind sehr niedrig gebaut, sodaß die Mitfahrenden ohne weiteres vom Wege auf ihren Sitz steigen können.^ Die Be­triebskosten betragen nur etwa 20 Pfg. für die englische Meile, wobei die Löhne für den Wagenführer und Schaffner mitein- gerechnet sind. Die Passagiere zahlen 40 Pfg, für jeben Tag; jeder Zug befördert im Durchschnitt 40 Personen.

Kleine Mitteilungen.

Berliner Blatten bringen die Meldung., daß Direktor William Schirmer vom Erfurter Stadttheaterdie nach Kriegs­ausbruch vorgenommenen Gehaltsverkürzungen für sämtliche Mitglieder wieder rückgängig gemacht und sofort jedem Mitglied die Gesamtsumme, um welche sein vertragliches Einkommen gekürzt worden ist, nachgezahlt hat, mit der Er­klärung, daß sich der Theaterbesuch trotz dem Kriege sehr gut gestaltet habe.

In der Wiener H o f o p e r hat sich Kammersänger Fritz Schroedter in seiner Glanzrolle als Eisenstein in derFleoer- nraus" vom Publikum, dessen erklärter Liebling er durch etwa 30 Jahre war, jüngst verabschiedet. Schroedter wurde in früheren Jahren auch regelmäßig zur Mitwirkung in den Wiesbadener Maifestspielen berufen uno auch zu den Hülsenschen Bierabenden in Wiesbaden, die auch der Kaffer besuchte, zugezogen.

* Drankfurt. 1. Juni.

Haudgearbeikeke Spitze«.

Unter den Gewerben, die der Krieg hart getroffen, ist dj, Spitzen ktöp pelei. die in abgelegenen Orten des jächfi. schen Gebirges von Hunderten von Frauen betrieben mitb. De sächsische Negierung pflegt die ferne Technik in 2 8 Spitzen, schulen und bemüht sich um Eutstehuna, Einführung Enrwurf von neuen und Nachahmung guter alter Muster. Ter Krieg haj nun den ohnehin schwrengen Absatz stark vermindert, und die fleißigen Klöppelerikinen, denen rn der abgelegenen Heimat der Krieg keinen Arbeitserratz bringt, müssen feiern und hungern, wenn wir ihnen durch Ankauf ihrer Handarbeu nicht neue Arbeitsgelegenheit schaffen. Dre vor einigen Tagen für dre Zeit vom 1. bis 10 . Juni hier angezergte Spitzenverkauftautzsullung der Firma David Bonn, veranlaßt durch die sächsische Re. grerung, hat den Zweck, weitere Kreise von der Kunst deutscher Kiöppeierzeugnisse, ihrer Feinheit und dem Reiz ihrer Muster zu überzeugen, die teilweise täuichend den anerkannt schönen alten französischen Sprtzenmusier nachgearbeiiet sind. Wrr haben alle Ursache, unsere deutiche Arbeit zu schätzen und durch die Unter­stützung ihres Absatzes zu schützen. Bon den einfachsten Meter» spitzen, kleinen Eisdeckchen Kragen. Hemdenpaffen. Elntatzmolrven bis zu den kunstv ll feinen Mustern in großen Decks«. Vorhängen finden wir hier gute deutsche Albert zu billigem Preis.

h Der preußische KriegSminister hat an den Kultusminister ein außerordentlich bemerkenswertes Anschrriben gerichtet, in dem der Wunsch nach Aushebung der Not-Reifeprüfung an höheren Lehranstalten zum Ausdruck kommt. Es beißt in dem Erlaß u. a.: Die bei Beginn des Krieges für die Schüler höherer Lehranstalien getroffenen Anordnungen zur vorzertigen Abiegung der Reifeprüfung oder vorzeiligen Zuersinnung der Reife für eine höhere Klasse wurden von dem Bestreben geleitet, die Heeres- ergänzung durch junge Leute von Bildung zu fördern. Abgesehen nun v n den Härten, die sich hieraus für zurückgebl,ebene Schüler ergeben, lehrt die Erfahrung, daß eine große Anzahl junger Leute dem Heere zugeführt wird, die weder körperlich noch sittlich reis ist für die außerordentlichen An- forderungendesFeldzugs In vielen Fällen richten sich die Leute für ihr Leben zugrunde, ohne dem Vaterlaude dadurch zu nützen. Dazu kommt, daß der große Verbrauch des gebitdelen Teils der männlichen Jugend im Krieg, da er in den nächsten Jahren nicht zu er letzen ist, die Gefahr eines Rückgangs der gei­stigen Betätigung des deutlchen Volkes ans allen Gtbir- ttn des öffentlichen Lebens in sich brrgi. Es erscheint deshalb zweckmäßiger, die Schüler der höheren Lehranstalien erst heranressru zu raffen und sie nicht durch irgkndwclche Vergünsügungrn der Schule in zu jugendlichem Atter ms Feld ziehen zu lassen. Aus- nahmen sollen nur dam» staiisinden, wenn die Sckülcr der Pnma vollkommen knegsv rwcntungsfähig sind und die Ofsizierslaufbahn als ihren Lebensberuf erwählen. ,Äuf Grund vorstehender Erwä­gungen finden deshalb bei der H a u p t - K a o e t t e n a n st a lt in BerlM'Groß-Lichtcrsilds Rotprüfungen nicht mehr statt. (Clr. Fft.)

F8r das valerlarrd gestorben.

Es sind 1646 deutsche Juristen und aus der Justiz hervorgegangene Reichs- und Berwaltungsbeamte bis 27. Mar nach der 9. Verlustliste der Deutschen Juristen-Zeitung nach amtlichem Material schon im Kriege gefal len. u. a. 8 Nechtslehrer, 358 Regierungs- und Berwaltungsbeamte, Richter, Staatsanwälte, 300 Rechtsanwälte, 420 Assessoren, 560 Referen­dare usw. Diese Statistik, aufgestellt nach dem von den Reichs- ämtern und Landesjustizverwaltungen der Juristen - Zeitung überlassenen Material, zeigt, wie der Krieg gerade urrter den Ju­risten reiche Ernte hält. (Etr. Frkft.)

Wie uns der Verband Teutickik-r Dwlom-Jngenieue in Berlin mit» teilt, sind neuerdings sotamde Tiplom-Jnaemeu-.e mit dem Erierien Kreuz I. Klasse ausae^eichnet worden: Juiius Bank. Karlsruhe; Dr.-Jna. Gabriel Becker. Leiter des Laboratoriums sür Verbrennunas» maiäunen und Krastfatnzeuae an der Technischen Hochschule Berlin; Eduard Frortzdeim. Reciierunasvauüdrcr, Köln; Kurt Groß­hel m. Regierungsbaumarer. ReckUnabauten; Franz Johann. Reme- runasbanmeister, Hilfc-aibeiter im Ministerium für Landwirtckast. Domänen und Forsten, Bertin-Witmersdors; Kalb, Stadtvaumeister im Ticsbauamt UI der Stadt Bertm: Kart Lausterer, Regierung^» baumeiüer, Reutlingen: Arnold Liedtke. Rcaie unas, und Baurat. Gumbinnen; Robert Meyer, Negierunasbaumelster Vleutes b Koburg; Rudolf Verl an on. Bauamtmann. Borstind des Militar-Reubau- amtcS in Kaiserstauteln; Wilhelm Roeie. Reg ernnasbaumkiiter. Kassel; Kart Rust. Baurat im Ministerium der öslentlichen Ar­beiten Berlin; Tr-Ing. Schüchterte, Bailinwektor Borstind des Brückenbaudüros der Gencraldirektion der württemb, Staatsersenbavnen; Sceberger. Dozent an der Technlicken Hochschule Breslau; Dr. Seesietberg, Geheimer Regierunnsrat, Professor an der Techni'chen Hochschule Berlin, Lichterfclde-Ost; Wilhelm B öt cker. Reaieru, gwau- meister, Beriiii-Schöiievcrg; Wilhelm Wtlle, Bauinsprktor. Bau- terteuder der Königl. Muieen. Berlin.

vom Iranifurier viehmartk.

Immer höher steigen die Sch w er nepr etse. Phantafie- preffe sind es wie die Metzger sagen die nicht annädklod dem «tiklichen Wert des Viehes entsprechen und ^d« die Metzger zwingen, für Fleisch und Wurst Preise dem Konsument, n anzusor- dein, deren Höhe im Interesse von Konsument Ui,d Aietzger zu br- bauern ist. für d.e aber das ehrbare Fteilchergewerbe nrchl zur Brr- antwortnng gezogen werden tann. Um 7 bis 10 Pfg. pro Pfund geg, n die Vorwoche stiegen heule wieder voitsteischrgr D ch w e i n e rm Gewicht von 80-120 Kilo und dielenigen unicr 80 Kilo um 4 bis 5 Pfg., jo daß 155 brs 160 bezw. 145 bis 154 Pfg. pro Pfund gezahtl wurden; die meisten Metzger machtril düse Phanlasir-Prerssprünge nicht mit und verließen ohne ein Stück gekauft zu haben, den Markt. Da4 Geschäft verlief gedrückl und das Angebot, 985 Stück Schweine, dag sind 40 mehr als am vorigen Harrptmarkt, wurde nicht abge- setzt. Am Rtndermarkt. der ebenfalls rinen gtdrückren Handel aufwits und dessen Auflriib auch nicht ausverkauft rvervea konnte gingen Ochsen und Bullen um je 2 Pfg pro Pfund herab, bei Kühen die 4. und 5. Qualrlät sogar um 5 d, zw. 4 Pfg.. wäh« rer»d die anderen Qualitäten die vor wöchigen Preise hielten. Am Käldermarkt war bn gedrücktem Handel eb^ulallskiir P r e i s st n r z um durch'chnliitlch 5 Pfg. pro Pfund zu konsta- lreren. Hm wurde der Markt ausverkauft.

. * Städtische Schulveputation. Die W ieSbadener Regierung hat die Waht der Herren Bin bewald, Dr. R u m p f und Dr. Q u a r ck zu Mrlgliedern der städtiichc« Schuldeputation bestätigt. In früheren Jahren war bekanntlich Dr. Q >arck nich bestätigt worden.

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