150 _/ Die Fackel. 1904

Und mächtig über die gemeine, Erbärmliche Alltäglichkeit.

Gern trät' entgegen ich der Meute,. Die an dich fiel und dich umstellt; Weil du geliebt, anstatt gebetet Zum nie erforschten Herrn der Welt Vergeblich ist mein Wollen leider, Denn hol ich aus zu kräft'gem Hieb, Schleicht sie sich fort, die feige Bande, So leis und schnelle wie der Dieb.

Das Fortschleichen geschieht so gründlich, dass die Pressmeute, welche die verfolgte Frau einkreiste und sie gerne zur Strecke ge­bracht hätte, als sie sah wie die Oeffentliehkeit für sie Partei nahm, eine andere Tonart anschlug. Die feigen Schreibgesellen, die eben noch eine Wehrlose mit ihrer Feder halbtot schrieben, machten kehrt und begannen ihren Ruhm zu singen, auf Kosten der österreichischen Staatsanwaltschaft, die in gewissen Teilen der Monarchie sehr wohl daran täte, wenn sie einmal eine gründliche Regenerations­kur durch machte.

Das Schicksal der Frau von Hervay und ihre Behandlung durch die österreichische Justiz gäbe tatsächlich Stoff zu einem Sensations­drama, freilich dürfte es: sollte es Erfolg haben nicht von Ludwig Fulda bearbeitet werden, der mit seinerMaskerade", die von der Frankfurter Presse aus konfessionellen und finanziellen Grün­den ,,durchgelobt" wurde, aufs schlagendste bewies, dass er wie klingt dies paradox nicht dasZeug zu einem solchen Stoff" hat. Ein Mann von Geist, der dem Dichter in Bezug auf die Religion nahe steht, also kein Anhänger des verrückten Dreschgrafen ist, wurde im Foyer gefragt, was er über das Stück denke. ,,Es ist nicht weit her, erwiderte er, es ist von Fulda".

Die Intendanz hat sich, so bemüht sie auch war, kein zu Dank verpflichtendes Verdienst erworben, als sie das Frankfurter Publikum mit der schwachen Spülwasserdichtung des in Frankfurt geborenen Poeten bekannt machte. Der Lokalpatriotismus, der ein unehelicher Sohn der Vaterlandsliebe ist und oft starke Schönheitsfehler hat, war die Ursache, dass den guten Frankfurtern dieMaskerade" gezeigt und ihr Garderobier, Herr Ludwig Fulda, gerufen wurde. Claque und Clique haben das Stückherausgehauen". Es wird seinen Weg machen---in das Theaterarchiv. Natürlich erst dann, nach­dem so und so viel Künstler ihre Kraft an dem Schmarrn vergeudet und die Theaterdirektoren ihr Geld zugesetzt haben. Die Berliner Luft scheint Fulda's Talent nicht sehr gut zu bekommen. Er müsste wieder einmal nach dem Süden gehen, aber nicht nach Aegypten. Dort streut ihm die Natur zu viel Sand in die Augen und trübt seinen Blick. Empfehlenswerter ist die Riviera. Sie giebt An­regung, erzeugt Begeisterung und vermag selbst einen Kaltwasser­dichter zu erwärmen.

Die Wogen der Begeisterung gingen bei der Uraufführung der Fulda'schen Maskerade natürlich hoch. Die gesamte haute-finance war erschienen und die bessere, sowie die höhere Kritik, die im zweiten Rang sitzt, natürlich vollzählich und in der Absicht, den un-