Die Fackel.

1905

S

In Frankfurt war das Ideal eines vor­nehmen, geistreichen, nicht mit Zweideutigkeiten arbeitenden, eleganten Karnevalsredners unbedingt Redakteur Fritz Mathern vom General-Anzeiger. So wie er, soll der richtige Karnevalist sein, und dann wird sogar Herr Metropolitan Strobel seine helle Freude an ihm haben. Alle Redner verschwanden neben ihm. Ohne zu erröten ver­mochte selbst ein Backfisch seinem reich pointierten, fein satirischen Vorträge zu folgen. Verschwand er so schnelle am karnevalistischen Himmel, so ist nur das Milieu daran schuld gewesen; das minderwertige Element, das sich zur Narrenfahn drängte.

Die glänzenden Sitzungen im Saalbau und im Hippodrom legten lebhaft Zeugnis dafür ab, daß auch eine Karnevalsitzung ungeheuer unter­haltend sein kann ohne Inanspruchnahme der partes minus honestae.

Auf den Bällen das kann nicht geleugnet werdet: kommen stets grobe Verfehlui:gen gegen Anstand und gute Sitten vor, und wenn sie vom höchsten Highlife insceniert iverden, da betrunkene Bürgerfrauei: und angesäuselte Bürgermädchen viel weniger zu wissen pflegen, was sich schickt, als Bordelldirnen, die sich eingeschmuggelt haben, letztere immer der Ausweisni:g gewärtig in: Falle der Eickdeckung pflegen sich aus Ver- uuiiftgründei: nieisteus sehr korrekt zu be>:ehn:en.

Was den Straßenkarneval, auch den in Frank­furt, betrifft, so erim:ert er, naineiulich des Nachts in feiner Rohheit und Uuflätherei unbedingt an die Neujnhrsuacht, während die veranstalteten Umzüge, Dank einer gewissen polizeiliche!: und privaten Zensur, ineist in den Grenzen des Er­laubten zu bleiben pflegen; obgleich die Existenz sehr, sehr starker Witze nicht in Abrede gestellt werden kann.

Da der Straßenkari:eval mehr die Sache des Volkes, wie der vori:ehn:en Leute ist, so darf inan mit Derbheiten nicht allzu scharf ius Gericht gehen.

Daß der Karneval weder die Svarsainkeit, die Nüchternheit, noch die Sittlichkeit fördert, leuchtet jedem, selbst dem eiugefleischtestet: Karnevalisten ein, aber daß er das mit viele,: menschlicheu Einricht- ungen gemein hat, muß zu seinen Gunsten uube- dingt zugegeben werden.

Die Sammlung für die russischen Juden.

Wer die Listen durchlieft, ivelche in Bezug auf die Ui:terstütz:n:g der russischen Juden veröffent­licht werden, kaiu: sich eines Gefühls der Be- schämuug kaum enthalte,:, wenn er sieht, was Frankfurts ungeheuer reiche christliche Familien geben.

Ein blödes, von einen: literarischen Hausknecht :u:d gesellschaftlichem Hooligan redigiertes Wurst­blättchen, bemängelte unlängst die Gabe des Herrn von Goldschmidt von Mk. 13 000, iveil sie ihm zu wenig erschien; obgleich der Schwiegersohn des Herrn Baron von Rothschild tagein tagaus au arme Leute gibt, was sagt der Verfasser der knotigen Notiz aber, wem: er sich die 200 Mk. betrachtet, so dem hochherzigen Sinn des Herrn von Grnnelius entspringen?

Gewiß, die Leute, die man in Rußland tot geschlagen, derer: Wohlstand man vernichtet hat, waren unsere Glaubensgenossen nicht, Juden, nichts als Juden, wir haben so denken niedrige Seelen keine moralische Verpflichtung, uns für diese arinen Opfer brutalster Barbarei zu ruinieren, ader daß die Christel: und nament- lich die Frankfurter Anhänger des großen Israeliten Jesus Christus, sich nicht so schinntzig zeige,: solltet:, wie sie sich zeigen, verlangt schon der Geist der Reciprocität.

Wie groß und edel zeigte,: sich schoi: die hiesigen Juden auch die, deren Na inen nicht in die Zeitung koinmeu darf wenn es galt, christliche Not zu lindern lind ivie schwach wird ihnen von den engherzigen zum Teil schiuntzigeu, christlichen Millionären jetzt vergolten?

Der kleine und mittlere christliche Bürger gibt

ganz schön, ganz anerkenilenswert, aber die christ­lichen Krösusse tim sich nicht weh, von Herr»: - Wertheimber abgesehen, der eine stattliche Snnune gab. Vielleicht weil ihm in der Taufe die Hochherzigkeit des Inden und der Sinn für geknechtete, unterdrückte, gequälte Menschen doch nicht abgeivaschen wurde.

Bleibt von den amerikanischen Lebensversicherungen!

Die Dummen, ivelche nicht alle iverden und davon haben wir gar viel in Deutschland können nicht genug gewarnt werdei: vor Abschluß eines Vertrags mit amerikanischen Lebensversicher­ungen, da nach und nach geradezu unerhörte Ver­waltungsdetails in die Oeffentlichkeit bringe».

Nicht die Beamten der Gesellschaft haben ge­raubt oder gestohlen, wohl aber die amerikanischeu Staatsivürdenträger. Die Strauchdiebe setzten dei: Gesellschaftei: die Pistole ans die Brust, drohten mit Entziehung vorteilhafter Konzessionen und sonstigen Chikaneil, wein: sie nicht einige huudert- tansend Dollars erhielten und vrangen selbstver­ständlich mit ihren Forderungen durch.

Die Equitable hatte unter den Gaunern ganz besonders zu leide», knöpfte ihr doch eii:Gou­verneur" des Staates New - Port, Nainens Odell, also einer der höchsten Staatsbeamten 300000 Mk. ab.

Unter solchen U>ustä>:de>: sollten alle dciitschei: Staatsangehörigen von Reichswegei: vor den amerikanische» Versicherungsgesettschafteu gewarnt iverden, da ihr Zusammenbruch nur eine Frage der Zeit sein dürfte. Wir haben so vorzügliche, so gut fundierte deutsche Gesellschaften, daß es geradezu eine Sünde am Lande und an sich ist, wenn sich ein Deutscher den Amerikanern in die Arme wirft.

Mitteilungen aus Frankfurt a. M. u. Umgegend.

Die Adlerfahrradwerke suchen sich ans ihrer antideutschen Situation durch langatmige Er- klürungeu in der Sportpresse herauszuschmusen, wobei sie die beinahe dreiste Behauptung wir wollen kein schärferes Wort gebrauchen auf- stellen, sie hätten die gesteigerte deutsche Nachfrage vor dem Bezug minderwertiger, hingehudelter Wagen schützen ivollen; obgleich man im ver- gaugeileu Jahre häufig von versagenden Bremsen, brechenden Steuerungen, der bei schnell durchfahrneu fünfzig Kilometern bekanntlich sehr heiß werdenden Adlerivagen hörte. Hosteicklich macheu unsere erst­klassigen Fabriken gegen diese Erklärnngei: der Adlerwerke in einer gepfefferten Antwort Front.

Direktor Plöcker - Eckardt vom Residenz- Theater ist von Herr» Direktor Max Bruck, resp. den Eigentümern des Orpheums auf Räumung verklagt worden, iveil er die Miete, welche jähr­lich 85,000 Mk. beträgt, nicht pünktlich entrichtete, obgleich der Verklagte eine Caution von 100000 Mark gestellt hatte. Es haben in dieser Klage bereits mehrere Terinine stattgefunden, doch kam, wie wir hören, in: legten Augenblick eine Einigung zu Staude. Unfern Ansicht nach, wird Direktor Plöcker-Eckardt an dieser horrenden Miete scheitern, wenn er es nicht versteht, ans der Restauration jährlich 40 000 Mk. heransziischlagen. Und das geht ganz gut, freilich muß er dann das Theater, dessen Renovation ihn 48000 Mk. kostete, wieder umkrempelu. I

Mira de Nevk, eine hier sehr bekannte Chansonette, erscheint in der diesjährigen Winter- kamgagne mit einer sensationellen Jllussions- nulnmer auf dem Nrettl. Die Sache soll sich durch eine außerordentliche Pracht m:d Eleganz auszeichuen. Was 'es ist, wurde uns bis jetzt noch nicht verrate,:.

Schwer geerbt hat eine hiesige Bühnenkünst­lerin. Sie hat »ißt weniger chie 8000 Mark Rente jetzt. Eims Kollegin vop ihr hat eben­

falls Massel gehabt, ir.be,,: ihr ihr Geliebter in Frankfurt a. M. W. eine elegante Wohnung nahm und aufs prächtigste im Schweizerstil ausmöblierte Wie gütig ist doch die freie Liebe und wie keusch sind unsere Bühnensterne.

Das japanische Fest im Cafe Orpheum, gegei: das im Dunkeln bei der Polizei Stimmung gemacht worden ivar, verlief glänzend und zeigte wieder aufs Beste, daß Herr Danuhof seinen Gästen etivas zu bieten versteht. Ji: den ebenso prächtig, ivie gemütlich und stilgerecht geschmückten Räumen, floß der Champagner geradezu in Strömen, stieben den vornehmen französischen Marken, bei denen der Preis die Hauptsache ist, uusern vorzüglichen deutschen Erzeugnissen, wie Knpferberg und Henkel trocken, erschien auch, freundlich beschattet von einen: Rosenbäu,nchen, derRed Star" auf der Bildfläche und fand Anklang. Fast alle Anwesenden delektierten sich au moussierenden Weinen, und nur die Lebe- männer, die mit ihrem Draht fertig geworden, stachen oft zu Dritt und zu Viert eine Flasche stillen Wein aus.

Die Damemvelt war lustig, hie und da sogar ein Bischen ausgelassen. Einige Mägdelein er­schienen in hübschen Kostümen 'und das weibliche Personal des Cafes durchweg in Geisha-Kimonos. Hoffentlich wiederholt Herr Dannhof im Laufe des Winters das schöne Fest noch einige Male, hat es ihm ja doch auch eine ganz bedeutende Ein­nahme gebracht. An beiden Tagen wurden bei­nahe für 10000 Mk. Sekt getrunken. Man sieht daraus, daß sich in Frankfurt a. stR. immer noch etwas verdienen läßt.

Herr Julius Wiesbader, einer unserer tüch­tigsten Köpfe, dessen Geschäftsgeist namentlich die Kaiserstraße viel zu verdanken hat, ist an einem schinerzhaften Augenleidei: erkrankt, befindet sich aber, wie wir mit Freude hören, auf dem Wege der Besserung.

Stadtverordneter Dr. Trommershausen ist, wie ein hiesiges demokratisches Blatt aus der Schulzeitung vom Jahre 1882 mit Humor fest­stellt, früher Anhänger der Simultanschule ge- wesen, während er jetzt auf diesem Gebiete ein arger Reaktionär und Verfechter der Mucker- schule ist.

Frau Anna Fiinkeln, welche in der Sendlinger- ftvafjc 55 die GastwirtschaftZum Oberottl" betreibt, ist, wie wir dem General-Anzeiger der Münchner Neuesten Nachrichten entnehmen, mit 45 Btt. Geldstrafe belegt ivorden, weil dieses Schivoin Servietten, die es zur Reinigung und Befeuchtung seiner seruellen Kloake benutzte, in der Wirtschaft wieder verwendet hatte. Manche» besuchende Frankfnrter mögen sich diese Mit­teilung ad notam nehmen.

Die Ankunft des Zaren voi: Rußland wird, ivie mau uns mitteilr, in Darmstavt jederzeit für möglich gehalten und sind deshalb Zimmer für ihn, seine Familie und sein Gefolge stets in Be­reitschaft. Sollte der gute Mann aus Rußland fluchten, dürfte er wohl sein Doruenkröncheu ver­lieren.

Die prächtige Bar im Cafe Orpheum

wurde in verflossener Woche von zwei jungen rnssischen Großfürsten besucht, die sich, unerkannt, dort köstlich amüsierten. Beide Herren erklärten, daß sie ein so reizendes, gemütlich eingerichtetes Trinklokal lange nicht gesehen hätte». Auf ihrer Rückreise von Rußland würden sie es wieder besuchen.

Die Polizei sucht eben die Familien nach uu- geimpften Kindern ab und führt sie zur Zwangs- inipfuug vor, wenn auch die Eltern gegen die Verjauchung des Blutes ihrer Lieben protestieren. Waim ivird eigentlich dem Jmpfunfug ein Ende gemacht?

Die Auimierkneipenrevisiouen in: Bahnhofs­viertel, welche dem Staate erhebliche Kosten ver­ursachen, da die Gerichtsverhandlungen gegen die Wirte und Kellnerinnen meist mit einer Aufheb­ung des polizeilichen Strafbefehls enden, haben wieder eine Niederlage zu verzeichnen. Eine Kellnerin wurde mit 15 Mk. und der Wirt mit 30 stNk. bestraft, weil ein verkappter, sich als Gast gerierender Schutzinanu animiert worden sein ivollte. Er sah die strafbare Handlung darin, daß ihn das Mädchen frug :W ü n s ch e n

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