Feuilleton des Frankfurter Beobachters.

Herausgeber: Otto Kaungießer.

M 152. Samstag, den 1. Juli

1871.

Die Putzmacherin

Novellette nach dem Englischen.

(Aortsetzung.)

Dann brach Miß Josephine Burgeß auf einmal ab und ließ sich die Kunden im Spiegel besehen, wobei sie dann und wann ein Wort zum Nach­helfen einwarf, dann zog sie den Hut ein bischen nach vorne, schob die Locken der jungen Dame dar­unter zurück und hielt ihren eigenen Kopf dicht daneben, gleich darauf aber hob sie beide Hände in die Höhe und rief aus:Wunderschön!" als ob ihr der Anblick das Wort unwillkürlich ausge­preßt hätte, Nachher trat sie ein bischen zurück, faltete die Hände über der schwarzseidenen Schürze und ließ ihren Kunden Zeit zu überlegen, ob Miß Josephine Burgeß mit demWunderschön" den Hut oder das Gesicht gemeint hätte. Die ganze Verhandlung endete größtentheilS damit, daß sie den Hut verkaufte und die Lady, unter vollen Segeln und über und über geschmeichelt, fortrauschte.

Wenn einem Kunden dagegen der Hut zu miß­fallen schien, so hatte Miß Josephine weiter nichts zu thun, als ihr Lied nach einer anderen Melodie zu stimmen.

Manche Leute," sagte sie dann,sind gezwun­gen, sich an eine bestimmte Farbe zu halten; Viele gibr es aber auch wiever, denen Alles steht, sie mögen aufsetzen was sie wollen, und daS Gesicht muß doch am Ende den Hut schön machen. Manche Damen haben eine solche weiße Haut, daß sie trotz orangefarbenen Hüten ihren rofenrothen Teint be­halten und so schön wie immer auSsehen." Manch­mal überholte sie sich nun freilich selber im Geschäft, brachte aber doch meistens den Handel zu Stanoe, ausgenommen, sie bekam mit einem recht pfiffigen Kunden zu thun oder vielleicht gar mit einer ande­ren Putzmacherin, die herumlief, um neue Muster aufzutreiben. Außer der Besorgung ihres Ladens behielt jedoch Miß Josephine Burgeß auch noch etwas Zeit übrig, sich von einem stutzerhaften Bur­schen, der ihr gerade gegenüber Medizin verkaufte, den Hof machen zu lassen. Dies durfte sie jedoch wenig von ihrem Geschäfte abhalten, denn sie war kein Mädchen, daS dem Herzen veiKattete, mit dem Kopfe davon zu laufen; während der geckenhafte

Apotheker, halbe Tage lang neben ihr fitzend, dis Fäden und kleinen Stückchen Baud zusammendrehte, die Miß Josephine mit einer an ihrer Seite hän­genden, scharf zugespitzten Scheere abschnitt, und ihr dabei modischen Unsinn und Sachen vorredete, die so süß waren, wie die Zuckersachen, die er in der Tasche mitbrachte, so saß sie so unabhängig wie ein Korkzieher, mit einem Fuß auf einen Haubenstock daneben, und steckte Nadeln und Federn in eine ganze Menge feines Putzzeug. Manchmal zwar nahm sie sich Zeit, Bonbons in ihr kleines Münd- chen zu schieben und d-m Apotheker dann einen Blick zuzuwerfen, der zwar sanft und weich, ihm doch zerstörend bis ins innerste Herz fuhr. Beson­ders interessant war er, die Beiden zu beobachten, nachdem sie sich erst einmal angefangen hatten zu verstehen. Der Apotheker, als ein merkwürdiger Rechner, kannte die MultiplicationStabelle auswendig, und daher revidirte er manchmal die Bücher der Putzmacherin, nicht als ob er hätte wissen wollen, wie sie stände, sondern nur um sie gegen das Uebervortheilen Anderer zu schützen. Er schrieb ihr kleine Rechnungen aus und machte sich dabei einen Ueberschlag von Allem; sie selber kannte das Geld so wenig und schickte immer die einkommenden Bank­noten in seinen Laden hinüber, um zu erfahren, ob sie gut oder nachgsmacht wären. Alles dieses geschah aber mit so viel Delikatesse und Zartgefühl, daß es nicht umhin konnte den Apotheker in eine sehr freudige Stimmung zu versetzen und er dick und fett dabei wurde. 8s wäre nicht Menschen­natur gewesen, hätte es anders sein können.

Miß Josephine Burgeß saß eines Tages gerade in ihrem Laden und dachte an den Apotheker und an die Dollars und Cents, die sie den armen Mäd­chen, weil die Zeiten so hart waren, von ihrem Lohn abgezogen hatte, als auf einmal eben dieser Apotheker hereinkam und so vergnügt aussah, als ob er einen großen Fund gemacht hätte. Ec nahm zwei Ball« billete aus seiner Westentasche, reichte eines davon der Putzmacherin und stand grinsend und zähne- flätschend dabei, bis sie es gelesen hatte.

Ich weiß wirklich nicht, was ich thun soll," sagte sie,ich bin noch nie auf einem Tammany- Hall Ball gewesen und ich ich"