in Wien verweilte, ihn mit der heiteren Lebenslust zu erfüllen suchte, die ich selbst empfand. Doch glückte mir die» nicht, nur ab und zu wich sein trüber Sinn, und dann warf er sich in den Strudel der rauschendsten Vergnügungen; aber desto finsterer war nachher seine Schwermuth. Sein Geist schien wie von einer geheimen Last bedrückt, die er nicht abzuschütteln vermochte. Auch seine Reden ver- riethen zuweilen, obwohl er es zu verbergen suchte, daß ihn in seinem Innern etwas quälte. Ich mußte mir gestehen, er hatte etwas Unheimliches an sich.
Endlich kam die Sendung, auf die ich so lange gewartet. Ich bezahlte meinen edlen Gläubiger, schwur ihm nochmals ewige Dankbarkeit und verließ Wien, um auf einem weiten Umwegs über die Schweiz langsam nach meiner Heimath zurückzukehren.
Ein Zufall machte, daß ich auf dieser Reise wieder in die Nähe von P. kan«. Ich wußte aus einem Briefe, den ich unterwegs von ihm erhalten, daß Saryt sich jetzt dort befand; ich beschloß ihn zu besuchen. Da ich nur den Tag über in P. bleiben wollte, so kehrte ich wieder im „Eber" ein. Ich langte in früher Vormittagsstunde an; meine Absicht war, gegen Mittag zu Saryt zu gehen, der wie ich ein Junggesellenlebsn führt. Mittlerweile setzte ich mich in das R rstaurationSzimmer de» Hotels und trank meinen Kaffee.
Am Fenster saß der Wirlh und las eifrig in der Zeitung.
„Neues? Herr Wirth!" fragte ich.
„Neues schon," antwortete er, „aber leider nichts Gutes! E.n Mord ist g schehen, gestern Mittag, hier in der Stadt! Ich wußte es schon eine Stunde nachher. Hier lese ich nun, daß man den Thäter gefaßt hat. Ist Ihnen gefällig?" Er reichte mir das Blatt. Ich las. legte eS dann weg und bemerkte: „So ein Verbrechen kommt stets an den Tag, früher oder später."
„Ja, ja, das sagt man wohl", meinte der Wirth, „unschuldig vergossenes Blut ist nicht still zu machen, heißt es. Aber nur in der Regel, in der Regel! — Sehen Sie", fuhr er nach einer kleinen Pause fort, indem er mit d-m I nger auf da» Haus gegenüber deutete, „sehen Sie, in dem Hause ist aus so etwas vorgefallen, vor gar nicht langer Zeit; aber das kommt nie an den Tag. — Mffen's Euer Gnaden", hier beugte er sich ge- heimnißvoll flüsternd zu mir nieder, „wiffenS, da war hall der Teufel selber mit im Spiel."
Ich bl ckie nach dem Hause hin, alle Fenster waren verhängt und der alterthümlichs, steinerne Vorbau vor der Thüre lag noll Sand und dürren Laubes, da» der Wind hmgeweht; das Haus war offenbar unbewohnt. Aber wie ich so hinschaute, trat mir die Erinnerung an jene Nacht vor Augen, als ich es am Mondenglanz gesehen, und an den Lampenschein in den Ammern und an den Schatten
I am Fenster. Eine eigenthümliche Unruhe bemächtigte s sich meiner. „Erzählen Sie mir die Geschichte, Herr Wirth!" rief ich.
Er war gern dazu bereit.
„Der Mann, dem das Haus da gehörte", so begann er seinen Bericht, „der war hier im „Eber" Stammgast. Es war der solideste, bravste Herr auf Gottes Erdboden. Jeden Abend, Sonn- oder Werkeltag gleichviel, Schlag acht Uhr trat er hier ein, setzte sich in jene Sophaecke, trank sein Bier, aß, was es gerade gab nach der Jahreszeit, und Schlag 10 Uhr ging er heim, da war kein H lten, da« Bier mochte noch so lecker sein. Er wich von seinen Gewohnheiten kein Haar breit. Er hätl's doch haben können; reich genug war er, ohne Frau und Kinder, und noch jung, vielleicht vierzig Jahre zum höchsten. Er hatte auch sonst seine Einzelheiten. In sein Hau», so geräumig e» ist, hat er nie Einen zur Mieths ausgenommen; er lebte da ganz allein, nur mit seinem jüngern Bruder, der auch nnverheirathet war und noch ist; sie wohnten neben einander dort im ersten Stock."
Meine Unruhe wuchs; der Wirth bemerkte e» und fuhr fort:
„Nun also zur Sache! Eines Morgens — es sind heute gerade acht Wochen her — ich liege noch im Bett, da stürzt mein Oberkellner herein und schreit: Herr Gott, stehen Sie doch auf! Doctor Saryt ist todlgestochen!"
Ich ließ den Wirth nicht weiter erzählen; entsetzt fuhr ich vom Stahle auf und rief:
„Saryt? Saryt?"
„Was haben Sre?" fragte seinerseits der Wirth, „kannten Sie den Herrn?"
Ich faßte mich und erwiderte'
„Emen Lothar Saryt aus dieser Stadt hier habe ich vor Kurzem in Wien gekannt."
„Das ist ver Bcud r", sagte der Wirth darauf, „ja, er lebt bald hier, balo dort. Jcht ist er wieder hier^; er will zu Gelve machen, was er hat, und ins Aurland gehen. Bloß das alte Haus da verkauft er nich-; wunderlich genug; drin wohnen wll er doch nimmer. Er war sonst ein fioelsr Herr, so was man enen Bonowant nennt, nur zu sehr, zu sehr, ganz das G genthe l von dem altern hat auch mit ihm manchen Zank darum gehabt. Aber wie ich Ihnen sagte, der Teuftl ha: ihm geholfen. Nun gehört ihm das ganze große Vermögen. Doch viel F^eud' hat er nicht dra>; sieht er doch aus wie Kain. Go:t verzech' mir, Herr!" fügte er rasch hwzu, „ich bin ein alter Schwätzer, ich rede so nach, was die Leute sagen, aber Euer Gnaden werden wissen, es wird viel thörichtes Zeug gesprochen, wenn Jemand so sonderbar zu Loos kommt; hat ec gar. einen E ben, der sein Gelo brauchen kann, dann heißt'S gleich, Dieser har's gcthan."
Ich nickte bestimmend und er fuhr fort: „Sonderbar war das Ding doch. Abens» um zehn Uhr

