114

Die Senckenbergische naturforschende Gesell­schaft und Heinrich Mylius sen.

(Fortsetzung.)

Da die Sicherung des Abhaltens regelmäßiger Vorle­sungen über Naturwissenschaft mittelst eines geeigneten Ho­norars von mir schon längst als ein wesentliches Bedürf- niß erkannt war, um durch diesen Unterricht die reichen Schätze unsers Museums für Frankfurts Bewohner mög­lichst nutzbringend zu machen; so entschloß ich mich, mei­nen vieljährigen großmüthigen Freund, den unlängst in Mailand verstorbenen Frankfurter Heinrich Mylius an­zugehen, damit er meine desfallsige Idee, wovon ich ihm einen ausgearbeiteten Entwurf zuschickte, durch eine an un­sere naturforschende Gesellschaft zu machende neue Capital- Schenkung von st. 8000 verwirkliche; und es freuet mich' Ihnen mitzutheilen, daß meine Wünsche und Bitten den vollständigsten Erfolg gehabt haben. Dieser Ehrenmann, dem die naturforschende Gesellschaft, dem so viele andere hiesige gemeinnützige und wohlthätige Stiftungen die ge­wichtigsten pecuniären Unterstützungen zu verdanken haben, er ist nicht mehr! Er war seit 39 Jahren mein wohl­wollender , mich herzlich liebender Freund. Mein langer specieller Umgang mit ihm; indem ich bei meinen vielen Reisen in Italien jedesmal in Mailand oder auf seinen verschiedenen Landsitzen bei ihm wohnte, in der übrigen Zeit, gleichviel ob ich in Europa oder in fremdem Welt- theil mich aufhielt, mit ihm einen vertrauten lebhaften Briefwechsel unterhielt, befähigt mich ganz besonders, eine Skizze seines thatenreichen, rühmlichen Lebenslaufes zu ge­ben , wozu ich ans Gefühl der Dankbarkeit gewissermaßen mich verpstichtet halte. Möge es mir gelingen, durch Worte dasjenige kund zu geben, was mich in dieser Beziehung durchdringt!

In jenem an Geburten ausgezeichneter Männer beson­ders fruchtbaren Jahre 1769 kam Heinrich Mylius als der jüngste Sohn eines achtbaren kleinen Handelsmannes in un­serer Stadt am 14. März zur Welt. Der ganze Jugend- Unterricht des Knaben beschränkte sich, gleichwie es damals in Frankfurt üblich war, auf das, was durch das Besuchen von Büchners Volksschule zu erlernen möglich war. Im passenden Alter ward er zum Gewerbe seines Vaters be­stimmt, der aber bereits 1791 starb, und ihm gewisser­maßen als einziges Erbtheil den unbescholtenen Ruf eines rechtlichen Mannes hinterließ. Der junge Mylius verfolgte nun die mercantilische Laufbahn mit unermüdlicher Thä- ligkeit, und ward in seinem I9ten Jahre Reisender in Italien für ein englisches Manufacturwaaren - Geschäfts Seine große Rechtlichkeit, gepaart mit der so wichtigen natürlichen Gabe, die Menschen schnell zu durchschauen und richtig zu beurtheilen, ward vom Himmel gesegnet; durch Sparsamkeit und große Thätigkeit erwarb er sich bald ein kleines Vermögen; der Hauptplatz seiner Geschäfte war Mailand, wo seine freundliche Bereitwilligkeit, Jedermann gefällig zu sein, ihm die Achtung Aller zusicherte, mit denen er in mercantilischen oder sonstigen Verkehr kam. Als eine Episode von reinem Personal-Interesse seines da­maligen Lebens erzählte er mir 'selbst, daß er im Jahr 1796 bei der ersten französischen Invasion in Italien, un­

ter dem Vorwand, mit England in Verbindung zu sein, eines großen Theils seiner Habe beraubt wurde und lange Zeit in der Nähe von Mailand im Gefängniß war, bis ihn endlich die Verwendung seines älteren Bruders, des Rathsherrn Mylius, befreite, der damals in Paris als einer der Abgeordneten Frankfurts war, um wegen Milderung der drückenden Kriegs-Contributionen und Freigebung der abgeführten Geiseln zu unterhandeln. Aber für das ihm von den Franzosen und ihren Gehülfen geraubte Eigen­thum erhielt er nie Ersatz.

Auf einer seiner Geschäftsreisen im Jahr 1799 lernte er in Weimar im Hause seines dort ansässigen Oheims, des Hofmalers und Akademie-Direktors Kraus, die Tochter des Geheimenraths Schnaus kennen, und brachte sie bald als seine Gattin nach Italien. Der einzige Sohn dieser Eheverbindung, am 13. Juni 1800 geboren, war durch versprechende Talente und kindliche Liebe die Freude und Hoffnung seiner Eltern. Er ward sehr sorgfältig in El­berfeld nnter der speciellen Leitung des Doctor Wilberg erzogen, hatte sich später in London, Genua und Messina zu einem tüchtigen Kaufmann ausgebildet, und wurde be­reits in einem Alter von 25 Jahren ein wirklicher Theil- haber des großartigen Handelsgeschäfts seines Vaters. Mit Zufriedenheit blickten die überglücklichen Eltern auf diesen Jüngling und träumten sich die Freudentage, welche seine Liebe ihnen im vorrückenden Alter bereiten werde. Aber des Schicksals Lenker hatte anders über ihn verfügt. In seinem 30sten Lebensjahre, als er eben in Triest eine vieles Glück versprechende Eheverbindung mit der ungemein lie­benswürdigen Tochter der edlen Freifrau Vitiali, gebornen Gräfin Arese, schließen wollte, starb er daselbst an einem bösartigen Gallenfieber, mutbmaßlick die Folge des vielen Aergers, den die Hinderniffe wegen des Unterschieds im religiösen Glaubensbekennti'ffse der beiden Verlobten ver- anlaßten. Der von gerecktem Schmerz tief gebeugte Vater hatte von nun an kein direktes Interesse, sein großartiges Vermögen durch Aufhäufung zu vermehren, und er be­schloß, einen nambaren Theil desselben thftlweise bei Leb- zeit zu gemeinnützigen Zwecken zu verwenden; ein rühm­liches Beispiel, das nicht genug zur Nachahmung empfoh­len werden kann. Mylius bemerkte ganz richtig, daß gar oft die mit den besten Absichten angeordnelen testamentari­schen Verfügungen bei der Verwirklichung mißverstanden werden und eine dem Willen des Testators ganz eentgegen- gesetzte Richtung erhalten.

Drei Hauptaufgaben hat Mylius bei den von ihm ge­machten wohlthätigen Stiftungen vor allem ins Auge ge­faßt: die primäre Erziehung der Kinder niederer Volks- ftaffen; die Förderung und Begründung solcher wissenichafl- lichen Anstalten, deren Unterricht im kräftigen Jünglings­alter einen direkten Nutzen für das ganze Leben bezweckt; endlich die Unterstützung hülfsbedürftiger Leute, wenn ihnen die Kräfte fehlen, "für ihren eigenen Unterhalt Fürsorge zu haben. Sofort stiftete er in Mailand eine auf der aroß- artigsten Basis beruhende Freischule der Chemie, besonders mit Rücksichtnahme ihrer Einwirkung auf Künste und Ge­werbe ; er gründete an dem dortigen wissenschaftlichen In­stitut eine Lehrstelle und Prämienvertheilung für die ganz in Verfall gekommene Frescomalerei, und in Sesto di