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Donnerstag den 1. April

Ei« Jugmdlebm.

25) Aufzeichnungen ein« Einsamen von Eva Hartnir,

(Fortsetzung.)

Es wäre mir lieb gewesen, wen» ich hätte sprechen dürfen. Da er eS aber nicht wollte, schwieg ich natürlich und sah wieder in die nächtliche Landschaft hinaus.

Dieselbe veränderte jetzt ihren Character. Bisher waren wir auf einer sandige» baumlosen Bandstraße gefahren, zu deren beiden Seiten sich weite, flache Felder erstreckten. Jetzt "wurde daS Terrain wellenförmig, der Hufschlag ertönte lauter, wie auf steinigem Untergrund. Rädergeraffel hörte ich nicht, ich fand das sehr merkwürdig, erst später erfuhr ich, daß die Räder mit Gummi bezogen waren. Zur Linken erhob sich der Boden nach und nach bis zu mäßigen Hügeln, die mit dichtem Tannenwald bestanden waren, wie mir der ausgehende Mond verrieth. Jetzt begriff ich hen Sinn des NamensSchloß Tarmenberg."

Wundere Dich nicht, wenn Du meine Frau heute uicht mehr zu sehe« bekommst," begann mein Onkel plötzlich wieder ich hatte ihn abermals für schlafend gehaltensie hatte Kopfweh und wird sich früh zurückgezogen haben."

Ist die Taute" ich wußte wirklich uicht, wie ich sagen solltekränklich?"

Er zuckte die Achseln und strich die Asche von seiner Cigarre.Kränklich? Etwas nervös, etwas suün, wie alle vornehmen Frauen find."

Ich hatte noch nie etwas von einer gemeinsamen Krank­heit vornehmer Frauen gehört und schwieg deshalb wohlweis­lich still.

Der Weg ging jetzt bergab, dann wieder bergauf, ich sah Lichter blinken. Endlich zeigte sich, im Mondschein deutlich er­kennbar, eia stattliches Gebäude von Thürmen flankirt. Wir fuhren in ein offen stehendes Thor, über einen gepflasterten Hof, der Diener sprang ab, zu gleicher Zeit stürzte ein zweiter aus dem Hause, dem eine alte Dienerin folgte, eine brennende Lampe in der Hand.

ES ist hell genug, bemühe Dich uicht, Ludmilla!" sagte mein Onkel.Ist meine Frau noch auf?"

Die gnädige Frau Baronin hat sich vor einer Stunde zu Bett gelegt!" erwiederte die Alte.

Dacht' ich's doch! Diese verfluchten Einbildungen!" murmelte mein Onkel.Komm' Gertrud?"

Er bot mir den Arm, eine mir so völlig neue Ceremonie, daß sie mich in die tödtlichste Verlegenheit stürzte. Die Diener­schaft, ich weiß nicht, wie viele Personen, ich sah nichts als hellblau und Silber, trat respectvoll zurück, ich hielt meinen Einzug in Schloß Tannenberg.

Befehlen der Herr Baron, daß die Tafel"

Ich mag nichts essen," unterbrach mein Onkel die begon­nene Rede.Liebe Gertrud, Du entschuldigst mich, ich habe spät in der Stadt dinirt. Bringen Sie dem gnädigen Fräu­lein daS Essen in die Stube!" wandte er sich wieder zu dem Wartenden.

»Zu Befehl!"

Ein weites, hell erleuchtetes Treppenhaus, eine teppich­belegte Marmortreppe, das Gitter derselben vergoldet, die Brüstung mit rothem Sammt bezogen ich schämte mich, hier als zur Herrschaft gehörig behandelt zu werden.

Am Ende eines langen CorridorS öffnete mein Onkel eine Thür, wir traten in ein schönes, reich möblirteS Gemach.

Dies, liebe Gertrud, ist Dein Wohnzimmer, Dein Schlaf­zimmer stößt an. Wenn Du mehr Raum zu haben wünschest, so sage es nur, Zimmer genug stehen zur Disposition. Lud­milla wird Deine Bedienung übernehmen, sie hat mich auf den Arme« getragen, Du kannst ihr schon verträum. Georg wird das Effen hierher bringen; Ludmilla, Du leistest wohl dem Fräulein Gesellschaft. Mich entschuldigst Du!"

Er reichte mir die Hand und athmete erleichtert auf, als sei er froh, einer überaus lästigen Pflicht endlich entledigt zu sein. Ich legte meine Hand in die seine und sagte:Gute Nacht, lieber Onkel, es thut mir recht leid, Dir so viel Mühe zu machen!"

Er lächelte etwas belustigt und etwas überrascht, als habe er keine so dreiste Bemerkung von mir erwartet. I» der Thüre drehte er sich noch einmal um.Deine Nachtruhe wird ungestört sein, Kivdergeschrei wenigstens gibt eL aus Schloß Tannenberg nicht. Ich bin kinderlos!"

Er sagte das mit einem leisen Seufzer und ließ mich mit der Alten allein.

Man sagt, das Alter macht gesprächig. Bei Frau Lud­milla traf daS zu. Ehe ich noch an diesem Abend meinen nun wirklich müden Kopf auf die schwellenden Kiffen deS Bettes legte, wußte ich ein gutes Stück der Kattenau'schen Familien- Geschichte. Ich erfuhr, daß sie als Kammermädchen in den Dienst der seligen Frau Baronin gekommen war, die eine Frau war gnädiges Fräulein, so gibt eS gar keiae mehr. Sie, Ludmilla, hatte alsdann den Kammerdiener des seligen Herrn geheirathet, war aber bald Wittwe geworden und auf dem Schloß geblieben, daS heißt, nicht hier auf Tanuenberg, sondern auf Kattenau in Westphaleu als die Kinder ge­boren wurden. Erst Fräulein Arabella, die sich dann Ursula nannte, um der Heiligen nachzueifern Sie kennen die Ge­schichte, gnädiges Fräulein? (Ob ich sie kannte!) Dann der Baron HanS Jacob, dann der Baron Carl Friedrich und endlich der Baron Andreas. Baron Andreas war immer ihr Liebling gewesen, er war am meisten nach seiner Mutter ge­artet, Gott segne ihr Andenken! er hatte auch daS beste Herz, aber leider keinen so frommen Sinn, wie die beiden ältesten Kinder. Fräulein Arabella, sie war ja wohl Ihre zweite Mutter, gnädiges Fräulein? hatte von je an einen strengen, Lüstern Sinn gehabt, eben so wie ihr Bruder HanS Jacob, sie waren beide wie ihr Vater, der ein entsetzlicher Herr ge­wesen sein muß, nach den geheimnißvollen Mienen der Alten zu schließen. Fräulein Ursula wollte durchaus in ein Kloster gehen, aber die Frau Barouin gab nicht zu, daß sie die Ge­lübde ablegte, so schloß sie sich wenigstens einer religiöse» Schwesterschaft an. Baron Haus Jacob trat in den Dienst der Kirche, er wurde Missionär und starb in Afrika am gelben Fieber. Baron Carl Friedrich er war ein schöner Mensch mit wilden, schwarzen Augen, auf ihn hatte der alte Baron