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Belletristisches BMatt zur Neum Fraskfsrt« Preffe.
Dienstag de« 4. Mai
1878.
Gesetz und Frau.
69) Roman von Milkie CollinS.
Aus dem Englischen von A. v. Winter selb.
(Fortsetzung.)
„CalderhawS, müssen Sie wissen ist einer der übelberüch- tigsteu Difirkcte in Edinburgh. Einer meiner vertrautesten Schreiber unternahm eS, nach Dandie in Nummer 9 zu frügen. ES war eine kitzliche Aufgabe, und der Manu nahm wohl« weislich Jemand mit sich, der in der Nachbarschaft bekannt war. „Nummer 9 erwies sich als ein Verkaufsladen von Lumpen und altem Eisen, und Dandie stand im Argwohn, gestohlene Sachen an sich zu bringen. Dank dem Einfluß seines Begleiters und einer Banknote, die Sie mir gelegentlich wieder geben können, löste mein Schreiber diesem' Menschen die Zunge. Das kurze Resultsl war folgendes: Ungefähr 14 Tage vor dem Tode der MrS. Macallan hatte Dandie nach Wachkmvdxl- len zwei Schlüssel gemacht, welche ein neuer Kunde bei ihm bestellt. DaS Geheimnißvolle der Sache und das seltsame Benehmen des mit derselben betrauten Agenten erregte Davdie'S Mißtraue«. Bevor er die Schlüssel ablieferte, hatte er die Entdeckuvg gemacht, daß sein neuer Kunde MiserrimuS Dexter sei. Fügen Sie Dexter'S unbegreifliche Kenvtniß des Tagebuchs JhreS Gatten zu dieser Information hinzu, so erhalten sie als Product, daß die Wachsmodelle, welche an Dandie geschickt wurden, von den Schlüsseln deS Tagebuches und der Schublade, iu welcher eS sich befand, genommen waren. Ich habe meine eigenen Ideen hierüber, auf die ich aber augenblicklich nicht näher eingehen will. Ich wiederhole Ihnen nur, daß Dexter fär den Tod der MrS. Macallan verantwortlich zu machen ist, in welcher Weise, wird Ihnen vielleicht gelingen, herauszubekommen. Nachdem die Angelegenheit so weit gediehe», halte ich eS jetzt allerdings für Ihre Pflicht, sowohl gegen die Gerechtigkeit als gegen Ihren Gatten Alles zu thun, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen. WaS die Schwierigkeiten anbetrifft, die sich Ihnen entgegenstellen, so werden Sie dieselben durch Geduld, Entschlossenheit und Sparsamkeit überwinden."
Mit starker Betonung deS letzten Worte- wollte sich Mr. Playmore abermals entfernen.
„Noch ein Wort," sagte ich. „Haben Sie so viel Zeit, Mr. Dexter zu sehen, ehe Sie nach Edinburgh zurückkehreu? Nach deS Gärtners Aussagen muß sein Bruder sitzt schon bei ihm sein. Ich würde gern erfahren, wie eS dort steht."
„Der Besuch bei Dexter bildet einen Theil meines Reise- zweckeS," sagte Mr. Playmore. „Auf seine Wiedergeuesung setze ich keine Hoffnung; aber ich möchte mich vergewissern, ob sein Bruder sich seiner annehmen kann und will. So weit eS unS angeht, hat der Unglückliche seine letzten Worte gesprochen."
Er öffnete die Thür, hielt inve und kam noch einmal zurück.
„WaS die amerikanische Sendung anbetrifft, sagte er, „so würde ich Sie bitten, die Summen in Ihrem Blancowechsel selbst und zwar in Zahlen und Worten auSzusüllen. Ich kann mich dazu in keiner Weise verstehen. Also noch einmal guten
Morgen, MrS. Macallan." Mit einer tiefen Verbeugung legte er dm Blavco-Wechsrl auf den Tisch und verließ mich.
Zweiundvierzigstes Capitel.
Noch mehr Überraschungen.
Noch an demselben Abend überbrachte mir ein Schreiber den Kostenanschlag für die Reise deS Agenten und einen flüchtigen Bericht über den Besuch bei Mr. Dexter.
ES hatte sich durchaus in seinem Zustande nichts verändert. Der Bruder war mit einem Arzte eiogetroffen, welcher den Jrstnnigru in seine Obhut nehmen sollte. Der neue Arzt wollte sich jede- UrtheilS enthalten, bis er den Kranken längere Zeit genau beobachtet. ES wär bestimmt worden, daß MiserrimuS Dexter, sobald die Vorbereitungen getroffen sein würden, in die Anstalt ausgenommen werden sollte, deren Besitzer und Vorsteher der neue Arzt war. Die einzige Schwierigkeit, welche zu überwinden war, bestand in einer Versüguvg über daS unglückliche Geschöpf, welches seinen Herrn nie verlassen. Ariel hatte weder Freunde »och Geld. Aber eS gelang Mrs. Playmore und mir, theilS durch eigene Betheiligung, Heils durch Sabscriptiov, die Mittel aufzubrivgen, welche eS Ariel möglich machte», in der Nähe Dexter'S zu bleiben, und täglich einige Stunden unmittelbar in seiner Nähe zubringen und ihn bedienen zu können.
Am andern Tage erhielt ich von meiner Schwiegermutter einen Brief auS Spanien. Zu meiner uvnruvbarkn Freude laS ich folgende Zeilen: „Machen Sie sich, meine theuerste Valeria, auf eine herrliche Ueberraschung gefaßt. Eustaee hat wein in ihn gesetztes Vertrauen gerechtfertigt. Wenn er nach Euglaud zurückkehrt, wird er sein geliebtes Weib avf- suchen."
Dieser Entschloß ist nicht etwa durch meine Beeinflussung hervorgerufen worden. ES ist der ganz natürliche Ausdruck seiner Dankbarkeit üad Liebe. Die ersten Worte nach seiner Genesuvg waren: „Glauben Sie, daß mir Valeria vergeben werde, wenn ich wieder zu ihr komme?" Die Antwort darauf müssen wir Ihnen natürlich überlassen, und zwar, wenn Sie uaS lieben, mit umgehender Post. Nachdem ich Ihnen nun die erste freudige Nachricht mitgetheilt, will ich meinen Brief doch noch einige Tage zurückhalten, im Fall, was ich jedoch nicht hoffe, er seine Entschließung ändern sollte.
Drei Tage find nun seitdem vergangen, und eS ist keine Veränderung eiugetretev. Er denkt einzig und allein an die Wiedervereinigung mit selzrer Frau. Ich muß Sie aber noch auf etwas Anderes aufmerksam machen, das in Eustace'S Seele keine Umwandlung erlitten hat.
Obgleich Leiden und Zeit ihn in vieler Beziehung geändert haben, denkt er doch noch immer mit demselben Schrecken an Jh e Idee, ihn noch einmal mit einer Aufrührung feines Pro- c.sses in Verbindung zu bringen. DaS ist der große Kummer, der seine Seele bedrückt. Ich hielt eS für meine Pflicht, beruhigend auf ihn zu wirken. Ich habe ihm gesagt, er solle sich vorläufig die Sache auS dem Kopf schlagen, eS würde Valeria schließlich nichts Anderes übrig bleiben, als die Idee aufzvgeben, da die sich ihr eutgegenstellenden Hindernisse bis * zur Uuübersteiglichkeil angewachsen wären. Mit diesen Worten
