sprach ich ja auch nur meine eigene Ansicht aus, die Sie selber so oft von mir hörten. Hoffentlich höre ich in ihrem nächste« Brief, daß unsere beiderseitigen Wünsche in Erfüllung gegangen. Sollten wir uns getäuscht haben, dann mögen Sie auch die Folge« verantworten. Sie könnten eS dahin bringen, seine Liebe und Dankbarkeit zu verlieren und ihn niemals wiederzu- seheo. Wenn Sie mir antworten, legen Sie einige wenige Zeilen für Eustace bei.

Den Tag unserer Abreise von hier bin ich noch nicht im Stande, bestimmen zu können. Eustace erholt sich sehr lang­sam und hat noch nicht daS Bett verlassen dürfen. Wenn eS so weit ist, wird die Rückreise eine sehr langsame sein muffen. Bor 6 Wochen ist an einen Aufbruch nicht zu denken.

Aufrichtig die Ihre

Catharive Macallan."

Als ich den Brief auf de» Tisch legte, fand ich nur einen WermuthStropfen in dem Becher meiner Freude. Der von uns nach Newyork gesandte Bote schwamm bereits auf dem Atlan­tischen Oceau.

(Fortsetzung folgt)

Der wiedergesundene Onkel.

Dem englischen Original nacherzählt von Edmund Wächter.

(Fortsetzung.)

Ein Tröpfchen wird ihm nicht schaden, sagte Onkel Joe, und bevor noch meine Frau eiuschreiten konnte, hatte der kleine Schlingel das Rumglas am Munde und zur Hälfte geleert. Er erstickte fast daran, und sein Gefichtcheu bot ein ergötzliches Bild von Ueberraschung und Bestürzung dar; dann wurde er heulend aus dem Zimmer geführt.

Onkel Joe blieb einige Tage bei unS, während welcher Zeit er mehrere angenehme Characterzüge entwickelte.

Du gefällst mir, Sammy, mein Junge," sagte er zu­weilen;ich habe mehr Geld, als ich brauchen kann, und Du sollst eS nicht bereuen, daß Da Deinen alten Onkel so freundlich ausgenommen hast."

Dennoch brachte seine Anwesenheit in unserm Hause einige große Unbequemlichkeiten mit sich. Er war ganz ungemein versessen auf Rum, dem er sich vom Morgen bis zum Abend widmete, und da er dabei fortwährend rauchte, nahm unser Salon bald den Geruch einer SchuapSkneipe an. Auch war er ein großer Freund des Kartenspiels, und er lehrte mich verschiedene höchst sonderbare Spiele. So unter anderen eins, wobei er drei Karten rasch hin und her legte, von denen ich alsdann die eine, auf die ich gewettet, bezeichnen mußte?) Merkwürdiger Weise verlor ich fast stets, und sah mich in kurzer Zeit um fünf Pfund ärmer. Für ihn war das natürlich eine Kleinigkeit, fär mich aber mehr als ich gut missen konnte, und so lehnte ich denn weitere Spiele ab.

Auch noch etwas anderes ärgerte mich sehr. Onkel Joe hatte sich angewöhnt, rechtstarke" Ausdrücke zu gebrauchen, und Tommö der ein sehr geweckter Knabe ist, fing schon an, einige dieser höchst unnöthigen Worte nachzusprechen. Eines Tage- hörte ich zufällig folgenden Dialog zwischen ihm und seiner Mutter.

Mama, ich möchte noch etwas Kuchen haben."

Du hast genug gehabt. Zu viel Kuchen ist nicht gesund für kleine Buben."

Ich will aber noch mehr Kuchen haben, und wenn Du mir keinen gibst, sv sage ichverdammt", wie OM Joe."

Ich hatte darauf eine kurze Privatunterhaltuvg mit dem kleinen Schlingel, und nach einer Beweisführung, die eine leichte Anstrengung meiner physischen Kräfte erforderte, glaubte ich ihn von der Unschicklichkeit, daS Wortverdammt" zu ge­brauchen, überzeugt zu haben.

Am Unbehaglichsten aber war mir der Gedanke an die bald bevorstehende Ankunft der Tante Jane, deren Begegnung mit meinem Onkel unvermeidlich schien. Wie sollte man aber zwei so heterogene Elemente ohne Collisionen vereinigen? Ich befürchtete ernstliche Unannehmlichkeiten und sah dem Zusammen­stoß mit Zittern entgegen. Eines Abends jedoch fand ich, von einem Geschäftsmann! nach Hause zurückkehrend, Tante Jane, Onkel Jos und Emilie, mein Weib, in der freundschaftlichsten Unterhaltung bei einander. Onkel Joe schmauchte, wie ge­wöhnlich, aus seiner Pfeife, und da ich ihm von der erwar­teten Ankunft der Taute gesprochen und ihn dabei gebeten hatte, in ihrer Gegenwart nicht zu rauchen, so ärgerte mich seine Rücksichtslosigkeit doppelt, waS er mir am Gesicht absah.

O, hat Nichts zu sagen, Sam, alter Junge," rief er mir zu,Miß Lillicrap hat's erlaubt. Sie sieht es gerne, wen» Junggesellen rauchen."

Ich bin überzeugt, wenn ich es mir hätte einfallen lassen, in meinem eigenen Hause in ihrer Gegenwart zu rauchen, sie hätte wenigstens Krämpfe bekommen. Und da saß nun dieser Onkel Joe und blieS ihr seinen stinkenden Tabak fast geradezu in's Gesicht, und sie lächelte gnädig dazu. Später erst erfuhr ich, daß meine Frau ihrer Taute sofort bei deren An­kunft die Anwesenheit deS Onkels unter vier Augen mitgr- theilt und ihr meinen Verwandten als einen Manu geschildert hatte, der lange den Umgang mit civilifirten Menschen habe entbehren müssen, dabei aber von Herzen gut und edel sei, ach! und so reich! Und das waren dieselben Leute, deren Begegnung ich so angstvoll entgegevgesehen hatte. Narr der ich war! zu glauben, daß die Verschiedenheit rein gesellschaft­licher Formen zwei Geldmenschen von einander abstoßen könne! O der Mammon, der Mammon!

(Ich sehe, daß die hier folgenden tiefsinnige« Bemerkungen die Länge einer Abhandlung angenommen haben und viel zu schätzbar find, um sie an eine so unbedeutende Skizze, wie die vorliegende zu verschwenden; ich lasse sie deßhalb fort.)

Onkel Joe und Tante Jane wurden bald dicke Freunde, und ich erstaunte über die Veränderung, welche diese Freund­schaft bei der alten Dame hervorbrachte. Bisher hatte sie stets eine solide und ernste Charaklerrichtung gezeigt, sie hatte Thee und Geklatsch geliebt, aber einen wahre» Abscheu vor leichteren, weltlichen Vergnügen offenbart. Jetzt auf einmal begleitete sie unfern Onkel Joe in Theater und Concerte, und ermunterte mich zum Arrangiren von Gesellschaften in meinem Hause, wo­bei Mufik, Kartenspiel und geistige Getränke eine Hauptrolle spielten, und in den beiden letzern Dingen konnten Onkel Joe etwas leisten.

Höre, Courcy", wandte sich bei einer derartigen Soiröe mein Freund Flathede au mich,Dein Onkel da ist ein richtiger alter Gauner; er hat mir so eben im Dreikartspiel dreißig Schillinge abgeschw'mdelt."

Ich nahm diese Mittheilung natürlich mit einem sehr ernsten Gesichte entgegen.

Und höre, Courcy, mein Junge, ich denke Du kennst mich."

Ich sagte, ich glaube das auch.

Mein Name ist Flathede und ich kenne die Welt."

Wie irgend einer."

Ich denke, ich merke, waS um mich her vorgeht und kann eben so gut zwei und zwei addireu wie andere Leute."

Besser!"

Gut; besser vielleicht als mancher Andere. Jetzt horch zu, mein Junge. Ehe viele Wochen vorbei find, hast Du eine Hochzeit im Hause."

Ich war ganz verblüfft und frug:WaS meinst Du damit?"

Darauf nickte mein großer Menschenkenner uud feiner Beobachter einfach mit dem Kopfe uud sagte:Schau!"

Ich blickte nach der an gedeuteten Richtung hin und sah z eine Aüzüh' Peczvucn um mein Clavier stehen, vor welchem

*) KümmeldlSttcher,- Frage de- Setzers.