lermann zurückgetreten. Und ich sage Ihnen, Herr Staatsanwalt, es ist bei Kellermann nicht mit rechten Dingen zugegangen — das lass' ich mir nicht nehmen."
Das war bei allen das letzte Wort.
„Wie so?" fragte Werner stets — „wenn Sie mir nur das sagen könnten!"
„Ja, wenn ich das wüßte! Aber nicht wahr, lieber Staatsanwalt, tiefste Discretion."
(Fortsetzung folgt.)
Em zweiter Scheffel.
(Schluß.,
Sieben Helle Nächte währt Hunold's Treiben, sieben Helle Nächte durchschreitet er pfeifend und lockend die öden Straßen, bis endlich die letzte Ratte in der Weser ersäuft ist, um hungrigen Lachsen zum leckem Mahl zu dienen. Aber ein Schmiedgeselle Wulf, der die Fischerstochter Gertrud liebt und auf Hunold eifersüchtig ist, weiß in des Bürgersmeisters Keller noch eine zurückgebliebene Ratte aufzuspüren — ein Rattenkönig, aus fünf mit den Schwänzen verwachsenen Ratten bestehend — und da die Zünfte ohnedies in Aufruhr gerathen, daß man dem Rattenfänger eine so große Summe bewilligt, benutzt der Bürgermeister diesen Umstand, um Hunold den bedungenen Lohn vorzuenthalten. Hunold besteht auf seinem Recht und verlangt im Uebermuth als ebenfalls ausbedungenes Badgeld einen Kuß von den frischen rothen Lippen der als Zeugin erschienenen schönen Regina. Mit Hohn und Spott abgewiesen und um seinen Lohn betrogen geht er davon, aus Rache brütend und Vergeltung:
Mögen sie in Teufels Namen Doch ihr lumpig Geld behalten,
Doch den Hochmuth will ich brechen.
Zwing' ich das Geschlechtersräulein,
Schlage ich der ganzen Sippschaft Jn's Gesicht; sie sollen sehen,
Daß die Bürgermeister-Tochter
An den Hals sich wirft dem Spielmann.
Bin auf einen Kuß nicht eben Sehr versessen, aber diesen,
Diesen grade muß ich haben!
Und ich weiß ihn schon zu kriegen,
Kann verlocken und verführen Andres noch? als dumme Ratten.»
Bei der Verlobung Reginas mit Heribert erscheint Hunold als Spielmann, von Herrn Wichard, Hameln's wackerem Bürgermeister, den die Hunold angethane Behandlung heimlich reute, selbst zur Lautmerung geladen, und der Verwegene weiß durch die berückendsten Lieder, deren eines flammender, farbenprächtiger, verführerischer und zaubergewaltiger als das andere ist, das arme Kind ganz außer sich zu bringen — „steuerlos im Sturme trieb sie auf den hochempörten Wogen einer Leidenschaft, die wachsend wie des Meeres Fluth hereinbrach." Am Schlüsse des letzten Gesanges, der voll Gluth und hinreißender Gewalt auf Regina einstürmte:
Da — begab sich Unerhörtes,
Was den Gästen Blut und Athem Stocken macht' im Nu — Regina Hob mit leuchtendem Gesichte
llnd an allen Gliedern bebend Sich von ihrem Sitz, schritt vorwärts,
Warf sich an die Brust dem Sänger Und umschlang ihn liebeglühend.
. In berauschend langem Kusse Hielt er innig sie umfangen,
Und die stolze Lust des Siegers Funkelte in seinen Augen,
Als er mit erhobnem Haupte Ueber die Versammlung blickte.
Hunold wird natürlich sofort ergriffen, in Eisen geschlossen und in den Thurm geworfen. Unter dem Hagedorn vor dem Thor wird peinliches Gericht gehegt und Hunold von Schöffen und Schultheiß der Zauberei und geheimer Hexenkünste überführt, zum schmählichen Tode verdammt — „auf dem Holzstoß soll er brennen, seinen Leib soll Feuer fressen, Gott sei seiner Seele gnädig!"
Da, als Hunold zum Tode geführt werden soll, erscheint plötzlich Gertrud und verlangt nach altem gutem Rechte ihn für sich. Das Gericht kann es nicht weigern, Singuf muß Urfehde schwören und wird freigegeben, Gertrud aber enteilt dem Treulosen und stürzt sich in den Fluß. Als er hastig und athemlos nach der Fischerhütte stürmt, kommt ihm der alte Fischermeister langsam entgegen, „trägt auf Armen wassertriefend seine Tochter, die er aus des Stromes Wellen ausgesischt, zu spät, als Leiche."
Aus des alten Mannes Arment,
Der mit leisem Wimmern mach los Ganz zusammenbrach im Schmerze,
Nimmt der Spielmann die Geliebte,
Legt auf Gras und Flur sie nieder;
Doch kern Laut, kein Ton der Klage Kommt von seinen bleichen Lippen,
Wie er über sie gebeugt liegt.
Endlich aber, endlich rafft er Sich empor auf seine Kniee,
Und mit schrecklichem Gesichte Gertrud's Hand in seine nehmend Droht er mit der Faust zur Stadt hin:
»In die Hand der Todten schwör' ich Rache dir, verfluchte Stadt!
Hast mein Liebstes mir genommen,
Nehmen will ich dir dein Liebstes!«
Am nächsten Sonntag, während die Bürger Hamelns in der Kirche der mächtigen Predigt des Domherrn Jsfried andächtig lauschen, schreitet Hunold langsam durch die Gassen und lockt die Kinder durch seine wunderbaren Schalmeienklänge, daß die liebe Schaar der Kleinen jubelnd und lachend dem Spielmann zu der Stadt in die Schlucht des Lappelberges hinaus folgen. Der Gesang des Rattenfängers ist wieder eine echte Perle gottbegnadeter Poesie, eine wunderbar süße, zauberisch-holde Weise deren Rythmen in wahrhaft Goethe'scher Anmuth leicht und fröhlich vor dem lieben bethörten kleinen Volke dahingleiten.
- Darum mag sie zum Schlüsse hier noch eine Stelle finden:
Da hinter dem Berge, da funkelt ein Schloß Mit Höfen und Brücken und Zinnen,
Da spreizen sich Pfauen, da wiehert manch Roß Und herrlich wohnt es sich drinnen;
Halb ist es von Marmel, und halb ist es doch Von Zucker und Marzipane,
Die Treppen so breit und die Sale so hoch,
Vom Thurme weht eine Fahne.

