lächelnde, höfliche, liebenswürdige kleine fran­zösische Abb6 Letterrier ans dem Garten­pavillon, und grüßte händereibend, und ver­bindliche Knixe machend, und sagte mit seinem seltsamen, für einen Franzosen sehr ausländisch klingenden Accent: ,,Oni, oiii, oni, ma foi, ma foi, ma foi, nichts geht über ein gutes dejeuner ä la fourchette, und mactre Cyrillino ist ein Meister in Senffrüchten . . Und in der That folgte Meister Cyrillino bem kleinen Franzosen auf dem Fuße, und trug mit triumphierender Miene eine Platte mit einer» in der That gaumenkitzelnden Gabel­frühstücke auf, dessen Pfeffer- und Senf­ingredienzen die kleine Flaschenbatterie wohl nöthig machte, die bald darauf von Jsabelita kredenzt rvard.

8. Kapitel.

Die Erfinderin des Spiritismus. Souvenir du Mississippi. Wissenschaft und Schwindel.

Der Chiclanero machte sich also auf den Weg nach Porto Alegre, angeblich im Auf­träge seines gnädigen Herrn, des Conde Oliveiro dos AydoS, um einige Kommissionen zu besorgen.

Er hatte über seine schmucke Livree die buntgestreifte Serape geworfen, den breit- krämpigen Sombrero tief in die Stirn ge­drückt, um die Augen vor dern Sonnenlichte zu schützeil. Eine Pistole und ein langes Messer bargen sich in seinem weitfaltigen Gürtel, und so ritt er behaglich dabin auf der Seitenstraße, lvelche durch den Tempel­wald auf geradestem Wege, abseits von der breiten Heerstraße, nach Porto Alegre hinein­führte. Das Maulthier verfiel in seinen ge­mächlichen Halbschlummertrab, den Kopf ge­senkt, die Augen geschlossen, und Nur die Ohren gespitzt. Der Reiter den duftigen, bläulichen Wölkchen nachtrüumend, die von seiner Zigarette ausgingen und in feiner Linie gradeaufsteigend in die von Sonnenhelle und Sonnenwärme gleichsam vibrierende Luft.

Er erivachte aus seinen Träumereien erst, als plötzlich ein fröstelnder dunkler Schatten über ihn fiel. Er stand am Rande des Waldes, — des Waldes mit seinem sammetweichen Moosboden, seinem Lianengeginster und seinem Netze von schlanken, schwanken, biegsamen Aesten, welche gleichsam eine Decke flochten über dem Haupte.

Er stieg vom Tiere, warf sich den Zügel desselben über die Achsel und schritt zu Fuße vorwärts. . Es war so tiefstill da, daß diese Stille gleichsam ein Summen zu sein schien, wie die Stille in den Muscheln. So ging'S vorwärts einen schmalen Pfad entlang, im Tief­schatten, der von süßlichen Düften geschwängert war, denn in jenen Ländern hauchen selbst die Blätter Düfte.

Lange, lange Zeit ging so der Weg dahin, als schlummere die ganze Welt.

Plötzlich umflutete grelles Licht den Wanderer und sein Tier. Sie waren in eine Lichtung getreten, in die der abgrundtiefe Azur hineinleuchtete in seinem grellen Glanze. Hier schien alles zu leben. Die Sonnenstrahlen liefen stammauf, stammab, wie lebende Wesen. Grellfarbige Vögel, nicht größer als Schmetter­linge, schossen durch die Luft wie vom Stamm losgelöste Blüten, die der Wind nmherjagte. Und doch regte sich kein Lüftchen. Inmitten dieses freien, von vier undurchdringlich scheinenden Waldwänden umgebenen Platzes erhob sich ein wunderliches Gebäude. Koloffal, unausschaubar gleichsam. Ein Werk von Gi­ganten oder von Pygmäen. So großartig

waren die Dimenfione», so winzig zart und svitzeuartig die Arabeökenskulpturen, die es be­deckten. Welche Phantasie konnte dieses Bilder- gewirre ersonnen haben? Hie und da glotzte aus dem Geschnörkel ein riesenhaftes steinernes Gesicht hervor. Dieses Gesicht war gleichsam der Kern, und die Arabeskemvünde die Um­rahmung. Es waren die Ruinen des alten Sonnentempels. -

Während das Maultier graste, lehnte sich Chiclanero an einen der grandiosen Baum­stämme und vertiefte sich in den Anblick der gigantischen Trümmer.

Die Welt versank gleichsam um ihn, und eine andere Welt erstand um ihn. Eine Welt der Träume. Hier hatten untergegangene Re­ligionen den nievergehenden Vater so vielge­staltiger Kinder gedient und geopfert mit Ge­sängen und Blut. Waren die wirren Schnörkel der sonnen- und zeitengebräunten Wände eine Schrift, lesbar verschwundenen Geschlechtern, unlösbare Rätsel den Kindern von heute? Bargen diese Hieroglyphen unsterbliche Wahr­heiten, oder nur die wirren Phantasien kindischer Heiden.

Hier sollte der unermeßliche Schatz des großen Montezuma irgendwo vergraben sein; jener Schatz, den der letzte Herrscher des Sonnenlandes nicht verraten, selbst unter den Qualen der Folter. Aber wie sich das Auge des einsamen Wanderers verlor in.dem Ge­wirr der von Arabesken umginsterten Unge­heuer, da begriff er wohl, daß dieser Schatz, .wenn er existierte, unfindbar sei für alle Zeiten. Wo sollte man ihn ohne Ariadnefaden suchen in dieser» Trümmerhaufen, so kolossal wie der Trümmerhaufen des Turmes von Babel, in diesem steinernen Meere? . . . Ein Wahn­sinniger mußte der sein, welcher sich hier aus die Suche begab.

Und wie er so schaute, und rvie er so träumte, umschwirrt von grellen Vogelblumen, von Faltern, so groß wie Tauben und so glänzend rvie Perlmutter, umduftet von dem betäubenden Atem der regungslos schlummern­den Blätter, umschlängelt von goldgrünen Rep­tilen, umweht gleichsam von der leisen, leisen Musik, welche das millionenstimmige zarte Ge- piepe der Zwergvögelscharen in den Zweigen des Urwaldes hervorbringt, und rvie sein Auge faul und halb schlummernd hinkroch über das Labyrinth von Schnörkelskulpturen, da erblickte er plötzlich in Mannshöhe auf der gigantischen Hand einer der kolossalen Gottheiten einen Namen hingeklext mit schmutzigroten großen Buchstaben — und dieser Name war:

K y s e l a k.

*

Kyselak! Dieser Name versetzte den Chicla­nero mit einem Schlage aus der Welt des Unmöglichen, des Wunderbaren, in die Welt der Wirklichkeit. Aber diese Wirklichkeit, diese fast komische Realität war fast eben so unmög­lich wie das Wunderbare. Kyselak! Wie kam der Name daher in diese menschenferne Ein­samkeit Südbrasiliens? Dieser deutsche Name eines verrückten oder wenigstens exzentrischen Touristen ans dem Herzen Europas, der wohl niemals nach Amerika, und am wenigsten daher gekommen war?!

Der Name Kyselak ist fast eine Mythe, eine „Volkssage" geworden in den deutschen Ländern, ja man kann sagen, in ganz Europa.

Wie aber die Deutschen in alle Welt kommen — wie sie am Nordpol die Fahne Oester­reichs aufpftanzen und im Herzen Afrikas eine preußische Provinz gründen, so haben sie auch den Kyselak und seine Mythe in alle Welt­teils getragen, wie den Juugfernkranz des

„Freischütz", wie die Schivänke Till Eulen­spiegels und die Gedichte Heines. So hatte auch der lustige Chiclanero davon gehört, und er bewegte die Geschichte des exzentrischen Touristen, der seine Mission darin suchte, während seiner Urlaubsreisen seinen Namen vermittelst eines Anstreicherpinsels und einer Leiter und eines Töpfchens Oelfarbe an die unmöglichsten und scheinbar unzugänglichsten Felswände, Ruinenzinnen und Turmhöhen zu malen ...

Er sann und sann darüber nach auf seinem weiteren Ritte, als er den Tempelwald schon längst verlassen und plötzlich die Herrlichkeit der weit.hingebieiteten Hafenstadt vor ihm lag wie eine Wildnis hellglitzernder Muscheln am

Ufer des Meeres.

* *

Sobald der Chiclanero in dem Leben und Treiben der frischwogenden Stadt angekommen war, stellte er seinen Mulo im Stalle eines großen, komfortablen Hotels in der Rue de Concordia ein, das von Passagieren, Stadt­gästen , Handelsleuten, Negern und Ein­wanderern wimmelte, da eben Markttag war.

In dem großen Speisesaal, in welchem er eine kleine Stärkung zu sich nahm, und wo an verschiedenen Tischen die ' verschiedensten Leute in den verschiedensten Sprachen schwatzten, hingen an den Wänden grüne, gelbe, rote Affichen, lvelche sämtlich in Riesenlettern be­sagten, daß am Abende die „weltberühmte Mrs. Fox-Kane eine moralische und gelehrte Vorlesung hallen werde über den Schwindel des Spiritismus!!!" — Affichen, welche stets« von zahlreichen Gästen umstanden waren und« mit lebhafter. Diskussion und ziemlich im ; genierten Witzen besprochen wurden; ja, ein echter tabakkauender Bruder Jonathan aus dem Norden, der auf einem niedrigen Schaukel­stuhle saß und seine Beine aus den mittleren Speisetisch gelegt hatte, als ob seine beiden, großen, in plumpen Nägelschuhen flccfettbeiu Füße ein besonders delikates Gericht seien,, machte sich das Vergnügen, eine dieser Affichen kuilstgerecht anzuspucken, so daß seine Kautabak­ladungen genau eine Art Kranz um den Namen der ehrenwerten Mrs. Fox-Kane bil­deten — ein Wunder-Lorbeerkranz neuester fashion, der aber die allgemeinste Zustimmung des Publikums zu finden schien. Ein Um­stand, welcher umso mehr Interesse erregte, als Mrs. Fox-Kane ganz ruhig auf der offenen Terrasse vor dem Gastzimmer saß, ein sehr kopiöses limoheon zu sich nahm, und dabei mit ihrem „Impresario", einem jungen, ziem­lich kommun aussehenden Menschen, die' Chancen ihrer präsumptiven Einnahme be­sprach, und die allenfallsigen Mittel, dieselbe durch die größtmöglichen Kniffe noch zu er­höhen.

Mrs. Fox-Kane war eine ziemlich derbe' Frau, in einem alten, welken, schwarzen- Seioenkleide, mit glatten, grauen Scheitelm und einem energischen matter of facrt-Wesew, das ihr, unterstützt von einer tiefen, rauhem Stimme, mehr das Aussehen eines reisenden Weinhändlers als einer „litterarischen" Dame gab.

An dem Tische, an welchem der Chicla­nero seinen Imbiß nahm, saßen noch zwei andere Herren; ein sehr blasser, hübscher, italienisch aussehender junger Mann in schwar­zem Salonanzuge, mit schwärmerischen, dunkel­umränderten Augen und einem Wald von schwarzen Locken, die er manchmal mit seiner weißen, schmalen Künstlerhand durchstrich, auf deren kleinen Finger ein großer Brillant in hundert Farben funkelte. Dies war, wie sich.