Frankfurter CommumMatt.
Beiblatt zum Frankfurter Beobachter.
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Frankfurt, 13. Februar
1876.
Chronik der Woche.
—* Eine ungemeine Erregung hat sich in einigen Kreisen
der Gemüther aus Anlaß der bevorstehenden Beschlußnahme der
Stadtverordneten rücksichtlich des proponirten Ankaufes der Ge¬
bäude und Schulen der polytechnischen Gesellschaft bemächtigt. Die
Angelegenheit sollte bereits am Dienstag zum Austrag kommen;
es fand jedoch theils in Folge eines durch Herrn Sonnemann
brieflich ausgedrückten und von Herrn Dr. Neukirch befürworteten
Wunsches, theils aus dem Grunde, weil eine Anzahl von Mit¬
gliedern noch eine Woche lang Zeit zu ihrer größeren Informa¬
tion bedurften, eine Vertagung des Gegenstandes auf nächsten
Dienstag statt, so daß auch lins noch die erwünschte Gelegenheit
sich bietet, an dieser Stelle Einiges über die Angelegenheit zu
sagen.
Die Entstehungsgeschichte der Sache ist unseren Lesern aus
früheren Nummern des Communalblattes bekannt. Die polytech¬
nische Gesellschaft wünscht die Uebernahme ihrer sämmtlichen Ge¬
bäude und Schulen durch die Stadt — und zwar die Gebäude
nebst Inventar zum Taxpreise von 762,000 Gulden — haupt¬
sächlich aus dem Grunde, weil sie nach Erfüllung ihrer seither
größtcntheils der Hebung des Unterrichtswcsens in Frankfurt ge¬
widmeten Bestrebungen jetzt anderen Zielen, als da sind Er¬
richtung eines Kunst- und Gewerbemusenms, sowie eines Ateliers
für Frauenarbeit, ihre Kräfte und Mittel zuznwcnden gedenkt,
wobei sie hervorhebt, daß insbesondere die Verwirklichung des
e r st e r e n Projektes von großer Bedeutung für die fernere Blttthe
und das Gedeihen unseres Gemeinwesens sein werde. Der Magistrat
hat sich diesen Ansichten angeschloffen und bei der Stadtverordneten-
Bersammlung bereits im Sommer vorigen Jahres die Uebernahme
der Schulen und Gebäude der Gesellschaft zu dem veranschlagten
Preise beantragt, anch in seinem vom 16. December 1875 datir-
tcn Verwaltungsbericht diesen Antrag nochmals auf's Dringendste
befürwortet.
Die von der Stadtverordnetenversammlung zur Prüfung
der Sache eingesetzte Spezialcommission ist nun auf Grund der
Berichte des Schulcuratoriums und der Begutachtungen des
städtischen Bauraths Herrn Behüte zu dem von dem Gesuche
der Gesellschaft und dem Vorschläge des Magistrats allerdings
erheblich abweichenden Anträge gelangt, die fraglichen Schulen und
Gebäude zwar für Rechnung der Stadt zu übernehmen, statt des
geforderten Ankaufspreises von 760,000 Gulden aber nur einen
solchen von 450,000 fl. zu bieten. Der Annahme dieser Sunnne
liegen zwei verschiedene, jeder für sich in Betracht kommende Um¬
stände zu Grunde. Erstens nämlich haben die in den Acten be¬
findlichen Bemerkungen des Herrn Baurath Behnke ergeben, daß
die Stadt bei einem etwaigen Neubau der für die fraglichen
Schulen erforderlichen Gebäude die Letzteren billiger und
zweckmäßiger herzustellen vermöchte, als zu der von der Ge¬
sellschaft geforderten Kaufsumme; zweitens aber wurde in Betracht
gezogen, daß die Stadt bisher zu den fraglichen Schulen schon
erhebliche Zuschüsse geleistet hat und durch die gänzliche Ueber-
nähme derselben auf die Stadtkaffe die polytechnische Gesellschaft
von der Last de- bisherigen Defizits befreit werden würde,
wofür sie ein Aequivalcnt in Form entsprechender Verringerung
der Kaufsumme leisten soll.
Der Vorstand der polytechnischen Gesellschaft, worunter auch
Herr Stadtrath Dr. Sau erländer, zugleich Vorsitzender des
Schulcuratoriums, sich befindet, sieht nun in diesen Anträgen, die
cigenthümlicherwcise ihm weit früher bekannt geworden sind als
den Mitgliedern der Stadtverordnetenversammlung, eine „Ver-
mögensconsiscation" und eine Mißachtung des bisher in hiesiger
Stadt zu so segensvoller Entfaltung gelangten Gemeinsinnes, da
in Zuklinft sich Jeder an der gegen die polytechnische Gesellschaft
beliebten Handlungsweise sich ein abschreckendes Beispiel nehmen
werde. So ungefähr ist der Sinn des von dem Vorstand an
diejenigen Mitglieder der Versammlung, „welche zugleich Mit¬
glieder der polytechnischen Gesellschaft sind", gerichteten Protcst-
und Ermahnungsschreibens, dem dann noch ähnliche, wenn auch
minder schroff gehaltene Circulare des technischen Vereins und
des Comite's für Errichtung eines Kunst- und Gewerbe-Museums
gefolgt sind.
Eine vorurtheilsfreie Prüfung der Sache wird jedenfalls —
was hoffentlich von Allen zugegeben werden wird — von dem
Gesichtspunkte der jGesammlinteresscn des Gemein¬
wesens, mit denen ja die polytechnische Gesellschaft sich bisher
in so glücklicher Weise identifizirt hat, ansgehen müssen, nicht
aber einseitige Wünsche, wären sie auch au und für sich noch so
berechtigt, in den Vordergrund stellen dürfen. Stellt man sich
auf diesen Boden, der vor allen Dingen für die Mitglieder
der Stadtverordnetenversammlung ganz allein ma߬
gebend sein darf, so erscheint es zunächst als eine ziemliche Tactlosig-
keit, daß diejenigen Stadtverordneten, „welche zugleich Mitglieder
der polytechnischen Gesellschaft sind", von dem Vorstande der
Letzteren förmlich aufgefordert wurden, gegen die Anträge der
Commission und für die unbeschränkte Gewährung des Ansuchens
der Gesellschaft zu stimmen. Man hat bisher noch niemals ge¬
hört, daß die Mitglieder der Versammlung bei der Berathung
und Abstimmung über städtische Angelegenheiten sich von irgend
etwas Anderem als den beschworenen Pflichten gegen daS Gemein¬
wesen leiten lassen dürfen; wird ihnen aber im geraden Gegen¬
sätze hierzu ausdrücklich zugemuthet, daß sie in der Stadtver¬
ordnetenversammlung die Interessen der Vereine, deren
Mitglieder sie zufällig sind, vertreten sollen, so könnte mit Fug
und Recht in einem Falle wie dem vorliegenden auf
die Bestimmung des Gemcmdeverfassungsgesetzes hingewicsen
werden, wonach diejenigen Mitglieder, welche der auf sie gerich¬
teten Pression nachgeben, unfähig sein würden, an den Berathungen
und der Beschlußfassung über den Gegenstand theilzunehmen. Wie
die Ding: liegen, wird gewiß Niemand ein derartiges Verlangen
stellen; aber die in so unüberlegter Weise harauguirten Mitglieder
.önnen unmöglich über die an sie gestellte Zumuthuug sehr erfreut
gewesen sein.
Gehen wir nun ans die Sache selbst ein, so scheint uns
eine der hauptsächlichsten Schwierigkeiten darin zu liegen, daß von
der polytechnischen Gesellschaft ein sehr unglücklicher Zeitpunkt
gewählt worden ist, um an die Stadt mit der Anforderung neuer
großer Ausgaben heranzutreten. Es ist vom Magistrat selbst