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uns nichts Einfacheres denken, als daß das betreffende Schrift¬
stück auf wenige Tage in der Kanzlei (oder je nach Umstünden
auch nur auf wenige Stunden auf „dem Tische deS Hauses")
aufgelegt wird, damit die Mitglieder sich darüber ein Urtheil
bilden können, was mit der Eingabe geschehen soll. Finden sich
dann anstößige Sachen darin — und der Fall wird wohl selten
Vorkommen, sofern nicht die Stadtverordneten schon iu jeder
„Kritik" eine Verletzung ihrer „Würde" sehen, was uns einfach
lächerlich vorküme — so kann man immer noch die Eingabe
zurückgeben odcr sie in den Papicrkorb werfen; rin Unglück aber
würde dadurch nicht entstanden sein, wenn wirklich die Mehrzahl
der Stadtverordneten auch die gräßlichste Injurie mit eigenen
Augen gelesen hätten. Ist zum Beispiel Jemand davon gestorben,
als seinerzeit die „Neue Frankfurter Presse" behauptete, die demo¬
kratische Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung wolle einen
„T a m a n y -R i n g " zur Ausbeutung des städtischen Vermögens
gründen? Und diese Erbärmlichkeit ging nicht aus der Mitte der
Bürgerschaft im gebräuchlichen Sinne dieses Wortes, sondern von
Leuten aus, welche die Stadtverordnetenversammlung gelegentlich
wieder anhören muß!
Können wir uns nicht auf diesem Boden über die Streit-
ftage verständigen und jenen Leuten, deren längst durchschaute
Pfiffigkeit fortwährend in der plumpsten Weise auf das „ckivicks
sd irnpera" speculirt, damit eine heilsame Enttäuschung bereiten?
Der Stand der Schlachthausfrage in Berlin.
Ueber dieses Thema, welches znr Zeit auch für Frankfurt
ein besonderes Interesse beanspruchen darf, entnehmen wir dem
„Berliner Börsencourier" folgende Darlegung:
Die Schlachthausfrage, die, wie es scheint, sich jetzt zum
bevorzugten Gegenstände der Discussion in städtischen Kreisen
herausbildet, hat die Communalbehörden von Berlin bereits seit
länger als 50 Jahren — am 29. Juli 1623 lag der erste diese
Angelegenheit betreffende Antrag der Stadtverordneten-Versammlnng
vor — recht vielfach beschäftigt. Die Nothwendigkeit, Einrichtungen
in's Leben zu rufen, um einerseits die sichere Versorgung dcr
Hauptstadt mit dem nöthigen Schlachtvieh zu regeln, andererseits
den Gefahren zu begegnen, welche aus dem Verkauf von schlechten»,
gesundheitswidrigem Fleisch und dem große Uebelstände »nit sich
bringenden Betrieb von Schlachthäusern im Innern der Stadt
entstehen, war gleich von vornherein anerkannt. Einhellig sprach
man sich für Erbauung eines Central-Viehmarktes in Verbindung
mit Schlachthäusern aus, aber auch ebenso einstimmig »vurde
Seitens der Behörden erklärt, daß es nicht Sache der Com¬
mune sei, so kostspielige Anlagen zu schaffen, daß
vielmehr die Herstellung der Privat-Specu lation
zu überlassen sei. Am I. J»»li 18ü5 war zuerst ein dahin
gehender Beschluß gefaßt, *1862 war man nach einer von letztercrn
Jahre datirten Resolution derselben Ansicht. Als sich später in
dieser Beziehung doch Meinungsverschiedenheiten geltend machten
und der Magistrat a»n 7. December 1867 einen Antrag ein¬
brachte, dahin gehend: die Stadtverordnetenversaminlung solle den
Bau eines Schlachthauses und eines damit in Verbindung zu
bringenden Biehmarktes beschließen, wurde dies entschieden abge¬
lehnt, und es wurde dabei wiederholt ausgesprochen: Die Stadt-
verordneten konnten nicht die Ueberzeugung gewinnen, daß gerade
die Stadt ein so bedeutendes Unternehmen, bei welchem cs sich
um die Ausbeutung ma»migfacher, damit in Verbindung zu
bringender Anlagen (Albuminfabrikation, Talgschmelzen, Darm¬
väschen, Fleischsalzereicn und Pökelanstaltcn, Verwerthung des
Dünger» und der thierischen Abfälle rc.) handele, praktisch und
umsichtig ausführen und verwalten würde. Solche Unternehmungen
Würde» sich nur unter einer geschickten und leicht beweglichen kauf¬
männischen Verwaltung zn ersprießlichen gestalten. Am 30.
Januar 1868 trat eine Gesellschaft inS Leben, die sich die Her¬
stellung eines Biehmarktes in Verbindung mit Schlachthäusern für
die Stadt Berlin zur Aufgabe machte; darüber, wie sie diese
ihre Aufgabe gelöst, braucht wohl nicht erst in Erörtirungen ein¬
getreten zu werden. Daß die Anlagen die höchsten Ansprüche,
in sanitärem Interesse und im Interesse des Verkehrs zu stellen
sind, in jeder Beziehung erfüllen, ist notorisch. Nunmehr scheint
sich aber in den Ansichten einer Anzahl von Vertretern der Bürger¬
schaft ein Umschwung vollzogen zu haben. Wie gemeldet hat der
Magistrat in seiner Sitzung von, 14. v. M. den Beschluß gefaßt,
einen neuen Vieh markt, verbunden mit öffentlichen
Schlachthäusern aus co,nmunalen Mitteln zu
bauen, und es soll sich die Stadtverordnetenversammlung damit
und mit einem weiteren Vorschläge, zu Z»vecken des neuen Vieh-
markteS rc. an, Frankfurter Thor belegene Terrains der Berliner
Neustadt-Baugesellschaft zu kaufen, zu beschäftigen haben. Wes¬
halb das gut oder sogar nothwcndig ist, ist bisher nicht nachge-
wiesen worden. Daß die Einrichtungen des bestehenden Viehmarkt-
etabliffcmcnts den Anforderungen genügen, ist wie gesagt, notorisch,
und hat der Magistrat etwas dem Entgegenstehendes auch gar
nicht behauptet. Die Behörde bedarf im Hinblick auf die bevor¬
stehende Einführung des allgemeinen Schlachtzwanges eines Etab¬
lissements, an dessen Beaufsichtigung und Verwaltung sie selbst
Thcii nimmt. Sie bedarf der Räume baldigst, da der Schlacht¬
zwang baldigst eingeführt werden soll. ES ist den mit Verhand¬
lungen mit der Gesellschaft betrauten Commiffarien des Magistrats
folgende Offerte gemacht worden: „1. die Gesellschaft unterstellt
ihren Schlachtbetrieb der Aufsicht des Magistrats. 2. Die vom
Magistrat auszuübende Aufsicht erstreckt sich nicht nur auf den
Geschäftsbetrieb in den Schlachthäusern, sondern auch auf daS
Biehmarkl-Geschäft. 3. Alle Seitens der Gesellschaft einzugehendcn
Vertrags-Verhältnisse unterliegen der Mitbestimmung des Magi¬
strats, soweit sic die sanitären Interessen und die Versorgung
Berlins mit gutem gesunden Fleisch berühren. 4, Der Magistrat
hat in dieser Beziehung von der Gesellschaft zu verlangen, daß
a) die Tarife für die Marktgebtthren über eine zn vereinbarende
Maximalgrenzc hinaus ohne seine ausdrückliche Genehmigung nicht
erhöht werden; d) daß dem Bedürfnisse für Erweiterung der An¬
lagen oder neue Anlagen Seitens der Gesellschaft Rechnung ge¬
tragen wird, widrigenfalls solchen Bedürfnisse» durch die Initiative
des Magistrats genügt werden kann. 5. Der Magistrat participirt
an den, gesammten Geschäftsgewinne der Gesellschaft, also nicht
nur an dem durch den Betrieb der Schlachthäuser erzielten Ge¬
winne, sondern auch an dem durch den Betrieb des Biehmarktes
und seiner industriellen Anlagen erzielten Nutzen und zwar mit
der Maßgabe, daß vou dem Uebcrschuß über 6 pCt. Dividende
auf das Stammcapital für die Actionäre, der Magistrat einen
näher zu vereinbarenden Antheil erhält. 6. Das Abkommen wird
durch einen Vertrag auf 30 Jahre geregelt. Ein Jahr vor Ab¬
lauf dieses Vertrages steht dem Magistrat das Recht zu, ob er
die gesammten Anlagen käuflich übernehmen will und zwar zu
einem Preise, dessen Höhe sich ergicbt, wenn der Durchschnitts-
Reinertrag der letzten zehn Jahre „>it ft pCt. capitalisirt wird.
7. Zur Wahrung des Rechtes d.s Magistrats wird demselbcu die
Bcfugniß eingcräumt, durch Commissaricn aus seiner Mitte von
den Rechnungen und Büchern der Gesell schüft Einsicht nehmen."
Und es war dag gen Seitens dcr Gesellschaft nur beantragt
worden: „1. Die Gemeinde Berlin spricht den Schlachtzwang aus
und überträgt ihn auf die Schlachthaus Anlagen der Viehmarkl-
Gesellschaft. 2. Die Gemeinde übernimmt die Ablösung der Privat¬
schlächtereien in der Stadt, und werden ihr die dafür aufge¬
wendeten Capitalien mit 5 pCt. von der Gesellschaft verzinst."
Dcr Magistrat hat di.se Präpositionen verworfen und will da¬
gegen einen neuen Viehmarkt bauen, dessen Kosten in die Millionen
gehen werden. Das müßte die Schuldenlast der Stadt erheblich