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tonjUiivt imb übrigen- ftebcrn einleuchtend, daß der Verkauf von
städtischem Grundvermögen, worauf ja zur Bestreitung der riesig
'angewachsenen außerordentlichen Bedürfnisse der Stadt in erster
Linie gerechnet wurde, zur Zeit so gut wie ganz abgeschnitten ist,
da auf viele Jahre hinaus das Bedttrfniß an Baustellen gedeckt
und die Spcculation damit so überlastet ist, daß auch von dieser
Seite wahrlich nicht der Stadt die fehlenden Käufer entgegen¬
gebracht werden können. Das einzige Mittel, um die auf viele
Millionen sich belaufenden außerordentlichen Bedürfnisse der Stadt
zu decken, besteht also in der Aufnahme von Anlehen, und
hier tritt uns vor Allem der schwerwiegende Umstand entgegen,
daß der größte Theil de- zuletzt realisirten AnlehenS, zu welchem
di» staatliche Genehmigung nicht ohne Mühe zu erlangen gewesen,
bereits zu ganz anderen Zwecken verwandt worden
ist, als wozu eS ausdrücklich bestimmt war. Die
zu Zwecken de- Theaterbaues früher aufgenommene Anleihe
war, wie von der Finanzcommisston der Stadtverordnetenver¬
sammlung jüngst constatirt wurde, bereits im vorigen Jahre voll¬
ständig für verschiedene andere dringende Bedürfnisse verwendet
worden und eS müssen natürlich die daraus entnommenen Gelder
wieder ersetzt werden, waS einfach dadurch geschieht, daß man den
Ertrag der jüngst emittirten Anleihe herbeizieht, so lange er eben
vorhält. Dies wird aber sicherlich nicht sehr lange dauern, da
da- Budget für 1876 im Extraordinarinm der Ausgaben wieder
da- anständige Sümmchen von 6 Millionen Mark aufweist,
worunter die demnächst fällig werdenden coloffalen Summen für
Expropriationen (Zeil- und Schnurgassenverlängerung) nicht einmal
einbegriffen sind. Bringt man nun auch die im Besitze der Stadt
befindlichen Aetien und Prioritäten der Quellwasserleitung in
Anschlag, welche an den noch unbegebenen 10 Millionen Mark
de- letztgenehmigten AnlehenS in Abzug kommen, so kann doch
unbedingt behauptet werden, daß wenn demnächst der Bau der-
' Obermainbrücke, des Schlachthauses nebst Biehhof, des neuen
Gymnasiums, des PolizeipräsidialgebändeS rc. rc. begonnen und
vor Allem die gleich einer Wechselschuld fällig werdenden Expro-
priationSsummen gezahlt werden sollen, dafür absolut keine verfüg¬
baren Mittel vorhanden sein werden und diese nur durch neue
Anlehen zu beschaffen sind. Die staatliche Genehmigung hierzu
wird, wie die Erfahrung im vorigen Sommer bewiesen hat, nur
gegen den genau spccialisirten Nachweis der einzelnen Bedürfnisse
erthcilt; der Magistrat wird also demnächst einzugestehen haben,
daß insbesondere die Summen, welche aus der letzten Anleihe für
die Obermain brücke und das Schlachthaus reservirt
bleiben sollten, in aller Gemüthlichkeit für andere Zwecke verwandt
worden sind. Ob dies die Regierung zur Genehmigung neuer
Anlehen günstiger stimmen wird, als eS im vorigm Jahre der
Fall war, könnte man füglich der Sorge dcg Magistrates über¬
lassen; eine andere Frage aber ist eS, ob denn der seinerzeit von
der Stadtverordnetenversammlung auf Bericht ihrer Finanzcom-
mission festgestellte Fiuanzplan nicht etwas Besseres sein sollte,
al- leere Worte ohne jeglichen Werth und ob die Stadt¬
verordnetenversammlung fort und fort selbst dazu
beitragen darf, dieses von ihr einstimmig geneh¬
migte Programm völlig illnsorisch zu machen?
Angenommen aber auch, die staatliche Aufsichtsbehörde werde
auf Ansuchen der städtischen Behörden die Aufnahme neuer An¬
lehen in beliebigen Summen jederzeit ohne Anstand genehmigen,
so ist doch vor Allem die Frage zu stellen, ob denn auch zu jeder
Zeit städtische Anlehen ohne sehr drückende Bedingungen reali-
sirbar sind? Denkt man denn gar nicht daran, daß hierbei
auch die politischen Verhältnisse in ganz eminentem Maße in
Betracht kommen, in welcher Hinsicht jüngst in einer wichtigen
StaatSschrift (Andraffy an die Türkei) ausdrücklich consta¬
tirt wurde, daß über ganz Europa Kriegsbesorgnisse ver¬
breitet seien, welche unter gewissen Voraussetzungen mit dem
^Schmelzen de- Schnee-" einen sehr acuten Charakter annehmen
könuen? In solchen Zeitverhältnissen pflegt der einfachste Kauf¬
mann seine demnächst fällig werdenden Verpflichtungen auf da-
Aenßerste einzuschränken; wie viel mehr nun sollte dies eine
städtische Verwaltung thun, die nicht mit Privatge.dern, sondern
mit den ihr anvertranten Mitteln des Gemeinwesens wirthschaftet!
Ist speziell in dem vorliegenden Falle daS Bedürfniß der Errich¬
tung eines Knnst- und Gewerbe-Museums in Frankfurt so
dringend und unabweisbar, daß man nicht wenigstens abwartcn
könnte, ob unS daS Jahr 1876 Krieg oder Frieden, und zwar
einen wirklichen Frieden, auf den man Vertrauen setzen kann,
bringen wird? Wer unS hierauf entgegnen sollte, daß man den
herrschenden Kriegsbefürchtungen, welche ja schon oft dagewesm
seien, kein Gewicht beizulegen brauche, den verweisen wir statt
aller politischen Erörterungen einfach auf das oben bezeichnete
Document, in welchem diesen Kriegsbesorgnissen eine sehr ernste
Bedeutung beigelegt wird und die Quelle bezeichnet worden ist,
anS denen sie fließen. Wir setzen den Fall, daß bezüglich de-
Ausgangs der jetzt in der Luft schwebenden und Jedem fühlbaren
Krisis die Pessimisten Recht behalten — in welche Lage würde
dann die Stadt durch daS jetzt im Zuge befindliche System der
fortwährenden Anhäufung schwebender Schulden gerathen?
Nach allem Diesem sind wir der Ansicht, daß die polytech¬
nische Gesellschaft schon aus eigenem Antrieb so patriotisch sein
sollte, sich mit der Ausführung ihrer Projccte, die keineswegs,
wie mit übertriebenem Pathos behauptet wird, eine „Lebens¬
frage" für Frankfurt bilden, noch ein Weilchen zn gedulden «nd
der Stadt die Uebernahme ihrer Schulen nnd Gebäude erst dann
zuzumuthen, wenn die städtische Finanzlage dies gestattet. Muß
Frankfurt sich bis zur Stunde mit den erbärmlichsten und elende¬
sten Marktein richtungen behelfen, die in irgend einer
größeren Stadt Deutschlands zu finden sind, so kann eS
wohl auch noch einige Zeit auf ein Kunst- und Gewerbe-Museum
warten, man müßte denn der Ansicht sein, daß ein StaatSrock
stets nöthiger sei, als das Hemd auf dem Leib. Mit der Redens¬
art, daß cs sich hier um die Erhaltung von Schulen handle,
für welche die Stadt unter allen Umständen eiutreten müsse,
wolle man uns billig verschonen, denn die Schulen bestehen und
werden unter allen Umständen bestehen bleiben, auch wenn die
Stadt sie jetzt nicht übernimmt. Die polytechnische Gesellschaft
hat bekanntlich mit ihren sämmtlichen Lehrern lebenslängliche
Contracte abgeschlossen; sie würde also, auch wenn sie eS wollte,
was gewiß nicht anzunehmen ist, die Schulen nicht schließen
können, da sie sonst in die Lage käme, alle Ausgaben dafür
leisten zu müssen, ohne das Aequivalent der Schulgelder und der
städtischen Subvention zu genießen. Einen so tollen Entschluß
wird gewiß Niemand den Leitern der Gesellschaft Zutrauen.
In Sltmma: die Stadtverordneten haben die unbedingte
Pflicht, bei dieser bedeutenden Geldforderung, zu
deren Bewilligung für jetzt ein zwingender Grund
keincnfallö vorliegt, die Lage der städtische«
Finanzen in Betracht zu ziehen. Ist diese Lage günstig,
was ja durch eine Prüfung von Seiten der Finanzcommission
leicht festgestellt werden kann, und leiden andere dringendere Auf¬
gaben des Gemeinwesens nicht darunter, so gebe man ohne viel
Markten und Feilschen der polytechnischen Gesellschaft den wirk¬
lichen Werth ihrer Gebäude nnd übernehme die Schulen auf
Rechnung der Stadt; — ist aber daS Gegentheil der Fall und
mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß die Stadt binnen
einer sehr nahen Zeit vor neuen finanziellen Schwierigkeiten stehen
wird, unter, denen die dringendsten Aufgaben des Gemeinwesen¬
leiden müßten, dann gehört fürwahr ein „leichtes Herz" dazu,
jetzt eine Million Mark für ein Projeet zu bewilligen, an da-
man noch vor einem Jahre gar nicht gedacht hat und das nach den ia
anderen Ländern gemachten Erfahrungen nur einen Nutzen habe»
kann, wenn eS in großartigem Maßstabe durch den Staat
unterstützt wird. Hat man sich hierübrr, sowie über die h»st«