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Dreiverbände freundlich gesinnt waren. Die franzö¬
sische Presse bereilet ihr Publikum bereits langsam auf
bevorstehende diplomatische Mißerfolge des Dreiver¬
bandes vor.
Asien.
* Die Lage des Kabinetts Okuma wird
i in m e r schwankender. Damit wächst der Ein¬
fluß des Fürsten Sajondzi. eines Milgliedes der
Fortschrittspartei und Ministerpräsidenten eines der
früheren Kabinette, zugleich Herausgeber der Zeitung
.Tajodisu-Simbun'. Die Petersburger Telegraphen-
agentur berichtet aus Tokio: „Aus eine Anfrage in
der Budgetkommijsion, ob die Regierung den gegen¬
wärtigen Augenblick zur Lösung der Frage der Ein¬
wanderung in Australien benutzen werde, antwortete
der Minister des Äußeren: Die Australier verhalten
sich feindlich zu allen Einwanderern überhaupt, sogar
zu den englischen. Daher ist ein günstiger Ausgang
der Unterhandlungen über diese Frage schwer zu er¬
warten.
Volkswirtschaft.
Die Besoldung vermißter Bcamtcnkrlcger. Als¬
bald nach Ausdruck) des Krieges ist durch Runderlaß
sämtlicher preußischer Ressorts die Anordnung getroffen
worden, daß die Besoldungen der zum Kriegsdienst ein-
berufenen Beamten an ihre in der Heimat zurück¬
gebliebenen Angehörigen am Fälligkeitstermin auch dann,
wenn keine förmliche Quittung des Beamten vorliegt,
ausgczahlt werden können. Es erhob sich die
Frage, ob diese Auszahlungen auch noch erfolgen
sollen, wenn der Beamte vermißt oder gefangen ist. Die
Staatsregierung hat Vorsorge getroffen, daß auch in
iolchen Fällen an die Ehefrau und dle im Haushalt
unterhaltenen Nachkommen die bisherigen Bezüge bis auf
weiteres fortgezahlt werden. Die betreffenden Angehörigen
können also damit rechnen, daß ihnen am kommenden
Ouartalsersten nach dieser Richtung Schwierigkeiten nicht
entstehen werden.
(lnpolitischer Tagesbericht.
Berlin. Das Oberkriegsgericht des Gardekorps
batte sich in der Berufungsinstanz mit dem tätlichen
Angriff des englischen Kriegsgefangenen
Lonsdaleim Döberitzer Gefangenenlager zu beschäf¬
tigen. Lonsdale war wegen eines von ihm begangenen
Angriffs auf einen Vorgesetzten, einen Landsturmmann,
zu dem gesetzlich niedrigsten Strafmaß von zehn
Jahren Gefängnis verurteilt worden. Hiergegen
bat der Gerichtsherr Berufung eingelegt. Das
Oberkriegsgericht hob das erstinstanzliche Urteil hin¬
sichtlich des Strafmaßes auf und verurteilte den
Angeklagten wegen tätlichen Angriffs gegen einen
Vorgesetzten vor versammelter Mannschaft, im
Dienste und im Felde, zum Tode. In
der Urteilsbegründung wurde heroorgehoden, daß
das Berufungsgericht den Fall als einen schweren
tätlichen Angriff, begangen im Felde, angesehen
habe. Der Fall liege auch derart, daß das Gericht
zu der Überzeugung kam, daß die Todesstrafe habe
eintreten müssen. Gerade bei Kriegsgefangenen muß
energisch vorgegangen werden. Es ist bekannt, daß
besonders die englischen Kriegsgefangenen zur Auf¬
sässigkeit neigen.
, Neukölln. Ein schönes Zeichen von Opferfreudig¬
st gaben die Insassen des städtischen Siechenhauses.
Die alten und gebrechlichen Leute werden jedesmal
bet der Weibnachtsfeier reichlich beschenkt. Diesmal
beschränkte sich die Feier auf die Andacht. Die Be-
lcherung fiel aus. Wie der Geistliche zum Schluß der
Andacht der Gemeinde miiteilte, hatten die Siechen
aus freien Stücken auf alle Geschenke verzichtet, um
ue unseren Kriegern zuzuwenden.
Halle a. S. Gneisenaus Geburtsstadt Schildau
beschloß, einen Hindenburg-Turm zu errichten. Es
wurde dies das erste derartige Denkmal sein, das
dem Generalfeldmarschall errichtet wird.
Köln. Der .Kölnischen Zeitung' ging folgende
Mitteilung zu: Meine drei Kinder — der Älteste ist
Sextaner — stifteten ihre Ersparnisse für die Hinter¬
bliebenen der gefallenen Helden von Tsingtau. Das
Christkindchen brachte ihnen nun eine Photographie
des Kaisers, die nicht allein die eigenhändige Unter¬
schrift, sondern auch noch die von Seiner Majestät
selbst geschriebene Widmung trägt: „Den braven
Kindern, die ihre Ersparnisse dem Vaterland in
schwerer Zeit bereitwilligst geopfert haben! Gott
vergelt's!"
Hamburg. Durch einen schweren Südweststurm
ist im Hafen und in der Stadt größerer Schaden an-
gerichtet worden. Ein Oberländer Kahn, eine Zoll¬
barkasse und mehrere Schulen schlugen voll Wasser
und sanken, mehrere Bäume wurden entwurzelt,
Scheiben eingedrückt und Dächer beschädigt. Auch die
Bäume und Anlagen des Ohlsdorfer Friedhofes haben
erheblich gelitten. Personen wurden nicht verletzt.
Link. Am 19. August wurden bei dem ersten Ein¬
zug der russischen Truppen in Lock sieben Herren, da¬
runter Dr. Peters. Bürgermeister Klein und Super¬
intendent Burg als Geiseln nach Rußland mitge¬
nommen. Jetzt traf die Nachricht ein, daß sie nach
Omsk (im gleichen Gouvernement) gebracht worden
seien und daß sie fich wohl befinden. Durch die
amerikanische Botschaft wurden ihnen Geldmittel von
der deutschen Regierung überwiesen. Auch den
übrigen Lycker Gefangenen scheint es gutzugehen.
Bromberg. In der Herberge zu Crone a. Br.
wurde der 44 Jahre alte aus Lübau W.-Pr. gebürtige
Arbeiter Julius Ehlert durch einen Messerstich in den
Hals unweit der Schlagader ermordet. Als Täter
wurde der 43iährige Seilergehilse Robert Ritter aus
Praßlauten. Kr. Gumbinnen, festgenommen, der zu¬
gibt, den Mord begangen zu haben, um sich der Bar¬
schaft Ehlerts. die 5 Mark betrug, zu bemächtigen.
Marseille. Hier wurden mehrere Pakete mit 500
bis 600 Briefen vom Feldpostamt Monteiimar für
das 25. französische Infanterieregiment in einem
Hafenbecken entdeckt. Sie waren dort hingeworfen
worden, nachdem Diebe sie ausgeschnitten hatten. Es
waren auch Einschreibsendungen darunter.
London. Das Urteil gegen den früheren deutschen
Konsul Ahlers in Sunderland, der bekanntlich zum
Tode verurteilt worden war, ist nun auch in letzter
Instanz kassiert worden. Der Konsul wurde von der
Militärbehörde aufgefordert, sich nach dem Süden
Englands zu begeben.
Vermischtes.
Ein Geschenk des Kaisers von Russland.
Nach einer Pariser Nachricht hat der Zar der franzö¬
sischen Botschaft in Petersburg eine französische. 1870
im Jura von Deutschen erbeutete Fahne, die im
Gepäck (!) der Lycker 11. Dragoner gefunden worden
sei. übergeben laffen. Diese „Fahne"', die der Feuer¬
wehr von Frasne gehört hat und eine entsprechende
Inschrift trägt, wurde am 30. Januar 1871 in der
Mairie von Frasne von Mannschalten der dritten
Eskadron des Dragoner-Regiments Nr. 11 gesunden.
Da sie ohne jeden geschichtlichen Wert war, ihr nach
den seinerzeit angestellten Ermittlungen höchstens die
Bedeutung einer „Vereinssahne" beiwohnte, ist sie
dem Regiment als Andenken an den Feldzug belassen
worden. Die Fundstätte, aus der das Geschenk des
Zaren stammt, ist vermutlich die Regimentskammer
oder das Ofststerkasino in Lyck gewesen.
Was zur Verpflegung eines modernen Heeres
gehört, davon kann man sich nach einem Beispiel,
das im .Journal de Genöoe' angeführt wird, eine
Vorstellung machen. Ein Mitarbeiter dieses Blattes
hat eine der Stationen in Frankreich besucht, die den
Mittelpunlt des Verpfiegungsdienstes für die franzö¬
sischen Heere bildet. An dieser Stelle müssen alltäg¬
lich die Lebensmittel für 300 000 Mann besorgt wer¬
den. Jeden Tag fahren von hier sechs lange Züge
ab, die mit Brot, Fleisch, Gemüsen, Zucker, Wein.
Kaffee. Branntwein, Tabak. Reis, Hafer und Brenn¬
holz beladen sind. Die 300000 Mann verzehren jeden
Tag 1200 Stück Vieh, darunter 600 Rinder, und sie
verbrennen 40 000 Kilogramm Holz. Ein einziger
Zug führt 270000 Brolporlionen, 37 Doppelzentner
Sardinen und 35 Doppelzentner Käse mit sich.
Jeden Tag bat der sianzösische Soldat Anspruch auf
15 Gramm Tabak, auf V* Inter Wein und J /io Liter
33rÖnnllt)ein 0«>veicr h. ahencvs m.b.h.- behuin.
Lin Ztrahenbild aus Vixmui-en nach der Beschießung durch die Franzosen.
In und um Dix-
mulden, bas nun
schon lange fest in
unserem Besitz ist,
haben in der ersten
Hälfte des Dezem¬
ber furchtbare
Kämpfe gelobt. Alle
Phasen des Schlach-
tenfchreckens, vom
Arlillerieduell bis
zumwütenden Hand¬
gemenge Mann ge¬
gen Mann, hat die¬
ses einst so freund¬
lich-friedliche und
historisch interessante
Städtchen über sich
ergehen lassen
müssen, von dem
nur ein grausiger
Trümmerhaufen
übriggeblieben ist.
Dixinuidcn, Haupt¬
ort eines Arron¬
dissements in der
belgischen Provinz
Westflanbern, liegt
am rechten User der
Yfer.
„Nun gut. ich werde den Mann selbst aussuchen
und von ihm Aufklärung verlangen. Wollen Sie
mir den Wechsel anverirauen?"
„Ja — aber. .
„Ich stelle Ihnen eine Empfangsbescheinigung aus
s Ihnen mein Ehrenwort. daß ich Ihnen
00 s Papier in drei Tagen zurücksenden werde."
• Die entschiedene Haltung Herberts übte doch
euren Einfluß auf den alten Martini aus. Er wurde
nun auch zweifelhaft, ob Herbert der Aussteller des
Wechsels war. andererseits fürchtete er. um sein
Geld zu kommen, wenn er den Wechsel-aus der
Hand gab.
„Wenn Sie auf meinen Vorschlag nicht ein-
gehen, muß ich den Staatsanwalt benachrichtigen",
tagte Herbert mit drohender Entschlossenheit.
. „Das ist nicht nötig", entgegnete Martini nach
einigem Nachdenken. „Ich will Ihnen aber einen
anoeren Vorschlag machen: wir fahren zusammen
nach Berlin und sprechen mit dem Mann. Da er be¬
hauptet, Sie persönlich hätten ihm den Wechsel über¬
geben, muß er Sie ja wiedererkennen, wenn seine
Behauptung der Wahrheit entspricht. Wenn das
nicht der Fall ist, so ist er das Opfer eines Be¬
trügers geworden."
„Der Vorschlag läßt sich hören."
„Sie find einverstanden?"
»3a — aber ich kann nicht lange warten. Wir
müssen noch heute die Reise antreten."
„In einer Stunde bin ich bereit. Um vier Uhr
koimnt der Schnellzug hier durch, um sechs Uhr
tonnen wir in Berlin sein."
„Gut. Ich werde Sie auf dem Bahnhof erwarten.
Aber nierken Sie sich, wenn Sie mich im Stich lassen,
gehe ich direkt vom Bahnhof zur Staatsanwaltschaft."
„Ich werde kommen — mir liegt jetzt selbst an der
«ufUyrung Kiefer seltsamen Geschichte."
„Nun denn — auf Wiedersehen um vier Uhr auf
dem Bahnhof..."
19.
Nach einem langen, tiefen Schlummer erwachte
der alte Hammer. Sein Auge suchte unruhig um¬
her, seine Lippen bewegten sich murmelnd.
„Wünschen Sie etwas, Herr Hammer?" fragte
der Wärter, den man noch immer beibehalten halte,
um nachts zu wachen.
„Ist mein Sohn nicht da?" sagte dieser mit heiser,
gebrochener Stimme.
„Der junge Herr ist nach dem Bahnhof gegangen,"
entgegnete der Wärter. „Er wollte Sie nicht stören."
„Er ist abgereist?"
„Ich weiß es nicht, Herr Hammer."
„Wo ist meine Tochter?"
„Nebenan im Wohnzimmer."
„Ich will sie sprechen . . ."
Der Wärter rief Trude und flüsterte ihr zu:
„Herr Hammer ist merkwürdig erregt, suchen Sie
ihn zu beruhigen. Sie wissen ja. gnädige Frau, daß
jede Aufregung das Ende herbeiführen kann."
Trude eilte zu ihrem Vater. Sie setzte sich an
seine Seite und ergriff seine schwache, kraftlose Hand,
die sie zärtlich streichelte.
„Wünschest du etwas, Vater? Soll ich bei dir
bleiben?"
„Ja, bleibe bei mir. Wo ist Herbert? — Ist er
abgereist?"
„Nein, Vater. Er wird heute Nacht wiederkommen.
Er hat nur ein Geschäft in Berlin zu erledigen. Be¬
unruhige dich nicht."
„Er soll mich nicht mehr verlassen ... er soll
Hammersau haben . .
„Ja, Vater. Ich habe schon mit ihm darüber
gesprochen. Und im Frühling ziehen wir alle zu¬
sammen hinaus."
„Ja — wenn ich es noch erlebe . . ."
„O gewiß. Vater! Du bist ia wieder ganz wohl."
„Ich bin müde — zum Sterben müde ..."
Er lehnte das Haupt zurück und schloß die Augen.
Sein Atem ging so schwach, daß man ihn kaum spürte;
er sah aus, als sei er schon gestorben.
Schweigend blieb Trude, seineHand haltend, bei ihm
sitzen; sie wollte ihn nicht stören, da sie glaubte, er sei
wieder eingeschlafen. Mit unhörbaren Schritten ging
der Wärter ah und zu, zuweilen scharf beobachtende
Blicke heimlich auf den Kranken werfend.
Jeremias Krebs, der Krankenwärter, war über¬
haupt eine seltsame Erscheinung. Er trug seinen
Namen nicht mit Unrecht, denn alle seine Bewe¬
gungen waren lautlos, schleichend und scheinbar lang¬
sam: dabei aber doch rasch und zweckentsprechend.
Er war ein geschickter, geduldiger, unermüdlicher
Wärter, aber sein Wesen war zu schleichend, um Ver¬
trauen einzustößen. Herbert hatte ihn im Ver¬
dacht. daß er die Geheimnisse der Familien, in denen
er Dienste tat, auszukundschasten suchte, um Vor¬
teile für sich dadurch herauszuschlagen. Sein heim¬
liches, schleichendes Wesen, sein schlaues heuchlerisches
Fuchsgesicht waren Herbert unsympathisch: er hätte
schon längst einen anderen Wärter engagiert, wenn
sich sein Vater nicht an Jeremias Krebs so sehr
gewöhnt hätte.
Trude war zu arglos. als daß sie einen Verdacht
gegen den Wärter hegen sollte.
Nach einiger Zeit öffnete der Kranke wieder die
Augen.
„Ist Herbert noch nicht wieder zurück?" iragte er.
„Nein, Vater. Er kann erst in der Nacht zurück
sein."
„Ah, dann ist es vielleicht zu spät... rolle mich aa
meinen Schreibtisch, Trude."
»gg at (Fortsetzung folgt.)