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f Deutfcbland, Bngtand
und die Ver. Staaten.
Der kriegerische Lord Beresford, der jetzt aus An-
i laß des englischen Wahlkampfes seinen Landsleuten
: immer wieder durch Warnrufe, die sich gegen Deutsch-
i land richten, aus dem Frieden schreckt, hat kürzlich auch
über die Beziehungen zwischen England und den Ver.
i Staaten gesprochen und dabei den Nachweis versucht,
daß Englands Einfluß in den Ver. Staaten mit jedem
i Tage geringer wird, während
Deutschlands Einfluh
j dort mit jedem Tage wächst. Mit einiger Genugtuung
; dürfen wir feststellen, daß Lord Beresford die Dinge
- im richtigen Lichte gesehen und seinen Landsleuten
, richtig geschildert hat. Unverkennbar haben die letzten
; Tage den Engländern eine herbe Enttäuschung gebracht,
i Mit der kühlen Rechnerruhe, die den Amerikanern so
- unendliche Vorteile auf wirtschaftlichem Gebiete gebracht
hat, haben die amerikanischen Zeitungen den von Lord
Beresford so oft gepriesenen Gedanken einer
englisch-amerikanischen Waffenbrüderschaft
! verworfen. Der Traum einer Freundschaft zwischen
den sprach- und stammverwandten Völkern diesseits und
jenseits des Ozeans ist damit beendet, der Kampfruf
der kriegerischen Lords hat in den Ver. Staaten keinen
: Widerhall gefunden. Führende amerikanische Organe,
• die die politischen Strömungen ihrer Heimat getreulich
. wiederspiegeln, haben ganz offen geschrieben, daß Eng¬
land im Falle eines
[ / Krieges mit Deutschland
lediglich auf Neutralität der Ver. Staaten rechnen
könne. Allerdings gibt es in den Ver. Staaten auch
! noch eine andre Bewegung: Die aufmerksamen Beobachter
der Angelegenheiten ienseits des Ozeans fangen an zu
verstehen, was das Bündnis zwischen Deutschland und
Österreich-Ungarn bedeutet. Sie sehen, daß es eine
bewaffnete Macht darstellt, mit der sich nichts auf der
Welt vergleichen kann. Die Amerikaner werden sich
darüber klar, daß, wenn Deutschland je die Herrschaft
zur See gewönne, es keine leichte Aufgabe für eine der
beiden englischsprecheuden Mächte sein würde, sie zurück-
zuerobern. Amerikas Handel könnte schwer gefährdet
werden, wenn die ungeheuren militärischen Streitkräfte
des Deutschen Reiches volle Bewegungsfreiheit zur See
erlangen würden. Die Ver. Staaten würden ihre
Seekräkte auf zwei Ozeane verteilen müssen; Deutsch¬
lands Seekraft würde in einem zusammengezogen sein.
Diese Frage wird häufig genug in amerikanischen
und englischen Zeitungen besprochen, und man gibt
: deutlich der Hoffnung Ausdruck, daß sich die Regierung
: der Ver. Staaten, sollte sie einmal gezwungen
werden, sich
für oder gegen Deutschland
zu entscheiden, ohne weiteres auf die Seite des sprach-
verwandten England stellt. Deutschland, das weder
Englands Vormachtstellung zur See erschüttern, noch
Amerikas Handel gefährden will, kann in Ruhe die
Entwickelung der Dinge abwarlen. Es hat in seinem
; Bundesverhältnis mit Österreich einen sicheren Hort, der
den Frieden verbürgt. Sind wir schon nicht geliebt,
: so ist es (nach berühmtem Wort) gut, wenigstens ge-
■ fürchtet zu sein. Westmann.
Politische Rundrcbau.
Deutschland.
Am Kaiserhofe ist die Neujahrsfeier in
der üblichen Weise begangen worden. Bei der großen
Cour im Schlosse fiel es allgemein auf, daß Kaiser
Wilhelm dem Reichskanzler v. Bethmann-
s H o l l w e g herzlich die Hand drückte. Im Zeughause
fand die Weihe verschiedener Fahnen statt, worauf die
Parolsausgabe erfolgte. Die Parole lautete: Königs -
j berg—Berlin. Am 2. d. fand im Berliner '-schlosse
Galatafel statt, an der sämtliche kommandierenden
Generale teilnahmen.
Der dritte Sohn des verstorbenen Prinzen Albrecht
von Preußen, Prinz Friedrich Wilhelm von
Preußen, h at sich mit der ältesten Tochter des
Herzogs Viktor von Ratibor, Prinzessin Agathe von
Ratiborund Corvey, verlobt. Kaiser Wil¬
helm gab die Verlobung bei dem Familiendiner am
Neujahrstage im Königlichen Schloß bekannt.
Kaiser Wilhelm hat an eine Anzahl hervor¬
ragender Persönlichkeiten Einladungen ergehen laffen,
an der für das kommende Frühjahr geplanten Fahrt
nach Korfu teilzunehmen.
über die Beitreibung einer Forderung an
Rußland wird aus Petersburg gemeldet: Das
deutsche Kolonialgencbt in Tsingtau hatte dem deutschen
Haupimann a. D. Hellfeld für eine nicht abgenommene
Waffenbestellung Rußlands im russisch-japanischen Kriege
6 Millionen Rubel zugejprochen. Hellfeld ließ dafür
russische Staatsgelder beim Bankhaus Mendelssohn in
Berlin mit Beschlag belegen. Ein Vertreter des Kriegs¬
ministeriums ist jetzt nach Berlin entsendet, um die von
der deutschen Regierung abgelehnte Aufhebung der Be¬
schlagnahme zu erwirken und einen Ausgleich mit Hell¬
feld herbeiznführen. Die Beschlagnahme des Depots der
russischen Regierung ist bis auf writeres aufgehoben
worden.
Die Reichspostverwaltung plant die Einführung von
P o st l a g e r k a r t e n, die die Sicherung der Aus¬
händigung postlaaernder Briefe an bestimmte Personen
bezwecken. Die Karten werden von jeder Postanstalt
auf den Namen ausgestellt. Für die Ausstellung der
Karten wird eine Gebühr von 25 Pf. erhoben. Die
Karten gelten je für einen Monat. Auch Bayern und
Württemberg werden Postlagerkarten einführen.
Der Charlottenburger Magistrat hat
an den Reichstag eine Eingabe gerichtet, die dahin geht,
den Niesen - ReiÄsiagswahlkreis Teltow - Beeskow-
Storkow-Charlottenburg in mehrere Wahlkreise zu zer¬
legen, dergestalt, daß die Stadt Charlottenburg durch
zwei Abgeordnete vertreten wird. In andren Riesen¬
wahlkreisen, wie Dortmund-Hörde und Bochum-Gelseu-
kirchen, ist angeregt worden, dem Wunsche Charlotten-
burgs beizutreten. Nun heißt es aber im Wahlgesetz
für den Deutschen Reichstag: „Ein Neichsgesetz wird
die Abgrenzung der Wahlkreise bestimmen. Bis dahin
sind die gegenwärtigen Wahlkreise beizubehalten." Die
Abänderung kann daher nicht für einen einzelnen
Wahlkreis, sondern nur durch ein allgemeines Gesetz
erfolgen.
Die Errichtung einer Z entral-Untersuchungs-
anstalt für Arzneien wird, einer Mitteilung des
preuß. Kultusministers zufolge im Anschluß an das
Kurpsuschergesetz in Erwägung gezogen werden.
Die Fraktionen des preuß. Abgeordnetenhauses
werden zu Beginn der neuen Session folaende Stärke
zeigen: Konservative 152, Freikonservative 61, National¬
liberale 64, freisinnige Volksvartei 28, freisinnige
Vereiniaung 8, Zentrum 104, Polen 15, Sozialdemo¬
kraten 6, frakiionslos 3; erledigt sind zwei Mandate:
4 Arnsberg durch den Tod des Abq. Schmidt (Elber¬
feld) am 21. Oktober 1909, und 7 Frankfurt durch den
Tod des Abg. König (Guben) am 22. Oktober 1909.
s Das neue preuß. Lehrerbesoldungs-
g e s e tz hat für viele Gemeinden unangenehme Rück¬
wirkungen im Gefolge. Es sind ihnen Staatsbeiträge
zugeführt worden, die sie jedoch nach dem neuen Gesetz
vom 26. Mai 1999 nicht mehr zu beanspruchen haben.
Diese Beträge müssen nun an den Staat zucückgezahlt
werden. Auch müssen den Lehrern zur Deckung von
Rückzahlungen nach dem neuen Lehrerbesoldungsgesetz
Beihilfen gewährt werden. Einzelnen Gemeinden sind
diese Rückzahlungen und Gewährung der Beihilsen nur
unter großen Opfern möglich. Die Folgen davon
Wersen Anleihen und vorübergehende Erhöhungen der
K HußerdienftUcb.
| 7J Erzählung von Fritz Reutter.
lFortsctzimz.)
Aber es blieb Karl wenig Zeit zum Nachdenken.
Sie standen keine fünfzig Meter mehr von dem Platz
entfernt; plötzlich schien das Geschrei , sich zu ver¬
doppeln, einige Schüsse pfiffen über die Häupter der
Reiter hin und ein Teil der Volksmenge kam den
engen Weg dahergestürzt.
„Halt!" rief Ferreira zu Karls Überraschung.
‘ Aber im nächsten Augenblick war ihm die Ursache
schon klar. Der Gouverneur hatte den wahren Sach¬
verhalt erkannt — die Soldaten waren von der Volks-
, menge zerstreut und zurückgelrieben worden und flüch-
* teten sich nun unter den Schutz und Schirm der
, hrranrückenden Kavallerie. In anbetracht der Moral
und Tapferkeit mittelamerikanischer Truppen ist es
auch nicht verwunderlich: es waren ihrer etwa hundert,
die gegen einen fünfmal stärkeren Gegner gekämpft
i hatten. Auch machten sie in der Panik durchaus keinen
^ militärischen Eindruck, und es ist eine Frage, ob sie
Ferreiras Befehl, sich hinter der Kavallerie zu sammeln,
nur hörten oder beachteten. Jedenfalls bekam sie Karl,
^ nicht mehr zu Gesicht.
Die flüchtigen Soldaten wurden vom Pöbel nicht
- verfolgt, und eine Minute später standen sich Volks¬
menge und Kavallerie in tödlichem Stillschweigen
gegenüber; die Bürger schloffen sich instinktiv enger
zusammen und die Soldaten erwarteten den Befehl
ihres Führers. Auf dem freien Platz zwischen den
beiden Feinden lagen die Toten und die Verwundeten,
und es rührte das Herz, wenn man sehen mußte,
wie die Verwundeten sich abmühten, aus dem Ort der
Gefahr hinwegzukriechen.
Aber auch für das Mitleid blieb keine Zeit. Das Still¬
schweigen wurde plötzlich durch einen herausfordernden
Ruf aus den Bürgerreihen unterbrochen und es dünkte
Karl, als hätte er darin den Namen jenes Mannes,
für den er hier gehalten wurde, vernommen. Gewehre
und Revolver krachten wie auf Kommando. Ein
Soldat in der vordersten Reihe wurde getroffen,
mehrere Pferde bäumten und sträubten sich. Ferreira
warf rasch einen Blick hinter sich und gab den Befehl:
„Zur Attacke!" Die Rebellen schienen darauf ge¬
faßt; denn im Augenblick, als die Reiter heraus¬
galoppierten, trennten sie sich rasch- und ließen den
Soldaten die Passage frei, sandten ihnen aber nun von
beiden Seiten Kugeln und Steine nach und riefen wie
toll: „Es lebe Tovar! Nieder mit Melgarejo!"
Einer der Offiziere, die Karl bewachten, stürzte;
der Soldat, der an seiner Linken ritt, stieß einen Fluch
aus, und Karl sah, daß er getroffen worden war,
und ihm selbst pfiffen die Kugeln gefahrdrohend um den
Kopf. Einen Augenblick besonders befand er sich in
großer Gefahr; denn er hatte nicht nur eine Kugel zu
fürchten, sondern vor allem seine Wächter, die das
leiseste Mißverständnis benutzen konnten, um sich seiner
für immer zu entledigen. Glücklicherweise war alles in
einer Minute vorüber; der Platz war überschritten, die
Volksmenge war zerstreut, das Geschrei erstarb und
die Reiter sprengten in vollem Galapp ein enges
Gäßchen entlang, ohne derer zu achten, die in dem Hand¬
gemenge gefallen waren.
Erit jetzt wagte Karl Nippold wieder aufzuatmen.
„Sie erkannten Sie nicht, Senor," sagte ihm der
Soldat zu seiner Linken. „Und es ist ein Glück für Sie."
„Verwundet?" fragte Karl.
„Eine Kugel hat mir den Arm gestreift. Aber
wir werden es ihnen auf dem Rückweg heimzahlen."
! Kommunalsteuern sein, die indessen fast durchweg dem
! gutsituierten Grundbesitz zur Last gelegt werden.
Zu der V e r st e u e r u n g der Mietverträge
im Januar sei darauf bmgewielen, daß für alle Miet-
veriräge des Jahres 1909, auch für mündliche und Ver¬
träge für möblierte Zimmer, Steuerpflicbt vorliegt. Bis
zum 1. Juli 1909 galten die alten Bestimmungen und
Sätze, von diesem Termine sind die neuen Sätze in
Berechnung zu ziehen. Es findet also für beide Halb¬
jahre verschiedene Berechnung statt. Für ungenügende
Besteuerung haftet der Stempelpflichtige. Man be¬
rechne sich also genau den zu erlegenden Betrag.
Wie der ,Vorw/ aus zuverlässiger Quelle erfährt,
sind die bei den Gemeindewahlen in der P f a l z gewählten
sozialdemokratischen Bürgermeister und
Beisitzer von der pfälzischen Kreisregierung sämtlich be¬
stätigt worden. Die Pfalz zählt demnach jetzt zwei
amtierende Bürgermeister und neunzehn Beisitzer, die der
sozialdemokratischen Partei angehören.
Österreich-Ungarn.
Dem früheren ungarischen Finanzminister L u k a c S
ist die Bildung eines neuen Kabinetts nicht gelungen.
Kaiser Franz Joseph hat daher den Führer der
Unabhängigkeitspartei, I u st h, mit der Lösung der
Krise betraut.
Der Erzherzog-Thronfolger Franz Ferdinand
hat eine Schrift über die österreichischen Kaisermanöver
in Mähren veröffentlicht, in der er besonders die Mängel
im Aufklärungsdienst und der Vervflegung rügt. Sach¬
verständige urteilen über diese Arbeit des Thronfolgers
äußerst anerkennend.
Frankreich.
Clemenceau, der ehemalige französische
Ministerpräsident, ist aus der Leitung der radikalen
Partei geschieden. Der Grund daAr ist der, daß er
keiner Partei dienstbar sein will, er strebt eine herrschende
Stellung über den Parteien an. Der ehrgeizige Staats¬
mann hofft offenbar, noch einmal in das Kabinett be¬
rufen zu werden.
Die Deputiertenkammer nahm die Vorlage betr. die
Reform des Zolltarifs im ganzen mit 465
gegen 42 Stimmen an. Das Gesetz wird am
31. März 1910 in Kraft treten.
Belgien.
Die Deputiertenkammer bat gemäß dem Antrag der
Regierung die Z i v i l l i st e des Königs auf
3 300 000 Frank festgesetzt. Dann vertagte sich die
Kammer bis zum 1. Februar.
Rußland.
Nach langen Debatten lehnte die Reichsduma mit
151 gegen 88 Stimmen die Besprechung der Anfrage
über die Ermordung des Chefs der politischen
Polizei, K a r p o w, ab.
Amerika.
Der Führer der A u f st ä n d i s ch e n in Nika¬
ragua, Estrada, hat die Friedeusvorschläge von
Madriz, dem Nachfolger Zelayas in der Präsidentschaft,
abgelehnt. Der unglückselige Krieg, der das Land
immer mehr dem Verderben eutgegenführt, wird also
fortgesetzt.
On politischer Tagesbericht.
X Nixdorf. Das seltene Fest der diamantenen
Hochzeit feierte dieser Tage das Färber Wilhelm
Leitersche Ehepaar. Trotz des hohen Alters — der
Jubelbräutigam ist 82 und seine Lebensgefährtin
80 Jahre alt — erfreuen sich beide einer körperlichen
und geistigen Frische, die es dem Ehemann sogar möglich
macht, Nebenarbeiten zu verrichten und die geringe Reute
aufzubessern.
X Beuthen. Die 20 jährige Schlossersrau Pietzka
aus Kars, die im Juni v. wegen Gattenmordes vom
hiesigen Schwurgericht zum Tode verurteilt wurde, ist
zufolge eines von der Staatsanwaltschaft befürworteten
Daran zweifelte Karl nicht, sofern sich dem Militär
hierzu nur eine Gelegenheit bieten würde.
Unterdessen war die Sonne untergegangen; die
Nacht war mit tropischer Raschheit hereingebrochen und
alles — Häuser, Kirchen und Bäume schien in düsterer
Einförmigkeit zu verschwinden. Aber die Soldaten
ritten in gestrecktem Galopp weiter durch andre Straßen
dahin, dann einen langen, steilen Hügel hinan,
bis sie plötzlich nach etwa zehn Minuten vor einem
großen, düsteren Gebäude anhielten.
„Wo sind wir?" fragte Karl den fteundlichen
Reiter.
„Wir sind an Ort und Stelle, Senor — dem
Himmel sei Dank!"
„Auf dem Schlöffe?"
„Ja."
Allem Anschein nach wurden sie erwartet, denn
das schwere Tor öffnete sich wie von Zauberhand
und sie ritten über, die Brücke in einen großen Hof.
Eine Sekunde schien alles still. Dann erhielt Karl
den Befehl, abzusteigen, und von einigen Soldaten
begleitet, wurde er in eine geräumige Hülle geführt
und sofort der Aufsicht der dort lagernden Wache
überantwortet. Ferreira redete ernstlich mit einem
weißhaarigen alten Offizier von gutmütigem Aussehen,
der zweifellos der Festungskommandani war und dem er
seine Befehle nachdrücklich zu erteilen schien. Der
Offizier horchte aufmerksam zu. nickte dann und wann,
aber antwortete nur wenig. Zuletzt wandte sich Ferreira
wieder dem Gefangenen zu. „Gute Nacht, Senor
Tovar!" sprach er. „Mein tapferer Freund hier
wird für Ihre Behaglichkeit sorgen. Im übrigen sehe
ich unserm nächsten Zusammentreffen mit Vergnügen
entgegen. Bis dahin also — adios!"
Er verneigte sich mit all der Höflichkeit seiner Rasse