2Per erste Band dieses Werkes leidet an vielen Mängeln. Sie wurden mir ganz besonders sichtbar, als ich zu den zweiten Theile meines Vorhabens schreiten, und die Specialgeschichte einzelner Familien bearbeiten wollte. Ich fand eine über alle Maaßen große Anzahl sinnentstellender Druckfehler, die theils durch das Umbrechen der Formen durch den Setzer entstanden waren, nach dem ich die Revision und das Imprimatur abgegeben hatte, theils auch durch meine mehrmalige Abwesenheit, wo ich die Correctur in andere Hände legen mußte, theils durch mein eignes Versehen. Nicht minder entdeckte ich, daß ich einer Menge gleichnamiger Familien einen einzigen Stamm gegeben hatte, während sie doch dem Ursprünge nach von einander verschieden waren. Endlich hatte ich auch manche historische Thatsache irrig aufgefaßt, weil ich zuweilen nicht nach den Original Urkunden, sondern nur nach fehlerhaften Abschriften, zu arbeiten gezwungen gewesen war.
Diese wesentlichen Mängel und zugleich die Ueberzeugung, daß die clevischen, geldrischen und mörsischen Familien dem Werke einverleibt werden mußten, sollte es, seinem Zweck gemäß, die ursprünglichen Familie Nachweisen, von denen, als den ersten Grundbesitzern des Erzstifts Cöln und der Länder Jülich, Cleve, Berg, die Cultur und Verfassung des Landes ausgegangen ist, haben mich zu diesen zweiten Theile veranlassen müssen. Ich habe darin, so weit es die mir zugänglichen Quellen erlaubten, auf das Gewissenhafteste Alles nachgetragen, was sich mir in authentischen Handschriften und Urkunden dargeboten hat) auch habe ich, mehr als im ersten Bande, gedruckte Bücher zuverläßiger Verfasser benutzt, und insbesondere die umfassenden Bemerkungen, welche mir die Herren: Referendar Leop. Eltester zu Coblenz. vr. M. F. W. Oligschlaeger zu Neuenkirchen und ein Anonymus (nach der Handschrift scheint es Professor Schottky) zugehen ließen, denen ich hiermit, Namens der Wissenschaft, meinen verbindlichsten Dank ausspreche. Mehr, als geschehen ist, gedruckte Bücher zu benutzen, erlaubte die Ausdehnung des Bandes nicht. Ist doch in dieser Rücksicht dem Forscher in den besseren Bibliotheken das Nöthige geboten. Bereits gedrucktes hier nochmals abdrucken, hätte das Werk um mehr als die Hälfte vergrößert und vertheuert und vielleicht die Käufer, im umgekehrten Maße, abgeschreckt.
Das Resultat meiner Studien, die ich seit dem Mai 1848 ununterbrochen fortgesetzt hatte, ging Anfangs 1851 -unter die Presse. Im Juni war der Druck bis zum 15. Bogen fortgeschritten, als mir die Erlaubniß zu Theil wurde, die Siegel an den Urkunden des Landesarchivs, so weit sie mein Werk betraffen, einzusehen und abzuzeichnen. Konnte ich nun auch nicht, bei dieser beschränkten Erlaubniß, den umfassenden Gebrauch von den Urkunden machen, wie ich ihn gewünscht hätte, indem die Formen unseres Archiswesens zu beengend für das freie Arbeiten sind*); so habe ich doch, in so weit als die Register
*) Es würde zu weit führen, wollte ich das Archivwesen anderer Länder hier erörtern, beschreiben, wie man in Belgien die umfaffensten Regesten auf Kosten des Landes veröffentlicht, Urkundenbücher mit größter Pracht für geringen Preis herausgibt, den Forschern mit freundlichster Zuvorkommenheit die Archive öffnet; wie man auch in Frankreich, England, Spanien, Toscana es sich zur Aufgabe stellt, die Archival-Schätze so zugänglich als möglich zu machen. Erlaubt sei es mir indessen auf unfern nächsten Nachbar, Holland hinzuweisen. Hier wurde zu Anfang dieses Jahrhunderts auf Antrag Heinrich's von Royen, Mitglieds der ersten gesetzgebenden Kammer, der Beschluß gefaßt: die Regierung solle alle Landesarchive in Eins vereinigen, „afin que, placees sous une surveillance exacte et attentive, ces Archives pussent etre d’une utilite generale pour la nation batave, et surtout etre mises a la disposition de ceux qui, pour etudier avec fruit notre histoire nationale, auraient le desir de les consulter et d’en tirer parti.
In Folge dessen wurde innerhalb zweier Jahre das Reichsarchiv im Binnenhof zu s'Gravenhage gesammelt, aufgestellt und dem Forscher geöffnet. Es wiro ihm eine gedruckte Uebersicht über dessen Inhalt behändigt, die Beamten machen sich ein wahres Vergnügen daraus, ihm stets zur Hand zu sein und die thätigste Hülfe zu gewähren, ja Herr de Zwaan, der jetzige Archivverwahrer (commis-archiviste) hat grade dieser thätigen Hülfe wegen — trotz dem daß seine Wirksamkeit für die Sache weit höher steht — von seinem Gouvernement die belobendste Anerkennung und Auszeichnung gesunden.
Unter solchen Umständen hat denn auch das holländische Reichsarchiv die glänzenften Resultate für Geschichte und Literatur geliefert. Abgesehen davon, daß mit seiner Hülfe durch die Schriftsteller: Asch van Wyk, Bodel, Nyenhuis, I. P. van de Capelle, da Costa, Prosper Cuyper, Dirks, van Dyk, Eckhoff, von Hasselt, van Hall, van der Heim, Heringa, van Kämpen, Veegens, van der Kamp, Lenting, van de Poll, Scheltema, Syperteyn, Vaillant, Vollenhoven, Vreede, Vries, I. C. de Jonge und Andere die mannigfachsten und gediegensten Werke für Holland an das Licht gefördert sind, abgesehen auch von dem wichtigen Resultate, daß durch die freie Einsicht der Archive gründliches Studien geweckt, und deshalb in dem Lande alle ideale, leichtfertige und gefährliche Zeitungsweisheit niedergehaltcn ist: nicht das Inland auch das Ausland ist dieser loyalen Regierungsmaßregel großen Dank schuldig Der Schwede Andreas Fryrell und der Däne Dr. Becker haben dort für die Geschichte ihres Vaterlandes erhebliche Studien gemacht, der Russe Alex. Jwanowitz Tourguenef hat daraus für seine: Monumenta historiae patriae wichtige Beiträge geschöpft, cs haben dort Johan Romeyn Brvdhead, aus den Vereinigten-Staaten von Amerika, Graf Niepoknyczcki aus Rußland, le nonee du Saint-Siege ans Sardinien, Graf Barbacena aus Brasilien, I. de Jonquieres und Allen aus Dänemark durch Abschriften wichtiger Urkunden die Archive ihres Vaterlandes vervollständigt, Dr. Ranke und Julius Zacher aus Berlin, Dr. Liepmann aus Petersburg, Dr. Kalkar aus Copenhagen, Percy, Professor Altmeyer, Jottrand und Archivar Gachard aus Brüssel, Alfred de Vandeul aus Paris, Achille Jubinal aus Montpellier, Georg Falsom aus New-Dork, William Poung Ottley aus England, Fraessinet aus Tanger und viele Andere, die wichtigsten Aufschlüsse für ihre Studien und vielseitigen Schriften gefunden; Thomas Babington Macaulay hat darin die innersten Fäden für seine, der ganzen Menschheit so wichtige Geschichte Englands entdeckt u. s. w. Und alle diese Forscher bestätigen, was Brvdhead in seinem Berichte an die nordamcrikanische Regierung ausspricht, und von dieser dem Könige von Holland dankend bemerkt wird: des bons Offices, si necessaires en quelque sorte pour remplir com- pletement le but de sa Mission, qui lui furent prodigues par l’archiviste du royaume et le commis-archiviste, Wobei er noch in Bezug auf den Archivdirector hinzusetzt: un savant, qui a trop bien compris de quel haut interet avaient e'te les Archives pour ses e'tudes historiques, pour ne pas accorder a quiconque vient les consulter l’acces le plus facile, la permission la plus illiimtee de poursuivre ses reclierehes; pour ne pas lui faire ouvrir, sans moindre restriction, tout document.politique, tout registre, tout manuscript qui pent eclairer dans ^ps investigations (Siehe: nederl. Staats-Courant 12 . Mai 1842.)
Wie anders bei uns. Für die geringsten Forschungen bedarf es in der Regel Erlaubniß des Oberpräsidenten, keine Urkunde kann abge- schriebcn werden ohne Ministerial-Rescript, Einsicht von Archivalien nach 1520 sollen in der Regel nicht ertheilt werden u. s. w. Möge doch recht bald eine verbesserte Archivordnung ins Leben treten.
