Zweites Capitel.
Von der natürlichen GeLerdensprache des Taubstummen.
Ä ls erstes Verständigungsmittel zwischen dem Lehrer und seinem taubstummen Schüler haben wir früher die Geberdensprache genannt. Da sie der Lehrer kennen und in Betreff des Unterrichts würdigen lernen muß, so halten wir es für angemessen, hier die Entstehung und weitere Ausbildung derselben ausführlicher darzustellen. Es dürste um so weniger überflüssig sein, den ganz eigenthümlichen Charakter dieser Natursprache in ihren Elementen und Zusammensetzungen naher zu beleuchten, da von der richtigen Auffassung derselben auch die richtige Beur- theilung ihres Werthes für den Unterricht abhängig ist, und da man sich oft noch ganz falsche Vorstellungen von derselben macht. So wird sie z. B. von Manchem für eine conventionelle und abgeschlossene Sprache, ähnlich einer geheimen Spitzbubensprache, gehalten, zu deren Erlernung und Verstandniß ein besonderer Schlüssel nöthig sei, ohne den es Niemand gelingen könne, sich einheimisch darin zu machen.
Unter Geberdcn verstehen wir die Stellungen und Bewegungen unsers Körpers, d. h. die ganze Haltung, das Spiel der Hände, die Bewegungen der Stirn, der Augen, der Wangen und des Mundes. Wenn diese Geberden mit einander zu einem verständlichen Ganzen, .gleich einzelnen Wörtern, verbunden werden, entsteht eine Geberdensprache.
Man hat schon oft und viel von dieser Sprache, welche sich die Taubstummen selbst ausbilden, gesprochen;, allein über ihre organische Entfaltung findet man kaum Andeutungen. Gewöhnlich beschränkte man sich darauf, einige einzelne Zeichen aus dieser Sprache anzuführen, und doch ist es eben so interessant als wichtig, diese originelle und
