Siebentes CapiLel.

Von den Anforderungen an den Lehrer, wel­cher Taubstumme in der Sprachbildung fordern will.

j^)ie Ansicht eines Stimmführers in der Pädagogik, des verehrten Niemeyer, über den Taubstummen-Unterricht ist auch, selbst in un­serer Zeit, säst die des gestimmten Publikums. Er sagt in seinen Grundsätzen über Erziehung:Der Unterricht und die Erziehung des Taubstummen ist ein so schwieriger, von den gewöhnlichen Regeln so weit abweichender Theil der Pädagogik, daß die Männer für diesen Beruf, gleich Künstlern für ihre Kunst, geboren oder doch ganz eigens dazu gebildet werden müssen, und daß er nur bei großen Hülfsmitteln, wie sie außer Instituten nicht zu finden sind, gedeihen kann." *) Wie nachtheilig diese Ansicht auf die Verallgemeinerung des Taubstummen­unterrichts gewirkt hat und noch wirkt, liegt am Tage. Gewiß wür­den von vielen wohlmeinenden Lehrern Versuche gemacht worden sein, ihre Thätigkeit auch auf die Taubstummen ihres Schulbezirks auszu­dehnen, wenn sie nicht durch die eingebildete Schwierigkeit davon ab­gehalten worden wären, und wenn sie nicht gefürchtet hätten, ein ganz vergebliches Werk zu beginnen. Zur Beseitigung dieses Vorurtheils

*) Niemeyer hat wol nur solche Taubstummen - Anstalten kennen ge­lernt, in denen die künstliche Geberdensprache angewendet wurde. Diese zu erlernen ist allerdings etwas sehr Schwieriges, denn sie ist eine neue Sprache. Nicht wenig haben zur Entstehung der Ansicht, welche Niemeyer ausspricht, auch die Taubstummen - Lehrer älterer Zeit beigekragen, indem ste ihre Kunst, oft aus sehr unlautern Grün­den, so geheim hielten und in ein solches Dunkel hüllten, daß eine Täuschung leicht möglich war.