IX

und gesittet seyn. Wir sind in unserer Handlungs­weise von Umständen, von wechselseitigen Ver­hältnissen bedingt; und da sich für uns in dem täglichen Umgänge mit Menschen auch täglich die Gelegenheit erneuert, unsere Artigkeit und Höf­lichkeit im Werke zu zeigen, so sollen wir diese Verbindlichkeiten oder Pflichten niemals außer Acht lassen, durch die Menge gleichsam den Werth ergänzen, und somit bis zur Lugend erhöhen. Kurz, die Artigkeit ist die Blüthe der Moral, und die Anmuth, die sie verschönert, ist der Farbenschmelz, der sie hold, liebenswürdig und angenehm macht.

Doch macht uns dieErfahrung das traurige Geständ.niß, daß die Artig­keit nicht immer mit der Moral ver­bunden sei, wie wir schon oben berührt haben, als wir sie ein Kind der Willkür, der Laune und des Eigennutzes nannten. Sie ist ja häufig nur ein äußerer Schein, eine glänzende Schale die mit der inner« Wahrheit, dem Kerne des Menschen so gänzlich contrastirt; sie macht den Menschen zum Schauspieler, zur Maske,^zum Betrüger, und ist in dieser Beziehung vielmehr ein Kind des Lasters, als eine edle, freigeborne Tochter der Tugend. Dreß beweiset sich an jedem falschen