Aufforderung.
Hetzer Menschenfreund findet sich in seinem Leben so oft veranlaßt, die Unzulänglichkeit seiner Kräfte und Mittel zu beklagen, und dann um so inniger das Zusammenwirken mit Gleichgesinnten zu wünschen. Er vernimmt den Nochruf — und rasch ist das Her; bewegt, die Hand ausgestreckt, — die Gabe ist vielleicht eine Linderung, aber keine Hilfe. Helfen können nur Viele in einmüthigem Handeln. Wo der Einzelne nicht viel mehr als Mitleid biethen kann, können oft Viele vereinigt bleibend helfen. Wo der Einzelne nur mit den schwersten Opfern und dann noch ungenügend hilft/ kann gemeinsames Wirken mit leichter Mühe und kleinen Gaben Großes erzielen.
Die Ereignisse der letzten Jahre haben manche Wunde der Gesellschaft bloß gelegt und lang vorbereitete drohende Nebel enthüllt; aber auch großartige Bestrebungen die Wunden zu heilen, den Nebeln zu steuern, hervorgerufen.
Bei großen Calamitäten ist das Mitleid Vieler leicht erregt, und eben so leicht von Haus zu Haus, von Ort zu Ort getragen, bis es zu einem Strome anwächst, der auch die Kalten fortreißt. Das Mitleid wird zum Drange zu helfen. Dagegen finden vereinzelte Leiden geringere Beachtung, wenn sie auch, oft und an vielen Orten wiederkehrend, auf den Zustand der Gesellschaft bedeutend ein wirken. Auf ein solches Leiden, das des Zusammenwirkens menschenfreundlicher Kräfte harrt, hinzudeuten, ist der Zweck dieser Zeilen.
Viele verwaiste Kinder werden bei ihren Verwandten untergebracht, einzelner nehmen sich edelmüthige Familien an. Große Städte haben ihre Waisenhäuser. Auf dem Lande gibt es aber immer einzelne Waisenkinder, deren Obsorge Niemand übernimmt. Sie wandern oft bettelnd von Ort zu Ort, gera- then von Zeit zu Zeit in die Hände gewinnsüchtiger Menschen, die im besten Falle ihre jugendlichen Kräfte möglichst ausbeuten, bis Mißhandlungen das Kind zum Flüchtlinge machen. Das Kind gewöhnt unstetes Leben und Müsfiggang, und wird frühzeitig 'mit dem Laster bekannt. Es lernt lügen, um durch Verstellung das Mitleid der Menschen zu erregen. Nach kurzer Zeit verlangt es seinen Tribut bald als Bettler, bald als Dieb, und die Gesellschaft, die vielleicht mit geringen Kosten ein nützliches Glied gewinnen konnte, muß den Verbrecher ernähren. Das war die Geschichte so manches Waisen, der, oft mit treff-

