Am 16. Sonntage nach Pfingsten. 47
Jeder von uns hat nüt seiner eigenen Besserung, mit Bekämpfung seiner Neigung, mit Ab- p legung seiner Fehler, mit Erforschung semes eigenen Herzens so viel zu thun, daß ihm wahrlich keine Zeit übrig bleibt, sich mit Beobachtung und Beurtheilung fremder Fehler zu beschäftigen. Auf wen lhr Pflicht halber sehen müsset, auf den sehet. Ihr Vater, sehet auf eure Kinder, ihr Herren, auf euer Gesinde, ihr Ortsvorsteher auf eure Untergebenen. Aber wer euch außer dem nichts angehet, den lasset seinen Weg gehen, kundschaftet seine Fehler nicht aus, belauert ihn nicht tückisch, wie die Pharisäer Christum belauerten. Fehlt euer Neben- mensch vor euerm Angesichte: so erreget keinen Lär- » men darüber, warnet ihn in der Stille, ein und mehrere Mahle. Und dann erst, wenn die Sache von Wichtigkeit ist, zeigts der Obrigkeit an; das zeigt von Nächstenliebe.
Lasset euch allen dieß gesagt seyn, es geht fast jeden an; denn das Auskundschaften, das tückische Belauern fremder Fehler, das leidige Murmeln und t Geschwätze davon, ist unter euch eine Alltagssünde geworden; der Rechtschaffenste unter uns kann fast keinen Schritt mchr thun, kein Wort mehr sprechen, ohne von andern tückisch belauscht und schlecht be- urtheilt zu werden. Hier ist es eigentlich, wo die Welt im Argen liegt. Amen.
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