6 Am grünen Donnerstage.

einerley Abkunst, einerley Natur. Gleichviel: Fürst oder Bettler/ Herr oder Diener, Reich oder Arm, vom Adel oder Bürgerstande; wir sind aus einerley Stoff gemacht ; in den Adern des Edelmannes ffießt kein anderes Blut, als in den Adern des Taglöhners; wir kommen alle aus der nähmlichen Schöpfers-Hand. Ein Geist ist es auch, der uns alle belebt. Der Tod macht ohne dieß unter Großen und Kleinen keinen Unterschied. Und im Reiche Gottes, im Reiche der Vergeltung, werden Geburt, Adel, Reichthum, Schönheit, auf Schale der Gerechtigkeit nicht eine Unze wiegen. Was hat also der Vornehme oder Reiche für Ur­sache, sich eines auch noch so geringen Dienstes ge­gen seine Mitmenschen zu schämen? Keine. Glaubt also nicht, ihr Vornehmen, daß eure Hände ent­weihet würden, wenn ihr einen gefallenen Bettler aus dein Kothe ziehet; haltet euch nicht für We­sen höherer Art, die mit dem verachteten Erdensoh­ne keinen Umgang haben dürften. Jesus, der wirklich und nicht bloß eingebildet, wie ihr, von höherer Abkunft war, hat sich nicht geschämt, sei­nen Schülern Knechtsdienste zu erweisen; und ihr wolltet euern Mitbrüdern nicht einmahs jene Ach­tung widerfahren lassen, die ihr ihnen als Men« schen schuldig send! Man verlangt weniger von euch, nicht Knechtsdienste, sondern Menschenliebe, die sich freyl'ch auch in der That zeigen muß. Eu­re Stirn runzelt sich aber, wenn ihr einen Armen sehet; euer Auge, eure Miene nimmt, wenn ein Geringerer sich euch naher, eine Hoheit an, die, wie uns die Dichter erzählen, nicht einmahl die Götter der alten Welt gegen Erdensöhne angenom­men haben ! Aber auch ihr, Bauersleute, lasset