11 o Am 7. Sonntage nach Pfingsten.'

ein Trunkenbold. Nun macht er über jeden seine erbaulichen Anwendungen, und geräth dabey in den Feuereifer eines Elias oder Johannes; und dieser Häuchler, der über andere so loszieht, ist selbst 'ein Dieb, selbst ein Hurer; aber er ist es noch ins ge­heim; er hat in seinem Leben vielleicht schon drey Mahl mehr gestohlen, als jener, den er mirgenennt hat; der ganze Unterschied ist nur der: von jenem ist es bekannt geworden; der Häuchler weiß sich aber unter der Decke zu erhalten. Sehet, das ist ein Häuchler! das ist sein Thun! das sind seine ab­scheulichen Verstellungskünste! Ekelt es euch nun nicht vor so einem abscheulichen Menschen \ Ist er nicht der abscheulichste Widerspruch selbst; bey dem Mund und Her;, Rede und Handlung, das Aeu- ßere und das Innere, himmelweit von einander ver­schieden sind!

Ein Häuchler ist also an sich schon verabscheu- ungswürdig, wenn wir ihn nur nehmen, wie er an sich ist. Seine Sinnesart, seine Verstellungskunst, macht ihn schon an und für sich hassenswürdig; aber noch verabscheuungswürdiger muß er uns wer­den, wenn wir bedenken, daß er in einer Gemeinde

lebt; U. äußerst verabscheuungswürdig ist er also auch zweytens vor Menschen.

Wir alle wünschen, daß sich andere gegen uns so zeigen, wie sie wirklich sind. Haben wir einen Feind: nun gut; wenn wir bas einmahl wissen, so können wir uns doch vor ihm hürhen. Ein offen­barer Feind wird uns nicht so schädlich, als ein ge­heimer und versteckter Feind. Denn jenem kann man doch manches Mahl ausweichen; diesem aber niemahls. Wenn uns aber jemand ins Angesicht schmeichelt, sich freundschaftlich gegen uns stellt.