6
Es handelte sich nämlich darum, daß Maximilian erst seiner Agnatenrechte an der österreichischen Erbfolge entsagte, ehe er die mexicanische Krone annahm.
Man wußte, daß der Erzherzog sich lange geweigert hatte, diese Entsagung zu unterzeichnen, und daß er auch jetzt noch nicht entschlossen sei.
Dieser Act der Unterzeichnung jener Entsagungs-Urkunde stand in den nächsten Dagen bevor, und theils deswegen, theils um von Maximilian Abschied zu nehmen, fanden sich jene hohen Gäste in Triest ein. Schon am nächsten Tage wurden sie von hier aus in Miramare erwartet.
Während der Extrazug heranbrauste und ganz Triest auf dem Bahnhof und auf den Wegen versammelt war, um die hohen Gäste mit Hurrah's zu bewillkommnen, blieben die Straßen der Neustadt völlig menschenleer: selbst der Dogaua-Platz, an welchem das Hotel äs la ville liegt, und der sonst so lebhafte Corfo waren verödet.
Es war in den ersten Stunden des Nachmittags.
Wer in Italien um diese Zeit nicht schläft oder sich behaglich im Schatten streckt, den müssen schon wichtige Geschäfte treiben.
Zu den Leuten, welche sich ihre Mittagsruhe ohne dringende Ber- anlassung verkümmern, gehören die Priester nicht.
Schon daraus konnte geschlossen werden, daß jener Mann im langen schwarzen Rock und dem breitkrempigen Hut, dessen Krempen an beiden Seiten hochgeschlagen waren — eine Kleidung, welche den Priester aus dem Lande des heiligen Vaters selbst deutlich kennzeichnete — in dringenden Geschäften dem Dogana-Platz zueilte.
Er suchte nicht ängstlich den spärlichen Schatten der Bäume, sondern ging durch die Sonnengluth mitten über den Platz gerade auf das Hotel äs la ville zu.
In einem gut katholischen Lande kommt ein Priester nie ungelegen.
Auch der Portier des Hotels, der in seiner Lage behaglich im Sessel sich streckte, machte kein verdrießliches Gesicht, sondern sprang auf und fragte sehr dienstwillig, was dem ehrwürdigen Herrn zu Befehl stehe.
„Ich wünsche den Herrn Abb« Brasseur zu sprechen."
„Der Mann ist mir unbekannt, Signor."
„Er ist ein Mitglied der heute hier eingetroffeneu mexicanischen Gesandtschaft."
„Ah, das ist etwas Anderes .... Aber . . ."
„Nun? Was „Aber?"
„Ich meine, die Herren haben gewünscht, heute ungestört zu sein. Es sind bereits viele Anmeldungen gekommen, aber sie sind alle bis auf morgen zurückgewiesen. — Indessen, ich will dem Herrn Secre-

